Alles über Ghosting: Warum Ghosting und was sind die Konsequenzen?

Mann, der beim Dating geghostet wird.

Modernes Online-Dating und Ghosting

In diesem Artikel wende ich mich psychologischen Forschungen zum Ghosting zu. Dabei konzentriere ich mich auf die Fragen „Warum kommt es zu Ghosting?und „Wozu führt Ghosting?“.

Auf dieser Grundlage versuche ich in den abschließenden Abschnitten, Antworten darauf zu geben, was wir beim Online-Dating tun können, um uns vor Ghosting und seinen Folgen zu schützen oder mit diesem umzugehen. Ebenso geht es um die Frage, wo die Verantwortung der Dating-Plattformen liegt.

Auch auf die Mechanismen von Gleichklang gehe ich ein. Ich beschreibe, wie wir versuchen, Ghosting und andere Nebenfolgen des modernen Online-Datings zu reduzieren und die Partnerfindung zu unterstützen.

Der Text ist lang, sodass ich mit einer kurzen Zusammenfassung beginne, für die, die auf Studien und Ableitungen verzichten möchten.

Kurzzusammenfassung: Ghosting im Online-Dating: Was wir wissen und was wir tun können

Das Phänomen und seine Ursachen

Ghosting – der einseitige, erklärungslose Kontaktabbruch – ist kein individuelles Fehlverhalten einzelner, sondern ein vielschichtiges Phänomen, das tief in der Struktur moderner Dating-Systeme verwurzelt ist. Die Forschung zeigt: Vier miteinander verwobene Faktorenbündel erklären, warum Ghosting heute so verbreitet ist.

  • Normative Mechanismen: Ghosting wird schleichend normalisiert. Wenn alle es tun, entsteht der Eindruck, man schulde einander keine Erklärung mehr. Die Verpflichtung zur Kommunikation schwindet.
  • Selbstschutz: Hinter Ghosting steht oft der Versuch, sich vor Verletzungen, Überforderung oder Kontrollverlust zu schützen. Auch das Bedürfnis, Unsicherheit schnell zu reduzieren, gehört hierher – eine schnelle, aber letztlich dysfunktionale Strategie.
  • Plattformstrukturen: Dating-Apps sind nicht zufällig so, wie sie sind. Die schiere Masse potenzieller Kontakte, die Swipe-Logik, die Gamifizierung der Partnersuche und die fehlende soziale Einbettung fördern oberflächliche Entscheidungen und senken die Hemmung, Kontakte einfach abbrechen. Anonymität und fehlende Sanktionen tun ihr Übriges.
  • Zyklizität: Wer selbst geghostet wurde, ghostet mit höherer Wahrscheinlichkeit irgendwann selbst. Die Erfahrung zeigt: So einfach kann man sich belastenden Klärungen entziehen. Normen verschieben sich, das Verhalten verfestigt sich.

Die Folgen für die Partnerfindung

All diese Faktoren, die Ghosting begünstigen, haben eine gemeinsame Wirkung:

  • Sie erschweren das Entstehen tragfähiger Beziehungen. Die Single-Raten sind seit dem Aufkommen der Dating-Apps nicht gesunken – sie sind gestiegen. Das ist kein Zufall.
  • Die Apps sind nicht darauf optimiert, langfristige Bindungen zu ermöglichen. Choice Overload, die ständige Verfügbarkeit vermeintlich besserer Alternativen und die Konditionierung auf schnelle, oberflächliche Entscheidungen führen in eine Sackgasse. Dass trotzdem viele Paare sich über Apps kennenlernen, beweist nichts – wenn alle sich im Wald aufhielten, würden auch alle Paare dort entstehen. Der Wald wäre trotzdem kein guter Partnervermittler.

Was wir tun können

Die gute Nachricht: Wir sind diesen Mechanismen nicht hilflos ausgeliefert.

  • Bewusstsein schaffen: Wer versteht, dass Ghosting Teil eines Systems ist, kann sich anders positionieren. Die Normalisierung nicht mitmachen, sich bewusst gegen Ghosting als vermeintlich normalen Prozess stellen.
  • Eigene Schutzmechanismen reflektieren: Die Vermeidung von Konflikten und Unsicherheit ist menschlich, aber selten hilfreich. Die bewusste Konfrontation mit unangenehmen Gefühlen, die Bereitschaft, auch schwierige Gespräche zu führen – das sind erlernbare Fähigkeiten, die wachsen lassen.
  • Ambiguität aushalten lernen: Eine gewisse Toleranz gegenüber Unsicherheit ist nötig, wenn wir uns in dieser Welt bewegen wollen. Die schnelle, aber dysfunktionale Reduktion von Unklarheit durch Ghosting ist ein Irrweg.
  • Aktiv in die Klärung gehen: Der anderen Person auch unangenehme Fragen stellen, Prozesse der Beziehungsentwicklung explizit kommunizieren, rote Flaggen erkennen – all das sind Praktiken, die Beziehung erst möglich machen.

Die Verantwortung der Dating-Plattformen

Die großen Dating-Apps führen ihre Nutzer:innen in die Irre, wenn sie vorgeben, in erster Linie der Partnersuche zu dienen. Ihre Strukturen maximieren etwas ganz anderes: Aufmerksamkeit, Verweildauer, Wiederkehr. Studien zur tatsächlichen Effektivität für langfristige Beziehungen? Fehlanzeige.

Unser Weg bei Gleichklang

Bei Gleichklang versuchen wir seit über zwanzig Jahren, es anders zu machen: Choice Overload begrenzen, Partnerfindung als seltenes Ereignis verstehen, nicht als Massenphänomen. Wir verzichten auf kurzfristige Belohnungen, Match-Listen und Monetarisierungsprinzipien, die Oberflächlichkeit verschärfen. Wir klären auf über die Mechanismen, die Beziehungsfindung erschweren.

Ganz schützen können wir unsere Nutzer:innen nicht – niemand lebt in einer Blase. Die Erwartungen, die moderne Dating-Systeme prägen, beeinflussen uns alle. Aber wir können gegensteuern durch Aufklärung, durch eine Struktur, die Beziehung fördert, und durch ein Gegenprogramm zur vorherrschenden Logik.

Am Ende geht es um etwas Einfaches:

  • Authentizität und radikale Ehrlichkeit an die Stelle von Ghosting und seinen Ursachen zu setzen.

Das mag im Einzelfall schmerzhaft sein. Aber nur so entsteht die Basis, aus der tragfähige Beziehungen wachsen können. Wer diesen Weg gehen möchte, ist bei uns willkommen.

Hauptpartikel zur Psychologie des Ghosting: Was ist Ghosting?

Ghosting ist ein einseitiger, unerwarteter und komplett erklärungsloser Kommunikationsabbruch durch eine andere Person, mit der wir uns bereits in einer realen Offline-Beziehung befanden oder mit der wir bereits online in einem intensiveren Ausmaß kommunizierten.

Die entscheidenden Aspekte, um von Ghosting zu sprechen, sind Einseitigkeit und Erklärungslosigkeit:

  • Ghosting kennzeichnet sich dabei dadurch, dass die andere Person nicht nur den Kontakt abbricht, sondern erklärungslos komplett verschwindet, also nicht mehr sichtbar und nicht mehr erreichbar ist.

Auf einer Dating-Plattform kann dies bedeuten, dass das Profil gelöscht oder geblockt wird. Bei sozialen Netzwerken bedeutet dies, dass die Person den Zugriff auf ihre Profile blockt oder sogar ihre eigenen Profile vollständig entfernt.

Die fünf Kategorien des Ghosting nach Lena-Maria Heinzle

Lena-Maria Heinzle hat 2025 eine hochinteressante Masterarbeit im Studiengang Publizistik und Kommunikationswissenschaften der Universität Wien vorgelegt, mit dem instruktiven Titel:

  • Die zyklische Wirkung von Ghosting: Wie sich Ghosting-Erfahrungen reproduzieren – ein Versuch der Anwendung sozialwissenschaftlicher Theorien.

Heinzle berücksichtigt dabei verschiedene sozialwissenschaftliche und psychologische Theorien. Aus einer rein theoretischen Sichtweise identifiziert sie diese fünf grundlegende Kategorien oder Clustern, die sich eignen, die Gründe für Ghosting besser zu verstehen und einordnen zu können. Dabei habe ich mir allerdings zur besseren Verständlichkeit eine Veränderung der Benennungen erlaubt:

1. Normative Faktoren beim Ghosting

Diese Kategorie umfasst Prozesse, bei denen Ghosting als eine legitimierte, akzeptierte und insofern normale Form der Kontaktbeendigung verstanden wird. Inhaltlich bedeutet dies, dass die betreffenden Personen letztendlich zur Überzeugung gelangen, dass keine Werte und Normen gegen Ghosting sprechen. Diese Normalisierung kann wiederum auch daraus entstehen, dass es „schließlich alle so machen“.

2. Ghosting als Selbstschutz

In diese Kategorie ordnet Heinzle Verarbeitungsmechanismen ein, die Ghosting als eine Reaktion auf innerpsychische Überforderung, Verletzung oder Angst verstehen. Nach Heinzle ist Ghosting hier ein Versuch, einen Kontrollverlust zu kompensieren oder negative Gefühle zu vermeiden.

3. Ghosting zur Reduktion kognitiver Unsicherheit

Diese Kategorie beruht darauf, dass die Betreffenden Probleme haben, mit Unvorhersehbarkeit umzugehen. Es besteht eine geringe Ambiguitätstoleranz, und es werden eindeutige Beziehungskonstellationen gesucht. In der Realität zwischenmenschlicher Beziehungen und auch beim Online-Kennenlernen treten jedoch zahlreiche uneindeutige Situationen auf, die mit Zweifel und Nichtprädiktierbarkeit einhergehen. Da Ambiguität als belastend erlebt wird, greift Ghosting als Flucht- und Vermeidungsstrategie. Der Kontakt wird abgebrochen, die Ambiguität ist so beendet.

Allerdings scheinen mir die beiden letzten Cluster wenig verschieden zu sein, da Unsicherheitsreduktion ihrerseits als Strategie des Selbstschutzes vor Verletzungen bewertet werden kann. Insofern scheinen mir die Überlegungen von Heinzle eher eine Lösung mit vier Breitband-Clustern zu unterstützen, wobei Selbstschutz und Unsicherheitsreduktion tatsächlich ein gemeinsames Cluster bilden.

4. Technologische Förderung von Ghosting durch die Plattformen

Diese vierte Kategorie von Heinzle bezieht sich darauf, dass Dating-Plattformen und soziale Netzwerke Strukturen und Funktionen beinhalten, die einen schnellen und einfachen Abbruch von Kommunikationsprozessen sowie ein komplettes Verschwinden ermöglichen. Das Fehlen einer Körperlichkeit und das Fehlen jeglicher Sanktionen verleitet die Nutzer:innen dazu, auf den komplikationslosen Prozess des Ghostings zurückzugreifen.

5. Zyklizität von Ghosting

In dieser letzten Kategorie ordnet Heinzle u.a. das Phänomen ein, dass Betreffende erst selbst von Ghosting betroffen werden und anschließend andere ghosten. Durch das Zusammenwirken der Prozesse der zuvor benannten vier Kategorien wird Ghosting so zu einem zyklischen Prozess, der sich durch Normenbildung, Selbstschutz und in Interaktion mit der technologischen Erleichterung durch die Plattformen immer weiter wiederholt und stabilisiert. Dabei überlappen sich nunmehr auch die Rollen der Goster:innen und der Geghosteten. Die gleiche Person tritt abwechselnd als ghostende und gegostete Person in Erscheinung.

Die Autorin gelangt so zu der zusammenfassenden Schlussfolgerung:

Ghosting offenbart sich als vielschichtiger Prozess, in dem emotionale Verarbeitung, soziale Orientierung, kognitive Schutzstrategien und digitale Infrastrukturen ineinander übergehen. […] Das entwickelte Modell bietet einen konsistenten Bezugsrahmen, der das Zusammenspiel individueller, sozialer und medialer Faktoren integriert. Es erlaubt Ghosting nicht als individuelles Fehlverhalten zu deuten, sondern als Beziehungsmuster, das sich durch wiederkehrende Rückkoppelung stabilisiert.“

Die von Heinzle benannten Cluster sind ihrerseits nicht als sich ausschließende Faktorenbündel zu bewerten, sondern stellen überlappende Kategorisierungen dar, da sie sich auch jeweils wechselseitig in Kombination ergeben und verstärken können.

All dies war bisher rein theoretisch. Im Folgenden greife ich zur Verdeutlichung dessen, was beim Ghosting abläuft, auf empirische Untersuchungen zurück:

Motive für Ghosting – Forschungsergebnisse von Timmermans und Kolleg:innen

In einer Studie untersuchten Elisabeth Timmermans und Kolleginnen unter anderem die Motive, warum Menschen ghosten. Dabei bestätigten sich mehrere der von Heinzle beschriebenen Kategorien:

Die Befragten formulierten eindeutige Selbstschutzmotive:

  • Die Ghostenden wollten direkte Konfrontation vermeiden, teilweise auch, weil sie aggressive Reaktionen, Beschimpfungen oder Stalking befürchteten. Andere nannten, dass sie noch nicht bereit für eine Beziehung seien oder sie befürchteten, die Erwartungen der anderen Person nicht erfüllen zu können.

Auch Angst vor Kontrollverlust wurde formuliert:

  • Die Betreffenden befürchteten, gegebenenfalls überredet zu werden und ihrer eigenen Entscheidung nicht treu bleiben zu können.

Neben solchen auf die eigene Person bezogenen Schutzmotiven zeigte sich ebenfalls ein Motiv, auf die andere Person Rücksicht nehmen und diese nicht durch die direkte Ablehnung enttäuschen zu wollen:

  • Die Betreffenden glaubten, die direkte Ablehnung wäre für die andere Person schmerzhafter (was übrigens falsch ist), und sie griffen so auf die indirekte und vermeintlich weniger verletzende Form der Beendigung zurück.

Dabei gaben manche Teilnehmende an, sie wollten durch Ghosting vermeiden, der anderen Person falsche Hoffnungen zu machen. Während dieses Motiv zunächst auf die Bedürfnisse der anderen Person ausgerichtet zu sein scheint, verbirgt sich dahinter vermutlich innerpsychisch eher eine eigene Angst, abzulehnen:

  • Eine konfliktvermeidende Strategie, die weitestgehend prosozial oder altruistisch umverpackt wird. Tatsächlich möchten die betreffenden Personen sich selbst von der Notwendigkeit entlasten, eine direkte Ablehnung auszusprechen.

Deutliche Hinweise ergaben sich ebenfalls für die Auswirkung normativer Haltungen:

  • Einige Befragte betonten, dass sie der anderen Person keine Erklärung schuldeten. In diesem Rahmen wird Ghosting als ein normaler Bestandteil des Kennenlernprozesses gesehen, insbesondere wenn noch kein persönliches Treffen stattgefunden hat. Gerade der Online-Hintergrund führte dabei dazu, dass die Teilnehmenden keine Verpflichtung für eine formale Absage empfanden.

Eine Normalisierung von Ghosting-Verhalten wurde dabei auch deutlich bei denjenigen Personen, die das Ghosting vorwiegend damit erklärten, dass mit der anderen Person etwas nicht stimme oder die Interaktion problematisch verlaufen sei:

  • Diese Personen beschrieben die Kommunikation oder die andere Person als etwa langweilig, emotional problematisch, respektlos, rassistisch oder als jemanden, der ungefragt sexuelle Inhalte geschickt habe. In anderen Fällen gelangten die Betreffenden zu der Ansicht, dass die Dating-Intentionen nicht zusammenpassten. Ebenfalls wurden negative Erfahrungen bei Treffen oder mangelnde körperliche Attraktivität benannt.

Hintergrund all dieser Argumentationsweisen ist, dass Ghosting jedenfalls in einer bestimmten Zahl an Fällen oder in bestimmten Kontexten als eine legitime Form der Kontaktbeendigung betrachtet wird. Dies beschränkt sich keineswegs nur auf den Umgang mit offensichtlich übergriffigen Personen, sondern generalisiert letztlich auf den gesamten Dating-Prozess.

Implizite Beziehungstheorien und ihre Bedeutung für Ghosting

Gili Freedman und Kolleg:innen haben untersucht, wie unsere impliziten, eigenen Theorien über Beziehungen unsere Einstellungen zu Ghosting beeinflussen. Dabei differenzierten die Autor:innen zwischen Destiny Beliefs (Beziehung ist vorherbestimmt, schicksalhaft) und Growth Beliefs (Beziehungen entwickeln sich durch gemeinsame Arbeit).

In zwei Studien, die die Autor:innen durchführten, zeigte sich ein klares Muster:

  • Personen, die Beziehung für schicksalhaft halten, wenden häufiger Ghosting an und bewerten Ghosting positiver als Personen, die von Beziehungsarbeit als Fundament von Partnerschaften ausgehen.

Interessanterweise zeigte sich zudem ein Einfluss der impliziten Beziehungstheorien auf den zeitlichen Verlauf:

  • Schicksalhafte Beziehungstheorien gingen sofort mit positiveren Bewertungen von Ghosting und häufigerem Ghosting einher, während auf Beziehungsarbeit fokussierende Ansätze vorwiegend dann zu einer negativen Bewertung von Ghosting gelangten, wenn bereits deutliche Beziehungssignale erkennbar waren.

Offenbar interpretieren Personen mit schicksalshaft orientierten Beziehungsmodellen bereits früh entstehende Verbindungen als schicksalhaft, während auf Beziehungsarbeit fokussierende Personen eine Beziehung erst später als echte Beziehung wahrnehmen.

Wenn ich eine Beziehung als schicksalhaft interpretiere, erwarte ich keine Ambivalenz und werde daher durch Irritationen unmittelbar verunsichert. Ghosting kann so bei Personen mit schicksalhaftem Beziehungsmodell als Unsicherheitsreduktion im Sinne eines Selbstschutzes verstanden werden.

Personen mit schicksalhaftem Beziehungsmodell neigen zu schnelleren, abrupten Trennungen, wofür Ghosting eine naheliegende Handlungsstrategie ist. Wer demgegenüber die Beziehungsarbeit in den Vordergrund stellt, wird weniger oft die Lösung im plötzlichen Verschwinden sehen.

Unsicherheitsreduktion als Ghosting-Motiv wird indirekt zusätzlich durch einen Befund von Leckfor und Kolleg:innen gestützt, die beobachteten, dass Personen, die ghosteten, ein höheres Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit im Sinne eindeutiger Antworten und Beendigung von Ambiguität zeigten.

Auslösefaktoren für Ghosting nach Navarro und Kolleg:innen

In einer weiteren Studie untersuchten Navarro und Kolleg:innen Auslösefaktoren für das Auftreten von Ghosting-Verhalten. Dabei zeigte sich, dass der stärkste Prädiktor für eigenes Ghosting vorheriges selbst erlittenes Ghosting war.

Weitere Faktoren, die Ghosting-Verhalten begünstigen, waren moralische Distanzierung im Sinne einer normativen Legitimierung von Ghosting-Verhalten sowie ein vermeidender Konfliktstil.

Diese Befunde entsprechen den drei Clustern von Heinzle: normative Faktoren (moralische Distanzierung), Selbstschutz (vermeidender Konfliktstil) sowie der Zyklizität von Ghosting, die sich darin zeigt, dass selbst erlittenes Ghosting zu einem Kausalfaktor für eigenes Ghosting-Verhalten wird.

Gründe und Entscheidungsprozesse für Ghosting nach LeFebvre und Kolleg:innen

LeFebvre und Kolleg:innen untersuchten Gründe und Entscheidungsprozesse von Goster:innen. Sie gelangten in ihrer qualitativen Studie zu dem Ergebnis, dass die Hauptgründe für Ghosting liegen in:

  • Bequemlichkeit als Grund für Ghosting: Bezieht sich darauf, dass ein persönliches Gespräch nicht nötig ist, Konflikte vermieden werden können und emotionale Reaktionen nicht erlebt werden müssen. Insofern ist Bequemlichkeit tatsächlich überlappend mit dem Cluster Selbstschutz und Unsicherheit, wo noch einmal spezifisch benannt wurde: die Angst vor aggressiven Reaktionen, möglichem anderen unangenehmen Verhalten des Gegenübers oder daraus resultierend das Gefühl persönlicher Unsicherheit. Ebenso ergibt sich ein Bezug zum normativen Cluster, da das eigene bequeme Verhalten legitimiert wird, wodurch wiederum zyklische Prozesse weiter angestoßen werden können.
  • Verlust von Attraktivität und Interesse als Grund für Ghosting: Bezieht sich auf körperliche Attraktion, emotionale Verbindung, Langeweile oder bessere Alternativen. Hier wird Ghosting quasi als ein normaler Prozess der Kontaktbeendigung betrachtet, was mit dem Cluster normative Erwartungen von Heinzle konvergiert, jedoch ebenfalls – worauf ich später erst zu sprechen kommen werde – dem Cluster der Erleichterung von Ghosting durch Dating-Plattformen zugehörig ist. Verlust von Attraktivität und Interesse kann aber ebenfalls einem Selbstschutz entsprechen, sofern die Motivation für das Ghosting darin liegt, sich den unangenehmen Auseinandersetzungen und damit zusammenhängenden innerpsychischen Prozessen zu entziehen.
  • Negative Interaktionen als Grund für Ghosting: Erneut berichteten Befragte über irritierendes Verhalten der anderen Person, Streitigkeiten, peinliche Situationen mit der anderen Person oder negative Gefühle gegenüber der anderen Person oder andere unangenehme Situationen. Dies wären tatsächlich mögliche Gründe, einen Kontakt zu beenden. Dass diese Aspekte als Gründe für Ghosting benannt werden, macht deutlich, dass Ghosting hier wiederum als für legitim gehaltener, normaler Prozess der Kontaktbeendigung angesehen wird.
  • Kurze Beziehungsdauer als Argument für Ghosting: Eine eindeutig normative Bewertung, nach der kurze Verbindungen, vorwiegend Bekanntschaften, geghostet werden dürfen.

Ghosting im Kontext von Dating-Plattformen

Anamarija Šiša, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Ljubljana in Slowenien, untersuchte, wie die spezifischen Strukturmerkmale von Tinder und seine Funktionen sich auf Ghosting auswirken.

Hierzu griff sie auf eine technisch-funktionsorientierte Analyse der Tinder-App sowie auf Interviews mit Nutzer:innen zurück, die thematisch ausgewertet und verdichtet wurden.

Sie gelangt zu folgendem Ergebnis:

  • Strukturelle Aspekte von Tinder und seine konkreten Funktionen erleichtern Ghosting als Form der digitalen Kommunikationsbeendigung.

Spezifisch benennt Šiša als förderliche Mechanismen für Ghosting:

  • Sehr große Anzahl potenzieller Kontakte mit überwiegend schwachen Bindungen
  • Funktionen wie das Blockieren von Matches oder das einfache Beenden von Matches ohne Erklärung
  • Plattformlogik der schnellen, oberflächlichen Interaktion durch das Swipe-System.

Durch diese Struktur begünstigt Tinder das Entstehen vieler paralleler Gespräche mit geringem emotionalem Einsatz, sodass Nutzer:innen Interaktionen gleich leicht abbrechen können, ohne soziale Konsequenzen und auch ohne innere Dissonanz befürchten zu müssen.

Zusätzlich verstärken nach Šiša Informationsüberlastung und Kommunikationsermüdung durch zahlreiche gleichzeitige Chats die Tendenz, Gespräche einfach auslaufen zu lassen oder abrupt zu beenden.

So wird Ghosting bei den modernen Dating-Systemen zu einer naheliegenden, einfachen und daher auch häufig genutzten Strategie der Kontaktbeendigung .

Weitere Überlegungen und Befunde zu Plattformstrukturen und Ghosting

Zu sehr ähnlichen Schlussfolgerungen gelangen Konings und Kolleg:innen in einer Studie, die sich eigentlich mit den Zusammenhängen zwischen Ghosting und dem Selbstwert befasst. In der Einleitung beschäftigen sich die Autor:innen jedoch ebenfalls ausführlich mit dem Zusammenhang zwischen Plattformlogik und Ghosting und schildern hier eine Reihe relevanter Beobachtungen:

  • Dating-Apps erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Ghosting, da Kontakte standortbasiert, jederzeit verfügbar und stark bildorientiert seien. Nutzer:innen könnten in kurzer Zeit durch eine große Anzahl potenzieller Partner:innen swipen und Entscheidungen meist auf Grundlage weniger visueller Informationen treffen. Diese Struktur erzeuge einen scheinbar unbegrenzten Pool verfügbarer Kontakte, wodurch Beziehungen sehr leicht initiiert, aber ebenso leicht wieder beendet werden könnten.

Die Autor:innen zeigen zudem auf, dass die Gamification der Partnerwahl, die für moderne Dating-Systeme typisch ist, ebenfalls Ghosting fördert:

  • Die Swipe-Logik und die große Anzahl möglicher Kontakte führten dazu, dass andere Nutzer:innen als austauschbare Optionen wahrgenommen werden. Diese Wahrnehmung reduziere das Gefühl sozialer Verpflichtung gegenüber einzelnen Kontakten und erleichtere es, Interaktionen ohne Erklärung abzubrechen.

Die Autor:innen führen zudem an, dass Interaktionen auf den Dating-Apps vorwiegend anonymisiert und ohne direkte Face-to-Face-Interaktion erfolgen. Auch dadurch sänken die Hemmungen, was den vollständigen Rückzug aus einer Interaktion erleichtere, zumal die leicht nutzbare Möglichkeit zur abrupten Kontaktbeendigung angeboten werde.

Die Autor:innen stellen außerdem dar, dass bei den Dating-Apps meistens Interaktionen zwischen Personen stattfinden, die keine gemeinsamen sozialen Netzwerke und keine gemeinsamen sozialen Verpflichtungen haben. Durch diese fehlende soziale Einbettung würden sich die sozialen Normen ändern. Entsprechend gebe es beispielsweise keine Reputationsnormen, die eine ehrliche Auseinandersetzung miteinander verlangen würden.

Zusammenfassend, liegt der Beitrag der Dating-Plattformen für Ghosting darin, dass der unbegrenzte, computervermittelte Kommunikationsraum mit technischen Angeboten zur abrupten Kontaktbeendigung bei fehlender sozialer Einbettung Ghosting nahelegt.

Letztlich ergibt sich aus den Befunden, dass Ghosting-Verhalten in den modernen Dating-Systemen mit geringen Kosten verbunden ist. Dabei bieten die Dating-Systeme einen strukturellen Rahmen, in dem der Abbruch ohne Anschlusskommunikation leicht umgesetzt werden kann. Die hohe Anzahl an potenziellen Kontakten und die Gleichzeitigkeit der Kommunikation erhöhen die Ghosting-Motivation zusätzlich. Anonymität und fehlende soziale Bindungen senken die Hemmungen.

Modernes Dating, Ghosting und gewollte Einsamkeit

Ich beschäftige mich nun bereits seit 20 Jahren mit den psychologischen Aspekten von Partnersuche und Online-Dating und fürchte, dass wir sogar noch über die dargestellten Befunde hinausgehen müssen.

Die Sachlage, dass Online-Dating Ghosting fördert, weist nach meiner Einschätzung auf ein weiteres Motiv hin, das der Struktur der Dating-Systeme zugrunde liegt:

Hintergrund dieser Überlegung ist die Sachlage, dass Dating-Apps nicht dahingehend optimiert sind, die Wahrscheinlichkeit für das Entstehen stabiler, dauerhafter Bindungen zu erhöhen. Vielmehr führen, wie ich in zahlreichen vorherigen Artikeln auf der Basis von Forschungsbefunden darlegte, Prozesse des Choice Overloads und die Gamifizierung der Dating-Systeme zu schnellen, oberflächlichen Entscheidungen, aus denen suchtähnliche Muster, automatisierte Ablehnungshaltungen und eine sinkende Bindungsbereitschaft entstehen können.

Wird dies irgendwann auch subjektiv wahrgenommen, berichten Nutzer:innen zunehmend von einem Dating-Burnout, weshalb Dating-Apps zu den am häufigsten gelöschten Apps gehören, die jedoch aufgrund der wahrgenommenen Alternativlosigkeit ebenso schnell erneut installiert werden.

Mit diesen Überlegungen konvergiert, dass wir bezüglich der Effektivität der Dating-Apps in einer erstaunlichen Dunkelheit tappen, jedenfalls wenn wir berücksichtigen, dass die großen Anbieter über Milliardeneinnahmen verfügen:

  • Es wurde seitens der Dating-Industrie bisher keine repräsentative Längsschnittstudie bei unabhängigen Institutionen in Auftrag gegeben, die die tatsächliche Effektivität der Dating-Systeme für die Beziehungsfindung und den Verlauf der Beziehungen untersucht hätte.

Dabei wären solche Daten, wenn sie denn positiv wären, fraglos die beste Werbung für die Dating-Apps. Es ist kein verschwörungstheoretisches Denken, sich zu wundern, dass diese Daten in Anbetracht der Finanzmittel der Dating-Industrie bis heute fehlen. Nach allem, was wir jedoch über die Struktur von Dating-Systemen und uns Menschen wissen, vermute ich, dass die Befunde einer solchen Studie für die Dating-Systeme wenig ermutigend ausfallen würden.

Hinzu tritt ein weiterer Aspekt:

Wen ziehen die dargelegten Merkmale von Dating-Apps besonders an?

  • Einerseits natürlich Singles jeder Art, die hoffen und glauben, über diese Systeme ihre Partnersuche zum Erfolg führen zu können.
  • Zusätzlich zeigen jedoch Studien, dass in besonders hohem Ausmaß Menschen angezogen werden, die über erhöhte Ausprägungen in der sogenannten dunklen Triade der Persönlichkeitsstruktur verfügen, also in den Merkmalen Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie, wobei hier teilweise Geschlechterunterschiede berichtet werden: Peter Jonason und Rachel Bulyk untersuchten in zwei Studien mit insgesamt 581 Teilnehmenden, ob sich Nutzer:innen der Dating-App Tinder in Persönlichkeitsmerkmalen von Nicht-Nutzern.innen unterscheiden. Sie fanden, dass männliche Tinder-Nutzer besonders hohe Werte in zwei Merkmalen der Dark Triad – Psychopathie und Narzissmus – aufweisen, während weibliche Tinder-Nutzerinnen stärker ängstliche Bindung zeigen und sich selbst als weniger erfolgreich bei der Partnersuche einschätzen. Die Autoren folgern daraus, dass Männer mit antisozialen Persönlichkeitsmerkmalen Tinder eher für opportunistische Kurzzeitkontakte nutzen könnten, während einige Frauen die App als kompensatorische Strategie einsetzen, wenn sie Schwierigkeiten haben, Beziehungen zu finden. Die Kombination narzisstisch-psychopathischer Männer mit ängstlich gebundenen Frauen ist sicherlich keine Traumkombination für eine langfristig tragfähige Beziehung.

Aus dieser übergreifenden Sichtweise wird erkennbar, dass all das, was Ghosting fördert, offenbar gleichzeitig dazu in der Lage ist, die Wahrscheinlichkeit für das Entstehen tragfähiger partnerschaftlicher Beziehungen zu reduzieren.

Dies wiederum ist konsistent mit der Sachlage, dass die Single-Raten während des Aufkommens und der revolutionären Explosion der Dating-Apps tatsächlich nicht abgenommen haben, sondern gestiegen sind – und weiterhin steigen.

Der „Wunsch“ der Dating-Apps ist nach ihren Monetarisierungsprinzipien und ihren Strukturmerkmalen genau nicht, dass über sie dauerhafte Partnerschaften entstehen. Der Wunsch ist vielmehr, dass die Dating-Apps zu einem dauerhaften Dating werden, welches vorwiegend dann erreichbar ist, wenn keine dauerhaften Beziehungen entstehen.

Damit meine ich allerdings nicht, dass ein böser Mensch oder eine böse Menschengruppe sich versammelt habe, um Systeme zu kreieren, die unsere Beziehungschancen senken. Vielmehr sind die negativen Auswirkungen auf Beziehungschancen quasi emergent aus einer Optimierung entstanden, die die Einnahmen der Systeme maximiert. Die Maximierung der Einnahmen der Systeme führt also nachfolgend zu Ghosting und sinkenden Beziehungschancen.:

  • Gewollte Einsamkeit ist in diesem Sinne eher der Wille eines sich aus Monetarisierungsanforderungen quasi automatisch ergebenden Systems als der Wille einer spezifischen Gruppe von Einzelpersonen.

(Allerdings gibt es jedenfalls für den Fall von Tinder sogar eine recht eindeutige personelle Korrelation des hier abgeleiteten Systemwillens. Der Gründer Jonathan Badeen äußerte gemäß der englischen Zeitung Guardian, dass er seinen Swiping-Mechanismus bewusst an Experimenten zur operanten Konditionierung des US-amerikanischen Psychologen Skinner ausgerichtet habe, bei denen Tauben immer weiter auf Hebel picken, ohne dass sie ihre „eigentlichen Ziele“ dadurch erreichen. Mindestens verdeutlicht dies, dass in den Überlegungen des Tinder-Gründers die Frage einer Optimierung der Findung dauerhafter Partnerschaften offenbar keine wesentliche Rolle spielte.)

Trotz alledem gehen viele irrtümlich davon aus, dass Dating-Apps dem Finden partnerschaftlicher Beziehungen dienen.

Vermutlich gelangen wir zu dieser Fehleinschätzung auch aufgrund anekdotischer eigener Erfahrungen und Erfahrungen in unserem Bekanntenkreis. Die Sachlage ist schließlich, dass inzwischen wohl jeder ein Paar kennt, das sich ursprünglich über Dating-Apps kennenlernte.

Doch dieser Schluss geht statistisch in die Irre:

  • Würden wir uns alle ausschließlich im Wald aufhalten, würden alle Partnerschaften im Wald entstehen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Wald ein besonders effektiver Partnervermittler ist.

Da Dating-Apps zunehmend alternativlos werden und immer weniger Menschen außerhalb des Internets überhaupt noch für eine Beziehungsfindung bereit sind (zumal wir beispielsweise in Cafés lieber phubben, also uns mit unseren Mobiltelefonen beschäftigen), entstehen selbstverständlich auch über Dating-Apps Beziehungen. Daraus kann aber nicht geschlossen werden, dass Dating-Apps hierfür optimiert oder besonders effektiv seien.

Vielmehr weist auch das Phänomen des Ghostings, was sicherlich für das Entstehen tiefgreifender Beziehungen nicht hilfreich ist, darauf hin, dass Dating-Apps das Entstehen langfristiger partnerschaftlicher Beziehungen eher behindern als fördern.

Ghosting ist diesbezüglich ein Symptom des modernen Datings, aber auch ein Haupteffekt:

  • Schließlich können Beziehungen nicht entstehen, wenn die Betreffenden sich ghosten.

Wie umgehen mit Ghosting beim Online-Dating

Die häufige Verbreitung des Ghostings macht deutlich, dass Nutzer:innen von Online-Dating-Plattformen sich diesem Thema nicht entziehen können:

  • Versuchen sie, das Thema einfach zu ignorieren, unterliegen sie aller Wahrscheinlichkeit nach den gleichen Mechanismen, die Ghosting fördern, und werden so selbst in den Kreislauf des ewigen Ghostings eintreten. Oder sie werden ganz vom Online-Dating abgeschreckt, stoßen aber auf die Sachlage, dass außerhalb des Internets die Partnersuche immer schwerer wird. Oder sie erleiden seelische Verletzungen.

Ich halte es daher für immens wichtig, dass wir uns bewusst machen, dass diejenigen Prozesse, die dem Ghosting zugrunde liegen, die Aussicht unserer Partnersuche mindern.

Erkennen wir dies, wachsen unsere Motivation und unsere Fähigkeit, nicht in den Ghosting-Mechanismus zu verfallen.

Normen werden explizit und implizit, direkt und inzidentell und damit mehr oder weniger bewusst oder unbewusst vermittelt. Normen bahnen dabei unsere eigenen Handlungstendenzen.

Wir können uns gegen das Entstehen von Pro-Ghosting-Normen bei uns selbst wehren, indem wir die Vorboten der Entstehung dieser Normen und die zugrundeliegenden Strukturen/Prozesse erkennen und sodann darauf achten, sie uns nicht zu eigen zu machen.

Hilfreich ist es daher für den Erfolg unserer Partnersuche, wenn wir die Normalisierung und Legitimierung von Ghosting nicht mitmachen, sondern dezidiert darauf achten, Ghosting nicht als einen normalen Prozess der Kontaktbeendigung zu betrachten:

  • So schützen wir uns auch vor vorzeitiger Kontaktbeendigung – die sehr häufig ist, wobei ich als vorzeitig eine Kontaktbeendigung betrachte, bei der klärbare Irritationen oder Verunsicherungen nicht geklärt und dadurch nicht aufgelöst werden konnten, obgleich ansonsten womöglich sogar eine tragfähige Beziehung entstanden wäre.

Ebenso wichtig ist die bewusste Reflexion von Prozessen des Selbstschutzes und der reflexhaften Unsicherheitsreduktion:

  • Wenn wir mit Herausforderungen konfrontiert sind, können wir auf funktionale, wirkungsvolle und dysfunktionale, schädigende Bewältigungsstrategien zurückgreifen. Sind dysfunktionale Strategien einfacher und gehen sie kurzfristig mit einer Entlastung einher, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns in dysfunktionale Strategien flüchten, anstatt tatsächlich wirkungsvolle Strategien anzuwenden.

Ein riesiger psychologischer Forschungsstand zeigt, dass die Vermeidung von negativen Gefühlen oder Konflikten sich nicht günstig, sondern ungünstig auf unsere personalen Kompetenzen und letztlich auch unser seelisches Wohlbefinden auswirkt. Ebenso zeigen psychologische Befunde, dass wir eine gewisse Ambiguitätstoleranz, also Toleranz gegenüber Unsicherheit, benötigen, wenn wir uns in dieser zu einem erheblichen Anteil auf Unsicherheit beruhenden Welt effektiv bewegen wollen.

Vermeidungstendenzen können als hochautomatisierte und insofern von uns kaum reflektierte Prozesse auftreten und sich sodann verselbstständigen. Entscheidend ist es daher, dass wir uns unsere Befürchtungen, unsere Verletzlichkeit sowie die daraus folgende Neigung zu vermeidenden und kurzsichtigen Reaktionen bewusst machen, damit wir innehalten und diesen explizit wirkungsvolle Handlungsweisen entgegenstellen können.

Glücklicherweise zeigt diesbezüglich der Forschungsstand, dass die bewusste Konfrontation mit belastenden Gefühlen und furchtbesetzten Handlungen zu einem personalen Wachstum führt, sodass nun ihrerseits die negativen Gefühle beginnen, sich zu reduzieren, und die wirkungsvollen Handlungsweisen sich automatisieren. Laufen wir nicht reflexhaft davon, stecken aber auch nicht unseren Kopf in den Sand, können wir die Herausforderung der Online-Partnersuche (wie aller Dinge im Leben) besser angehen.

Dies bedeutet für das Online-Dating:

  • Lernen, aktiv in die Beziehungsklärung einzutreten, sich selbst und der anderen Person auch unangenehme Fragen zu stellen, mit Turbulenzen umzugehen und diese anzusprechen, Prozesse der Beziehungsentstehung und auch des Beziehungsabbruches wechselseitig miteinander zu kommunizieren. Hieraus können sich Chancen ergeben, Missverständnisse aufzuklären und zu neuen Bewertungen zu gelangen.

Wir können so immun werden gegen eine automatisierte Ablehnungshaltung, Choice Overload, Gamifizierung und sinkende Bindungsbereitschaft.

Die Partnerfindung – egal auf welcher Plattform – entsteht nicht durch Scrollen in vielen Profilen und ständige Vergleiche in der Hoffnung auf noch passendere oder attraktivere Profile, sondern daraus, dass wir die Bereitschaft haben und sie im entscheidenden Moment aktivieren können, eine mögliche gemeinsame Zukunft mit einer anderen Person tatsächlich auszuloten, ohne uns von Mehrdeutigkeit permanent ablenken zu lassen.

Es geht also darum, an die Stelle von Ghosting etwas anderes zu setzen:

  • Authentizität und radikale Ehrlichkeit.

Diese mögen im Einzelfall schmerzhaft sein. Am Ende jedoch stellen sie die innerpsychische und soziale Basis dar, aus der tragfähige Beziehungen entstehen und sich fortentwickeln können.

So können wir sogar die in weiten Aspekten für die Partnerfindung dysfunktionalen modernen Systeme des Online-Datings tatsächlich für unsere Partnersuche nutzen!

Die Position der Geghosteten

Abschließend möchte ich aber auch noch die Position der Geghosteten in aller Kürze betrachten:

  • Die Sachlage, dass Ghosting beim modernen Online-Dating weitverbreitet ist, macht es notwendig, dass wir diesem ins Auge sehen. Es hilft nichts, uns allein auf Empörung zurückzuziehen, ebenso wenig wie auf die Hoffnung, dass uns dies nicht passieren könne.

Befinden wir uns in der Welt des Online-Dating, ist vielmehr die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eines Tages auch wir selbst geghostet werden, wobei wir allerdings durch den Fokus auf authentische Kommunikation, radikale Ehrlichkeit und konsequente Vermeidung von Mehrdeutigkeit das Risiko senken können.

Trotzdem ist es ratsam, sich im Sinne einer Immunisierung von vornherein klarzumachen, dass Ghosting auch uns betreffen kann. Solche Vorab-Immunisierungen erleichtern es uns nämlich, mit kritischen Situationen, die in der Zukunft tatsächlich eintreten, umzugehen. Nehmen wir am Online-Dating teil, sollten wir von vornherein damit rechnen, geghostet zu werden, und uns gleichzeitig ebenso klar vornehmen, selbst dennoch nicht zu ghosten.

Die Verantwortung der Dating-Plattformen

Es stellt sich auch die Frage nach der Verantwortung der modernen Dating-Systeme:

  • Große Dating-Plattformen und Dating-Apps erzeugen den Eindruck, auf das Kennenlernen für partnerschaftliche Beziehungen ausgerichtet zu sein, ohne aber tatsächlich die Faktoren zu maximieren, die Ghosting senken und die Beziehungsfindungswahrscheinlichkeit erhöhen. Sie führen in diesem Sinne im Grunde ihre Nutzer:innen in die Irre.

Unser eigener Versuch bei Gleichklang über eine psychologische Partnervermittlung besteht darin, unsere Nutzer:innen so gut wie möglich vor Choice Overload zu schützen und das Prinzip der Partnerfindung als ein seltenes, aber irgendwann typischerweise eintretendes Ereignis, bei dem zwei Menschen sich begegnen, im Bewusstsein unserer Nutzer:innen zu verankern.

Normen entstehen auch durch die Informationen, die Dating-Plattformen ihren Nutzer:innen bereitstellen, wozu bei Gleichklang etwa dieser Blog, unsere Videos, wie auch unsere Community-Regeln gehören.

Wir bemühen uns auch bezüglich der Strukturmerkmale, eine beziehungsförderliche Wirkung zu erzeugen, indem wir auf kurzfristige Belohnungen, Listen mit Matches, kostenlose Testaccounts oder andere Monetarisierungsprinzipien verzichten, die ökonomisch hocheffektiv sind, tatsächlich aber Choice Overload und Oberflächlichkeit von Auswahlprozessen weiter verschärfen.

Allerdings befinden sich Partnersuchende, egal welche Dating-Plattform sie nutzen, nicht in einer Blase, die gegenüber der Gesamtgesellschaft abgegrenzt wäre:

Modernes Online-Dating beeinflusst selbst diejenigen Dating-Systeme, die sich um eine alternative Ausrichtung bemühen. Die Verhaltensweisen der Nutzer:innen von modernen Datingsystemen beeinflussen dabei auch die Erwartungen und Verhaltensweisen derjenigen, die auf alternative Systeme zurückgreifen.

In dem Moment, in dem ich diesen Artikel schreibe, fällt mir auf, dass wir soeben bei Gleichklang bei unserer Neuaufsetzung die Kosten für Ghosting durch ein spezifisches Feature ein Stück weit abgesenkt haben:

Löschungen waren im vorherigen System nur möglich bei direkter Versendung einer Nachricht an die Profile, die gelöscht werden sollten. Dies war eines der Features, über das wir die allermeisten Beschwerden erhielten, und so haben wir es tatsächlich entfernt.

Jetzt, wo ich mir noch einmal alles bewusst gemacht habe, was zu Ghosting führt, wird mir klar, dass wir damit einen Rückschritt und einen Schritt hin zu den Dating-Apps und Ghosting gemacht haben.

Dass dieses Feature, das durch eine leichte Erschwerung von Löschprozessen latente Normen schafft, die Ghosting delegitimieren, ein sehr häufiger Grund für Beschwerden von Mitgliedern war, zeigt mir gleichzeitig, wie sehr Nutzer:innen und ihre Erwartungen sowie Plattformen interagieren bei der Schaffung ghostingfreundlicher Strukturen:

  • Insgesamt haben wir auch bei Gleichklang über die letzten zwanzig Jahre unseres Bestehens eine deutliche Verschiebung der Erwartungsrichtung von Nutzer:innen hin zu den Erwartungen von modernen Datingsystemen mit ihrer Maximierung von Choice Overload und allen damit verbundenen Nebenfolgen beobachten müssen.

Wir können unsere Nutzer:innen nicht komplett vor den negativen Folgewirkungen moderner Dating-Systeme, Choice Overload und resultierenden Ghosting-Prozessen schützen, und wir sind auch selbst gefährdet, unreflektiert ghostingfreundliche Strukturen zu schaffen, wenn wir uns zu sehr an vorgetragenen Aspekten von Benutzerfreundlichkeit orientieren.

Die Verantwortung von alternativen Dating-Systemen liegt daher darin, aufzuklären und ihre eigene Struktur fortwährend zu reflektieren und so zu korrigieren, dass mögliche negative Auswirkungen auf die Beziehungsfindung begrenzt werden. Bei Gleichklang wollen wir versuchen, diesen Weg weiterzugehen, was in Anbetracht der aus oberflächlicher Sichtweise auf Benutzerwünsche, tatsächlich aber auf Monetarisierungsprinzipien ausgerichteten neuen KI-Einflüsse auf das Online-Dating sicherlich eine nicht einfache Herausforderung sein wird.

Werden Leser:innen von diesem Ansatz angesprochen, freuen wir uns, diesen Weg gemeinsam mit ihnen gehen zu können:

Zur Beziehungssuche bei Gleichklang

Weitere Links:

Paar beim Schneiden von Gemüse.

3 Kommentare

  • marktversprechen sagt:

    Ich möchte mit einer Ergänzung zu einem Denkanstoß beitragen, da ich in der Zwischenzeit die „Sozialen Plattformen“ als hochgradig manipulativ und daher für mehr oder weniger gefährlich halte. Die Eigentümer :innen dieser Plattformen verfügen über eine derartige Machtfülle, dass sie mich auf die Wurzel des Problems zurückgreifen lässt: Marktwirtschaft!

    Warum das? Inmitten unserer fiktiven Demokratie – der sogenannte marktwirtschaftlichen bzw. liberalen – steht ein Elefant im Raum, den wir als „Eigentum“ bezeichnen und dessen Bedeutung den allermeisten von uns, was seiner einseitigen Präsentation und medialen „Verpackung geschuldet ist, nicht bewusst ist. Der Topos des Eigentums ist ein sogenannter Memplex, so wie jener der Arbeit, des Wettbewerbs, der Religion etc. Man braucht durchaus eine gewisse geistige Kapazität, einer Anstrengung oder Bemühung, sich dessen bewusst zu werden und um ein Memplex zu dekonstuieren.

    Etwas konkreter:
    – Die algorithmischen Systeme der Plattformen sind proprietär geschützt und wie es in dem zugrunde liegenden Beitrag bereits beschrieben wurde, unterliegen diese innerhalb eines Wettbewerbssystems Monetariesierungsprinzipien.
    – Wer legt fest, welche Optimierungsfunktionen in diese Algorithmen einfließen, insbesondere wenn diese Algorithmen auf die gesamte Gesellschaft losgelassen werden? Richtig! Jene, auf welche die Algorithmen einwirken, sind es nicht.
    – Der marktwirtschaftlichen Funktionsweise „Fressen oder gefressen werden“ geschuldet, macht es wenig Sinn an die Verantwortung der Anteilseigner zu appellieren und darauf zu hoffen, dass Vernunft oder Moral auch nur in irgendeiner Weise auf ihre Entscheidungen oder Unterlassungen Einfluß nehmen würden.
    – Der AI-Act bietet so gut wie keinen Schutz, da er – wie die DSGV – sehr eigentümerfreundlich ist.
    – Wie Anna-Verena Nosthoff es anspricht: Wir haben es bei den Algorithmen mit Angelegenheiten wie Predictiv Policing oder Muster-Analysen etc. zu tun (Mir fällt gerade ein: Was hat ein Unternehmen wie Palantir in Baden Würtemberg in der Verwaltung zu suchen?)
    – Wenn Algorithmen unser Verhalten beeinflussen können, werden wir da nicht in unserem Entscheidungsverhalten eingeschränkt bzw. manipuliert?
    – Technokratische Prozesse unterminieren die Demokratie, vor allem dann, wenn die Bevölkerung aufgrund von Scheinargumenten wie dem Eigentum, dem Patentrecht, dem Hausrecht, dem Geschäftsgeheimnis etc. von vorne herein kaltgestellt wird. Wo verbleibt Demokratie, wenn die Wirtschaft und damit verbundene Eigentumsverhältnisse davon befreit zu sein scheinen?
    – Algorithmische Systeme können Diskriminierungen verstärken und dadurch reproduzieren.
    – Was passiert mit unseren Text- und Bilddaten? Evidenten Vorfällen zufolge ist es naiv davon auszugehen, dass unsere Daten eventuell nicht nur zur Partnervermittlung herangezogen werden. Regierungen habe bereits auf die Daten von sozialen Plattformen zurückgegriffen und ich denke nicht, dass dies Einzelfälle sind. Regierungen und Tech-Firmen sind angesichts der Aussicht auf diese Machtfülle im Begriff sich gegenseitig ihrer Nützlichkeit zu erweisen. Bürger – sorry falsch, die Kunden – bleiben außen vor.
    – Musk bezeichnet die Plattformen als kybernetische Superintelligenz, was ein Blödsinn ist, aber ihm und seinen Anhänger :innen Legitimation für eine autoritäre Technokratie verschaffen soll. Unsere persönlichsten Daten in ihren Händen (Regierungen wie Privatwirtschaft) bilden die Grundlagen für potenzielle Machkonzentrationen die nicht mehr in den Griff zu bekommen sind.

    Was ich vermitteln möchte: Es gibt einen gravierenden Kernkonflikt zwischen kommerziellen Interessen und demokratischer Verantwortung, insbesondere in der Diskussion um Plattform-Ökonomien und ihren Wechselwirkungen mit Regierungen. Dating- und Erlebnis-Portale müssen dabei unbedingt mitgedacht werden, denn es gibt hier ein riesiges Potential an Missbrauchsmöglichkeiten, mit denen ich andernorts bereits konfrontiert wurde. Gleichklang halte ich für seriös. Ich wünsche mir wirklich, dass es so bleibt.

    Kurzinformation
    https://www.youtube.com/watch?v=BZo-3ni4paU

    Längere Information
    https://www.youtube.com/watch?v=e6hMcrQZOUY

    Liebe Grüße
    marktversprechen

  • Hans sagt:

    Irgendwie wiederholt sich die Aussage immer wieder, dass bei Gleichklang durch weniger Vorschläge dem Phänomen des Ghostings entgegen gewirkt wird. Damit wird die reduzierte Vorschlagszahl als Vorteil gesehen/verkauft.
    Gleichzeitig hat man aber auch ein Liste der bisherigen Vorschläge und kann wieder ins vergleichen und beurteilen gehen. Das passt jetzt nicht rein zum Ghostingphänomen, dennoch muss ich das an dieser Stelle anmerken. Wie wäre es die Only One Strategie umzusetzen und wirklich nur mit einer Person gleichzeitig schreiben zu können? Oder zumindest als Auswahloption anbieten zu können? Diese App ist in Deutschland seltsamerweise nicht im App Store verfügbar. Dieses Prinzip klingt meiner Meinung nach einer „echten“ Anti-Ghosting Strategie.

    Ghosting findet leider erfahrungsgemäß auch bei Gleichklang statt. Natürlich seltener, da ja auch weniger passiert. Ich habe auch nicht verstanden, warum Vorschläge aktiv gelöscht werden können, zu denen bisher keine Nachrichten ausgetauscht wurden.

    • Guido F. Gebauer sagt:

      Bestimmte Aussagen, die absolut zentral sind, wiederholen sich in der Tat über die Artikel und Videos hinweg. Hintergrund ist dabei, dass wir jeden Tag neue Mitglieder und Leser:innen haben und diese keineswegs unbedingt die älteren Artikel lesen. Viele lesen auch nur gelegentlich einmal einen Artikel, sodass hier die Wiederholung genau passend dosiert ist.

      Bei Leser:innen, die jeden Artikel lesen, ist es aber wirklich so, dass sich manches ein wenig zu oft wiederholt, wobei die Betrachtung aber immer unter anderen Aspekten stattfindet und meistens auch ein Hauptthema vorliegt, aktuell Ghosting, das eben unter dieser Perspektive oder mit diesen Befunden vorher noch nicht hinreichend besprochen wurde.

      Die weniger zahlreichen Vorschläge bei Gleichklang sind ein Vorteil, sie werden jedoch nicht als solcher verkauft.

      Ja, die Only-One-Strategie ist grundsätzlich eine gute Idee, aber es gibt auch manche Probleme mit ihr. Eine strikte Begrenzung auf eine Person quasi als Vorschrift kann ebenfalls zu vorzeitigem Kontaktabbruch führen, um einen weiteren Vorschlag zu erhalten. Wenn Only One nur ein Vorschlag heißt, gibt es auch statistisch sehr große Probleme, da manche Personen tatsächlich kaum Vorschläge erhalten können, andere deutlich mehr erhalten. Wenn wir nun allen nur einen zuweisen, dann werden viele gar keinen erhalten.

      Auch das wäre eigentlich nicht schlimm, aber in der Praxis haben unsere Mitglieder eine viel geringere Toleranz gegenüber Wartezeiten als früher. Viele würden einfach weggehen, und dadurch sinkt dann die Vermittlungschance ebenfalls.

      Ja, es stimmt auch: Bei Gleichklang können alle negativen Folgewirkungen eintreten. Wir wissen aber aus vielen Umfragen und auch durch statistische Parameter (z. B. Antwortrate beim Erhalt einer Erstnachricht, Auswertungen zur Anzahl von gleichzeitigen Kontakten etc.), dass dies trotzdem wirklich viel seltener der Fall ist als bei den großen Plattformen.

      Tatsächlich überlegen wir dennoch, wie wir eine stärkere Annäherung an eine Only-One-Strategie umsetzen können, ohne dass sich dies wiederum auf andere Weise negativ auswirkt.

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