Drei Typen von Fernbeziehungen – und wie sie mit der Distanz umgehen
Ivanovic Klobcic hat sich in ihrer Masterarbeit an der Brigham Young University mit dem Thema der Liebe auf Distanz auseinandergesetzt.
Online-Dating hat in den vergangenen Jahrzehnten vieles bewirkt, aber einer seiner größten Effekte ist fraglos, dass geografische Distanzen an Bedeutung verloren.
So wundert es nicht, dass viele Beziehungen, die online entstehen, zunächst als Fernbeziehungen beginnen:
- Nach der Stanford-Studie von Rosenfeld, Thomas und Haber trafen sich rund 40 % der Paare, die sich online kennengelernt hatten, zunächst über eine größere räumliche Distanz hinweg. Bei Gleichklang sind es zwei von drei neu entstehenden Paaren.
Allerdings sind Distanzbeziehungen und Fernbeziehungen keine echte Neuheit:
- Tatsächlich entstanden auch schon vor Hunderten von Jahren Beziehungen auf Distanz. Die reine Kilometerzahl war manchmal eher gering, aber Reisen von Tagen oder Wochen waren erforderlich. Viele Beziehungen, die uns heute weit entfernt scheinen, wären früher von der reinen Reisezeit gerechnet als ein Katzensprung betrachtet worden.
Eine Reihe von Befunden zu Fernbeziehungen habe ich auch in meinem Video „Alles zur Psychologie der Fernbeziehung“ auf meinem YouTube-Kanal sowie in mehreren Artikeln in diesem Blog dargestellt: „Die Psychologie der Fernbeziehung“, „Alles zu Fernbeziehungen und Nahbeziehungen“ und „Fernbeziehungen: Sind sie glücklich oder stressig?“
In meinem heutigen Artikel möchte ich mich den drei Typen von Herangehensweisen an Fernbeziehungen widmen, die Ivanovic Klobcic in ihrer Studie identifizieren konnte:
Studie: Drei Typen von Fernbeziehungsmenschen
Die Grundlage der Untersuchung
Dies ist die erste Studie, die meines Wissens individuelle Charaktere in Fernbeziehungen herausarbeitet.
Die Studie verwendet eine Nischenmethodologie innerhalb der Psychologie, nämlich die sogenannte Q-Analyse :
- Bei einer Q-Analyse – und ich will hier das Vorgehen und die Auswertung mit Faktorenanalyse in einfachen Worten erklären, die wirklich jeder verstehen kann – wird die hochgradige Individualität und Tiefe einer qualitativen Forschung verbunden mit einem tiefenstrukturellen statistischen Ansatz, sodass wir Strukturen feststellen und erkennen können, die uns sonst womöglich verborgen bleiben.
Die Befunde beanspruchen keine strikte Generalisierbarkeit oder gar Prozentangaben für ganze Populationen, sie ermöglichen uns aber, individuelle Möglichkeiten zu erkennen, uns von ihnen anregen zu lassen und aus ihnen zu lernen, wie wir leben können.
Die Q-Methode wurde 1953 von William Stephenson entwickelt. Stephenson nannte das Ausgangsmaterial einen „Concourse“ – die Gesamtheit aller möglichen Aussagen zu einem Thema.
Zunächst wurden für die Arbeit von Ivanovic Klobcic daher aus Dating-Foren, Blogs, Diskussionen in Dating-Gruppen, Befragungsdaten und Gesprächen mit Studierenden und Bekannten zahlreiche Aussagen zum Thema Fernbeziehungen gesammelt.
- Im Mittelpunkt stand die Frage, was Menschen an Fernbeziehungen mögen und wie sie ihre Erfahrungen einschätzen:
- Nach Elimination gleichbedeutender Aussagen wurden schließlich 34 englischsprachige Aussagen ausgewählt, die ein breites Spektrum abdecken – von der Frage, ob die Entfernung hilft, sich emotional und intellektuell besser kennenzulernen, über Vertrauen und Kommunikation, Eifersucht, digitale Nähe, Unabhängigkeit und Wiedersehensfreude bis hin dazu, ob die Distanz die Liebe stärkt oder schwächt.
Sodann wurden 33 Personen – darunter 19 Frauen und 14 Männer, alle mit mindestens dreimonatiger Fernbeziehungserfahrung und aus verschiedenen kulturellen Hintergründen – gebeten, diese Aussagen mithilfe eines Q-Sortings zu ordnen:
• Die Teilnehmer legten die Aussagen auf eine vorgegebene Skala – von „stimme am meisten zu“ auf der einen Seite bis „stimme am wenigsten zu“ auf der anderen, wobei die Verteilung einer Glockenkurve folgen musste (erzwungene Normalverteilung). Das heißt, nur wenige Statements konnten ganz an die Enden gelegt werden, während die meisten in der Mitte landeten. Dadurch entstand für jede Person eine individuelle Gesamtkonstellation ihrer Einstellungen – sie mussten Prioritäten setzen und konnten nicht bei allem einfach nur zustimmen.
Nach diesem Q-Sorting führte die Autorin zusätzlich individuelle Interviews durch, in denen sie fragte, warum bestimmte Aussagen als besonders passend oder besonders unpassend eingeordnet worden waren.
Nachfolgend wurden die Personen mit ihren Sortierungen einer sogenannten Q-Faktorenanalyse unterworfen, einem statistischen Verfahren, was feststellt, ob sich bestimmte Cluster oder Typen von Personen anhand der Art und Weise erkennen lassen, wie sie an Fernbeziehungen herangehen.
Die eigentlichen Ergebnisse
In den Ergebnissen der Auswertung zeigten sich drei subjektive Typen, die die Autorin folgendermaßen beschreibt:
1. Traditional Romantics (Traditionelle Romantiker:innen)
Für diese Gruppe stehen die Liebe und die Kompatibilität im Vordergrund. Sie sehen ihre Beziehung in traditionellen Begriffen, vorhandene Kommunikationsmöglichkeiten werden genutzt, aber Technologie ist Hilfsmittel, nicht Fundament. Vertrauen, Treue und gemeinsame Zukunftsplanung sind zentral. Die Distanz wird als temporäre Herausforderung betrachtet, die die Liebe nicht infrage stellt.
Charakteristische Aussagen dieses Typs betonen, dass eine gute romantische Beziehung bedeutet, Konflikte auf gesunde Weise zu lösen, und dass gegenseitiger Respekt die Basis ist. Ein Teilnehmer erklärte: (alle Aussagen der Teilnehmenden wurden aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt) „Jede Beziehung braucht Zeit. Auch nicht-romantische Beziehungen verlangen Zeit, Einsatz und Engagement, und dasselbe gilt hier. Je mehr du investierst, desto mehr bekommst du zurück, und je mehr Einsatz du zeigst, desto stärker wird die Beziehung.“
Die traditionellen Romantiker:innen schätzten die Möglichkeit, sich auf einer tieferen emotionalen und intellektuellen Ebene kennenzulernen, ohne durch körperliche Aspekte abgelenkt zu werden. Eine Person berichtete: „In einer Fernbeziehung hatten wir tiefe Gespräche und lernten einander kennen. Wir konnten uns auf unsere Gefühle konzentrieren und bessere Entscheidungen für unsere Zukunft treffen, ohne die physische Ablenkung. Es hat mich gelehrt, sie für das zu schätzen, was sie wirklich ist, nicht nur für die Aufregung des Zusammenseins.“
Sie genossen auch gemeinsame Aktivitäten über Videoanrufe – Kochen, Studium, gemeinsames Lesen –, aber Technologie blieb für sie ein Werkzeug, nicht die Grundlage. Die meisten Menschen in dieser Gruppe kannten ihre Partner bereits persönlich, bevor die Fernbeziehung begann, und die meisten heirateten ihre Partner später.
Was sie besonders deutlich ablehnten, war die Vorstellung, dass man sich in einer Fernbeziehung nicht verlieben oder keine echte Verbindung aufbauen könne – „Man kann sich in Fernbeziehungen nicht verlieben und keine echte Verbindung aufbauen“ wurde von diesem Typ am stärksten zurückgewiesen. Eifersucht und mangelndes Vertrauen waren für diese Gruppe kein Thema.
Für die traditionellen Romantiker:innen steht die Liebe über jeder Distanz – man könnte fast sagen, im Gegenteil:
- In der Ferne zeigt sich die Romantik, die alle Grenzen überwindet.
Die Autorin beschreibt in ihrer Diskussion, dass die Erfahrungen dieser Gruppe die Annahme infrage stellen, dass Distanz Beziehungen schwächt. Die Ergebnisse legen nahe, dass Paare, die bereits eine starke Verbindung hatten, bevor die Fernbeziehung begann, tendenziell besser zurechtkommen.
Die Autorin weist auch darauf hin, dass die Distanz dieser Gruppe half, ihre Kommunikation zu verbessern, Vertrauen aufzubauen und emotionale Intimität zu vertiefen. Die Teilnehmer:innen berichteten, dass die Herausforderungen der Fernbeziehung sie als Person wachsen ließen – sie entwickelten mehr Geduld, verbesserten ihre Fähigkeit, Probleme zu lösen, und wuchsen an der Erfahrung.
2. Debbie Downers (Die Distanz-Geplagten)
Bei diesem Typ wird die Fernbeziehung als Katastrophe erlebt:
- Die kommunikativen Möglichkeiten werden als unzureichend erlebt, jede Ersatzmöglichkeit für direkte physische Nähe wird abgelehnt, und es resultiert eine tiefsitzende Frustration. Distanz wird als schwere Last empfunden, Technologie verbessert aus ihrer Sicht die Verbindung nicht. Die Distanz-Geplagten sind in Fernbeziehungen letztlich unglücklich.
Aussagen, die diesen Typ charakterisieren, kreisen um das Gefühl, dass digitale Kommunikation echte Nähe niemals ersetzen kann und dass die räumliche Trennung die Beziehung dauerhaft belastet. Die Aussage, die diesen Typ am stärksten kennzeichnet, lautet: „All die Schwierigkeiten und die Entfernung haben unsere Liebe nicht stärker gemacht.“
Sie sind pessimistisch über die Zukunft der Beziehung, kämpfen mit den Herausforderungen der Distanz, obwohl sie sich Verbindung und Liebe wünschen. Sie glauben, dass Fernbeziehungen nur funktionieren können, wenn es einen Plan gibt, bald zusammenzukommen, und die Zeit der Trennung kurz bleibt – „Fernbeziehungen können funktionieren, wenn es einen Plan gibt, bald zusammenzukommen, und die Zeit der Trennung kurz ist.“
Die Vorfreude auf das Wiedersehen und die glücklichen Wiedervereinigungen sind das, was sie noch am meisten schätzen – „Ich mag das Gefühl der Vorfreude auf das Wiedersehen. Ich liebe glückliche Wiedervereinigungen.“
Gleichzeitig erleben sie nicht genügend Teilhabe am Leben ihrer Partner:innen: „Ich hatte nicht das Gefühl, Teil seines/ihres Lebens zu sein. Schließlich konnten wir keine Zeit miteinander verbringen.“
Auch die kommunikativen Möglichkeiten werden keineswegs positiv erlebt. Im Gegenteil: Digitale Kommunikation erzeugt für sie zusätzliche Frustration. Eine teilnehmende Person berichtete: „In einer Fernbeziehung gibt es mehr Raum für Grenzüberschreitungen, und durch Anrufe und Nachrichten können Dinge unterschiedlich interpretiert werden, was zu mehr Streit, Verbitterung usw. führen kann.“
Eine andere Person äußerte noch deutlicher: „Technologie lässt dich den echten Menschen nicht sehen. Es ist nicht möglich, jemanden gut kennenzulernen. Ich glaube nicht, dass es hilfreich war oder es besser gemacht hat.“
Besonders ablehnend reagierten die Distanz-Geplagten auf die Vorstellung, dass Fernbeziehungen Paare kreativer in ihrer Kommunikation machen, dass sie als Test gesehen werden könnten, den man bestehen müsse, oder dass die Fernbeziehung Geduld lehre. Auch die Freude an langen Telefongesprächen und romantischen Nachrichten empfinden sie nicht.
Die Autorin bewertet es als einen neuen Befund, dass eine negative Grundhaltung gegenüber der Fernbeziehung an sich die gesamte Erfahrung entmutigend machen könne.
Während die einen also die Entfernung als überwindbare Herausforderung begreifen, erleben die anderen sie als etwas, das der Liebe selbst im Wege steht.
3. Tech-Savvy Romantics (Die digitalen Romantiker:innen)
Diese Gruppe sieht gerade die Technologie als Basis ihrer Beziehung. Sie gestalten ihre Beziehung kreativ und hochgradig digital und sehen in dieser Form eine besondere, ja einzigartige und authentische Form der Verbundenheit. Die Technologie ermöglicht ihnen eine Intimität, die sie in Nahbeziehungen womöglich gar nicht in dieser Form entwickeln würden.
Charakteristische Aussagen dieses Typs betonen, wie digitale Tools bewusst und kreativ eingesetzt werden, um emotionale Nähe aufzubauen. Sie werden offenkundig in Fernbeziehungen genauso glücklich wie anderswo – oder sogar glücklicher.
Auf den ersten Blick scheinen die Digitalen Romantiker:innen den traditionellen Romantikern sehr ähnlich – beide Gruppen haben eine positive Einstellung zu Fernbeziehungen. Aber die Autorin zeigt, dass sich ihre Erfahrungen und Überzeugungen in mehreren zentralen Punkten unterscheiden.
Was diesen Typ besonders kennzeichnet: Sie erlebten, dass die Distanz und die Herausforderungen der Fernbeziehung ihnen positive Eigenschaften wie Geduld und Wertschätzung entwickelten. Anders als die traditionellen Romantiker:innen trafen sie ihre Partner zuerst über Dating-Apps oder soziale Medien und bauten ihre Beziehung online auf, bevor sie sich persönlich trafen.
Ein Teilnehmer sagte: „Es ist erwähnenswert, dass unsere Beziehung die ganze Zeit eine Fernbeziehung war. Als wir uns trafen, lebte sie in Arizona und ich in Utah, und wir konnten uns trotzdem verlieben und verbinden. Das ist also trotz der Entfernung definitiv möglich.“
Derselbe Teilnehmer fügte hinzu: „Man muss kontaktfreudig und abenteuerlustig sein, um Menschen online zu treffen und dieses Risiko einzugehen. Insgesamt würde ich sagen, Fernbeziehungen sind schön. Ich habe nicht viele Nachteile gefunden.“
Sie schätzten die Möglichkeit, sich aufeinander zu konzentrieren, ohne durch physische Aspekte abgelenkt zu werden, und sie erlebten die gemeinsame physische Zeit als besonders intentional und gut genutzt.
Ein Teilnehmer beschrieb, wie die Fernbeziehung ihm half, sein eigenes Leben zu bewahren: „Ich glaube, da war ein Aspekt von mehr Unabhängigkeit, weil wir uns nicht jeden Tag sehen und abhängen konnten. Ich hatte immer noch mein Leben mit meinen Freunden, der Arbeit und dem Studium. Manchmal, wenn man eine Beziehung eingeht, leiden diese Dinge, aber in einer Fernbeziehung litten sie nicht.“
Ein anderer Teilnehmer schwärmte: „Ich liebte es, weil ich mich in der Beziehung erfüllt fühlte, während ich gleichzeitig meine Unabhängigkeit bewahrte. Die Entfernung verhinderte, dass wir uns in ‚Beziehungssachen‘ verloren und andere Teile des Lebens vernachlässigten. Ich war glücklicher, weil ich die Unterstützung einer Beziehung hatte, ohne andere wichtige Aspekte meines Lebens zu opfern.“
Besonders charakteristisch ist die Aussage: „Ich genieße das Online-Chatten, weil es uns erlaubt, romantische Nachrichten auszutauschen, und uns daran erinnert, einander und die kleinen Dinge zu schätzen.“
Ein Teilnehmer berichtete, dass er häufig frühere Nachrichten noch einmal las: „Es gab viele Male, in denen ich zurückging und unsere Textnachrichten noch einmal las oder unsere Snapchats anschaute. Das ist etwas, was man in einer Beziehung ohne große Entfernung nicht so oft hat, und ich denke, das ist ein großer Vorteil.“
Die Digitalen Romantiker:innen lehnen klar ab, dass man sich in Fernbeziehungen nicht verlieben könne, dass man leicht das Interesse verliere oder dass es schwer sei zu erkennen, wie viel man einander bedeute.
Und hier liegt ein besonders interessanter Unterschied zu den traditionellen Romantikern:
- Die Aussage „Fernbeziehung oder nicht, alle Beziehungen verlangen Zeit, Einsatz und Engagement – sie sind nicht so unterschiedlich“ wird von diesem Typ abgelehnt. Während die traditionellen Romantiker:innen sagen, Fernbeziehungen seien im Grunde nicht anders als andere Beziehungen, erkennen die digitalen Romantiker:innen an, dass die Herausforderungen ihrer Beziehungsform einzigartig sind. Aber sie glauben, dass diese Form der Beziehung dennoch interessant und erfüllend sein kann – gerade weil die Technologie eine zentrale Rolle spielt.
Für sie ist Technologie nicht ein Notbehelf, sondern ein natürlicher und geschätzter Weg, Beziehungen zu leben. Die meisten Menschen in dieser Gruppe hatten alle oder die meisten ihrer Beziehungen als Fernbeziehungen geführt.
Ein Teilnehmer berichtete: „Ich mochte es, in dieser Art Beziehung zu sein, und ich habe mich daran gewöhnt. Alle meine Beziehungen waren so, außer der letzten. Meine Freundin wohnt in derselben Stadt, und es war ein Schock für mich, dass wir uns jetzt jeden Tag sehen müssen.“
Die Autorin beschreibt, dass diese Personen die Online-Kommunikation genossen und es als Herausforderung erlebten, sich an eine geografisch nahe Beziehung anzupassen.
Für die Digitalen Romantiker:innen ist die digitale Beziehung nicht nur Ersatz für etwas, was sie eigentlich lieber anders hätten – sie ist selbst eine besondere Form des romantischen Lebens.
Was verbindet und was trennt die drei Typen?
Während wir bei den traditionellen Romantiker:innen beide Beziehungsformen zwanglos uns vorstellen können – die Liebe setzt sich durch – und bei den Distanz-Geplagten Fernbeziehungen womöglich scheitern und unglücklich werden dürften, bringen bei den digitalen Romantiker:innen in gewisser Weise erst die Fernbeziehungen die gelebte Romantik auf ihren Höhepunkt.
Was traditionelle und digitale Romantiker:innen verbindet
Beide Typen glauben fest daran, dass Liebe auf Distanz möglich ist. Beide lehnen die Aussage „Man kann sich in Fernbeziehungen nicht verlieben und verbinden“ klar ab. Eifersucht spielt für keinen der beiden eine Rolle: „Eine Fernbeziehung hat mich eifersüchtig gemacht“ wird von beiden gleichermaßen zurückgewiesen. Beide haben kein Problem damit, die Bedeutung füreinander zu erkennen, und beide sehen Bequemlichkeit nicht als Motiv für ihre Beziehungsform. Beide erleben die Fernbeziehung insgesamt positiv – als Herausforderung, an der man wächst, nicht als Last, die einen zermürbt.
Was traditionelle und digitale Romantiker:innen trennt
Trotz aller Ähnlichkeit gibt es einen fundamentalen Unterschied: Die traditionellen Romantiker:innen sehen keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Fern- und Nahbeziehungen: „Fernbeziehung oder nicht, alle Beziehungen verlangen Zeit, Einsatz und Engagement – sie sind nicht so unterschiedlich.“ Die Digitalen Romantiker:innen lehnen genau diese Aussage ab. Für sie ist die Fernbeziehung eine eigene, besondere Beziehungsform, die sich nicht mit Nahbeziehungen gleichsetzen lässt.
Die digitalen Romantiker:innen erleben zudem eine besonders starke Wertschätzung füreinander durch die Distanz – „Fernbeziehungen sind ein großartiger Weg, um zu lernen, einander und die gemeinsame Zeit zu schätzen“ —, die bei den traditionellen Romantikern deutlich schwächer ausgeprägt ist.
Was die Distanz-Geplagten von traditionellen und digitalen Romantiker:innen trennt
Der zentrale Unterschied liegt in der Haltung zur Distanz selbst:
- Wo traditionelle Romantiker:innen und digitale Romantiker:innen gleichermaßen erleben, dass die Schwierigkeiten ihre Liebe nicht geschwächt haben, stimmen die Distanz-Geplagten genau dem zu: „All die Schwierigkeiten und die Entfernung haben unsere Liebe nicht stärker gemacht.“
- Und wo die Digitalen Romantiker:innen die digitale Kommunikation als Bereicherung schätzen, lehnen die Distanz-Geplagten sie ab: „Technologie lässt dich den echten Menschen nicht sehen. Es ist nicht möglich, jemanden gut kennenzulernen.“
Für die einen ist die Fernbeziehung eine Herausforderung, an der man wächst – für die Distanz-Geplagten ist sie eine Last, an der die Liebe zerbricht.
Was schließen wir aus diesen drei Typen?
. Die Autorin zieht in ihrer Diskussion vier zentrale Schlussfolgerungen:
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Dass die digitalen Romantiker:innen sich auf digitale Kommunikation verlassen, um sich emotional zu verbinden. Die traditionellen Romantiker:innen nutzen diese Technologie nur als reines Werkzeug, ohne sie aber dezidiert positiv ins Zentrum zu stellen. Die Distanz-Geplagten erleben demgegenüber digitale Kommunikation an sich als frustrierend. Technologie könne insofern subjektiv hilfreich, aber auch schädlich sein, und Kommunikationsstile sollten zueinanderpassen, damit emotionale Verbundenheit aufrechterhalten werden könne.
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Ebenfalls spielt nach den Darlegungen der Autorin der Ursprung der Beziehung eine Rolle: Traditionelle Romantiker:innen lernten sich direkt kennen, bevor sie sich für eine Beziehung entschieden. Die meisten heirateten später. Digitale Romantiker:innen und Distanz-Geplagte begannen ihre Beziehungen online.
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Wichtig ist nach der Darlegung der Autorin auch die Einstellung gegenüber der Entfernung. Personen, die Distanz als temporäre Herausforderung oder als Wachstumschance betrachteten, zeigten mehr Zufriedenheit als diejenigen, für die Distanz nur Last war.
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Die Autorin benennt aber auch einen prägnanten Unterschied zwischen der traditionellen und der digitalen Romantik: Traditionelle Romantiker:innen sehen ihre Beziehungen als im Grunde nicht verschieden von Nahbeziehungen. Digitale Romantiker:innen erleben ihre Beziehungen demgegenüber gerade als noch einmal anders geformt durch die moderne Kommunikation, was sie nicht als Einschränkung, sondern als Erweiterung erleben.
Wenn wir ein klassisch romantisches Bild vertreten, die Liebe und Kompatibilität in den Vordergrund stellen und vorhandene Möglichkeiten der Kommunikation aktiv nutzen, dann können wir also in Fernbeziehungen ein großes Glück erlangen, indem wir sie als analog wie eine Nahbeziehung betrachten. Eine traditionelle romantische Haltung steht insofern einer Fernbeziehung nicht im Wege. Die Romantik kann sich sogar darin zeigen, dass sie Grenzen überwindet.
Einen Schritt weiter können wir gehen, wenn wir, wie die digitalen Romantiker:innen, gerade in der Fernbeziehung mit der digitalen Kommunikation eine besonders einzigartige und authentische Form der Verbundenheit sehen.
Aber umgekehrt können unsere Einstellungen auch dazu führen, dass wir zu den Distanz-Geplagten werden, sodass uns jede Ersatzmöglichkeit für direkte physische Nähe als unzureichend und tiefgreifend frustrierend erscheint.
Für mich stellt sich das Ganze vor allem so dar, dass wir erneut sehen, dass die gleiche Sache durch unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Art und Weise gestaltet und erlebt werden kann und so zu unterschiedlichen Konsequenzen führt.
Sind diese Typen festgeschrieben?
Aber sind die traditionellen Romantiker:innen, die Distanz-Geplagten und die digitalen Romantiker:innen komplett unterschiedliche Menschentypen, die quasi notwendigerweise nur in Nahbeziehungen (Distanz-Geplagte), nur in Fernbeziehungen (digitale Romantiker:innen) oder in beiden glücklich werden können?
Sodass, wenn wir den Typus kennen, bereits voraussagen können, was eintritt, und von daher klare Handlungsempfehlungen geben können:
- Suche besser Liebe als Nahbeziehung, suche lieber nach einer Fernbeziehung, sei offen für anderes
Dies wird in der Studie nicht thematisiert. Es gibt auch keine anderen Studien dazu, jedenfalls keine, die ich kennen würde.
Es ist möglich, dass wir aufgrund weitestgehend kristallisierter biografischer Beziehungserfahrungen zu festen Haltungen gelangt sind, die wir nunmehr auf alle neuen Erfahrungen anwenden.
Aber selbst wenn dies so wäre, bedeutet es nicht, dass wir solch eine Tendenz nicht ändern könnten.
Ich sehe daher als Hauptunterschied grundsätzlich veränderbare Erwartungen, Haltungen und die daraus resultierenden Bereitschaften:
- Bin ich überzeugt, dass digitale Kommunikation schrecklich und das Gegenteil von Nähe ist, werde ich wohl ein Distanz-Geplagter werden oder einer bleiben. Aber womöglich reflektiere ich meine Situation, erkenne andere Aspekte, erlebe, dass digitale Kommunikation auch mit Nähe verbunden sein kann, erfahre viele Momente bei den seltenen physischen Begegnungen und erlebe, wie hoch die Qualität des Menschen und der Beziehung zu ihm doch ist, und meine Erfahrung und Haltung können sich modifizieren. Wage ich diesen Weg, werde ich womöglich vom Distanz-Geplagten zur traditionellen oder digitalen Romantik gelangen.
Ebenso ist auch ein gegenteiliges Ergebnis möglich:
- Wenn womöglich die Beziehung aus der Ferne durch kritische Ereignisse ihre Basis verliert und ich den Grund hierfür womöglich in der Kommunikation aus der Ferne sehe, kann sich mein Typus ebenfalls wandeln.
Mein Hauptratschlag an Menschen in Beziehungen, die also bereits in einer Nahbeziehung oder Fernbeziehung leben, ist daher, sich durch diese Typenbereiche anregen zu lassen und so womöglich ihre Beziehung dadurch zu verbessern, dass sie zu dem Typen wechseln, der am meisten dieses Glück in ihrer aktuellen Beziehung fördern kann.
Geht dies aber nicht, gibt es umgekehrt die Möglichkeit, den Typus der Beziehung zu verändern, von Fernbeziehung zu Nahbeziehung oder umgekehrt, mit oder ohne Zusammenziehen etc.
Nichts ist in Stein gemeißelt, und auch wenn wir oft glauben, im Leben komplett festzuhängen, können wir in Wirklichkeit, wenn wir es wollen und uns öffnen, vieles verändern und Dinge möglich machen, die uns erst unmöglich erscheinen.
Welche Ratschläge sind möglich?
Ich gelange im Grunde zum gleichen Rat, den ich seit Jahren in diesem Blog in Artikeln und auch in meinem Video gebe, den ich aber aufgrund der Befunde von Ivanovic Klobcic doch noch einmal ein wenig differenzieren möchte:
- Liebe ist ein zentraler Aspekt im Leben, und wenn echte Kompatibilität da ist, dann ist Liebe es wert, egal wie weit wir voneinander entfernt leben.
- Partnerfindung ist gerade mit wachsendem Alter alles andere als selbstverständlich. Immer mehr Menschen bleiben Single. Wir unterschätzen, wie schwierig es ist, unter so vielen Menschen, z.B. in einer Stadt, den passenden Menschen zu finden. Wollen wir gemeinsam vegan leben, scheiden schon einmal 99 % aus, und die meisten des Restes werden womöglich bereits verheiratet sein.
Ich habe jetzt extra ein besonders selektives Beispiel gegeben, aber auch bei allen anderen sieht es ähnlich aus, weil die Einschränkungen sich oft eben aus der Kombination vieler Merkmale ergeben, die selbst bei scheinbar großzügiger Suche hochgradig selektiv sind.
Es muss nicht Identität sein, aber die Basis einer erarbeiteten Kompatibilität sollte bereits bestehen, bevor wir in die Beziehung einsteigen:
- Genau diese Basis würde ich ins Zentrum der Suche stellen und daher oberflächliche Merkmale wie die Entfernung eher weniger werten.
Wir schlagen daher unseren Mitgliedern vor, die regionale Suche möglichst nicht zu begrenzen und mit der passenden Person ein Liebesglück aufzubauen, was möglich ist, egal wie weit entfernt sie ist. Dabei sehen wir auch bei Gleichklang-Paaren, dass viele sehr wohl den Weg finden, zusammenzuziehen.
Ich finde, dass die Befunde von Ivanovic Klobcic letztlich diesen Rat unterstützen:
- Sicher gibt es das Gegenbeispiel der Distanz-Geplagten, aber vieles davon liegt an Haltungen, die sie verändern können.
Mein typischer Vorschlag ist also, den Schwerpunkt auf die Möglichkeiten und nicht auf die Ansicht zu legen, es gehe nicht.
Aber ein typischer Vorschlag wie dieser gilt nicht für jede einzelne Person:
- Es kann sein, dass wir nach Reflexion unserer Erfahrungen und unserer Lebenssituation zu dem Schluss gelangen: Wir sind Distanz-Geplagte in Fernbeziehungen und möchten es nicht ändern oder sehen keinen Weg, es zu ändern, sodass wir nur nach einer Nahbeziehung suchen.
Das ist völlig legitim, und in diesem Fall gilt der Rat, die regionale Suche einzugrenzen und mit Geduld auf eine Person zu warten und aktiv mit ihr in Kontakt zu treten, die so eines Tages in das Leben treten wird, damit eine Nahbeziehung gelingen kann.
Die Befunde von Ivanovic Klobcic können uns in meiner Lesart insgesamt Anlass zum Optimismus dahingehend geben, dass wir Lebens- und Liebessituationen gestalten können und das dadurch wiederum scheinbar erschwerende Faktoren wie die Entfernung ihre Bedeutung verlieren, wenn wir dies möchten und es zulassen.
Auf dem Weg zu einer werthaltigen und glücklichen Beziehung begleiten wir Sie bei Gleichklang weiterhin gerne:
▶ Zur Beziehungsfindung bei Gleichklang
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15 Kommentare
Leider finde ich den Artikel wenig aufschlußreich. Obwohl Distanz bisher in allen meinen Beziehungen eine Rolle gespielt hat, kann ich mich hier in keiner der Kategorien wirklich wiederfinden.
Zunächst mal scheint mir der Begriff der Fernbeziehung zu ungenau.
Treffen sich die Beteiligten nie, treffen sie sich selten? Letzteres scheint mir die Regel. Aber wie selten? Die Einschätzungen, ob man sich in einer Fernbeziehung befindet, dürften sogar zwischen beiden Partnern innerhalb ein- und derselben Verbindung ebenso auseinandergehen wie etwa die gute alte Frage, ob man viel oder wenig Sex hat.
Des weiteren fehlt mir hier die Gruppe derer, die in der Distanz zwar einen fundamentalen Nachteil sehen (wie es ja auch der natürlichen Logik von gegenseitiger Anziehung entspricht), sich also durchaus davon geplagt fühlen, sie aber dennoch niemals zum Kriterium der Partnerwahl oder Aufrechterhaltung/bzw. dem Abbruch einer Beziehung machen würden.
Ich persönlich würde mich von einem Partner, der die Distanz geradezu braucht, um mich „ertragen” zu können, ab einem gewissen Punkt zurückgewiesen fühlen, finde aber dennoch, daß wahre Liebe ohne Abstriche jedes Maß an gegenseitiger Entbehrung aufwiegt.
Nehmen wir zum Vergleich das Schicksal einer schweren Krankheit, die viele Einschränkungen mit sich bringt, so gilt hier doch ebenfalls, daß sich Liebe daran geradezu bewähren kann, für wünschenswert würden wir die Krankheit aber dennoch nicht halten.
Auch könnte man fragen: Wo bleibt in dieser Art von Bewertung, die hier vielleicht ein systemisches Problem hat, der Sinn für Ambivalenzen oder ein dialektisches Wertverständnis? Beispiel vegane Lebensweise: ich möchte mich auf eine bestimmte Weise ernähren und das auch am liebsten gemeinsam mit meiner Partnerin. Aber dazu muß ich doch nicht verlangen, daß sie dies bereits im Vorfeld tut und daher 99% (!) aller potentiellen Kandidatinnen ausschließen?! Verlangen muß ich gar nichts. Wer letztlich wen von seiner Lebensweise überzeugt, oder ob Differenzen in der Ernährung bleiben werden, wird sich dann schon zeigen, wenn ich mich aus Gründen, die ich vorher vielleicht noch gar nicht kenne, erst einmal auf jemanden eingelassen habe. Dies bedeutet aber gar nicht, daß mir der Punkt Ernährungsweise nicht wichtig wäre oder keine Konflikte damit verbunden sein können. Es bedeutet nur, daß es nicht zur Strategie meiner Partnersuche gehört, solchen Konflikten von vornherein aus dem Weg zu gehen.
Letztlich lassen sich die zum Ende des Artikels erteilten Ratschläge ja durchaus in diesem Sinne deuten. Ich sehe nur nicht, inwiefern die vorgestellte Studie mit ihrer meines Erachtens eher willkürlichen und unvollständigen Kategorisierung überhaupt zum Fazit des Autors beigetragen hat.
Die Kategorisierung ist nicht willkürlich, sondern ergab sich aus einem statistischen Verfahren, wobei die Ergebnisse auch tatsächlich sehr eindeutig sind. Aber solche Studien beanspruchen natürlich niemals, komplett vollständig für jeden zu sein. Hier sind Typen, die sich prägnant unterscheiden, bzw. zwei Typen haben Ähnlichkeiten und dann einen entscheidenden Unterschied. Im Grunde passt Du gut in die Gruppe der Geplagten, denn diese haben sich ja alle auf so eine Beziehung eingelassen, sie sind geplagt, aber haben sie ebenfalls nicht zum Kriterium der Partnerwahl gemacht. Ich glaube, ich werde zu der Gruppe noch ein wenig ergänzen, damit dies deutlicher wird. Deine Darstellung, auch das Beispiel mit der schicksalhaften Krankheit, macht ja sehr deutlich, dass Du eigentlich schon geplagt bist, aber es in Kauf nehmen würdest. Genau das ist diese Gruppe. Die klassischen Romantiker:innen sehen gar kein Problem mit der Distanz, keinen Unterschied, und die digitalen Romantiker:innen finden die Distanz besonders gut. Die Geplagten nehmen sie in Kauf, aber quasi schicksalhaft. Aber da habe ich das tatsächlich nicht deutlich genug gemacht.
und wenn wir die drei Kategorien einfach in „sicher gebunden“, „ängstlich gebunden“ und „vermeidend“ klassifizieren würden?
dann müssten wir das Rad nicht jedesmal neu erfinden…
sicher gebundene Personen können Liebe auch in Distanz als beglückend erleben… vermeidende Personenen brauchen sie…
und:
honestly: ein „Studie“ an 34 Probanden aus dem persönlichen Bekanntenkreis?
Euer Ernst?
Ich fürchte, weder die klassischen Romantiker noch die digitalen Romantiker, aber auch die Distanz-Gepalgten, sind nicht zwingend einem Bindungsstil zuzuordnen. Distanzgeplagte könnten eine ängstliche Bindung haben, sie können aber auch eine sichere Bindung haben und aus anderen Gründen, z. B. Fahrtzeiten, trotzdem mit einer Fernbeziehung unzufrieden sein und diese Unzufriedenheit dann sich selbst erklären mit der mangelnden Nähe. Digitale Romantiker:innen könnten, auf den ersten Blick, vermeidend sein. Aber dazu passt nicht die hohe Emotionalität, die sie zum Ausdruck bringen. Diese und das hohe Bedürfnis, miteinander digital oft in Kontakt zu sein (und intensiv), ist genau nicht typisch für vermeidende Bindung. Die klassischen Romantiker:innen könnten sicher gebunden sein, aber auch dies wissen wir nicht, schließlich gibt es durchaus auch Menschen mit eigentlich nicht sicherer Bindung, die dann doch aufgrund der besonderen personalen Konstellation in ihrer Beziehung Zufriedenheit erleben, zum Glück. Es ist möglich, dass es systematischere, durchschnittliche Zusammenhänge zu Bindungsstilen gibt. Dies war aber nicht Thema der Studie und Bindungsstiole sowie die drei identifzierten Typen sind auch nicht identisch, weder konzeptionell noch empirisch.
Bezüglich der Personenanzahl liegt Du hier nicht ganz richtig. Das ist ein völlig etablierter und valider Zugang für bestimmte Formen der Analyse, wie eben die Q-Analysen, Repertory Grid Analysen und auch für qualitative Forschung, die nahe an diesen Ansätzen liegt, die aber eben darüber hinausgehend noch stark statistisch geprägt sind. Tatsächlich kann die Anzahl bei Q-Analysen aus statistischen Gründen nie über der Anzahl der angefragten Sätze liegen, es gibt keine Q-Analysen mit viel mehr Personen, obgleich die Q-Analyse sich seit Jahrzehnten etabliert hat. Diese Studien wollen auch keine exakten Prozentsätze schätzen und behaupten ohne Replikationen auch keine bevölkerungsbezogene Generalisierbarkeit, sondern sie wollen Strukturen entdecken und diese interpretieren wir sodann. Oft ergeben sich aus solchen Studien tiefere Einsichten als aus bevölkerungsrepräsentativen quantitativen Untersuchungen, die nicht selten ziemlich trivial sind.
Die Rekrutierungsmethode ist ebenfalls Standard in psychologischen Untersuchungen, ein Großteil peer-reviewed veröffentlichter Studien erfolgte mit Psychologie-Student. Wir wissen mittlerweile, dass fundamentale strukturelle Befunde sich bereits in solchen Stichproben identifizieren lassen und typischerweise sehr robust sind. Psychologie-Student erhalten deshalb übrigens auch sogenannte Versuchspersonenstundenverpflichtungen, eben weil so reihenweise psychologische Forschung ermöglicht wird. Wenn wir jetzt interessiert wären an einer bevölkerungsrepräsentativen Einordnung – was ich in diesem Artikel nicht war –, müssten wir weitere Studien hinzuziehen, wobei diese aber immer nur viel schmaler messen.
Aber es gibt ja in diesem Blog mehrere Artikel zum Thema, die auch im Artikel verlinkt sind, und die beruhen alle auf stärker quantitativen Daten. Letztlich gelangen sie zu einem ähnlichen Schluss, aber in dieser Studie verstehen wir mehr die individuellen Unterschiede, während in den anderen Studien die Unterschiede eher durch Mittelwerte verdeckt werden. Und die Gruppe der digitalen Romantiker als gerade nicht vermeidende Personen wurde hier nach meinem Wissen erstmals prägnant sichtbar. Ich bin in dieser Tiefe und Prägnanz in keiner anderen Studie auf diese Gruppe gestoßen, auch wenn Ansätze – stärkere Nähe, Spannung bleibt aufrechterhalten, keine Auseinandersetzungen um Alltagsgewohnheiten, Qualitätszeit miteinander, Nutzung digitaler Medien – auch in anderen Studien beschrieben werden und sich insofern auch in diesem Blog vorher bereits fanden. In dieser Deutlichkeit, der dezidierten Überlegenheit der Fernbeziehung und auch im Hinblick auf die Besonderheit des Beginns – sie starteten die Beziehung, bevor sie sich offline trafen – ist der Typus aber für mich erstmals hier erkennbar, und er passt wiederum zu dem, was wir auch immer mal wieder an Einzelfallberichten bei Gleichklang erhalten, bis hin zu einem Freund von mir, der vor 15 Jahren bei uns eine Beziehung fand, die ebenfalls bereits begonnen hatte, bevor sie sich zum ersten Mal sahen.
Mir fallen zwei Dinge auf, die in den Kategorien leider nicht vorkommen. Welchen Bindungsstil erleben die 3 Gruppen und wie sind sie miteinander verbunden. Gruppe 3 (digitale Romantiker) sind meinem Verständnis nach Bindungsvermeider wie aus dem Lehrbuch, Gruppe 2 (Downer) wirken auf mich wie Verlustängstliche oder andere, die mit einem Bindungsvermeider unzureichend verbunden sind. Es würde mich nicht wundern, wenn Gruppe 2 und 3 allzu häufig Partnerschaften miteinander haben.
Interessant ist auch, dass die Gruppe 1 (traditionelle Romantiker), denen ich mich zurechne, sich bereits vor der Fernbeziehung gut kannten und daran arbeiten, diese temporäre Konstellation bald zu beenden. Letztendlich führt diese Gruppe ins Eheglück – gar nicht zufällig: ich vermute, unter ihnen sind viele sicher gebundene Menschen.
Wie erlangt man sichere Bindung auf Distanz, wenn man sich vorher nicht kannte? Wie vermeidet man Projektionen? Ich kann auf Distanz auch sehr viel Liebesgefühl aufbauen, aber meine ich damit meinen Partner oder erlebe ich da etwas, das ich schnell mit Liebe verwechsle: Sehnsucht, Phantasie und Schwärmerei? Das ist manchmal schwer auseinander zu halten, vor allem mit wenig Lebenserfahrung.
Wo sind die Paare, die langfristig glücklich miteinander sind und das auch mit räumlicher Nähe? Wo lernen sie sich kennen? Ich habe gelernt: nicht digital!
Eine misslungenen Werbeveranstaltung für die regionale unbegrenzte Suche auf der Plattform!
Digitale Romantiker sind keine Bindungsvermeider wie aus dem Lehrbuch. Sicherlich wären Korrelationen zu den Bindungsstilen auch interessant gewesen, aber sie wurden nicht erhoben. Die digitalen Romantiker haben ja eine emotional intensive und nahe Kommunikation, die Bindungsvermeider eben oft nicht haben, sondern durch die sie sich überfordert fühlen. Die Fähigkeit, ein hohes Ausmaß an emotionaler Nähe und Romantik über digitale Medien herzustellen, fällt nicht in die Kategorie von Bindungsvermeidung. Sie haben die Beziehung begonnen, bevor sie sich kennengelernt haben. Das heißt nicht, dass sie sich nie getroffen haben. Ich kenne viele Fälle bei Gleichklang, wo es genau so war und wo die Beziehungen seit Jahren halten. Eine Reihe ist dann auch zusammengezogen. Ich sehe es eher weniger als eine misslungene Werbeveranstaltung für die unbegrenzte Suche auf der Plattform als eben die Sachlage, dass Du zu der Gruppe der Distanz-Geplagten gehörst und deshalb die Studie vielleicht auch so liest. Und das ist ja auch nicht schlimm. Wer keine Beziehung möchte, bei der eine Entfernung besteht, ist dazu nicht gezwungen.
Ich kann mich da Sebastian nur anschließen, dass auch in meinem Verständnis Ambivalenzen nicht ausreichend abgebildet sind. Ich habe ebenso schon eine Fernbeziehung in Kauf genommen und auch manchmal drunter gelitten, aber andererseits durchaus auch meine Unabhängigkeit genossen. Das hat vielleicht auch mit dem Bindungstyp zu tun, ob man Nähe vielleicht auch unbewusst zumindest zum Teil als bedrohlich empfindet und die immer wieder kehrende Distanz sicherer ist oder ob man die Distanz nicht erträgt.
Ich verstehe schon, dass man das so einfach runterbricht, ist aber schon sehr reduziert.
Wobei Sebastian ja nach seiner Schilderung absolut wunderbar in die Kategorie einzuordnen ist, nämlich als distanzgeplagt, was ja nicht heißt, dass sich jemand nicht auf eine Beziehung einlassen würde, sondern dass die Distanz als unangenehm erlebt wird. Bei den Distanzgeplagten handelt es sich um Menschen, die sich auf eine Fernbeziehung einlassen, aber die Distanz nicht als sehr schön erleben. Bei den klassischen Romantiker:innen wird kein Unterschied gesehen, und bei den digitalen Romantiker wird die Distanz als Vorteil erlebt, als Chance für Romantik. Interessanterweise kommt eine große quantitative Studie übrigens zu dem Ergebnis, dass bei wachsender initialer Entfernung die Selbstoffenbarung höher ist, was möglicherweise durch die digitalen Romantiker bedingt ist. Es ist also nicht so, dass jetzt nur diese Q-Analyse solche Befunde zeigt. Es ist nicht so, dass aus dem theoretischen Konzept heraus sicher Gebundene schlechter in Fernbeziehungen leben könnten. Eher ist es ja so, dass sichere Bindung heißt, dass wir uns emotional in Nähe und in Ferne binden können. Die digitalen Romantiker:innen erfüllen auch nicht das Konzept der vermeidenden Bindung, weil die sehr hohe emotionale Nähe, die sie schildern, was auch die Bezeichnung Romantiker bedingt, genau nicht mit vermeidender Bindung übereinstimmt. Natürlich ist es nicht so, dass wir alle Feinheiten jedes Menschen in drei Typen abbilden können. Die Idee von Typen ist ja gerade, dass wir die Komplexität von z. B. acht Milliarden Menschen reduzieren. Du schilderst eine gewisse Ambivalenz. Je nachdem, wie stark diese ist, schwankst du eher zu dem einen oder dem anderen Typus. Das Gleiche gilt aber für alle Typen, auch für die Bindungsstile. Wenn wir sie quantitativ messen, erhalten wir, je nachdem, wie viele Fragen wir stellen und wie viele Antwortmöglichkeiten wir angeben, unendlich verschiedene Antwortprofile von Menschen, die wir dann aber manchmal statistisch oder in der Sprache zu drei Typen reduzieren, was für viele Analysen auch sehr hilfreich ist. Es kommt darauf an, auf welcher Auflösungsebene wir uns Dinge anschauen wollen. Wollen wir keine Verdichtung, haben wir mehr als acht Milliarden Individuen. Wollen wir nur den Menschen mit einer anderen Tierart vergleichen, reduzieren wir alle Menschen zu einer Gruppe. Oft suchen wir in der Praxis dann Kompromisse, indem wir z. B. von Typen ausgehen, aber deren Stärke bzw. Eindeutigkeit noch individuell qualifizieren etc.
ich glaub ich mach mal einen Kaffee für das Konzept von ‚physischer Ablenkung in Beziehung‘ 😀
ob es wohl Milch und Zucker im Kaffee mag? ich hab vom Wochenende auch noch Sprühsahne hier… Ja, genau! das ungesunde industriegezuckerte Zeug. Es bemerkt das sicher nicht, wenn ich da ’ne ganze Haube auf den Kaffee sprüh, wie so ein Baiser.
aber…
‚[…] Meine Freundin wohnt in derselben Stadt, und es war ein Schock für mich, dass wir uns jetzt jeden Tag sehen müssen.‘
… Wow! das ist… das ist so… mind-blowing! was ein Glück habe ich diesen Kaffee für das Konzept ‚physischer Ablenkung in Beziehung‘ tatsächlich vor mir stehen. und bin mir sicher, dass es keine Augenbraue hebt, wenn ich ihm den Kaffee weg trinke, oder ich mich heute Nacht auf dem Sofa frage, ob der nächste logische Schritt unserer hypothetischen Beziehung der sein sollte, wieder nachhause zu fahren. Ob dieser Satz vielleicht der ontologische Beweis dafür sein könnte, dass zwei komplett unterschiedliche Universen mit jeweils eigenem Urknall locker auf einen Löffel passen? A propos Löffel: ich mach jetzt noch mal einen Kaffee für mich.
Gemini, Schatz, magst Du auch einen?
Auf Gleichklang sind viele, die denken, man könnte sich nur kennenlernen, wenn man sich im Restaurant gegenübersitzt. Dieselben Leute haben mehrere gescheiterte Beziehungen hinter sich, die ohne Internet und Datingapps entstanden sind.
Für technikaffine Menschen entsteht Sympathie nicht primär durch Sexappeal und im selben Raum sitzen, sondern Verbundenheit auf intellektueller, spiritueller und emotionaler Ebene. Bei „sofort Treffen“ kommt die intellektuelle Ebene zu kurz. Selbst Freundschaften bestehen in Unternehmungen, nicht im intellektuellen Austausch.
Ich kenne etliche Paare, die sich in Onlinecommunities kennengelernt haben, teils jahrelang online kannten, sich irgendwann trafen und letztendlich zusammengezogen sind und zusammengeblieben sind. Diese Paare kannten die Gedankenwelt des anderen zum Zeitpunkt des Zusammenkommens viel besser als Leute, die sich offline kennenlernen, nach 3 Wochen Sex haben und nach 1 Jahr wieder getrennt sind – trotz desselben Wohnorts.
Ohne Substanz bestehen Onlinekontakte nur sehr kurz, weshalb ein langjähriger, intensiver Onlinekontakt in der Regel auch offline weiterbesteht, während schnelle offlinetreffen mit Onlinekontakten nie tragfähig blieben – und damit meine ich, nicht mal als Freundschaft tragfähig.
Deshalb würde ich die Sortierung weniger als Romantiker oder Geplagte vornehmen, sondern nach körperlich fixiert, intellektuell-spirituell fixiert und emotional-fixiert und das dann gewichten als Anteil/Person.
Vermutlich gehörst Du dann zu den digitalen Romantiker:innen 🙂
Also, mir ist diese Einteilung eigentlich nicht von Bedeutung.
Meine persönliche Erfahrung: nach 5 Jahren Teilzeit-Fernbeziehung = 2 Wochen mit dem Partner zusammen in seinem Haus und 2 Wochen allein in meiner Wohnung in der Nähe meiner Enkelkinder habe ich gemerkt, ich bin nicht für ein 24/7 Zusammensein gemacht. Wäre da nicht die Entfernung von 600 km gewesen, hatten wir getrennt wohnen und uns häufig sehen können, und das hätte gut funktionieren können „living apart together“ nennt man das glaube ich. In meinem Alter (75) stresst einen das Anderssein des/der Anderen mehr als in jungen Jahren, wo noch viel Zeit ist und man die notwendigen guten Nerven hat, Konflikte konstruktiv auszutragen und zusammenzuwachsen.
Für wichtiger halte ich, dass die Bedürfnisse nach Zusammensein kompatibel sind. Mein Partner war die meiste Zeit unglücklich, dass ich nicht immer bei ihm war, und mir hat die Abwechslung gut getan und ich war mit der digitalen Verbundenheit zufrieden.
Letzten Endes haben mich seine Ansprüche und seine Unzufriedenheit aber das Handtuch werfen lassen.
Auf Deine Konstellation passt die Klassifikation nach meinem Eindruck gut. Du gehörst zu den digitalen Romantiker:innen, Dein Freund gehörte aber zu den Distanz-Geplagten, und genau diese beiden Konstellationen, wenn wir sie nicht ändern können, passen nicht, sodass am Ende eine Beziehung auch zu Ende gehen kann.
Meine letzte Antwort hat’s leider nicht gepostet. Ich schreibs nochmal kurz und knapp.
Natürlich ist alles eine Reduktion, Bildungsstile miteinzubeziehen wäre vielleicht schon sinnvoll gewesen.
Ich bezweifle, dass die digitalen Romantiker wirklich viel echte Nähe haben. Eher noch überdurchschnittlich viel Projektion…
Das ist deine Definition.
Nähe besteht nicht ausschließlich aus Sex und im selben Raum sitzen.
Paare würden sich nicht nach 30 Jahren Ehe in derselben Wohnung trennen, wenn das Nähe und „echtes“ Miteinander bedeuten würde.
Menschen, die sich geistig, emotional und spirituell austauschen, definieren Nähe unabhängig vom Körper. Die Verbindung ist somit tiefer, denn wie erwähnt, Sex können auch zwei Fremde in der Disco haben. Die Gedankenwelt des anderen kennt man nicht nach 10 Minuten Smalltalk.