Warum Liebe und Freundschaft oft schwer zu unterscheiden sind
Ich habe schon viel über Liebe und Freundschaft geschrieben, beispielsweise in dem Artikel „Wie aus Freundschaft Liebe wird“ oder auch in dem Artikel „Freundschaft oder Partnerschaft?“.
Spezifisch zur Freundschaftssuche und zur Freundschaftssuche bei Gleichklang möchte ich zudem auf die Artikel „Generationenübergreifende Freundschaft“ und „Freundschaftssuche bei Gleichklang“ verweisen.
Anhand der Blogzugriffe, Rückmeldungen von Mitgliedern sowie Fragen von Coaching-Klient:innen erkenne ich, dass das Thema wichtig und noch keineswegs ausgeschöpft ist:
- Wann ist es eine Freundschaft, wann eine Liebesbeziehung? Wie kann ein Übergang funktionieren, funktioniert er überhaupt, kann umgekehrt aus Liebe Freundschaft werden? Was sind die genauen Unterschiede zwischen Freundschaft und Liebe? Was sagt uns dies für unsere Partnersuche oder unsere Suche nach Freundschaften?
All diesen Fragen gehe ich in meinem heutigen Blogartikel nach und hoffe, einige Antworten geben zu können, die zu mehr Klarheit bei der Partnersuche und bei der Freundschaftssuche führen.
Dabei werde ich auch auf hybride Konzepte wie Freundschaft+ eingehen:
- Sind dies Freundschaften, Partnerschaften oder etwas ganz Neues? Führen sie typischerweise zu wertvollem Erleben, wie entwickeln sie sich?
Schließlich ergibt sich aus alledem die Frage, wann der Punkt gekommen ist, ab dem ich mich für eine Beziehung entscheiden kann. Auch darauf gebe ich abschließend einen Antwortvorschlag.
Freundschaft und Partnerschaft haben eine gemeinsame Tiefenstruktur
Ich beginne mit der Tradition von psychologischer Forschung, die mithilfe von psychometrischen Methoden – also Methoden, die psychische Eigenschaften messbar machen – die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Freundschaft und Partnerschaft untersucht.
Ponti und Kolleg:innen untersuchten die Faktorenstruktur von Freundschaft und Partnerschaft. Sie griffen dazu auf ein etabliertes Instrument zur Messung von Freundschaften zurück und wandten dies auf partnerschaftliche Beziehungen an. Im Ergebnis entwickelte sie also zwei parallel aufgebaute Skalen zur Erfassung der Qualität von Freundschaften und romantischen Beziehungen.
Die Ergebnisse waren sehr eindeutig:
Beide Beziehungsformen zeigten exakt die gleiche fünfdimensionale Struktur:
- Konflikt: Spannungen, Streit oder Unstimmigkeiten
- Gemeinsames Erleben: Freude daran, Zeit miteinander zu verbringen
- Hilfe: Gegenseitige Unterstützung
- Sicherheit: Gefühl, sich verlassen zu können
- Nähe: Emotionale Verbundenheit und Vertrautheit
Individuelle Freundschaften und Partnerschaften unterschieden sich dahingehend, wie stark diese fünf Dimensionen jeweils die entsprechenden Beziehungen prägten.
Um diesen Befund in seiner Fundamentalität allgemein verständlich zu sagen:
- Faktorenanalysen – wie sie die Autor:innen anwandten – sind statistische Verfahren, mit denen untersucht wird, ob hinter vielen einzelnen Antworten auf Fragebögen tiefere gemeinsame Dimensionen stehen. Wenn Menschen also viele Fragen zu Freundschaft oder Partnerschaft beantworten, kann eine Faktorenanalyse sichtbar machen, ob diese vielen Antworten in Wirklichkeit durch einige wenige zugrunde liegende psychologische Dimensionen strukturiert werden. Das ist fundamental, weil nicht nur einzelne oberflächliche Unterschiede in Antworten betrachtet werden, sondern die latente, also verborgene Struktur, die unsere Antworten mitordnet.
Ponti und Kolleg:innen konnten insofern schlüssig belegen, dass Freundschaft und Partnerschaft nicht einfach zwei völlig verschiedene Dinge sind. Dass die identifizierten fünf Dimensionen sowohl bei Freundschaften als auch bei Partnerschaften auftreten, bedeutet nämlich, dass Partnerschaft und Freundschaft sich in weiten Bereichen überschneiden. Sie sprechen ähnliche Motive, ähnliche Lebensweisen und ähnliche Grundbedürfnisse an.
Sexualität als zentrale Zusatzdimension romantischer Liebe
Hassebrauck und Fehr identifizierten in vier Studien zur Beziehungsqualität jedoch eine weitere Dimension, die in Freundschaften meistens nicht auftaucht:
- Sexualität
Dies bedeutet, dass Partnerschaft und Freundschaft eine in weiten Bereichen überschneidende Struktur haben, eine große Ähnlichkeit, ähnliche Motive und Lebensweisen ansprechen, dass aber bei Partnerschaft – jedenfalls typischerweise oder für die meisten – Sexualität als eine weitere Dimension hinzukommt.
Das ist wesentlich, weil Sexualität ein uns grundlegend antreibender Primärverstärker ist und weil sexuelle Zufriedenheit in hohem Ausmaß mit Lebenszufriedenheit verbunden ist, aber auch, weil Sexualität einen dranghaften, treibenden, leidenschaftlichen Charakter hat. Indem Sexualität bei der Liebe als Dimension hinzutritt, aber bei der Freundschaft fehlt, zeigt sich ein anderer Charakter der Liebe, die über die freundschaftlichen Komponenten hinaus die dranghaften und leidenschaftlichen Komponenten aufnimmt.
Dies deckt sich mit Befunden zur kameradschaftlichen und leidenschaftlichen Liebe, die zwei fundamentale Cluster der Liebe darstellen, wobei sich Menschen in ihren Liebesbeziehungen im Ausmaß des einen und des anderen Clusters unterscheiden und dies sich zudem im Beziehungsverlauf verändern kann, wobei oft leidenschaftliche Komponenten zurücktreten und die kameradschaftliche eher hervortritt.
Genau in diese Richtung eines stabilisierenden Effektes von Freundschaft auf Partnerschaften passt auch eine Beobachtung von VanderDrift, Wilson und Agnew, dass das Wertschätzen des Freundschaftsaspektes innerhalb einer romantischen Beziehung positiv mit Liebe, sexueller Gratifikation und Verpflichtung zusammenhing und negativ mit Trennung.
Liebe ist nach diesen Befunden letztlich nicht auf Freundschaft reduzierbar, aber eine stabile Liebe enthält offenbar vielfach eine tragende Freundschaftskomponente.
Warum Liebe oft intensiver erlebt wird als Freundschaft
Bisher wurden vor allem wichtige Gemeinsamkeiten, aber auch ein zentraler Unterschied erkennbar, nämlich der Bezug von Sexualität zur Liebe, der bei Freundschaft fehlt.
Dies bedeutet ebenso, wie bereits ausgeführt, dass stärker dranghaft-leidenschaftliche Komponenten in Liebesbeziehungen eintreten. Freundschaften können demnach potenziell ruhiger sein.
Genau hierfür sprechen nun Befunde, die Intensitätsunterschiede zwischen Liebe und Freundschaft deutlich machen:
- Cann untersuchte, wie sich freundschaftliche Beziehungen von romantischen Beziehungen unterscheiden. Dabei gelangte er zu dem Ergebnis, dass für beide Beziehungsformen Intimität, Verlässlichkeit, Leistung (im Sinne von Streben/Fähigkeit, voranzukommen) sowie Freundlichkeit bedeutsam sind. Intimität, Verlässlichkeit und Leistung wurden jedoch bei Liebesbeziehungen höher eingeschätzt als bei Freundschaften, wobei der Unterschied bei der Intimität besonders stark hervortrat. Allein das Merkmal Freundlichkeit war für Freundschaften und Partnerschaften gleichermaßen bedeutsam.
Konflikte, Liebe und Freundschaft
Hohe Intensität ist aber nicht immer etwas Angenehmes, sondern auch die Konfliktintensität scheint in Liebesbeziehungen meistens höher zu sein als in Freundschaften:
- Samantha Chan, Katherine Wincentak und Jennifer Connolly untersuchten Konflikte mit Freund:innen und romantischen Partnern bei Mädchen, die sich in Heimerziehung befanden. Sie stellten fest, dass Konflikte mit dem Boyfriend viel intensiver und volatiler waren als Konflikte mit der besten Freundin.
- In den qualitativen Auswertungen tauchten für romantische Beziehungen häufiger Verrat, Verlustangst, Commitment-Probleme, Zwang und Exklusivitätsansprüche auf, während Freundschaftskonflikte eine geringere Eskalationsstufe markierten.
Dieser Befund, dass Konflikte in Freundschaften weniger intensiv ausgetragen und weniger existenziell werden als in Partnerschaften, erinnert mich an einen vorherigen Artikel von mir zum Thema „Wenn Liebe zu Hass wird:
- Es zeigte sich in unseren Daten, dass nicht wenige von uns das Phänomen, dass aus Liebe Hass wird, kennen, wobei manchmal Hass und Liebe auch gleichzeitig bestehen können.
Es scheint die höhere Intensität zu sein, die als aktivierende und treibende Komponente dazu führt, dass leidenschaftliche Liebe zu leidenschaftlichem Hass werden kann.
Tatsächlich sind an Liebe und Hass auch ähnliche Strukturen und Bahnen im Gehirn beteiligt, wobei bei der Liebe das kritische Denken ein Stück weit ausgeschaltet, beim Hass aber fokussiert wird.
Interessanterweise deckt sich dieser Befund einer Deaktivierung des kritischen Denkens wiederum mit einer großen psychologischen Literatur, dass wir dann, wenn wir jemanden lieben, dazu neigen, diese Person zu idealisieren.
Wie Beziehungen entstehen: Freundschaft als Weg zur Liebe
Ich schrieb bereits über eine internationale, sehr große Studienserie, die fand, dass die große Mehrheit der Liebesbeziehungen zunächst als Freundschaften begann.
- Stinson und Kolleg:innen berichteten in mehreren Studien, dass etwa zwei Drittel der Befragten angaben, ihre aktuelle oder letzte romantische Beziehung habe als Freundschaft begonnen. Zugleich war der Weg „friends-first“, also erst Freundschaft und dann Liebe, sogar der bevorzugte Startmodus.
Dies deckt sich mit Befunden im Bereich der Adoleszenz, die belegen, dass erste Beziehungen typischerweise aus Freundesnetzwerken entstehen:
- Kreager, Molloy, Moody und Feinberg untersuchten die Ursprünge jugendlicher Datingbeziehungen in Peernetzwerken. Sie beobachteten, dass romantische Beziehungen häufig aus räumlicher und sozialer Nähe in Freundschaftsnetzwerken hervorgehen und dass gegengeschlechtliche Freund:innen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu Datenden werden.
Der Übergang von Freundschaft zur Liebe ist also nicht ungewöhnlich, sondern ein typischer Weg. Da Sexualität – jedenfalls in bisheriger Betrachtungsweise – die Zusatzdimension der Liebe ist und mit leidenschaftlicher Aktivierung und Drang einhergeht, liegt die Vermutung nahe, dass freundschaftliche Beziehungen sich in romantische Beziehungen verwandeln, wenn die betreffenden Personen beginnen, miteinander sexuell intim zu werden.
Wenn in freundschaftliche Bezüge Sexualität eintritt, kann dies also der entscheidende Punkt für den Übergang von Freundschaft zu Liebe sein.
Freundschaft plus als Hybridkonzept zwischen Nähe, Sexualität und Unverbindlichkeit
Wie aber ist vor diesem Hintergrund und den bisherigen Befunden das Modell Freundschaft+ zu bewerten?
- Theoretisch könnten wir vermuten, dass es Freundschaft mit Sex verbindet. Da Sex aber der Liebe zugehört, wäre in diesem Sinne im Grunde Freundschaft+ eine Liebesbeziehung, selbst wenn wir ihr einen anderen Namen vergeben.
Aber es gibt sicherlich Gründe, warum Menschen sich als Freundschaft+ und nicht als Liebesbeziehung definieren. Genau hierzu liefern uns erneut psychologische Studien Aufschluss, die im Übrigen nahelegen, dass Freundschaft+ in der Realität eher kritisch zu bewerten ist:
- Knight zeigte in Interviewdaten, dass in Freundschaft-plus-Beziehungen Beziehungsgespräche als problematisch, stigmatisierend oder gesichtsbedrohend erlebt werden, negative Gefühle als Regelbruch erscheinen und diese Konstellationen durch das Unterdrücken von Beziehungsgesprächen aufrechterhalten werden.
- Williams und Adams fanden in Fokusgruppen mit Jugendlichen, dass Friends with Benefits eher nicht als wirklich fürsorglich und freundschaftlich erlebt werden. Die freundschaftliche Komponente kann gegenüber der sexuellen Funktion verblassen, und es entstehen widersprüchliche Wünsche und emotionaler Schmerz.
Der Titel der Arbeit stellt die entscheidende Frage:
- Friends with benefits or „friends“ with deficits?
Solch eine Freundschaft+-Konstellation scheint auch nicht die beste Beziehung für eine womöglich doch entstehende romantische Beziehung zu sein:
- Owen und Fincham fanden, dass Personen, deren exklusive romantische Beziehung aus einer Friends-with-Benefits-Phase hervorgegangen war, im Durchschnitt geringere Beziehungszufriedenheit berichteten als Personen ohne diesen Startpfad. Dies legt nahe, dass Freundschaft+ nicht besonders tief und innig ist, sondern eher wenig Bindungsbereitschaft, Oberflächlichkeit und geringe Dauerhaftigkeit zeigen kann.
Womöglich führt allein die Erinnerung an die anfängliche Bindungsvermeidung zur Blockierung der nachfolgenden Beziehungsentwicklung.
Das Konzept Freundschaft+ ist demnach nicht der Schlüssel, um Freundschaft und Liebe miteinander zu verbinden, sondern ist oft eher Ausdruck einer Art unverbindlicher, sich verflüchtigender Beziehungen, die selbst dann weniger glücklich werden, wenn aus ihnen doch eine Liebesbeziehung entsteht.
Die explizite und vereinbarte Unverbindlichkeit, der namensgebende Ausschluss von Liebe, verleitet vermutlich dazu, auch den Wert der Freundschaft abzuwerten.
Im Coaching habe ich dennoch mehrfach die Erfahrung gemacht, dass der Übergang von definierter Freundschaft+ in eine nachhaltige Beziehung gelingen kann. Der entscheidende Wirkprozess war hier, das Konzept Freundschaft+ gemeinsam zu hinterfragen, sodass die Betreffenden entdeckten, dass sie sich in Wirklichkeit lieben.
Damit möchte ich nicht sagen, dass Freundschaft+ per se ein invalides, schädliches Konzept oder mindestens zu überwindendes Konzept ist.
In der Praxis scheint es teilweise auf Bindungsvermeidung zu beruhen, aber dies bedeutet nicht, dass dies immer der Fall sein muss:
- So weisen andere Befunde darauf hin, dass Freundschaft+ auch positiv oder neutral erlebt werden kann. In einer Untersuchung kanadischer Studierender bewerteten 38 % der Teilnehmenden ihre Erfahrung mit Freundschaft+ positiv und weitere 37 % neutral. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass gerade Frauen sich besonders häufig aus der Hoffnung auf eine spätere romantische Beziehung auf eine solche Konstellation einließen.
Wenn aus Liebe Freundschaft wird
Wir haben gesehen, dass aus Freundschaft nicht nur Liebe werden kann, sondern dass dies auch bei vielen Liebesbeziehungen genau so geschah:
- Der Weg von Freundschaft zur Liebe ist ein geradezu typischer Weg, wie romantische Beziehungen entstehen, vermutlich indem vermehrt auch körperliche Nähe und Sexualität eingebunden wird und dadurch die Intensität der Gefühle sich erhöht.
Wie ist es aber, wenn aus Liebe Freundschaft wird?
Es gibt hierzu nur eine eher dünne Befundlage, die sich darauf fokussiert, ob Personen nach Trennungen mit Ex-Partner:innen befreundet bleiben. Die Untersuchungen zeigen hier teilweise eine eher nüchterne Befundlage:
Griffith, Gillath, Zhao und Martinez identifizierten diese vier Motivbereiche, warum Ex-Partner:innen Freunde bleiben:
- Sicherheit
- Praktische Gründe
- Höflichkeit
- Unaufgelöste romantische Wünsche
Praktische Erwägungen können also eine erhebliche Rolle spielen:
- Menschen bleiben nach einer Trennung manchmal verbunden, weil sie gemeinsame Freundeskreise haben, organisatorische Gründe bestehen, gemeinsame Verantwortung weiterläuft oder ein Kontaktabbruch kompliziert wäre.
Ebenfalls gibt es nach diesen Befunden auch so etwas wie eine ungeklärte Romantik oder einen verbleibenden Beziehungswunsch, der dazu führen kann, dass aus Partnerschaften kein Kontaktbruch, sondern eine Freundschaft entsteht. Solche ungeklärten Beziehungswünsche wirken sich jedoch eher negativ aus:
- Die Autor:innen beobachteten, dass unaufgelöste romantische Wünsche eher zu negativeren Verläufen in den Freundschaften führen.
Wenn die Freundschaft mit Ex-Partner:innen durch nicht abgeschlossene romantische Wünsche getragen wird, bleibt die alte Beziehung innerpsychisch teilweise bestehen. Dies kann neue Beziehungen blockieren, Hoffnung verlängern, Trennungsschmerz aufrechterhalten und verhindern, dass eine wirklich eigenständige Freundschaft entsteht.
Die Freundschaftszone
In meinem vorherigen Artikel „Zwischen Nähe und Enttäuschung: Die Freundschaftszone“ habe ich ausführlich über das Phänomen geschrieben, dass Menschen eine romantische Beziehung wünschen, sich aber in einer Freundschaft wiederfinden. Oftmals sind sie damit nicht glücklich und manche berichten, dass sich die Geschichte wiederholt.
Ein Hintergrund kann sein, dass romantische Gefühle nicht eindeutig kommuniziert werden. Manche bleiben womöglich auch deshalb in der Freundschaftszone, weil sie direkte Ansprache und klare Klärung vermeiden. Stattdessen werden Gefühle nur indirekt gezeigt, etwa durch häufiges Melden, besonderes Interesse, kleine Gesten, digitale Nachrichten, subtile körperliche Annäherung oder Hinweise über Dritte. Solche Signale bleiben leicht missverständlich. Eine direkte Klärung kann helfen, indem eines der drei Ergebnisse zutage tritt:
- Die Freundschaft bleibt bestehen, sie löst sich auf oder es entsteht eine Liebesbeziehung.
Entscheidend ist, nicht dauerhaft in Andeutungen und unausgesprochenen Erwartungen zu bleiben.
Was wir daraus schließen können
Was wir aus all dem schließen?
- Partnerschaft und Freundschaft sind keine fundamental unterschiedlichen, sich klar abgrenzenden Beziehungsformen. Liebe und Freundschaft sind vielmehr ähnlich und befriedigen oftmals ähnliche Grundbedürfnisse.
- Oft wird dabei aber Sexualität für den romantischen Bereich reserviert, während das Hybridkonzept Freundschaft+ im Grunde häufig nur ein Ausdruck dafür ist, dass kein echtes Interesse an Verbindlichkeit besteht.
- Am ehesten stellen Partnerschaft und Freundschaft Beziehungen in einem gemeinsamen Spektrum dar, wobei Liebe eben stärker leidenschaftlich charakterisiert ist. Dabei liegt es an den Betreffenden, wann sie eine Beziehung als Freundschaft und wann als Partnerschaft definieren. Die Änderung der Definition allein kann dabei tiefgreifende Auswirkungen auf den weiteren Beziehungsverlauf haben.
Bedeutung für Partnersuche, Freundschaftssuche und persönliche Klärung
Für die Partnersuche und Freundschaftssuche folgt für mich daraus, dass es sinnvoll ist, sich über das eigene Streben klar zu werden und dies auch explizit zum Ausdruck zu bringen:
- Suchen wir eine Partnerschaft, macht es wenig Sinn, sich auf eine Freundschaft+ einzulassen, aus der nur selten eine Beziehung entsteht.
- Suchen wir eine Freundschaft+, kann dies Anlass sein, die eigene Bindungsbereitschaft zu reflektieren und gegebenenfalls auch sich einzugestehen, dass es eher um sexuelle Befriedigung als um tragfähige Beziehungen geht.
- Oder aber wir achten darauf, tatsächlich einen freundschaftlichen Charakter zu bewahren und auszubauen, damit sich eine Freundschaft+ nicht im Nichts verliert. Dies scheint vielen schwerzufallen, aber möglich ist es.
Ganz entscheidend für viele ist zudem die Frage, wie genau aus Freundschaft Partnerschaft werden kann und wie ich dies wahrnehmen können?
Hier geben die Studien zur Intensität der Gefühle womöglich Aufschluss:
- Eine Beziehung kann sehr ruhig beginnen, mit Sympathie und ohne Leidenschaft. Beginnen wir aber miteinander auch den Bereich der Sexualität zu erschließen, komplettiert sich oft das Bild, und wir merken auch selbst, dass etwas entsteht, was wir Liebe nennen entsteht.
Aber es wäre zu apodiktisch und empirisch auch nicht richtig, nunmehr Liebe allein als echte Freundschaft plus Sexualität mit all ihren Folgewirkungen zu definieren:
- Denn es gibt eben die platonischen Liebesbeziehungen, die Beziehungen Asexueller oder auch die Beziehungen sexuell interessierter Menschen, in denen dennoch Liebe erlebt wird. Wir können problemlos eine sehr tiefe Freundschaft, deren Tiefe so stark ist, dass wir mit der Person gemeinsam durchs Leben gehen möchten, als Liebe verstehen. Womöglich können wir uns durch solch eine freundschaftliche Liebe sogar einiges an Leid sparen.
Praktisch entsteht das Problem beim Dating, ob es nun Freundschaft oder bereits Liebe ist. Oder, ob wir weiterhin Single oder bereits in einer Beziehung sind. Dies sind keine trivialen Fragen, und allein die gemeinsame Benennung kann bahnen, was nachfolgend geschieht.
Oftmals löst sich diese Frage spontan und intuitiv auf, aber nicht immer, und es gibt nicht wenige, die zweifeln oder sich genau wegen dieser Frage bei der Partnersuche als blockiert erleben.
Vorher von mir beschriebene Befunde „Über die Reihenfolge der Gefühle beim Beziehungsstart“ zeigen, dass häudig eine Beziehung sogar bereits vor den Liebesgefühlen beginnt. Dies macht das Bild noch einmal deutlicher:
- Offenbar können wir uns bei wirklich guter Passung und Sympathie gemeinsam für eine Beziehung entscheiden, bevor wir die Liebe wirklich spüren, und nicht selten tritt im Verlauf sodann die Liebe mit Verzögerung hinzu. Das passt zu Studien mit arrangierten Ehen, bei denen Liebe am Anfang deutlich geringer ist, sich aber nach einem Jahr nicht mehr in der Intensität von der Liebe zu selbst gesuchten Partner:innen unterscheidet.
Beziehung als Entscheidung bei guter Passung
Treffen wir eine gut begründete Entscheidung für eine Beziehung, sind die Aussichten gut, dass Liebe im Verlauf entstehen wird.
Womöglich werden sich einige Leser:innen an dieser Aussage stören. Aber sie ist nichts weiter als eine Beschreibung der Realität des menschlichen Liebeslebens und gleichzeitig eine Hoffnung für diejenigen, bei denen der Beziehungsbeginn nur daran scheitert, dass sie trotz passender Menschen meinen, keine Beziehung eingehen zu können, weil sie noch keine Liebe spüren. Womöglich gehören sie zu denen, die die Liebe erst im Verlauf einer Beziehung spüren werden.
Partnerfindung ist ein seltenes Ereignis, und es ist herausfordernd, einen Menschen kennenzulernen, mit dem wir gemeinsam durchs Leben gehen können:
- Begegnen wir einem Menschen, bei dem wir merken, dass die wichtigsten Grundeinstellungen und Lebensvorstellungen passen, kann es daher wirklich oft sinnvoll sein, eine Beziehung bereits zu beginnen, auch wenn die Liebesgefühle noch nicht wirklich spürbar sind.
Nicht aus Verzweiflung, um unbedingt das Singledasein hinter sich zu lassen, sondern aus einer Konsistenz aus Verstand und Gefühl, wobei der Verstand sagt, dass alles passt, und auch das Gefühl eine Sympathie wahrnimmt, die sich, dadurch dass wir uns für eine Beziehung entscheiden, zur Liebe entwickeln kann.
Bei Gleichklang unterstützen wir durch unseren psychologischen Matching-Algorithmus die Kompatibilität. Alles andere liegt sodann bei den Betreffenden selbst.
Gern begleiten wir auch Sie auf Ihrem Weg zur Beziehung:
▶ Zur Beziehungssuche bei Gleichklang
Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen mit Freundschaft und Liebe? Bitte teilen Sie diese mit uns in den Kommentaren – herzlichen Dank!
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10 Kommentare
Ein Punkt fehlt mir aber bei der Betrachtung.
„Freundschaftliches Interesse vortäuschen, um eine Liebesbeziehung herzustellen“
Interessanterweise gibt es nach meinem Wissen zu diesem Thema keine Forschung. Es ist auch schwierig, hier die Grenzen zu ziehen. Was ist ein legitimer Versuch, eine partnerschaftliche Beziehung mit jemandem eingehen zu können? Es ist völlig normal, dass sich das romantische Interesse zeitlich asymmetrisch entwickeln kann, und vor einer Partnerschaft ist es dann eben eine Freundschaft. Und wo ist es tatsächlich manipulativ? Grundsätzlich entsteht nach meiner Einschätzung dann Legitimität, wenn die eigenen Motive und Erlebnisweisen offen kommuniziert werden. Leider prägt jedoch einen Großteil unserer Beziehungskonstellationen ein Mangel an solcher offenen Kommunikation.
Guten Tag,
dieser blogg war wohl extra für mich geschrieben …
Denn seit Anfang diesen Jahres begann für mich eine außergewöhnliche Liebesbeziehung. Wir hatten uns Pfingsten 2025 kennengelernt, und es entstand gleich ein besonderes Gefühl zwischen uns.
Um es vorweg zu nehmen: diese wunderbare Behiehung wurde Mitte Mai von ihm beendet. Ich war am Boden zerstört.
Es blieb ein großer Schmerz, Kränkung aber auch weiterhin Liebesgefühle und starke Sehnsucht nach ihm. Das ist heute noch so.
Inzwischen denke ich, dass evtl. eine Freundschaft zwischen uns gelingen könnte, dass er sich darauf einläßt. Das würde mich in meiner verzweifelten Situation trösten.
Wir könnten unseren vorher so intensiven und liebevollen Mailkontakt wieder aufnehmen. Dadurch die Entwicklung des anderen mitverfolgen.
Meine Hoffnung richtet sich auch auf ein erneutes persönlichesTreffen, bei dem ich gerne noch einiges klären möchte, um unseren Abschied gemeinsam zu gestalten.
Diese Konstruktion (aus Liebe wird Freundschaft) ist allerdings von meiner Seite eher ein Kompromiss um ihn nicht ganz zu verlieren.
Was sagst du dazu ?
Mit herzlichen Grüssen
Hilke Folkers
Danke, dass Du Deine Geschichte hier mit uns teilst. Das ist eine sehr schmerzhafte Situation, und es verbleibt die Sehnsucht, der Wunsch, die Beziehung fortzusetzen. Außerdem gibt es einen Wunsch nach einem persönlichen Treffen, um noch einiges zu klären. Ich würde Deine Situation so sehen:
Ein persönliches Treffen zur Klärung ist auf jeden Fall sinnvoll, sofern er bereit ist, sich darauf einzulassen. Es ist immer besser, sich auszutauschen, und auch wenn es bei der Trennung bleiben sollte, wäre es für Dich auch im Rückblick besser, dieses Treffen wahrgenommen zu haben.
Du schilderst den Fall, dass der Wunsch nach Beziehung weiterhin vorhanden ist und deshalb – da die Möglichkeit blockiert ist – eine Freundschaft eingegangen wird. Im Durchschnitt verlaufen solche Konstellationen oft ungünstig, die Ablösung wird erschwert, die Schmerzen bleiben länger bestehen, es entstehen Kollisionen, z. B. wenn eine neue Partnerin hinzutritt, die Beziehungen enden oft irgendwann, und wenn nicht, bleiben sie vielfältig unerfüllt. Sie können ja auch die Neuorientierung behindern.
Dies gesagt, ist die Unterschiedlichkeit von Mensch und Situation so groß, dass es auch nicht richtig wäre, generell vor solch einer Konstellation zu warnen. Wenn Du Dich auf sie einlässt, solltest Du Dich bewusst und reflektiert auf sie einlassen (also im Wissen um ihre möglichen Folgen) und dennoch daran arbeiten, dich innerlich zu lösen und dich auch neu zu orientieren auf die Möglichkeit einer Beziehung mit jemandem anderen.
Sollte es sein, was Du Dir wünschst (und was auch manchmal eintritt, aber meistens nicht), dass es zu einem Wiederaufleben der Beziehung kommt, solltest Du sicherstellen, dass Du genau verstehst, was der Grund für die Beendigung durch den Partner war und was sich nunmehr bei ihm oder in eurer Interaktion geändert hat, dass die Gründe nicht mehr eintreten wird.
Alles in Kürze zusammengefasst, kann es funktionieren, dass aus Liebe Freundschaft wird, aber es ist in dieser Konstellation ein anspruchsvolles Unterfangen, und Du solltest auch selbstfürsorglich auf Dich achten, ob Dir unter diesen Bedingungen der Trauerprozess, die Bewältigung des Schmerzes und eine Ablösung gelingt. Nur wenn Du dies bewerkstelligen kannst, wäre eine Freundschaft sinnvoll, ansonsten wäre eher sinnvoll nach einem abschließenden Gespräch, wenn sich von seiner Seite aus nichts ändert, die vollständige Trennung und deren Bewältigung. Das ist anfangs besonders schmerzhaft, aber die Schmerzen lösen sich im Verlauf, und eine Neuorientierung wird möglich.
Lieber Guido,
herzlichen Dank für deine ausführliche und hilfreiche Antwort. Hat mir gut getan.
Inzwischen gibt es schon wieder eine neue Situation.
Gestern rief er (versehentlich) an und wir konnten kurz miteinander reden. Als ich das Wort „Liebesbeziehung“ erwähnte, reagierte er sofort abwehrend und meinte, er (oder wir ?) seien nur „besoffen“ gewesen. Das traf mich sehr.
Da er (früher) jedoch Probleme mit Alkohol hatte, konnte ich seine Einschätzung als für ihn zutreffend einordnen.
Er hat wohl immer noch eine Suchtstruktur. Er erwähnte mal in einer seiner (damals noch liebevollen) Mails, dass er direkt süchtig danach sei, jeden Tag meine Mails zu lesen und selber so häufig zu schreiben.
Ich fragte ihn wegen eines persönlichen Treffens, und er war damit einverstanden. Allerdings wolle er nicht mehr über unsere beendete Beziehung reden, sondern nur über alles mögliche andere. Das war natürlich wieder enttäuschend für mich.
Von meiner Seite aus ziehe ich mich nun ganz zurück, spüre jetzt auch deutlichch einen großen Ärger über ihn, darüber was er mir gefühllos zumutet, wie er mich monatelang im Glauben ließ, er liebe mich auch und könne sich eine gemeinsame Zukunft (in Freiburg) mit mir vorstellen.
Nun ist das plötzlich alles nicht mehr wahr, nicht mehr gültig. Er war offenbar die ganze Zeit über nur in einem Gefühlsrausch, eben besoffen.
Ich bin total auf dem Rückzug, es bleibt nur der Schmerz und eine große Traurigkeit.
Seine Entscheidung, in Frankreich bleiben zu wollen, war für mich auch ein wichtiger Grund dafür, diese Beziehung beenden zu wollen.
Heute ist für mich der erste Tag meines neuen Lebens ohne ihn und ohne Illusionen. Der Blick richtet sich nach vorne, wenn auch noch nicht mit voller Kraft.
Ich danke dir für deine bestärkenden Worte.
Herzliche Grüße
Hilke
Ich glaube, auch wenn es sicher schmerzhaft ist, dass jetzt für Dich selbst, Deine emotionale Stabilität und Deine Entwicklung es das Beste ist, den Kontakt zu beenden, weil so die Trauerarbeit besser gelingt und die Schmerzen nachhaltiger überwunden werden können, als wenn Du jetzt weiterhin nicht notwendigerweise und vermutlich eher schädlicher Art und Weise in der Ambivalenz verbleibst. Auf diesem Weg wünsche ich Dir alles Gute und ich bin auch sicher, dass er gelingen wird.
Mir ist diese Differenzierung von Freundschaft und Beziehung allein über Liebe und Sex viel zu einfach gestrickt.
Was ist denn mit körperlicher Nähe ohne Sex? Die gegenseitige Wärme spüren kann eine intensive Vertrauensbasis schaffen, ein gemeinsames Fühlen von Geborgenheit. Der Bedarf dafür ist offensichtlich gegeben, nicht umsonst gibt es auch hierzulande sog. Kuschelpartys, frei von sexuellen Zwängen. Auch gibt es sogar unabhängig davon Kuscheltherapeuten. Diese körperliche Nähe soll wissenschaftlich nachweisbar auch eine sehr positive gesundheitliche Wirkung haben.
Diese Veranstaltungen werden im Übrigen auch von Paaren besucht, denen in der Beziehung etwas fehlt oder die sich dadurch selbst erst neu entdecken. Das hat auch damit zu tun, daß das Zulassen von Nähe häufig von männlicher Seite her mit Einladung zum Sex fehlinterpretiert wird.
Du hast fraglos recht, dass körperliche Nähe abseits von Sexualität (wobei die Trennung allerdings nicht immer so einfach ist, wie es scheint) als weiterer Faktor einbezogen werden sollte. Studien zeigen z. B., dass romantische Partner:innen sich länger umarmen als platonische Freund:innen (https://link.springer.com/article/10.1007/s10919-025-00495-y). Eine andere Studie fand außerdem ausschließlich positive Effekte auf die Gesundheit durch Berührungen von romantischen Partner:innen, aber nicht von Freund:innen (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S030645302300392X). Aber sicherlich ist das noch nicht das letzte Wort. Insgesamt scheinen mir die Befunde auch hier darauf hinzudeuten, dass die körperliche Dimension bei romantischer Liebe einfach stärker ist.
Danke für die Informationen. Die verlinkten Publikation sind jedoch leider nicht öffentlich zugänglich. Vielleicht kannst du mir Artikelnamen / Autoren der Studie nennen, um darüber mehr Informationen zu finden.
Die Bezahlschranke kann ich leider nicht außer Kraft setzen, weil diese ja von den Journals angegeben wird. Wenn du darauf klickst, siehst du aber Autor:innen, Titel und kannst ggf. versuchen, im Internet die Studie oder Informationen dazu zu finden.