Warum Liebe oft anders entsteht, als wir glauben – und weshalb dies Hoffnung macht
Vielleicht ist dies einer der wichtigsten Artikel in diesem Blog. Denn in den letzten fast 20 Jahren als Beobachter von Partnervermittlung und Online-Dating ist mir klar geworden, dass es viele Menschen gibt, die sich nicht verlieben. Manche von ihnen bleiben partnerlos, andere finden die Liebe, die sie suchen. Wie das gelingt, erklärt mein heutiger Artikel.
Wenn keine Verliebtheit eintritt
Der weltweit größte Datingkonzern – Match.com – hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, nach der ungefähr jeder fünfte Mann und ebenfalls fast jede fünfte Frau noch nie in ihrem Leben verliebt gewesen ist.
- Der Begriff der Verliebtheit meint dabei einen eher plötzlich, manchmal sogar ungewollt auftretenden Zustand intensiver Begeisterung, Faszination und als romantisch erlebter Liebe, also nicht eine langsam wachsende, ruhige Zuneigung.
Auch die restlichen ungefähr 80 % verlieben sich aber keineswegs häufig im Leben:
- Die meisten erleben dies Gefühl nur 2-3 Mal im ganzen Leben.
Es ist also nicht erstaunlich, wenn Verliebtheit nicht eintritt, selbst bei jahrelanger Online- oder anderweitiger Partnersuche.
Wenn ausbleibende Verliebtheit zur Hürde wird
Das Phänomen, dass sich Menschen nicht verlieben, ist uns auch bei Gleichklang keineswegs unbekannt. Tatsächlich erhalten wir immer wieder Rückmeldungen von Mitgliedern – sei es im direkten Mitglieder-Support oder in unseren vielfältigen Umfragen über die Jahre –, dass einfach keine Verliebtheit eintritt. Das gleiche schildert mir ungefähr ein Drittel meiner Coaching-Klient:innen.
Manche sind darüber verzweifelt und glauben daher, keine Beziehung finden zu können. Das ist jedoch ein Irrtum, den ich in diesem Artikel gerne gerade rücken möchte.
Allerdings kann dieser Irrtum schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden:
- Entstehende Begegnungen werden abgebrochen, weil das Gefühl der Verliebtheit fehlt. Das Fehlen der Verliebtheit wird als Desinteresse an der anderen Person interpretiert und manchmal sogar als Leere wahrgenommen.
Dies ist schade. Denn es widerspricht komplett dem Forschungsstand zu partnerschaftlichen Beziehungen und zur Liebe.
Dies zeige ich im Folgenden an einem besonders eindrücklichen Beispiel auf:
Arrangierte Partnerschaften als Beispiel für Liebe ohne Verliebtheit
Es gibt ein anderes Phänomen, das in westlichen Gesellschaften nur noch selten vorkommt, in anderen Gesellschaften jedoch weiterhin eine bedeutsame Rolle spielt:
- die sogenannten arrangierten Ehen.
Ich spreche hierbei ausdrücklich nicht vorwiegend über Zwangsehen, also nicht über eine besondere Untergruppe dieser Form der Beziehungsstiftung.
Vielmehr konzentriere ich mich auf die früher auch hier weitverbreitete Praxis, dass die Eltern für ihre Kinder die Partnersuche mindestens sehr aktiv unterstützen, oftmals entscheidend bahnen und die Entscheidungen mit mehr oder weniger auch innerlich erlebter Zustimmung der zu verheiratenden Kinder treffen.
Solche Beziehungen beginnen in der überwältigenden Mehrheit ohne jede Verliebtheit und ohne Liebe.
Aber der Forschungsstand zeigt uns nun Bemerkenswertes zum Verlauf dieser Partnerschaften. Es ergibt sich nämlich eine vergleichbare Zufriedenheit arrangierter mit selbst gesuchten Beziehungen:
- So berichten Paare in arrangierten Ehen von ähnlichen Glücklichkeits- und Zufriedenheitsniveaus wie Liebespaare. Längsschnittliche kulturvergleichende Analysen zeigen zudem, dass in arrangierten Ehen romantische Liebe über die Zeit entsteht und an Tiefe gewinnt, sofern beide Partner mit der Beziehung einverstanden sind. Eine Unterlegenheit arrangierter Ehen in zentralen Liebeskomponenten, wie Intimität, Leidenschaft und Commitment gegenüber selbst gewählten Partnerschaften konnte in Studien nicht belegt werden. Eine Studie aus Saudi-Arabien zeigt, dass die Qualität arrangierter Ehen stark variieren kann, aber vielfach hohe Werte emotionaler Bindung und Zufriedenheit erreicht werden können.
Ich lebe seit 2015 in Kambodscha und habe mit vielen Menschen gesprochen, die in ursprünglich einmal arrangierten Ehen leben. Das Spektrum reicht in diesem Fall von dezidierten Zwangsehen unter den roten Khmer bis hin zu mehr oder weniger gewollten und durch die Eltern arrangierten Ehen:
- Niemand liebte die Partner:innen von Anfang an, aber bei denen, die zusammenblieben, entstanden oft glückliche Beziehungen bis zu tiefer Liebe.
Ich hoffe, die Leser:innen verstehen meine Darlegungen nicht als ein Plädoyer für arrangierte Ehen – nichts liegt mir ferner. Mir geht es darum, wie Liebe entsteht. Über arrangierte Ehen spreche ich, weil das Beispiel überaus plastisch und überzeugend deutlich macht, dass weder Verliebtheit noch anfängliche Liebe Voraussetzungen für eine glückliche Beziehung sind.
Eine Nebenbemerkung sei mir zudem erlaubt: Das, was früher Eltern und Familie übernahmen, tun wir heute scheinbar selbst. Aber nicht selten sind es erneut Zwänge, die uns leiten, nur nehmen wir sie nicht wahr:
- Gesellschaftliche Normativitätserwartungen, in Beziehungen zu leben, Einsamkeit oder die Macht der Algorithmen, die uns ebenfalls steuern, wenngleich wir uns als frei erleben.
Frühe Verliebtheit ist kein Maßstab für spätere Beziehungen
Wenn wir uns beispielsweise im jungen Erwachsenenalter verliebten und so in unsere erste größere Beziehung starteten, folgt hieraus nicht, dass auch unsere nächste Beziehung mit Verliebtheit beginnen muss, sollte oder wird. Gleiches gilt freilich auch umgekehrt.
Weil dies aber vielen nicht bekannt ist, ergibt sich für manche die Konsequenz, dass gar keine Beziehung entsteht:
- Die Betreffenden warten auf die Verliebtheit, die nicht eintritt. Daraus schließen sie, dass eine Beziehung nicht entstehen könne. Und weil Verliebtheit bei vielen Menschen tatsächlich nicht (erneut) eintritt, bleiben sie partnerlos.
In Wirklichkeit sind völlig andere Maßstäbe möglich, die ich in diesem Artikel noch aufzeigen werde.
Liebe auf den ersten Blick als verwandtes Phänomen
Es gibt die Liebe auf den ersten Blick:
- Sofortige Liebe im Sinne einer vollständigen Begeisterung und Faszination für die andere Person sowie dem Wunsch, eine Beziehung mit ihr einzugehen.
Tatsächlich haben Studien belegt, dass dieses Phänomen nicht nur eine rückwirkende Fehlinterpretation ist, sondern dass es tatsächlich eintreten kann. Sogar in Experimenten zum Online-Dating auf der reinen Online-Ebene und ebenso in Experimenten zum Speed-Dating wird die Liebe auf den ersten Blick beschrieben.
Freilich gibt es einen bemerkenswerten Zusatzbefund:
-
Diese Liebe auf den ersten Blick ließ sich in den entsprechenden Studien nahezu vollständig durch die erlebte körperliche Attraktivität erklären.
Verliebtheit ist zwar noch etwas anderes als die Liebe auf den ersten Blick, aber beide sind insofern miteinander korreliert, als die Liebe auf den ersten Blick immer als eine starke Verliebtheit wahrgenommen wird:
- Nicht jede Verliebtheit entsteht auf den ersten Blick, aber jede Liebe auf den ersten Blick ist auch Verliebtheit.
Womöglich ist dieser Zusammenhang ein Grund dafür, dass wir in unseren Daten bei Gleichklang sehen, dass mit wachsendem Alter Beziehungen seltener mit einer großen Verliebtheit starten.
Körperliche Begeisterung als Partnerwahlkriterium verändert sich
Glücklicherweise verändern sich unsere körperlichen Attraktivitätspräferenzen im Laufe der Zeit:
-
Sonst würden alle 60-Jährigen sich vorwiegend auf 18- bis 25-Jährige fokussieren, so wie dies (meistens) Menschen tun, die selbst z.B. 20 Jahre alt sind.
Mit dem wachsenden Alter erleben wir jedoch auch Menschen im höheren Lebensalter zunehmend als attraktiv.
Was wir mit zunehmendem Alter ganz genau beobachten, ist jedoch Folgendes:
- Wir werden zwar vermehrt offen dafür, auch ältere Menschen als attraktiv zu erleben, nehmen jedoch gleichzeitig nach wie vor vielfach weiterhin jüngere Menschen als körperlich besonders attraktiv wahr.
Tatsächlich gibt es viele verpartnerte Personen im höheren Lebensalter, die ihre gleichaltrigen Partner:innen als körperlich durchaus attraktiv erleben, aber sich nicht so körperlich für sie begeistern, wie sie sich vielleicht mit 30 für ihre damals jüngere Partner:innen – rein körperlich betrachtet – begeisterten.
Dies gilt für Männer sicher häufiger, aber ich werde gleich aufzeigen, dass wir das Phänomen auch sehr deutlich bei Frauen sehen können.
Da nun aber die Liebe auf den ersten Blick (die einen signifikanten Anteil des Verliebtseins abdeckt) nahezu vollständig durch die Begeisterung für die wahrgenommene Körperlichkeit der anderen Person bestimmt ist, lässt sich folgern:
- Menschen mit zunehmendem Alter verlieben sich in reale Beziehungspartner:innen seltener, weil die Begeisterung für die Körperlichkeit altersmäßig infrage kommender Partner:innen im Durchschnitt absinkt.
Genau diese Begeisterung bezüglich der körperlichen Merkmale fördert nämlich die Liebe auf den ersten Blick, die wiederum einen nicht unerheblichen Anteil des Verliebtseins bedingt.
Kurz gesprochen:
- Wir haben mit wachsendem Alter ein geringeres Vermögen, uns für die Körperlichkeit der für uns altersbezogen in Frage kommenden Partner:innen zu begeistern. Dies ist der Grund, warum wir uns seltener verlieben.
Die gute Nachricht ist dabei, dass das überhaupt nicht schaden muss und Liebe dennoch entstehen kann.
Wirklich alles nur der Körper?
Manche Leser:innen werden der Gleichsetzung von Liebe auf den ersten Blick und Begeisterung über die Körperlichkeit der anderen Person womöglich widersprechen. Sicherlich wirkt diese Gleichsetzung auch wenig romantisch:
- Sie ergibt sich jedoch aus der verlinkten psychologischen Studienlage, gemäß derer sich – jedenfalls in den Experimenten – das Phänomen der Liebe auf den ersten Blick vollständig durch die wahrgenommene körperliche Attraktivität der anderen Person vorhersagen ließ.
Wir wissen in Wirklichkeit oft gar nicht, wie unsere Gefühle entstehen, neigen dazu, vieles zu rationalisieren.:
- Womöglich geben wir uns für unsere Liebe auf den ersten Blick also alle möglichen anderen Erklärungen, selbst wenn die Wirklichkeit anders ist.
Geschlecht und Gender
Als ich davon schrieb, dass viele Menschen selbst im höheren Alter die Körperlichkeit jüngerer Personen oft stärker anziehend finden als die Körperlichkeit von Menschen im eigenen Altersbereich, dachten viele Leser:innen sicherlich sofort an ältere Männer, die sehr junge Partnerinnen haben.
Ohne Zweifel ist die Sichtbarkeit dieses Phänomens bei Männern höher als bei Frauen. Dennoch handelt es sich nicht um ein ausschließlich männliches Phänomen.
Sehr deutlich zeigt dies eine sehenswerte Dokumentation eines jungen afrikanischstämmigen Journalisten, der das Verhalten europäischer Frauen mittleren und höheren Alters in Gambia beobachtend untersuchte:
- Diese reisen oft nach Gambia, um Beziehungen zu Männern aufzubauen, die häufig 20, 30 oder sogar 40 Jahre jünger sind. In der Dokumentation wird berichtet, dass sich in den Flugzeugen nach Gambia oft in Mehrheit Passagierinnen aus westlichen Ländern befinden, die aus eben diesen Gründen nach Gambia reisen.
Millionen andere reisen jährlich in die Karibik, aus den gleichen Gründen.
Auch wissenschaftliche Studien stützen diese Befunde:
- Zwar bestehen durchschnittliche Unterschiede zwischen diesen reisenden Männern und Frauen – Männer betonen in ihren Selbstaussagen etwas stärker die Sexualität, Frauen stärker romantische Gefühle –, doch insgesamt sind die grundlegenden Ausrichtungen vergleichbar.
Entscheidend ist:
- Die Frauen, die nach Gambia oder in karibische Länder reisen, schildern intensive Gefühle von Verliebtheit und Glück. Auch wenn sie diese Gefühle nicht unmittelbar auf die Körperlichkeit ihrer Partner zurückführen, ist es dennoch offensichtlich, dass gerade diese Körperlichkeit der zentrale Anreiz darstellt. Nachhaltige Beziehungen entstehen so jedoch nur außergewöhnlich selten, auch dies zeigt die Dokumentation deutlich.
Sprung zur Aromantik
Es gibt einen weiteren Begriff:
- Aromantik
Aromantische Personen können sich nicht nur nicht verlieben, sondern haben auch kein Interesse an einer Liebesbeziehung. Das bedeutet jedoch nicht, dass aromantische Personen keine Freundschaften eingehen könnten oder würden. Vielmehr fehlt ihnen der Bezug zu einem dezidiert romantischen Erleben.
Studien zeigen, dass ausdrücklich aromantische Personen klar in der Minderheit sind – etwa 1 % aller Befragten geben an, sich selbst als aromantisch zu sehen.
Die Erfahrung, sich beim Online-Dating oder auf anderem Wege nicht zu verlieben, ist also nicht mit dem Begriff „aromantisch“ zu verwechseln.
Auch Liebe kann spät entstehen
Es ist nicht nur das Verliebtsein, das für den Beginn einer Beziehung nicht erforderlich ist, sondern auch die Liebe selbst:
- Liebe ist kein Zustand, der zu Beginn einer Beziehung sehr ausgeprägt sein muss, dann statisch gleich bleibt oder sich im Verlauf reduziert – wie es häufig der Fall ist. Liebe kann auch erst im Verlauf einer Beziehung entstehen.
Dies zeigen die arrangierten Ehen, über die ich bereits gesprochen habe. Das berichten aber auch Menschen in selbst gewählten Partnerschaften, wenn sie retrospektiv über den Verlauf ihrer Beziehung Auskunft geben.
Ich selbst kenne einen sehr prägnanten Fall:
- Ein Paar, das seit mehreren Jahrzehnten zusammenlebt und seine Beziehung beiderseits als glücklich beschreibt. Beide geben jedoch übereinstimmend an, dass sie sich am Anfang weder verliebt hätten noch die andere Person geliebt hätten.
Wie konnte diese selbst gewählte Beziehung, die sich also so glücklich erwies, überhaupt entstehen?
- Es bestand bei beiden ein Beziehungswunsch, sie fanden einander sehr sympathisch, verstanden sich gut und zogen schnell zusammen.
Einer der beiden wurde sich nach einigen Monaten bewusst, dass er eine starke Liebe entwickelt hatte; bei der anderen Person dauerte es noch etwas länger.
Die Vorstellung, dass eine Beziehung erst beginnen kann, wenn Verliebtsein oder Liebe bereits vorhanden sind, entspricht also nicht immer der Realität.
Ein weiterer Aspekt ist, dass es gar nicht so leicht ist, zwischen Sympathie, Freundschaft und Liebe klar zu differenzieren. Auch wenn diese Begriffe unterschiedliche Bedeutungen tragen, beinhalten sie alle einen positiven Bezug zur anderen Person.
Aus einem solchen positiven Bezug kann sich Liebe entwickeln – dann, wenn die Beteiligten mehr Zeit miteinander verbringen, sich austauschen und sich kennenlernen.
Beziehung um jeden Preis?
Sollten wir uns also in jede Beziehung stürzen, nur weil wir eine Partnerschaft möchten?
Natürlich nicht.
Aber es gibt sinnvolle und legitime andere Auswahlkriterien als die Wahrnehmung von Verliebtsein oder Liebe:
- Wenn beide eine Beziehung suchen, wenn beide feststellen, dass sie eine gemeinsame Kompatibilität aufbauen können, wenn beide einander in gewisser Weise als anziehend erleben, kann dies ein guter Grund sein, eine Beziehung miteinander zu beginnen.
Vielleicht sollte man diesen Prozess besser als „Beziehungseinstieg“ oder „Beziehungserprobung“ bezeichnen.
Wenn sich die Kompatibilität weiterentwickelt und der innere Austausch zunimmt, besteht eine gute Wahrscheinlichkeit, dass die Beziehung zunehmend als Liebe erlebt wird.
Die Botschaft für die Partnersuche
Für diejenigen, die sich mittlerweile fragen, ob sie überhaupt lieben können oder ob sie liebesfähig sind und auch für die, die traurig sind, weil die Verliebtheit nicht eintritt, gibt es eine wichtige Botschaft:
- Es geht vielen Menschen so wie ihnen.
Und unter diesen vielen finden wiederum zahlreiche eine Beziehung. Andere hingegen bleiben Single, weil sie ihre Kriterien für einen Beziehungseinstieg auf Gefühle beziehen, die nicht aufzutreten brauchen oder sich erst im Verlauf des Beziehungsprozesses entwickeln.
Letztlich gibt es so viele Einflussfaktoren, dass unklar bleibt, woran es liegt, dass manche die Erfahrung machen, sich schnell zu verlieben oder frühzeitig zu lieben, während andere vorwiegend lange Zeit „nur“ Freundschaft oder reine Sympathie empfinden.
Womöglich hängt das mit den jeweiligen Umständen oder der Art der Personen zusammen, denen wir begegnen.
- Ebenso kann es sich zu einem Teil der Persönlichkeit entwickelt haben – sodass die Betreffenden (mittlerweile) zu jenen gehören, bei denen sich Liebe nicht im Vorfeld, sondern erst im Prozess des Beziehungseinstiegs und der Beziehungsentwicklung entfaltet.
Aus dem, was ich über Beziehungen und Partnersuche gelernt habe, ergibt sich für mich dieses Kriterium:
- Ein gemeinsames Ausloten ergibt, dass ein ein kompatibler Lebenswandel und Zufriedenheit in der Gemeinsamkeit miteinander möglich sind.
Haben wir die Erwartung, dass Liebe immer mit Verliebtsein beginnen muss, dann kann sich diese Erwartung erfüllen. Es kann aber ebenso gut sein, dass wir Single bleiben.
Das von mir vorgeschlagene alternative Modell des Beziehungsbeginns betont den freundschaftlichen Charakter und das gemeinsame Kennenlernen:
- Wer dieses Modell in seinem Erwartungsspektrum verankert hat, wird womöglich auch dann eine Beziehung finden, wenn weder Verliebtsein noch frühe Liebe am Anfang stehen.
Das ist alles andere als selten. Wie ich in meinem Artikel über beziehungsbezogene Freundschaftsverläufe dargestellt habe, gelangt die Forschung zu diesen Befunden:
- In einer Meta-Analyse gaben im Median 66 % der Befragten an, dass ihre Beziehung aus einer Freundschaft hervorging – je nach Stichprobe schwankte der Anteil zwischen 40 % und 73 %.
- Besonders häufig war das friends-first-Modell bei queeren Paaren (85 %), bei heterosexuellen Paaren lag der Anteil bei 68 %.
- Im Schnitt bestand vor dem Beziehungsbeginn eine Freundschaft von 21,9 Monaten.
Hochinteressanter Zusatzbefund:
- 12 % dieser Beziehungen mit freundschaftlichem Ursprung begannen mit einer klar romantischen Absicht. Die Betreffenden suchten aktiv eine Partnerschaft und fanden eine Freundschaft, aus der sich eine Partnerschaft entwickelte.
Liebe ohne Blitzschlag: Was lernen wir daraus?
Was lernen wir aus alledem?
Wir lernen, dass Verliebtheit – obwohl oft als natürlicher Auftakt zu einer Beziehung verstanden – tatsächlich ein vergleichsweise seltenes Phänomen ist. Manche Menschen erleben sie nie. Andere nur ein- oder zweimal im Leben, vielleicht auch ein drittes Mal.
Gerade wer im mittleren Alter online nach einer Partnerschaft sucht, stellt häufig fest:
- Ich verliebe mich gar nicht.
Doch genau hier liegt ein entscheidender Punkt:
- Das Ausbleiben von Verliebtheit bedeutet keineswegs, dass keine Beziehungschance besteht. Verliebtsein kann am Anfang einer Beziehung stehen – muss es aber nicht.
Tatsächlich entstehen viele Beziehungen auf anderem Wege:
- über Sympathie, ein Gefühl von gegenseitiger Offenheit, erste Anknüpfungspunkte, eine freundschaftliche Verbindung, die sich allmählich vertieft.
Es gibt bei solchen Verläufen keine romantische Ergriffenheit zu Beginn – wohl aber einen Austausch, ein Interesse füreinander, das sich vertieft.
Ab wann das, was entsteht, noch Freundschaft oder schon Partnerschaft genannt wird, ist dabei oft fließend und subjektiv.
Fest steht:
- Beziehungen, die auf diese Weise entstehen, sind genauso tragfähig wie solche, die mit intensiver Verliebtheit beginnen.
Für die Partnersuche kann genau dieses Wissen entscheidend weiterhelfen:
- Wenn wir erkennen, dass Liebe sich auch entwickeln kann – statt sofort da zu sein – und wenn wir eine innere Bereitschaft für diesen alternativen Weg der Beziehungsentstehung mitbringen, öffnen sich neue Möglichkeiten. Wir blocken dann nicht vorschnell Menschen ab, mit denen wir vielleicht sehr glücklich werden könnten.
Wenn ich also beim Online-Dating feststelle, dass sich bei mir keine Verliebtheit und keine starken Liebesgefühle einstellen, bin ich nicht unnormal. Und es bedeutet nicht, dass die Menschen, die ich kennenlerne, alle grundsätzlich nicht zu mir passen würden.
Das eigentliche Kriterium sollte lauten:
- Könnte aus diesem Kontakt miteinander eine glückliche, tragfähige Beziehung entstehen?
Und wenn es gelingt, die Erwartungen an den Beginn einer Beziehung anzupassen – nicht im Sinne eines Absenkens von Standards, sondern im Sinne eines Verständnisses davon, wie viele Partnerschaften tatsächlich entstehen –, dann verbessern sich auch die Chancen erheblich, zu einer erfüllenden Beziehung zu gelangen.
Übrigens können wir nicht nur unsere Erwartungen und Wege neu ausrichten, wir können sogar Liebesgefühle direkt beeinflussen. Der Artikel darf nicht noch länger werden, nächste Woche schreibe ich mehr zu dieser Thematik.
Den Weg zu Beziehung und Freundschaft gehen wir auf jeden Fall gern mit Ihnen gemeinsam:
▶ Zur Beziehungssuche bei Gleichklang
Weitere Links:



5 Kommentare
Hallo, ich finde es angenehm, wenn nicht sofort der Sturm der Verliebtheit ausbricht. Das bringt mer Ruhe und Gelassenheit
Und auf diese Art entstehen auch wirklich viele Beziehungen.
Sehr stichhaltig und ich kann alles sehr gut nachvollziehen. Um zu diesen Punkt zu gelangen, braucht es allerdings einiges an Erfahrung und Reflexion.
Abgesehen davon, dass es Freundschaftsformate mit einem unterschiedlichen Entwicklungsniveau gibt, möchte ich ergänzen, dass Freundschaft – als eine spezifische Ausprägung der Liebe – im Laufe meines Lebens den höchsten Stellenwert bei mir eingenommen hat. Sie geht so tief und nichts ist so verbindend, wie gerade sie es mir zu sein scheint. Damit sie sich entwickeln kann braucht es meinem Verständnis nach nicht nur an gemeinsamer Zeit, sondern wahrscheinlich auch einer eigenen grundlegenden Haltung und Reife, die sich in partnerschaftlichen Angelegenheiten nicht automatisch einstellt. Reife und Haltung korrelieren auch nicht zwingend mit dem Lebensalter.
Die romantische Liebe ist unbestreitbar auch etwas sehr Schönes, doch entscheidend ist – für mich und für uns alle – was substanziell in der Beziehung zweier Menschen zu entdecken ist, wenn beispielsweise Rahmenbedingungen eintreten, die nicht leicht – wenn überhaupt – zu bewältigen sind. Es geht dann um ganz andere Dinge als um reine Äußerlichkeiten.
Fassaden und Oberflächen prägen aber unser Miteinander maßgeblich und daran leide nicht nur ich. Die Art und Weise wie wir andere über unseren Blick wahrnehmen, kommt vielfach gar nicht von uns selbst (Lookismus) sondern über Introjektion, die der Art und Weise wie wir miteinander leben müssen (Produktion, Reproduktion, Beteiligung, hochgradiger Wettbewerb etc.) und miteinander sowie mit der Natur umgehen, entspringt. Dies hat weitreichende negative Konsequenzen für alle.
Ich habe nichts gegen Schönheit, doch die uns von der Industrie anerzogenen und internalisierten Normen von Ästhetik, werden gerade in gesellschaftsrelevanten Kontexten zu einem unglaublichen Problem, die mit Verrohung beginnt und in struktureller wie physischer Gewalt enden kann. (Tatsächlich muss.)
Letztes Wort: Liebe ist eine Einstellung oder eine Haltung zum Mitmenschen, zu den Tieren und zu allem was lebt und leben möchte. Es geht um Fürsorge und um Zärtlichkeit. Beides kann derzeit nicht gesellschaftswirksam gedeihen.
Vielen Dank für Deine reflektierten Gedanken. Ich bin inhaltlich vollständig bei Dir. Du beschreibst sehr präzise, wie tiefgreifend unsere Wahrnehmung und unser Miteinander von einer auf Marktaspekte ausgerichteten Gesellschaft geprägt werden. Genau diese Strukturen erzeugen Oberflächenorientierung, Lookismus, die echte menschliche Begegnung beeinträchtigt und oft sogar verhindert.
Diese gesellschaftlichen Mechanismen überlagern die Möglichkeit, Menschen in ihrer Tiefe wahrzunehmen. Sie machen uns oberflächlicher, als wir eigentlich sind, und sie interferieren mit der Fähigkeit, Beziehungen auf Grundlage von Fürsorge und Wechselseitigkeit zu leben.
Dem können wir nur über unsere eigene Haltung entgegenwirken. Genau dies versuchen viele unserer Mitglieder: sich nicht an Fassaden zu orientieren, sondern an gelebten Werten und einer Form der Liebe, die aus Verantwortung und innerer Verbundenheit entsteht.
Mein Eindruck ist, dass gerade viele Männer keine Offenheit haben, überhaupt in den Kontakt zu kommen. D.h. der Kontakt wird gleich abgeblockt. Während es aber andersherum gesellschaftsfähiger ist, wenn ein Mann flirtet oder sich verliebt zeigt. Es scheint immer noch ein Machtkampf zu sein, der hier stattfindet. Es stimmt, das Frauen genauso Sextourismus betreiben, die Frage bleibt aber warum? Ich denke, dass das Geld eine große Rolle dabei spielt und weniger die Attraktivität. Hinzukommt, dass sich Flirts zwischen älteren Frauen und jüngeren Männern dort offener zeigen können als es hier möglich wäre. Leider gibt es immer noch wie auch auf dieser Seite „Idealbilder“ wie man sich nach außen hin darstellen möchte oder muss. Der Status einer Person hängt davon ab, wie er oder sie von außen gesehen wird und das entscheidet über Attraktivität oder nicht. Ich mache mir echt Sorgen um die jungen Menschen, die leider damit ihre Werte verbinden und lieber ein Model sein möchten als wirklich sie selbst. Ich finde ja, es fehlt der Welt ganz viel an Verliebtheit im positivem Sinne. Verliebtheit in dem Moment, in einer Begegnung und vielleicht in ein Lächeln, das einem positiv überrascht zurücklässt. 😉