Online-Dating und Liquid Love – eine beunruhigende Entwicklung
Globale Forschung zur Liebe im Online-Konext
Ein internationales Forschungsteam hat in 50 Ländern den Zusammenhang zwischen dem Beginn einer Beziehung – online oder offline – und der Beziehungszufriedenheit sowie der erlebten Liebe untersucht.
Die Studie gelangte zu beunruhigenden Ergebnissen. Hauptbefund ist, dass Paare, die sich online kennengelernt haben, im Durchschnitt geringere Beziehungszufriedenheit und weniger intensive Liebesgefühle berichten.
Besonders betroffen ist das Commitment, also die Bereitschaft, sich auf eine Beziehung einzulassen, in guten wie in schwierigen Zeiten zusammenzubleiben und an einer Beziehung zu arbeiten. Die Tatsache, dass besonders das Commitment betroffen ist, weist darauf hin, dass die Bereitschaft, sich wirklich auf eine Beziehung einzulassen, zusammenzubleiben und an ihr zu arbeiten, bei Online-Paaren deutlich geringer ausgeprägt ist.
Übrigens korrespondiert dieser Befund mit einer anderen neueren Studie, bei der sich auch eine geringere Zufriedenheit bei verheirateten Paaren zeigte, die sich online kennenlernten. Soziale Marginalisierung erklärte den Befund teilweise. Sie stand mit geringerer Ehequalität und dem Online-Kennenlernen in Verbindung und trug dazu bei, dass Paare, die sich online kennenlernen, insgesamt schlechtere Werte zeigen. Geografische Distanz hatte dagegen interessanterweise einen positiven Effekt: Größere Entfernung hing mit etwas mehr Vertrautheit zusammen. Der positive Distanz-Effekt war jedoch kleiner als der negative Effekt der sozialen Marginalisierung. Er konnte daher die negativen Gesamtauswirkungen des Online-Datings auf die Ehequalität nicht kompensieren.
Diese neueren Befunde widersprechen älteren Studien, die keine Unterschiede oder sogar eine höhere Zufriedenheit bei Online-Paaren fanden. Wie lassen sich diese widerstreitenden Befunde im Zeitverlauf erklären?
Vermutlich sind es die rasanten Änderungen, die das Online-Dating in den vergangenen Jahren durchlaufen hat, die diesen negativen Trend begründen. Die Autor:innen selbst haben zahlreiche Überlegungen zu dieser Thematik:
Überangebot, Täuschung und der Verlust von Vertrauen
Die Autor:innen nennen mehrere mögliche Erklärungen. Die nahezu unbegrenzte Auswahl potenzieller Partner könnte zu Choice Overload führen. Entscheidungen werden impulsiver, oberflächlicher und stärker nach Attraktivität als nach tiefer Kompatibilität getroffen. Diese Überfülle kann zu oberflächlichen Kontakten führen, die zwar schnelle, aber weniger stabile und tiefgehende Beziehungen hervorbringen.
Auch Täuschung im digitalen Raum könnte eine Rolle spielen. Viele Nutzer machen in ihren Profilen unzutreffende oder beschönigende Angaben, etwa zu Alter, Gewicht oder Einkommen. Wenn die Realität diesen Erwartungen nicht entspricht, wird Vertrauen beschädigt und Zufriedenheit geschwächt.
Permanente Alternativen und schwindendes Commitment
Ein weiterer Punkt ist die dauerhafte Verfügbarkeit alternativer Partner:innen. Wer an den endlosen Auswahlmodus gewöhnt ist, bleibt im inneren Vergleichsdenken gefangen. Laut dem Investment-Modell romantischer Beziehungen kann diese ständige Wahrnehmung von Alternativen das Commitment schwächen, weil das Gefühl, jederzeit jemand Besseres finden zu können, Bindung und Durchhaltebereitschaft untergräbt.
Wandel der Dating-Kultur und Motivation
Zudem verändert sich die Dating-Kultur. Während frühere Online-Plattformen auf ernsthafte Partnerschaften ausgerichtet waren, fördern heutige Apps mit ihrer schnellen, spielerischen Swipe-Kultur eine oberflächliche, konsumartige Partnerwahl. Das führt dazu, dass Begegnungen beliebiger und Bindungen austauschbarer werden. Gleichzeitig (und vermutlich auch durch die App-Strukturen bedingt) hat sich auch die Motivation vieler Nutzer:innen verschoben. Früher stand die Suche nach dauerhaften Partnerschaften im Vordergrund, heute werden stärker kurzfristige und unverbindliche Kontakte gesucht. Diese Veränderung der Zielstruktur kann erklären, warum Beziehungen, die online beginnen, häufiger instabil und weniger zufriedenstellend sind.
Kalte Intimität und digitale Ersatzwelten
Darüber hinaus weisen die Autor:innen auf den Trend einer „kalten Intimität“ hin. Damit ist eine stärker rationalisierte und nutzenorientierte Haltung gemeint, bei der Beziehungen nach Effizienz und Vorteil bewertet werden. Digitale Auswahlmechanismen und Algorithmen könnten diese Denkweise verstärken und emotionale Investition erschweren. Beziehungen werden zu Projekten der Selbstoptimierung, nicht zu Prozessen der gegenseitigen Annäherung.
Ebenfalls erwähnen die Autor:innen, dass digitale Ersatzquellen von Nähe an Bedeutung gewinnen. Emotionale Verbundenheit wird zunehmend über Online-Freundschaften gesucht, sexuelle Befriedigung über Pornografie. Dadurch könnte das Bedürfnis sinken, emotionale Energie in reale Partnerschaften zu investieren, weil zentrale Bedürfnisse bereits außerhalb der Beziehung erfüllt werden. Durch den Einzug der künstlichen Intelligenz dürfte sich dieser Trend noch erheblich verstärken.
„Liquid Love“ wird wahr
All diese Mechanismen zusammen erinnern unmittelbar an Zygmunt Baumans Konzept der „Liquid Love“ – der flüssigen Liebe. Bauman beschrieb, dass moderne Beziehungen instabil, flexibel und von Konsumlogik geprägt sind. Was früher eine theoretische Diagnose war, die sich empirisch lange nicht belegen ließ, scheint sich nun tatsächlich zu zeigen. Die Befunde deuten darauf hin, dass Baumans Warnung vor einer Kultur der Austauschbarkeit und emotionalen Beliebigkeit Realität wird.
Persönliche Einordnung und Konsequenzen
Zugegebenermaßen wundern mich diese Befunde nicht. Wer meinen Blog kennt, weiß, dass ich seit Anbeginn über diese Thematiken schreibe, und ich muss mich auch häufiger wiederholen, da für viele Mitglieder das Lesen des Blogs erst mit dem Start bei Gleichklang beginnt. Zudem gibt es – wie bei Partnervorschlägen – einen Bias für neuere Artikel; neuere Artikel werden also häufiger gelesen als ältere Artikel.
Was mich fasziniert, ist, dass nunmehr immer mehr quantitative, wissenschaftliche Forschungsergebnisse veröffentlicht werden, die die Befürchtung bestätigen, dass das System des heutigen Online-Datings menschliche Beziehungen untergräbt.
Für mich bedeutet das:
- Das Dating-Gleichgewicht steht auf dem Kopf. Es werden falsche Ziele und Erwartungen erzeugt, die falschen Eindrücke gepflegt und die falschen Dinge für wichtig gehalten.
Im Ergebnis verlieren wir uns in Choice Overload, in permanenter Suche nach einem noch besseren Menschen, verlieren unsere Bindungsbereitschaft, präsentieren uns, anstatt uns zu zeigen, werden auf Plattformen aktiv, die alles nur noch zu einem Spiel machen, und merken dabei gar nicht mehr, wie sich unsere Beziehungsmotivation mehr und mehr verändert.
Am Ende führen wir Beziehungen, wenn wir sie überhaupt finden, die weniger erfüllend sind, als sie sein könnten.
Die Illusion der Auswahl und das mögliche Erwachen
Die Idee, dass Partnersuche durch mehr Auswahl erleichtert werden könnte, war gut gemeint. Aber vielleicht ist genau das der Fehler. Auswahl ersetzt keine Begegnung, Das System nimmt uns die Geduld, Menschen wirklich zu begegnen, es macht alles schneller, aber die Ernsthaftigkeit – also das, was Beziehung und Liebe eigentlich ausmacht – geht dabei verloren.
Die Artikel über Dating-Müdigkeit häufen sich. Vielleicht, wenn wir optimistisch sind, ist dies der Beginn eines Aufwachens. Vielleicht beginnen mehr Menschen zu erkennen, dass diese Form der Begegnung, die vorgibt, Nähe zu erzeugen, in Wahrheit Distanz und Austauschbarkeit schafft.
Lese ich aber, was derzeit weltweit an KI für das Dating ausgerollt wird, habe ich eher den Eindruck, dass der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden soll. Bald wird ChatGPT Sex und Erotik einführen – es ist bereits angekündigt. Geschieht dies, werden viele wohl endgültig der kurzfristigen Belohnung anheimfallen und in ihrer Bindungsfähigkeit und ihren sexuellen Bedürfnissen weiter umkonditioniert werden.
Weiterführende Videoanalysen
Wer sich mit diesen Thematiken tiefergehend beschäftigen möchte, aber lieber Videos schaut als liest, dem seien meine beiden folgenden Videos ans Herz gelegt: „Dating-Apps versprechen Liebe und erzeugen Einsamkeit“ und „Liebe als Story – eine psychologische Analyse“ (ein Video darüber, worum es bei Liebe wirklich geht).
Gleichklang als Alternative zur flüssigen Liebe
Für alle, die sich nicht in der flüssigen Liebe auflösen wollen, wird es weiterhin Plattformen wie Gleichklang geben. Wir versuchen, alles anders zu machen als die anderen. So können bei uns Mitglieder nicht mit 3–4 Klicks sofort starten, was zu einer komplett anderen Zusammensetzung der Motivationen führt. Zahlreiche Motive, die heute durch Online-Dating befriedigt werden (Trendorientierung, Neugier, Ablenkung, Selbstbestätigung, virtuelle Erotik), spielen bei Gleichklang weitestgehend keine Rolle. Für diejenigen, die nach Unterhaltung, schnellen Chats oder Flirts suchen, ist Gleichklang eine Katastrophe. Dafür haben wir jedoch eine hohe Vermittlungsrate, und die Beziehungen, die bei uns entstehen, bleiben in der Regel dauerhaft bestehen.
Wir erhalten freilich auch viel Kritik – nicht benutzerfreundlich, zu wenige Vorschläge, Wartezeiten, zu langweilig. Aber ebenso erhalten wir täglich bewegende Mitteilungen über neue Beziehungen, die oft wider Erwarten entstanden sind.
Deshalb bleiben wir auf Kurs und stehen weiterhin allen zur Seite, die nach Beziehungen suchen, die sich nicht in Liquid Love auflösen, sondern in solidarischer Beziehungsarbeit bestehen bleiben wollen.
Natürlich können wir auch nicht stehenbleiben, weshalb wir am 15. November in neuem Gewand erscheinen werden. Unsere Mitglieder werden sich, ohne etwas tun zu müssen, am 15. November oder – je nach Dauer der Umstellung – zwei bis drei Tage später in einem neuen, aber doch alten Gleichklang wiederfinden.
Alle, die sich mit unserem Ansatz identifizieren können, sind herzlich eingeladen, zu uns zu kommen, damit wir gemeinsam den Weg zum Beziehungsglück beschreiten:
▶ Zur Beziehungssuche bei Gleichklang
Weitere Links:
Informationen zum Coaching:
Einzeltermine für ein Coaching können Sie jederzeit über meine Website vereinbaren. Wie überall gilt auch für das Coaching unser Grundsatz, dass bei Gleichklang niemand an finanziellen Engpässen scheitern soll. Das Coaching-Honorar kann daher ohne Probleme auch in niedrigen Monatsraten beglichen werden.


Ein Kommentar
Ich war bei Gleichklang mehrere Jahre,
Ich habe aber festgestellt, dass immer mehr
Frauen sich beim persönlichen Treffen, oftmals
nur einen schönen Nachmittag oder Abend
machen möchten aber tatsächlich mal ein wenig
Tiefgang im Gespräch gerne umschiffen und ich
jedenfalls das Gefühl hatte, hier ist gar kein echtes
Interesse an Freundschaft oder gar Partnerschaft.
Wahrscheinlich werden auch Frauen diese Erfahrung
durchaus umgekehrt machen. Ich finde es Schade
und sehr frustrierend. Daher habe ich die Onlinesuche
aufgegeben