Beziehungen und Online-Dating von Autisten

Bild zeigt eine Autistin beim Online Dating

Was aktuelle Studien über das Online-Dating von Autisten zeigen und was wir alle daraus für Partnersuche und Partnerschaftsgestaltung lernen können

Ich lese gerade mehrere Artikel zur Partnersuche und zum Online-Dating von Autisten, auch um zu schauen, wie unser eigener Ansatz der Partnervermittlung für Autisten und andere neurodiverse Gruppen (z. B. Menschen mit ADHS) weiterhin mit aktuellen Forschungsbefunden übereinstimmt.

Das Wichtigste, was mir aber beim Lesen der Artikel auffiel, war das hohe Ausmaß an Parallelen zum Online-Dating von Nicht-Autist:innen, also sogenannten neurotypischen Personen.

Erstaunlicherweise wurde diese so offensichtliche Parallelität in den meisten Forschungsartikeln allerdings nicht angesprochen. Ein Grund hierfür ist, dass typischerweise die Forschungsdesigns nur Menschen mit Autismus einbeziehen, aber diese nicht mit neurotypischen oder nicht autistischen Personen vergleichen.

Ausnahme ist eine Studie zum Dating in der Covid-Pandemie, in der eine kleinere Gruppe von Autisten mit Nicht-Autisten verglichen wurde. Auch auf diese Studie gehe ich in diesem Artikel ein.

Interessanterweise stützen die Befunde dieser Studie ebenfalls meinen Eindruck einer in hohem Ausmaß gegebenen Vergleichbarkeit.

Ich glaube daher auch, dass von meinem heutigen Artikel zu Online-Dating von Autisten und ihren Beziehungen nicht nur Autist:innen, sondern wirklich alle profitieren können, da die fundamentalen Erfahrungen Parallelitäten aufweisen. Gleichzeitig werden durch die autistische Perspektive aber manche Sachverhalte besser für alle sichtbar, weil sie im autistischen Diskurs besonders akzentuiert auftreten.

Nun aber zunächst zu den Ergebnissen der Studien.

Autisten und Dating-Apps

Ich beginne mit einer Studie von Gibbs und Kolleg:innen (2026), die untersuchte, wie autistische Personen Dating-Apps nutzen, wie sie dabei mit der Frage der Offenlegung ihrer autistischen Identität umgehen, welche Art und wie viele Beziehungen entstehen sowie welche positiven oder auch negativen Erfahrungen die Autisten beim Online-Dating machen.

  • An der Untersuchung beteiligten sich 102 autistische Erwachsene im Alter von 18 bis 69 Jahren. Es befanden sich unter ihnen 57 Frauen, 34 Männer, 9 nicht-binäre und 2 Agender-Personen, also Personen, die sich durch kein Geschlecht oder Gender als ausreichend beschrieben erleben. 45,1 % der Stichprobe waren heterosexuell, eine Mehrheit definierte sich demgegenüber über verschiedene nicht-heterosexuelle Orientierungen.

Die Studie repliziert damit, was wir auch andernorts immer wieder finden:

  • Autisten sind häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt im queeren Spektrum verankert, weniger stark heteronormativ orientiert und weniger stark auf die binären Geschlechterrollen Mann und Frau festgelegt.

Gleichzeitig sind sie aber nicht komplett anders, denn auch in der Stichprobe definierte sich die Mehrheit als Frau (55,9 %) oder Mann (33,2 %), und immerhin fast die Hälfte bezeichnete sich zudem als heterosexuell.

Das macht noch einmal deutlich, dass Labels oft in die Irre führen:

  • Es gibt meistens zwischen allen Arten von Gruppen nur gewisse Mittelwertunterschiede, die Überlappung ist aber immer enorm. Wir müssen daher alle und immer bei allen Fragen, ob privat oder gesellschaftlich, Acht geben, dass wir niemals aus Gruppenmerkmalen auf einzelne Personen schließen. Das ist aber jetzt nur ein Nebenaspekt meines heutigen Artikels.

Der wichtigste Befund der Autor:innen ist, dass Autisten Dating-Apps tatsächlich auch nutzen können, um Menschen kennenzulernen:

83,3 % der Befragten hatten jemanden kennengelernt und bereits persönlich getroffen.

  • 49 % berichteten über partnerschaftliche Beziehungen, 41,2 % über kurzzeitige Dating-Beziehungen, 43,1 % über One-Night-Stands oder kurze sexuelle Kontakte sowie 24,5 % über Freundschaftsbeziehungen, die aber auch Sexualität einschlossen.

In einer Studie aus Belgien mit nicht-autistischen Nutzer:innen hatten übrigens 50 % niemals jemanden getroffen. Letztlich hatten etwa 12% eine Beziehung mit jemandem begonnen, etwas mehr hatten sexuelle Kontakte gehabt.

Nun lassen sich solche Stichproben, zumal aus verschiedenen Ländern, (die Autisten kamen alle aus Australien), nicht direkt vergleichen. Aber es ist auffällig, dass die Zahlen bei den hier untersuchten Autist:innen sicherlich nicht schlechter sind.

Dennoch gibt es einen großen Mangel bei beiden Studien:

  • Wir finden keine Daten dazu, wie viel Prozent wirklich eine tragfähige und fortbestehende Beziehung gefunden haben. Das kennzeichnet die meisten Dating-Studien und führt dazu, dass wir im Grunde viel weniger wissen, als wir oft denken, über die Effektivität des Online-Datings.

Auf jeden Fall deuten die Daten darauf hin, dass die modernen Dating-Systeme auch gegenüber Autist:innen offen sind und Menschen mit autistischen Merkmalen diese nutzen können.

Die Autor:innen betonen aber auch, dass das Online-Dating für Autisten womöglich sogar besonders geeignet ist, um Barrieren zu verringern:

  • Dating-Apps können dazu beitragen, einige dieser Barrieren zu verringern, indem sie strukturierte Möglichkeiten für Kontakt und Kommunikation bieten.“
  • Apps erleichtern soziale Kontakte, indem sie einen Teil der Mehrdeutigkeit persönlicher Begegnungen verringern, klarere soziale Regeln schaffen und den Zugang zu einem größeren Kreis potenzieller Partner erweitern.

Trotz dieser positiven Aspekte des Online-Datings für Menschen mit Autismus fiel das Urteil der Befragten über Dating-Systeme allerdings nicht eindeutig positiv aus:

  • 56,9 % meinten, es komme darauf an, ob sie anderen Autisten Dating-Apps empfehlen würden. Nur 26,6 % sagten eindeutig ja, wobei aber das eindeutige Nein mit 8,8 % andererseits noch einmal deutlich geringer war, 7,8 % gaben lediglich eine Unsicherheitskategorie an.

Während leichtere Kontaktmöglichkeiten sowie auch Übungs- und Lernmöglichkeiten für die Nutzung von Dating-Apps sprachen, waren es Risiken von Ausbeutung, Missbrauch, aber auch Erschöpfung und Burnout, die als Gegenargumente gebracht wurden:

  • Die Nutzung von Dating-Apps durch autistische Erwachsene kann bedeuten, mögliche Risiken und Vorteile gegeneinander abzuwägen – abhängig davon, welche emotionalen Ressourcen ihnen zu einem bestimmten Zeitpunkt zur Verfügung stehen.

Sehr ähnliche Aspekte werden auch allgemein von Nutzer:innen des Online-Datings diskutiert.

Offenlegung der autistischen Identität

Als ganz zentrales Thema wurde in der Studie – wie auch in anderen Studien – das Thema der Offenlegung der autistischen Identität deutlich:

  • Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden (54,5 %) legten ihre autistische Identität nicht im Dating-Profil offen. 10,9 % gaben an, dies selten zu tun, während aber andererseits 8,9 % immer ihre autistische Identität im Profil kenntlich machten und 12,7 % dies häufig taten.

Was waren die Gründe für die Offenlegung?

Genannt wurden Authentizität, besseres Filtern, Vermeidung späterer Verletzungen und auch ein dezidierter Kontakt zur neurodivergenten Community:

  • Wenn das Ziel eine langfristige Beziehung ist, ist es effizienter, authentisch man selbst zu sein.
  • Es ist ein großartiger Filter. Entweder ermutigt es Menschen mit einer ähnlichen Diagnose, mit mir Kontakt aufzunehmen, oder es sortiert diejenigen aus, die nicht unterstützend sind.
  • Ich möchte meine Zeit nicht verschwenden und nicht verletzt werden, weil ich dafür zurückgewiesen werde, wer ich bin.
  • Um andere autistische Menschen anzuziehen, die mit mir matchen – und das ist mir wichtig.

Was sprach aber gegen die Offenlegung?

Als Argumente gegen die Offenlegung gaben die Befragten an, sich vor stereotypisierenden Beurteilungen und Vorurteilen zu fürchten. Womöglich würden sie abgelehnt, bevor überhaupt ein Kennenlernen möglich sei. Andere gaben Sicherheitsbedenken an, dass sie gerade als Autisten womöglich schneller Opfer einer bösartigen und ausbeutenden Nutzung von Dating-Systemen werden könnten:

  • Wenn man es zu früh offenlegt, versteht die andere Person es vielleicht nicht und weist einen zurück, bevor sie einen überhaupt kennengelernt hat.
  • Wenn man es in der App offenlegt, macht man sich gegenüber Tätern verletzlich.

Welche tatsächlichen Erfahrungen machten aber nun die, die ihre autistische Identität beim Online-Dating offenlegten:

  • 38,6 % berichteten sowohl von positiven als auch von negativen Reaktionen. 29,7 % hatten überwiegend positive und nur 5 % berichteten tatsächlich überwiegend negative Reaktionen.

Ich finde die Befunde erneut hochinteressant, und zwar für uns alle. Denn es stellt sich die Frage:

  • Wie sollten wir beim Online-Dating mit unserer eigenen Identität und dem, was uns prägt, umgehen?

Wir sehen, dass eine Mehrheit die autistische Identität nicht offenlegt und sogar nur etwas mehr als jede fünfte Person häufig oder immer die autistische Identität deutlich macht.

Gleichzeitig sehen wir aber, dass es nur selten ist, dass negative Reaktionen auf die autistische Identität überwiegen.

Auch dies ist nicht autismusspezifisch. Es betrifft alle, die über besondere Merkmale verfügen, die wichtig sind, von denen sie sich aber fragen, ob sie sie in das Profil hineinschreiben sollten oder nicht?

Meine eigene Antwort nach 20 Jahren Partnervermittlung lautet:

  • Wenn ein Merkmal zu unserer Identität gehört, macht es Sinn, es im Profil deutlich zu machen. Sicherlich werden manche uns nun stereotyp beurteilen, manche werden uns ablehnen, unsere Profile löschen, aus der Kommunikation aussteigen. Aber andererseits setzen wir damit einen wirkungsvollen Filter, weil nicht alle, aber sehr viele dieser Personen für uns wahrscheinlich wirklich nicht als Partner:in geeignet wären. Je zentraler eine Verankerung in der Identität ist, desto wirkungsvoller dürfte dieser Filter sein.

Damit aber sehen sich Autisten mit dem gleichen Problem konfrontiert, mit dem sich auch Menschen mit anderen Merkmalen konfrontiert sehen:

  • Durch die Setzung des Filters reduziert sich die Anzahl der Interessent:innen.

Ich halte dies für ein Scheinproblem:

  • Nur wenn wir Online-Dating auch als Möglichkeit sehen, uns abzulenken, uns zu unterhalten, rein virtuell Spaß zu haben, aus Langeweile auszusteigen etc., ist die Reduktion der Interessent:innenzahl ein Verlust. Für eine Partnerfindung gilt dies aber nicht.
  • Denn Partnerfindung braucht nicht viele Menschen, keine Vergleiche, sondern ausschließlich den Moment, wo eine Person in unser Blickfeld tritt und wir gemeinsam eine Passung aufbauen können.
  • Durch die Offenlegung der autistischen Identität – und ebenso anderer Identitäten – kann dieser Moment der Partnerfindung gefördert werden, auch wenn sehr viel an möglichen Unterhaltungen und Abwechslung verloren geht und das Online-Dating so immer mehr zu einer rein stillen Option im Hintergrund wird, die lange Zeit scheinbar gar nichts tut und bei der wir entsprechend auch lange Zeit selbst ggf. gar nichts tun können.

Vermittlung nach Akzeptanz bei Gleichklang

Bei Gleichklang haben wir einen Lösungsansatz implementiert:

  • Alle Autisten sowie Menschen mit anderen Merkmalen, wie Behinderungen, Erkrankungen, ADHS, sexuellen Funktionsstörungen etc., können ihr Merkmal bei uns angeben und können zusätzlich entscheiden, ob dieses bei der Vermittlung im Sinne eines Akzeptanzkriteriums berücksichtigt werden soll oder nicht.
  • Wird dies bejaht, werden alle Vorschläge gefiltert. So setzt ein starker Filter ein, der aber gleichzeitig ein Fokus ist und im Grunde wie ein Augenglas den Blick auf die womöglich wirklich passende Person richtet.
  • Kontakte werden nun zum seltenen Moment, aber sie haben ein besonderes Potenzial und die Chance auf echte Resonanz.

Aber ebenso ist es legitim, wenn Nutzer:innen dies nicht möchten, wenn sie sich auch mit Personen, die Autismus oder ihre Identität ablehnen, auseinandersetzen und womöglich diese für sich gewinnen möchten. Genau deshalb können Autist:innen und auch andere bei uns angeben, dass ihr Autismus und ihre diesbezügliche Identität nicht durch den Filter berücksichtigt werden soll.

Außerdem geben wir den folgenden Rat:

  • Schreiben Sie in Ihr Profil all das, was zentral und prägend für Ihre Person oder Ihre Beziehungsgestaltung ist.

Direkter Vergleich zwischen Autisten und Nicht-Autisten

Bis jetzt hatte sich mir der Eindruck aufgedrängt, als ob Autisten für das Online-Dating Dinge nennen, die sie mit vielen teilen, die nicht autistisch sind.

Natürlich unterscheiden sich die Identitäten, aber beispielsweise die Frage, ob wir unsere Identität, wie und wann sichtbar machen, betrifft alle.

In einer Untersuchung von Castañeda und Kolleg:innen wurden Autisten und Nicht-Autisten direkt miteinander beim Online-Dating während der COVID-Pandemie verglichen. Erstaunlicherweise sind ansonsten kaum Vergleichsstudien zu finden, sodass diese bisher unsere wichtigste Quelle ist.

  • Untersucht wurden 160 Erwachsene, von denen 94 Autisten und 66 neurotypische, also nicht-autistische Personen waren. Die Teilnehmenden waren 18 Jahre und älter. Unter den Teilnehmenden waren 74 Frauen, 79 Männer und 5 nicht-binäre Personen; 2 weitere Personen ordneten sich einer anderen Geschlechtskategorie zu.

Die Teilnehmenden wurden zu folgenden Bereichen befragt:

  • • Vergangene Beziehungs- und Dating-Erfahrungen: Ob sie jemals eine feste Beziehung hatten, wie lange diese dauerte, mit wie vielen Personen sie sich beim Dating getroffen hatten und mit wie vielen Personen sie mindestens drei Begegnungen hatten.
  • Schwierigkeiten beim Online-Dating: Angst, beim Dating zu versagen, Schwierigkeiten, sich auf einen Kontakt zu konzentrieren, oder auch das Gefühl, während einer Begegnung nicht sie selbst sein zu können.
  • Aktivitäten, die jetzt in der Pandemie verstärkt Angst auslösen: Dating an lauten Orten, Dating an Orten mit mehr als 100 Menschen, Dating mit einer Person, die COVID-19 hatte oder hat, die Sorge, sich während eines Dates mit COVID-19 anzustecken, ins Kino zu gehen, einen Termin wahrzunehmen, in die Kirche, ins Fitnessstudio oder zu sozialen Organisationen zu gehen, vor einer Menschenmenge zu sprechen, zu lernen, einzukaufen und allein zu leben.

Der Hauptbefund der Untersuchung war, dass es zwischen Autisten und Nicht-Autisten beim Online-Dating, jedenfalls während der COVID-Pandemie in dieser Stichprobe, nahezu keine Unterschiede gab:

  • So zeigte sich in den grundlegenden Dating- und Beziehungsmaßen kein Unterschied im Hinblick darauf, ob die Teilnehmenden jemals eine feste Beziehung hatten, wie lange ihre festen Beziehungen dauerten, mit wie vielen Personen sie sich beim Online-Dating trafen, mit wie vielen Personen sie mindestens drei Begegnungen hatten. Aber auch dahingehend, ob COVID ihre Möglichkeit zum Dating beeinträchtigte und wie groß ihre Angst war, eine neue Person kennenzulernen, gab es keine Unterschiede.

Dieses Muster setzte sich bei den allgemeinen möglichen Schwierigkeiten beim Online-Dating fort:

  • Es bestand kein signifikanter Unterschied zwischen autistischen und neurotypischen Personen bezüglich der Angst, beim Dating zu versagen, bei Schwierigkeiten, sich auf einen Kontakt zu konzentrieren, oder auch beim Gefühl, während einer Begegnung nicht sie selbst sein zu können.

Erneut setzte sich das Muster bei den pandemiebedingt erhöhten Ängsten fort:

  • Es zeigten sich keine signifikanten Unterschiede bei der Angst, eine Person zu daten, die COVID-19 hatte oder hat, bei der Sorge, sich während eines Dates mit COVID-19 anzustecken, beim Kinobesuch, beim Besuch von Kirche, Fitnessstudio oder sozialen Organisationen, beim Sprechen vor einer Menschenmenge, beim Lernen, beim Einkaufen und beim Alleinleben.

Am Ende wurden nur drei signifikante Unterschiede in der Vielzahl der Maße deutlich, wovon dann aber nur zwei als zuverlässig zu bewerten sind. (Denn wenn wir sehr viele einzelne Unterschiede prüfen, steigt allein durch den Zufall die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo ein scheinbar signifikanter Unterschied auftaucht. Selbst wenn sich also zwei Gruppen in Wirklichkeit gar nicht unterscheiden, kann bei vielen einzelnen Tests zufällig der eine oder andere Test „signifikant“ werden. Je mehr einzelne Tests man durchführt, desto größer wird dieses Problem. Deshalb muss hierfür bei multiplen Tests korrigiert werden, was die Autoren nicht taten.)

Bei Durchführung dieser Korrektur (nach Holm) zeigten sich nun einzig diese beiden Unterschiede signifikant:

  • Pandemiebedingt erhöhte Angst beim Dating an lauten Orten,
  • Pandemiebedingt erhöhte Angst beim Dating an Orten mit mehr als 100 Menschen.

Dass gerade diese beiden Unterschiede übrig bleiben, ist nun wirklich gut mit autistischen Eigenschaften nachzuvollziehen, die womöglich durch eine Gefahr wie die Pandemie noch einmal akzentuiert wurden. Bereits an sich können beide Situationen für Autisten belastend sein, und nun kam die Pandemie hinzu.

Im Resümee ziehen auch die Autoren den Schluss:

  • Die Befunde zeigten außerdem, dass viele der Dating-Erfahrungen während COVID bei Teilnehmenden mit Autismus und neurotypischen Teilnehmenden ähnlich waren.

Wir müssen uns also von Vorstellungen verabschieden, dass Autisten komplett verschieden seien in den Bereichen Dating und Beziehungen:

  • Sie reagieren vielmehr ähnlich und sie verfügen auch über insgesamt ähnliche Beziehungserfahrungen.

Dies bedeutet nicht, dass es nicht doch in anderen Bereichen signifikante Unterschiede und Besonderheiten gäbe. Es bedeutet aber, dass wir alle wirklich sehr viel bei den Themen Beziehungen und Partnersuche miteinander teilen, was gleichzeitig bedeutet, dass wir einander grundsätzlich verstehen und voneinander lernen können.

Gesellschaftliche Normen und Kommunikation

Abschließend möchte ich noch die Befunde einer Studie von Tina Ciric und Kolleg:innen darstellen, die 16 bezüglich Gender und sexueller Orientierung diverse Autist:innen im Alter von 20 bis 46 Jahren zu Beziehungen interviewten.

In ihrer qualitativen Auswertung gelangten die Autor:innen zu dem Schluss, dass eine zentrale Gemeinsamkeit in der Infragestellung gesellschaftlicher Normen im Hinblick auf Beziehungen besteht:

Die Befragten fanden Vorstellungen, wie Dating und romantische Beziehungen zu funktionieren haben, als wenig passend, schwer verständlich oder einengend. Dabei stellten die Befragten infrage, was die Person eines Partners oder einer Partnerin tatsächlich ausmacht, welche Rolle sexuelle Intimität spielt und wie Beziehungen strukturiert sein sollten:

  • Die Ergebnisse zeigen ein wiederkehrendes Muster der Zurückweisung vorgegebener gesellschaftlicher Normen – sei es hinsichtlich der Frage, was einen Partner ausmacht, welche Rolle sexuelle Intimität spielt oder sogar wie Beziehungen überhaupt strukturiert sein sollen.

Interessanterweise schilderten viele Befragte auch fließende Grenzen zwischen Freundschaften, Partnerschaften und Sexualität:

  • Für viele Teilnehmende galten körperliche Intimität oder Monogamie nicht als notwendige Voraussetzungen für eine romantische Beziehung, und Sex war nicht zwangsläufig romantischen Partnern vorbehalten.

Letztlich brachten die Befragten die Überzeugung zum Ausdruck, dass Beziehungen kaum normiert werden können, sondern hochgradig individuell sind und entsprechend auch individualisierte Regeln und Kriterien gelten sollten, die keinen vorgegebenen normativen Skripten zu folgen haben:

  • Es bestand weitgehend Einigkeit darüber, dass letztlich jedes Paar selbst entscheiden sollte, welche Regeln und Kriterien für seine individuelle Beziehung gelten sollen, unabhängig von gesellschaftlichen Normen.

Als entscheidenden Aspekt konnten die Autor:innen dabei das Thema der expliziten Kommunikation herausarbeiten:

  • Explizite Kommunikation mit dem Partner wurde genutzt, um die Bedürfnisse und Grenzen des anderen zu verstehen und eine Beziehungsdynamik zu schaffen, die gerade für diese beiden Menschen funktioniert.

Die Bedeutsamkeit der expliziten Kommunikation ist kaum zu überschätzen:

  • Das sehe ich immer wieder im Coaching mit hoher Deutlichkeit. Autisten legen hier in dieser Studie also ihre Finger in eine Wunde, die tatsächlich hochgradig verbreitet ist. Manche Menschen leiden unnötig, spekulieren, phantasieren, sorgen sich, grübeln, interpretieren, anstatt einfach in aller Direktheit die bestehenden Fragen oder Probleme anzusprechen und so gegebenenfalls gemeinsam Lösungen zu finden.

Von zentraler Bedeutung zeigte sich für die autistischen Befragten, ob sie sich von Partner:innen verstanden fühlen und ob sie auch selbst ihre Partner:innen verstehen können:

  • Erneut greifen hier die befragten Autisten einen Aspekt auf, der im Zentrum von Beziehungen liegt. Verstehen ist eine eigenständige Komponente der Liebe im 33‑Komponenten-Modell von Victor Karandashev und Stuart Clapp. Studien zeigten, dass wir in Beziehungen sowohl die Partner verstehen als auch von ihnen verstanden werden wollen. Beide Aspekte vernachlässigen wir jedoch oft sträflich, womit wir bereits beim Dating beginnen und was wir sodann in Beziehungen fortsetzen, wodurch diese unter einem ungünstigen Stern starten und sich oftmals auch weiterhin ungünstig entwickeln. Übrigens ergeben sich hieraus auch Implikationen für die Gestaltung unseres freien Textes im Dating-Profil. Wichtig ist, dass wir sowohl etwas über uns offenlegen als auch unseren Wunsch zum Ausdruck bringen, über die andere Person etwas zu erfahren. Denn so kommen die beiden Aspekte des Verstehens und des Verstandenwerdens zum Ausdruck.

Mehrere Teilnehmende betonten außerdem, dass eine gemeinsame autistische oder neurodivergente Grunderfahrung solch ein Verstehen erleichtern könne:

  • Die Teilnehmenden berichteten außerdem, dass die gemeinsame Erfahrung, autistisch zu sein, ebenso wie ein gemeinsamer autistischer Kommunikationsstil das gegenseitige Verständnis tendenziell erleichterten.

Gleichzeitig wurde aus anderen Berichten aber ebenso deutlich, dass Beziehungen zwischen Autisten und nicht-autistischen Personen gut funktionieren können, solange sich die Betreffenden verstanden fühlen und auch ihre Partner:innen verstehen können:

  • Die Teilnehmenden der vorliegenden Studie beschrieben sehr erfolgreiche Beziehungen mit nicht-autistischen Partnern, in denen sie sich akzeptiert und verstanden fühlten und in denen sie ihrerseits ihren Partner verstehen konnten.

Erneut sehe ich die Parallele zu nicht-autistischen Menschen:

  • So wissen wir aus umfangreichen Erhebungen zur Hochsensibilität, dass der wichtigste Aspekt für ein Beziehungsglück nicht gemeinsame Hochsensibilität ist, obgleich diese förderlich sein kann, sondern das Vorhandensein von Akzeptanz und die Bereitschaft, einander zu verstehen.

Von herausragender Bedeutung sei es dabei letztlich weniger, ob tatsächlich autistische auf autistische Personen treffen, sondern ob die Fähigkeit und die Bereitschaft besteht, die Perspektive und Kommunikationsweise wechselseitig kennenzulernen:

  • Eine gute Kommunikation könnte daher eine Voraussetzung dafür sein, Beziehungen erfolgreich zu gestalten, sodass es weniger auf einen gemeinsamen Neurotyp ankommt als auf die gemeinsame Bereitschaft, sich auf diese Arbeit einzulassen.

Wie erleben nun autistische Menschen das Online-Dating?

Online-Dating wurde von einer Reihe der Befragten als guter Weg beschrieben, um ein Kennenlernen zu ermöglichen, indem Barrieren überwunden und der Zugang zu anderen Personen ermöglicht wird:

  • Zu den Vorteilen gehörten ein größerer Zugang zu unterschiedlichen Menschen und damit ein größerer Pool potenzieller Partner, die klare Kommunikation von Erwartungen sowie die einfache Offenlegung einer geschlechtlich oder sexuell diversen beziehungsweise neurodivergenten Identität.

Aber ebenso ergaben sich wiederum neue oder die gleichen Schwierigkeiten, wenn die Betreffenden mit ggf. für sie schwer durchschaubaren oder durch sie nicht geteilten Normalitätserwartungen und dem besonderen „Code des Online-Datings“ konfrontiert werden:

  • Schwierigkeiten bestanden jedoch weiterhin beim Umgang mit romantischen Interaktionen im Internet, insbesondere hinsichtlich der damit verbundenen neurotypischen sowie cis- und heteronormativen Skripte.

In der Gesamtschau beschrieben die befragten Autisten funktionstüchtige und erfüllende Beziehungen als hochgradig individuell gestaltete Konstellationen, die vor allem auf wechselseitigem Verständnis und expliziter Kommunikation beruhten.

Solche Beziehungen können durch die Passung der autistischen Konstellation erleichtert werden, aber sie können ebenso stattfinden zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen, wenn die kommunikative und verständnisbezogene Basis hergestellt werden kann.

Die Autor:innen ziehen aus diesen Befunden über den Bereich der autistischen Sichtweise hinausgehende Implikationen in dem Sinne, dass die Überlegungen und Erfahrungen der befragten Autisten gleichzeitig den Weg weisen könnten, uns aus normativen Grenzen und Bedingungen zu befreien und Beziehungen so neu zu denken, um zu selbstbestimmten und authentischen Formen von Intimität zu gelangen:

  • Die Berichte unserer Teilnehmenden laden dazu ein, romantische Beziehungen selbst neu zu denken – außerhalb einer cisheteronormativen und neuronormativen Perspektive und hin zu selbstbestimmten, authentischen Formen von Intimität.

Genau diese Schlussfolgerung greift auch wiederum meine Eingangsüberlegungen auf:

  • Die Beziehungserfahrungen und Dating-Erfahrungen der Autisten verweisen letztlich auf die geteilten Mechanismen, wie wir Beziehungen beginnen und leben können, wobei dem gegenseitigen Verstehen, der expliziten und ehrlichen Kommunikation wie auch der Herausarbeitung des individuell passenden Beziehungsmodells – beispielsweise Monogamie, Nicht-Monogamie, Fernbeziehungen, Living Apart Together, Zusammenwohnen, Beziehungen mit hoher Unabhängigkeit oder starker Symbiose – eine entscheidende Rolle zukommt.

Genau deshalb versuchen wir bei Gleichklang, all diese Beziehungsmodelle zu erfassen, zur Reflexion anzuregen und unsere Mitglieder zu motivieren, nur solche Filter zu setzen, die notwendig sind, abseits von oberflächlichen Merkmalen, diese sodann aber konsequent zu setzen und ohne Angst, dass dadurch Wartezeiten auf Vorschläge entstehen können.

Beziehungsanarchie

Damit nähert sich das, was wir hier von den befragten Autisten lernen können, dem Konzept der Beziehungsanarchie an.

Dies ist ein alternatives Modell von Beziehungen, bei dem keine fixierten Strukturen und Vorgaben bestehen, sondern sich Beziehungen fortwährend weiterentwickeln – Zitat aus dem entsprechenden Artikel zur Beziehungsanarchie bei Gleichklang:

  • Anstatt fixierte Beziehungskategorien zu verwenden, betrachtet Beziehungsanarchie Beziehungen als ständig gemeinsam aushandelbar und entwickelbar. Arten, Formen und Gestaltungsweisen von Beziehungen sowie die Rollen, die wir in ihnen einnehmen, können sich demnach verschieben, wobei Konsens und gemeinsame Reflexion im Vordergrund stehen.

Eine gelassene Sicht auf Online-Dating

Solch ein beziehungsanarchisches Verständnis verlangt viel Reflexion und Kommunikation.

Es setzt darauf, dass wir nicht alles vorhersehen und die Zukunft nicht kontrollieren können, aber dass wir über die Zuversicht und Bereitschaft verfügen, auf dem nicht vorhersehbaren Weg auftauchende Barrieren zu überwinden, Probleme zu lösen und so die Beziehung fortwährend fortzuentwickeln.

Aus dieser reifen und gelassenen Perspektive können wir auch bereits das Online-Dating betrachten:

  • Anstatt vieles zu katastrophisieren, schwarz zu sehen, ungeduldig zu werden, und Ergebnisse zu verlangen, dürfen wir uns die Gelassenheit erlauben, das Online-Dating einfach als einen erfahrungsorientierten Zugang zu sehen, bei dem wir mit Menschen zusammen gelangen, mit denen wir sodann feststellen, ob und wie wir gemeinsam miteinander in eine Beziehung treten und wie wir diese Beziehungen sodann gestalten können.

Gerne begleiten wir Sie bei Gleichklang auf diesem Weg:

Zur Beziehungsfindung bei Gleichklang

Weitere Links:

Bild zeigt autistisches Paar in der Natur

11 Kommentare

  • Michael sagt:

    Wie passen die Ergebnisse mit der Tatsache zusammen, dass Autisten überdurchschnittlich oft in der Incel-Szene vertreten sind?

    • Fragwürdig sagt:

      Wie kommst du darauf? Hab dazu noch nie eine Statistik gesehen, vor allem nicht in Deutschland. Wenn es um Social Media oder USA geht: die diagnostizieren sich selbst, in anderen englischsprachigen Ländern ebenso, die würden in Deutschland keine Autismusdiagnose erhalten. In Großbritannien bekommen die Schulen Geld, je mehr Autisten in der Klasse sind. Das hat die „Diagnosen“ verdreifacht und die Kriterien für Autismus bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht.

      • Guido F. Gebauer sagt:

        Es gibt Befunde, die auf eine erhöhte Vulnerabilität hinweisen. Umgekehrt bedeutet dies jedoch nicht, dass Autisten generell ein hohes Risiko haben, Incels zu werden. Möglicherweise kann ein solcher Entwicklungsweg insbesondere dann eintreten, wenn kein Rückgriff auf unterstützende soziale Strukturen erfolgt und die Incel-Szene schließlich selbst die Funktion einer unterstützenden Gemeinschaft übernimmt.

    • Guido F. Gebauer sagt:

      Grundsätzlich können Menschen mit einem bestimmten Merkmal auch in einander entgegengesetzten Gruppen überrepräsentiert sein, beispielsweise in Abhängigkeit von den zur Verfügung stehenden unterstützenden Strukturen, aber auch von eher zufälligen sozialen Begegnungen und anderen Einflussfaktoren. Insofern sehe ich hier keinen grundlegenden Widerspruch.

  • Autismus sagt:

    außerhalb einer cisheteronormativen und neuronormativen Perspektive und hin zu selbstbestimmten, authentischen Formen von Intimität.

    Das klingt abwertend, vor allem im Kontext mit „Autisten sind vor allem queer und haben am liebsten Sex mit jedem, ohne sich an eine Person zu binden“…

    Ich bin auch Autistin und kenne dadurch viele Autisten persönlich. Die autistischen Frauen, die ich kenne, sind weder an Sex mit Vielen noch unverbindlichem Sex interessiert. Die Mehrheit von ihnen ist entweder Single oder in heterosexueller Partnerschaft, oft mit Kindern. Die Wahrscheinlichkeit, als Autistin lieber Single zu sein, ergibt sich dadurch, dass Männer selten bereit sind, den fürsorglich-häuslichen Part zu übernehmen, das können Frauen nicht ändern und die Konsequenz ist dann keine Partnerschaft bei vielen.

    Dem gegenüber kenne ich viele Autisten, die in langjährigen, monogamen schwulen Partnerschaften leben, während die heterosexuellen Autistrn je nach Jahrgang tendentiell eher ebenfalls Single sind (ältere Jahrgänge haben häufiger eine Frau, die die autistischen Defizite ausgleicht, ebenso wie die nicht-autistischen schwulen Partner auch die autistischen Defizite ausgleichen).

    Bei autistischen trans gestaltet es sich etwas anders und trifft eher auf den Artikel zu:

    Sexualität wird innerhalb eines festgelegten Rahmens wie BDSM gelebt, dadurch teils auch mit verschiedenen Partnern. Sexfokus überwiegt emotionalen Beziehungsfokus.

    Bei jungen autistischen Menschen unter 30 sind die Autistinnen meist bewusster Single, während die Autisten frustriert sind und nicht wissen, wie sie eine Freundin finden sollen.

    Dies liegt meinem Eindruck nach an unterschiedlicher Sozialisierung und Anforderungen an Mädchen, weniger daran, dass Autisten per se nicht mit anderen kommunizieren und in Kontakt treten könnten.

    Dazu kommt außerdem, dass viele Autistinnen soziale Aspekte als Spezialinteresse auswählen und dadurch von Außenstehenden nicht mehr als Autistin erkannt werden, während Autisten sich diese Mühe nicht machen.

    Dies zeigt sich auch in der Berufswahl. Ich kenne viele Autistinnen, die soziale Berufe ergreifen, die ständigen Kontakt zu Menschen erfordern.

    • Guido F. Gebauer sagt:

      Es gibt viele Studien, die eine relativ starke Überrepräsentanz queerer Lebensweisen bei Autist:innen zeigen. Die Zitate der Autor:innen orientieren sich sehr eng an den Angaben der befragten Autist:innen. Gleichzeitig hast Du aber völlig recht, und genau deshalb habe ich im Artikel ja diesen Satz geschrieben:

      Die Studie repliziert damit, was wir auch andernorts immer wieder finden:

      Autisten sind häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt im queeren Spektrum verankert, weniger stark heteronormativ orientiert und weniger stark auf die binären Geschlechterrollen Mann und Frau festgelegt.

      Gleichzeitig sind sie aber nicht komplett anders, denn auch in der Stichprobe definierte sich die Mehrheit als Frau (55,9 %) oder Mann (33,2 %), und immerhin fast die Hälfte bezeichnete sich zudem als heterosexuell.

      Das macht noch einmal deutlich, dass Labels oft in die Irre führen:

      Es gibt meistens zwischen allen Arten von Gruppen nur gewisse Mittelwertunterschiede, die Überlappung ist aber immer enorm. Wir müssen daher alle und immer bei allen Fragen, ob privat oder gesellschaftlich, Acht geben, dass wir niemals aus Gruppenmerkmalen auf einzelne Personen schließen. Das ist aber jetzt nur ein Nebenaspekt meines heutigen Artikels.

      Übrigens ist queer auch nicht abwertend, und polyamor etc. ist nicht einfach „Sex mit möglichst vielen Personen“. Das Hin zu authentischen Formen bezieht sich darauf, sich weniger gesellschaftlich zu normieren, als individuell den richtigen Weg zu finden. Genau dies ist ein Aspekt, der eben nicht nur für Autist:innen gilt, sondern uns allen allgemein helfen kann.

    • Guido F. Gebauer sagt:

      Eine neuere große Studie findet deutliche Belege für eine Überrepräsentanz von Autist im queeren Spektrum und bei nichtbinären Genderidentitäten. Meines Wissens gibt es in den letzten Jahren keine Studie, die diesen Befund untersucht und nicht ebenfalls repliziert hätte. Insofern können wir trotz aller Messprobleme vermutlich von einer tatsächlichen Überrepräsentanz ausgehen. Wobei Überrepräsentanz natürlich nicht bedeutet, dass nicht auch alle anderen Ausrichtungen möglich sind.

  • Klaus sagt:

    Autismus führt nicht zu Frauenhass oder Radikalisierung. Die im Artikel beschriebenen positiven Beziehungsgestaltungen zeigen, wie gut Dating für Autist:innen funktionieren kann. Die Überrepräsentation in der Incel-Szene zeigt jedoch die Schattenseite auf: Wenn neurodivergente Menschen ohne Unterstützung immer wieder an den ungeschriebenen Regeln der Mehrheitsgesellschaft scheitern, werden sie anfällig für radikale Gruppen, die ihnen einfache Erklärungen und vermeintliche Zugehörigkeit bieten.

    • Guido F. Gebauer sagt:

      Ich denke auch, dass es gleichzeitig zwei oder mehr Entwicklungen geben kann. Eine Gruppe kann sogar in zwei sich eigentlich ausschließenden Gruppen überrepräsentiert sein. Es gibt tatsächlich Daten, die darauf hinweisen, dass Autisten in der Incel-Szene vermutlich überrepräsentiert sind, auch wenn es hier erhebliche Messprobleme gibt.

      Außerdem gibt es neuere Studien, nach denen die starke männliche Überrepräsentanz beim Autismus möglicherweise nicht der Realität entspricht, sondern ein echtes Messproblem darstellt und tatsächlich ein Verhältnis von etwa 1:1 bestehen könnte. Wenn dies stimmt, hätten wir derzeit bezüglich allgemeiner Aussagen ein Problem, da wir nicht auf eine korrekt zusammengesetzte Stichprobe zurückblicken können.

      Bei den von mir zitierten, vorwiegend qualitativen Studien ist dies jedoch kein Problem, weil es hier nicht um bevölkerungsrepräsentative Zahlen geht, sondern um das Aufzeigen bestimmter Erlebensweisen, unabhängig davon, wie häufig diese genau verteilt sind.

  • Erwin sagt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Gebauer,als Mitglied Ihrer Plattform und Teilnehmer:in an der besagten Umfrage muss ich nach der Lektüre Ihres Artikels sowie Ihrer Replik auf die berechtigte Kritik der Kommentatorin „Autismus“ deutliche Worte finden. Ihre Vorgehensweise ist methodisch hochgradig opportunistisch und inhaltlich manipulativ.In Ihrem Haupttext nutzen Sie soziologische Modeworte wie „cisheteronormativ“, um empirische Daten im Sinne Ihrer persönlichen Agenda der „Beziehungsanarchie“ umzudeuten. Sie betreiben hier eine eklatante Hypersexualisierung und Polyamorisierung des Autismus-Spektrums. Damit gehen Sie völlig an der Lebensrealität der Mehrheit betroffener Menschen vorbei, wie die Praxisberichte aus spezialisierten Autismuszentren und die Stimmen autistischer Frauen hier im Forum eindrücklich belegen. Tiefgreifende neurobiologische Barrieren werden von Ihnen zu einem hippen, queeren Lifestyle-Modell umetikettiert.Besonders trügerisch ist Ihre argumentative Flucht in den Kommentaren: Erst konstruieren Sie im Artikel ein pauschales, ideologisches Narrativ, um Ihr eigenes Filtersystem kommerziell zu legitimieren. Werden Sie dann fachlich gestellt, flüchten Sie sich in die Relativierung, erklären handfeste Kritik zum bloßen „Nebenaspekt“ und flüchten sich in statistische Beliebigkeit.Es drängt sich der Verdacht auf, dass es Ihnen hier weder um eine differenzierte psychologische Aufarbeitung noch um das Wohl der Betroffenen geht. Die Wissenschaft dient Ihnen lediglich als Vorwand, um eine harmlose Datenabfrage ex post so zu verbiegen, dass sie Ihr persönliches Weltbild rechtfertigt und Ihre Plattform als moralisch überlegene Nischen-Echokammer bewirbt. Dieses Vorgehen ist intellektuell unredlich.Mit freundlichen Grüßen, ein zahlendes Mitglied.

    • Guido F. Gebauer sagt:

      Auf den ersten Blick war ich verwundert über die nicht unbedingt deutliche, sondern aggressive Sprache Ihres Kommentars. Aber beim Lesen wurde mir die Richtung klar, und es ist empirisch tatsächlich so, dass Menschen, die bestimmten Diversitätskonzepten negativ gegenüberstehen, diese als einen Angriff erleben.

      Ihre Vorwürfe der „eklatanten Hypersexualisierung“ und „Polyamorisierung“ haben nichts mit dem Artikel zu tun. Sie ergeben sich weder aus den dargestellten wissenschaftlichen Befunden der Autor:innen noch aus meinen eigenen Anmerkungen.

      Ich frage mich, woher Sie die „Mehrheit der autistischen Menschen“ jetzt kennen und welche „Praxisberichte“ Sie meinen. Lassen die sich verlinken? Woran machen Sie diese Annahmen ansonsten fest? Beziehen Sie sich auf Studien, so wie ich es tat, oder eher auf eigene Wahrnehmungen, was auch legitim sein kann?

      Ihre Vorstellung von Neurobiologie als scheinbar harter Wissenschaft ist unrealistisch. Und das beste Beispiel dafür ist die weltweit renommierte Neurowissenschaftlerin und Genderforscherin Sari van Anders. Die scheinbar undurchdringbaren Barrieren gibt es nicht.

      In gewisser Weise prallt das „pauschale, ideologische Narrativ“, das Sie in den Arbeiten der Autor:innen und in meinen Anmerkungen sehen, zurück. Denn offenbar wird bei Ihnen irgendetwas durch meinen Artikel getroffen, sodass Sie mit sehr hoher Abwehr reagieren.

      Übrigens:

      Mit unserer Umfrage hat das wenig zu tun, denn Artikel handelt nicht von unserer Umfrage. Ich habe hier nicht die Befunde unserer Umfrage vorgestellt, sondern die Befunde anderer Untersuchungen. Insofern hat auch dieser Satz keinen erkennbaren Bezug: „Die Wissenschaft dient Ihnen lediglich als Vorwand, um eine harmlose Datenabfrage ex post so zu verbiegen, dass sie Ihr persönliches Weltbild rechtfertigt und Ihre Plattform als moralisch überlegene Nischen-Echokammer bewirbt.“

      Der Begriff der „Echokammer“ wird nach meinem Eindruck oft verwendet, wenn eine reflektierte Auseinandersetzung mit Dingen, die den ewigen Gewissheiten widersprechen, nicht stattfindet.

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