Emophilie: Was bedeutet es, sich schnell zu verlieben?

Verliebtheit reicht nicht für eine Liebe

Schadet es, sich zu schnell oder zu langsam zu verlieben?

Mein vorletzter Blogartikel Über die Reihenfolge der Gefühle beim Beziehungsstart wurde besonders oft kommentiert. Das Thema ist offensichtlich relevant, sodass ich es in meinem heutigen Blogartikel noch einmal fortsetze und erweitere. Leser:innen sind auch wieder gebeten, ihre eigenen Gedanken oder Erfahrungen unten in die Kommentare zu schreiben.

Emophilie als Gegenphänomen zur Schwierigkeit, sich zu verlieben

Immer wieder berichten mir Klient:innen, dass sie Schwierigkeiten haben, sich zu verlieben, woran ein Beziehungsbeginn scheitere. In der psychologischen Literatur wird jedoch auch das umgekehrte Phänomen beschrieben:

  • Unter Emophilie wird eine Neigung verstanden, sich schnell, leicht und wiederholt zu verlieben. Es handelt sich dabei um einen belohnungsorientierten und mit starker emotionaler Aktivierung verbundenen Prozess der Annäherung.

Forschungsbefunde zur Emophilie

Der Psychologe Daniel N. John beschäftigte sich mit diesem Phänomen ausführlich und gelangt in einem Übersichtsartikel zu der Schlussfolgerung, dass Emophilie mit mehr Beziehungen über die Lebensspanne, mehr Verlobungen, mehr Schwangerschaften mit unterschiedlichen Partner:innen sowie mit einem schnelleren Eingehen bindungsrelevanter Entscheidungen verbunden ist.

Damit steht Emophilie in einer partiell gegensätzlichen Beziehung zur sogenannten engen Bindung, die nicht mit mehr, sondern mit weniger Beziehungen verbunden ist.

Abgrenzung zur Soziosexualität

Einen Überlappungsbereich der Emophilie gibt es zur sogenannten Soziosexualität, die sich auf eine Neigung bezieht, sexuelle Kontakte mit unterschiedlichen Partner:innen einzugehen. Allerdings bezieht sich Soziosexualität primär auf sexuelle und körperliche Annäherung, während es bei der Emophilie um emotionale Bindung und romantische Idealisierung geht.

Interessanterweise gehen Emophilie und Soziosexualität trotz dieser Unterschiede mit ähnlichen lebensbezogenen Resultaten einher:

Emophile wie auch soziosexuelle Personen gehen typischerweise mehr Beziehungen ein als nicht emophile oder nicht soziosexuelle Personen.

Probleme einer hohen Emophilie

Während das Gefühl, sich nicht zu verlieben, nach meiner Beobachtung oft als irritierend oder gar schmerzvoll wahrgenommen wird, klagen deutlich weniger Menschen darüber, sich zu leicht zu verlieben.

Tatsächlich zeigt John jedoch in seinem Überblicksartikel, dass mit der Neigung, sich schnell und leicht zu verlieben, ebenfalls Probleme verbunden sein können.

  • So neigen Personen mit Emophilie offenbar dazu, Warnsignale bei potenziellen Partner:innen zu übersehen, Bindungsentscheidungen früh zu treffen, intensive emotionale Investitionen vorzunehmen und sich gleichzeitig gegebenenfalls innerhalb bestehender Beziehungen erneut zu verlieben.

All dies mag erklären, warum Emophilie mit häufigeren Verlobungen, aber auch mit mehr Trennungen, Scheidungen und instabilen Beziehungsverläufen zusammenhängt.

Verliebtheit, Bindung und langfristige Passung

Verliebtheit fungiert demnach einerseits als starkes Signal für Beziehung und Zukunftsintention, ist aber in der Realität nicht zwingend mit einer tatsächlich langfristigen Passung gekoppelt.

Im Ergebnis ist es vermutlich so, dass bei emophilen Personen das bindungs- und beziehungsbezogene Belohnungssystem rasant aktiviert wird, sodass Beziehungen rasch eingegangen werden. Dies ist jedoch mit dem Risiko verbunden, dass Beziehungen nicht halten.

Niedrige Emophilie und Beziehungshemmnisse

Eine dezidiert niedrige Emophilie kann ebenfalls mit Schwierigkeiten verbunden sein:

  • Eine sehr niedrige Emophilie kann zu einer hohen Schwelle für neue Beziehungen nach Trennungen oder Verlusten führen. Davon wird mir auch offen von Klient:innen berichtet.

Allerdings braucht dieses Problem nicht unbedingt einzutreten; und zwar dann nicht, wenn wir Verliebtheit nicht an die Entscheidung koppeln, eine Beziehung einzugehen.

Zeitlicher Abstand zwischen Verliebtheit und Beziehungsbeginn

In meinem vorletzten Blogartikel zitierte ich eine Studie, die quasi als Nebenbefund – für mich jedoch als Hauptbefund – beobachtete, dass Menschen typischerweise erst miteinander eine Beziehung eingehen, bevor die Betreffenden beginnen, sich ineinander zu verlieben.

Den gleichen Befund hat neulich eine Studie der Psychologen Bode und Kavanagh berichtet. Sie identifizierten vier Cluster des Beziehungsverlaufs:

  • In allen diesen vier Clustern begannen die Beziehungen im Durchschnitt ein bis etwa mehr Monate vor dem ersten Auftreten von Verliebtheit.

Das Signal des Verliebtseins ist demnach für einen Beziehungsbeginn nicht notwendig, festigt aber möglicherweise eine bereits entstandene Beziehungsintention.

Abschied von normativen Erwartungen

Vor dem Hintergrund dieser durchaus komplexen Befunde erscheint es mir ratsam, dass wir uns von normativen Erwartungen darüber, auf welcher Gefühlsbasis Beziehungen beginnen sollten, verabschieden:

  • Wir sollten uns weder grämen, wenn wir uns zum Beispiel beim Online-Dating nicht verlieben, noch sollten wir sofort jedem Gefühl möglicher Verliebtheit misstrauen.

Liebe auf den ersten Blick und Persönlichkeitsähnlichkeit

Tatsächlich gibt es einen interessanten empirischen Befund zur Liebe auf den ersten Blick:

  • Bei Personen, bei denen nach einem Kennenlernen Liebe auf den ersten Blick entstand, bestand eine geringere Ähnlichkeit in Persönlichkeitsmerkmalen zu ihren Partner:innen als bei Personen, bei denen die Liebe erst langsamer entstand.

Das Entscheidende war jedoch, dass beide Formen von Beziehung zu ungefähr dem gleichen Ausmaß an Beziehungszufriedenheit führte:

  • Verliebtsein oder langsamer Beginn waren also weder positive noch negative Prädiktoren für das Beziehungsglück. Und genau deshalb ergibt es Sinn, eine Beziehungsentscheidung nicht davon abhängig zu machen, ob Verliebtheit vorliegt oder nicht.

Die Sachlage, dass bei Personen mit dezidierter Emophilie eher mehr Beziehungen auseinandergehen, lässt sich also nicht in eine generelle Warnung vor einem durch Verliebtheit geprägten raschen Beziehungsbeginn übersetzen. Denn was bei einer personenspezifischen extrem starken Neigung zu rascher Verliebtheit der Fall sein mag, muss eben nicht für Verliebtheit im Allgemeinen gelten.

Gefühl, Verstand und Verliebtheit – zur Balance bei Beziehungsentscheidungen

Meine Empfehlung, Verliebtheit an sich nicht als Kriterium für eine Beziehungsentscheidung heranzuziehen, stieß bei einigen Leser*innen auf Widerspruch. Ein solches Vorgehen erschien manchen zu kalt oder kalkuliert.

Hintergrund dieser nachvollziehbaren Reaktionen ist ein Modell von Liebe, das den Gefühlen das Primat zuweist und den Verstand für sekundär hält. Darüber hinaus wird das Gefühl der Verliebtheit als der eigentliche emotionale Indikator angesehen, während anderen Gefühlen (etwa Sympathie) ein geringerer Stellenwert zugewiesen wird.

Tatsächlich liegen wir mit unseren Beziehungsentscheidungen am ehesten richtig, wenn Gefühle und Verstand in die gleiche Richtung weisen. Wir sollten weder den Verstand ausschalten noch unsere Gefühle ignorieren.

Bei den Gefühlen wiederum sollten wir einen einseitigen Fokus auf Verliebtsein vermeiden. Es gibt zahlreiche weitere – Sympathie, Zuneigung, gemeinsame Freude etc. –, die ebenso als Indikatoren für Liebe fungieren können. Es gibt inhaltlich keinen Grund, allein das Verliebtsein auf das Podest zu stellen.

Integration von Gefühl und Verstand

Wenn ich den Fokus auf Verliebtheit als Kriterium für eine Beziehungsentstehung kritisch bewerte, plädiere ich nicht für einen emotionslosen, kalten Zugang, sondern für eine Erweiterung der emotionalen Perspektive und für ein Zusammenspiel von kognitiven-verstandesmäßigen und gefühlsbezogenen Prozessen.

Dies spiegelte sich auch in meiner Empfehlung wider, dann eine Beziehung miteinander zu beginnen, wenn beide Beteiligten – oder alle Beteiligten (bei polyamoren Beziehungen) – tatsächlich eine Beziehung suchen und im Verlauf des Kennenlernens auf der Basis einer sympathiegetragenen Zuneigung zueinander feststellen, dass sie miteinander im Sinne eines gemeinsamen Projektes durchs Leben gehen können.

Ist dies der Fall, liegen hohe Chancen für eine auch dauerhafte Beziehungszufriedenheit vor; zusätzliche Verliebtheit bringt keinen weiteren Gewinn und ihr Fehlen keinen Verlust.

Ich glaube, dass diese Daumenregel für die Entscheidung für einen Beziehungsbeginn gerade auch für Menschen im mittleren Lebensalter und für viele Gleichklang-Mitglieder relevant und hilfreich sein kann. Begegnen sich zwei Gleichklang-Mitglieder, die einander sympathisch sind und feststellen, dass sie grundlegende gemeinsame Werte miteinander verbinden, steht einem Beziehungsbeginn eigentlich nichts mehr im Wege.

Freundschaftliche und pragmatische Liebe

Liebe muss nicht leidenschaftlich sein. Liebe kann auch freundschaftlich geprägt sein. Schließlich zeigte der Soziologe Benjamin Lee bereits vor Jahrzehnten, dass freundschaftliche Liebe eine gegenüber der romantischen Liebe gleichberechtigte Form der Liebe ist.

Es gibt ebenso die pragmatische Liebe:

  • Bei der pragmatischen Liebe dominieren rationale Abwägungen. Beziehungen werden begonnen, wenn sie insgesamt im Vergleich zu allen möglichen Alternativen als vorteilhaft erlebt werden.

Ein klassisches Beispiel sind Nutzen- und Tauschbeziehungen, in denen etwa materielle Vorteile oder Statusgewinne auf der einen Seite gegen körperliche Attraktivität oder Sexualität getauscht werden

Dieses Modell ist keineswegs selten, wie wir schnell erkennen können, wenn wir uns etwa neue Partnerschaften wohlhabender Männer anschauen.

Tatsächlich ist die Rolle der pragmatischen Liebe jedoch keineswegs auf solche dedizierte Verrechnungsweisen materieller Vorteile mit Attraktivität beschränkt. In allen Lebenslagen spielen vielmehr pragmatische Überlegungen eine Rolle, und dies nicht unbedingt zum Nachteil der Liebe.

Pragmatische Liebe und Beziehungszufriedenheit

Bezüglich der Beziehungszufriedenheit ist die Rolle pragmatischer Aspekte mittlerweile recht klar:

  • Pragmatische Liebe ist weder ein positiver noch ein negativer Prädiktor für Beziehungszufriedenheit.

Dies bedeutet umgekehrt, dass wir uns vor pragmatischer Liebe nicht zu fürchten brauchen. Allein die Sachlage, dass unsere Liebe pragmatisch ist, wirkt sich weder positiv noch negativ auf unsere Beziehungszufriedenheit aus.

Pragmatische Überlegungen bei der Partnersuche

Tatsächlich beginnen pragmatische Überlegungen bereits dann, wenn wir uns sagen, dass wir letztlich in einer Beziehung glücklicher sein werden als als Single. Sie setzen sich bei der Partnersuche fort, wenn wir nach Menschen suchen, von denen wir glauben, dass sie mit uns eine gewisse Kompatibilität aufweisen.

Darüber hinaus möchte ich ausführen, dass pragmatische Entscheidungen sich nicht nur auf den Beziehungsverlauf auswirken. Vielmehr möchte ich vorwiegend darauf hinweisen, dass pragmatische Entscheidungen uns die Möglichkeit einer Beziehung überhaupt erst eröffnen können:

  • Verlange ich intensive Verliebtheit auf beiden Seiten als Eingangsvoraussetzung, kann es gut passieren, dass dieses Ereignis nicht eintritt. Bleibe ich bei diesen Kriterien, bleibt mir in diesem Fall ggf. eine Beziehung verschlossen. Pragmatische Überlegungen können so als Eintrittskarte in eine Beziehung fungieren.

In diesem Sinne rate ich tatsächlich zu mehr Pragmatik bei der Partner- und bei der Beziehungsentscheidung. Nach allem, was ich in den vergangenen 19 Jahren als Partnervermittler beobachtet habe, glaube ich, dass mit mehr Pragmatik noch einmal deutlich mehr Gleichklang-Mitglieder eine Beziehung gefunden hätten, die sich im Verlauf sodann ähnlich entwickelt hätte wie andere Beziehungen auch.

Beziehungszufriedenheit entsteht durch Handeln – nicht durch Verliebtheit

Der beidseitige Wunsch nach einer partnerschaftlichen Beziehung, eine vorhandene Sympathie und der Eindruck, dass ein gemeinsames Lebensprojekt möglich ist, genügen, um miteinander in eine partnerschaftliche Beziehung einzutreten.

Wie zufrieden die Beziehung nachfolgend wird, hängt maßgeblich von dem ab, was wir gemeinsam in einer Beziehung tun. Für unsere Lebenszufriedenheit ist es dabei wichtiger, das Gefühl zu haben, geliebt zu werden, als den Eindruck zu haben, verliebt zu sein.

Liebe zeigen und sich geliebt fühlen

Für das Gefühl, geliebt zu werden, können wir wiederum in partnerschaftlichen Beziehungen einiges tun, wie eine Studie von Williams und Kolleg:innen zeigt:

  • In einer vierwöchigen Tagebuchstudie mit hochfrequenten Beobachtungseinträgen beobachteten die Autor:innen, dass die Häufigkeit, mit der wir unsere Liebe zeigen, maßgeblich mitbestimmt, wie stark wir uns nachfolgend geliebt fühlen.

Umgekehrt zeigte sich jedoch interessanterweise, dass der Eindruck, geliebt zu werden, keinen Zusammenhang zur nachfolgenden Häufigkeit hatte, mit der die Teilnehmenden ihre Liebe ausdrückten.

Damit wird deutlich, dass unser Gefühl, geliebt zu werden, nicht ausschließlich von der anderen Person, sondern auch von unserem eigenen Handeln abhängt:

  • Machen wir es uns in Beziehungen zur Gewohnheit, unsere Liebe auszudrücken, beginnen wir, uns stärker geliebt zu fühlen, und werden so mit der Beziehung zufriedener.

Die Sachlage, dass das Gefühl, geliebt zu sein, sich nicht auf den Ausdruck unserer eigenen Liebe auswirkte, macht gleichzeitig deutlich, dass wir uns nicht auf unseren Gefühlen ausruhen dürfen. Handlungen kommen nicht von selbst. Entscheidend ist vielmehr, dass wir selbst in die Handlungsorientierung gehen und Liebe zeigen.

Liebe als Gesamtheit unseres emotionalen und kognitiven Erlebens

Liebe sollten wir dabei nicht engmaschig oder kleinkariert definieren. Vielmehr umfasst Liebe die Totalität unseres gefühlsmäßigen und kognitiven Erlebens gegenüber der anderen Person und unserer gemeinsamen Verbindung.

Dies können sexuelle, romantische, auch verliebte sowie freundschaftliche Regungen sein, ebenso der Wunsch, sich der anderen Person zuzuwenden und für sie da zu sein.

Zu diesem Konzept der Liebe gehören auch pragmatische Überlegungen, die ebenfalls in einem positiven Sinne als Liebe kommuniziert werden können:

  • Wenn ich einmal die Bilanz meines Lebens ziehe, so ist unsere Beziehung doch ein wichtiger Anker für mich.“

Reine Verliebtheit als egozentrisches Gefühl

In Wirklichkeit glaube ich, dass nicht die Berücksichtigung pragmatischer Erwägungen im von mir dargelegten Sinne, sondern vielmehr der alleinige Fokus auf das Gefühl des eigenen Verliebtseins instrumentalisierend und sogar kalt gegenüber den Partner:innen ist.

Hierzu passen psychologische Befunde, die zeigen, dass in romantischen Beziehungen Paare, die eher ein kameradschaftliches Modell der Liebe leben, im Vergleich zu Paaren, deren Liebe vorwiegend leidenschaftlich orientiert ist, letztlich ein höheres Ausmaß an Liebe zu ihren Partner:innen berichten.

Die eigenen „heißen Gefühle“ gänzlich in den Vordergrund zu stellen und sie zugleich als Voraussetzung für eine Beziehung zu definieren, definiert Partner:innen als zu lieben und zu idealisieren wegen meiner eigenen Gefühle. Letztlich erzeugen wir, wenn wir dies als Basis für Beziehungen betrachten, bei allen Unsicherheit. Schließlich können sich solche Gefühle bekanntlich schnell verändern.

Ein Beziehungsmodell, das auf der Gesamtheit positiver emotionaler und kognitiver Prozesse aufbaut, erscheint tragfähiger. Die Komponente der Verliebtheit kann enthalten sein, braucht es aber nicht.

Genau in diesem Sinne wünsche ich den Leserinnen und Lesern eine gesunde Pragmatik, um eine Beziehung zu finden und in dieser glücklich zu werden.

Bei Gleichklang begleiten wir Sie gerne weiterhin auf diesem Weg:

▶ Zur Beziehungssuche bei Gleichklang

Weitere Links:

Liebe braucht keine Verliebtheit

3 Kommentare

  • Alma sagt:

    Ich möchte weder emotionslos eine irgendwie geartete Beziehung starten, noch möchte ich mich ständig verlieben (müssen).
    Frage mich, ob das Nutzen von Partnerschaftsbörsen unsere Vorstellungen von Beziehungsanbahnung ‚verhunzt‘, ‚entstellt‘, verändert.
    Ich habe mich in meinem Leben selten verliebt. Davon geschah das äußerst selten nahezu plötzlich (also auf den ‚ersten Blick‘) und häufiger dauerte es etwas länger, bis ich wusste, was das wird. In diesen Fällen begegnete ich Menschen meist in Freundesgruppen, bei Hobbies oder im beruflichen Kontext immer wieder, lernte sie kennen, schätzen, verbrachte immer mehr Zeit mit ihnen und stellte irgendwann fest, dass ich mehr fühle. Nicht immer führte das zu Beziehungen. Manchmal lag es daran, dass das Gefühl einseitig war, manchmal daran, dass Gefühle nicht (ehrlich) formuliert wurden, manchmal daran, dass ich oder der andere schon in einer Partnerschaft gebunden war und ich das nicht zerstören wollte.
    Ich glaube, Beziehungen können unterschiedlich entstehen. Ich finde, sie dürfen das und ich möchte zulassen, dass es so ist. Ich möchte die Beziehungen, die ich führe, mit gestalten dürfen und dem Gegenüber seinen Gestaltungspielraum dabei lassen. (Auch wenn das mir manchmal ganz schön weh tut.)
    Ich möchte nicht vorher wissen, wie Beziehung am Ende aussehen muss, sondern zulassen, dass beide ihre Vorstellung einbringen und dass sich diese im Lauf der Zeit wandeln. (Auch das kann weh tun.)
    Das führt dazu, dass ich die Diskussion, was vorher sein muss:
    Verliebtheit oder freundschaftliche Bindung, merkwürdig finde bzw. anders formuliert, sie mir fast schon wieder zu eng gedacht ist: Wenn zwei Menschen einander begegnen, gestalten sie, was sie miteinander machen und was sie verbindet. Jeder für sich und im Zusammenspiel. Was dabei entsteht, weiß ich im Vorfeld nicht. Kann ich nicht wissen, da ich nicht weiß, was der andere/die andere einbringen wird.
    Ich will die Freiheit haben, mich darauf einzulassen.

    Übrigens:
    Wenn ich das hier manchmal so lese, fällt mir auf, dass es viel darum geht, was ich suche und will. Ich frage mich zunehmend: Sollten wir uns vlt auch wieder vermehrt darum kümmern, was wir zu geben bereit und in der Lage sind.
    Ich finde es richtig, Klarheit zu haben, was ich mir wünsche.
    Aber vlt könnte es helfen, wenn ich die gleiche Klarheit darüber hätte, was ich im Gegenzug zu geben willens und in der Lage bin.
    Wenn ich z.B. einen Adonis fordere, dann könnte es hilfreich sein, eine Venus zu sein. – Das ist plakativ vereinfacht. Eigentlich sind mir körperliche Merkmale nicht so wichtig. Ich finde nur in dieser auf das Körperliche reduzierten Formulierung, wird die mutmaßliche Schieflage zwischen Forderung und Was-kann-ich-geben deutlich. Man kann das auf andere, z.B. charakterliche Merkmale übertragen.
    Ich wünsche mir, dass wir uns neben den Gedanken darüber, was ich mir wünsche, auch wieder mehr damit beschäftigen, was wir geben können oder wollen.

  • S. sagt:

    Die Überschrift des Artikels versprach eigentlich eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Emophilie. Schade, dass Sie es dann nur kurz angerissen haben. Ich habe fast den Eindruck, als verfolgten Sie ein konkretes Ziel mit dieser Herangehensweise oder als sei Ihnen selbst das Phänomen unvertraut und deshalb weniger wichtig.

    Ich bin jedenfalls neugierig viel mehr über Emophilie zu erfahren, da ich vermute, dass sie mir das Leben sehr erschwert, sei es in der ungünstigen Partnerwahl oder in der nachfolgenden Beziehungszufriedenheit oder in meinem Zustand als ungewollter Single oder in wiederkehrenden Erlebnissen der Limerenz oder in einem alltäglichen Zustand der Langeweile.

    • Guido F. Gebauer sagt:

      Schau einmal z. B. bei Google Scholar unter Emophilie, wie viele Forschung es z. B. seit 2022 gab. Zwei Einträge: keine relevant.

      Ähnlich sieht es in wissenschaftlichen Datenbanken wie PsycINFO aus. Mit anderen Worten: Es gibt keine neue Forschung, und ich habe die Forschung und ihre Ergebnisse, die es gibt, bereits dargestellt.

      Ich glaube aber, die entscheidenden Aspekte habe ich benannt. Dass sich zu schnell zu verlieben nämlich nicht unbedingt eine gute Sache ist, und ich habe mich dann allgemein damit auseinandergesetzt, wie wir Entscheidungen treffen können – wieder mit Verliebtheit (das gilt dann auch für Emophile) oder eben ohne Verliebtheit.

      Du hast recht, dass wir zu dem Thema einfach mehr Forschung brauchen. Und übrigens:

      Die nächste Gleichklang-Umfrage in ca. zwei Wochen wird auch u. a. darum gehen, wie Beziehungen durch Freundschaft, Sympathie, Verliebtheit, Liebe auf den ersten Blick entstehen und was das für die Betreffenden bedeutet und in vergangenen Beziehungen bedeutet hat.

      Wenn Du Dich als emophil wahrnimmst und es als Problem erlebst, gelten genau die Empfehlungen, die Du in dem Artikel findest:

      So schwer es ist, wir können und sollten unsere Partnerwahl nicht von Verliebtheit abhängig machen. Wir brauchen eine Konsistenz von Gefühl und Verstand. Wir können also auch als emophile Personen eine Beziehung ganz ohne Verliebtheit beginnen (wir verlieben uns ja nicht in alle), woran viele vielleicht nicht einmal sonst denken, dass das eine Möglichkeit ist. Sind wir aber verliebt, sollten wir uns erst einmal mit genauer Analyse der Lebensziele und der Möglichkeiten fragen, ob dies ein Argument für eine Beziehung ist oder nicht.

      Du vermutest ein Ziel bei mir, was Du nicht benennst. Mein Ziel ist, möglichst dort Denkansätze und Hilfestellungen leisten zu können, wo Probleme auftreten. Dies betrifft auch die Frage, wann sage ich Ja oder Nein zu einer Beziehung und welche Rolle dabei Verliebtheit spielt.

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