Hintergrund zum neuen Video: „Was Dating-Apps mit uns machen“

Foto zeigt Frau mit Handy bei Dating-App.

Wie kurzfristige Belohnungen, Monetarisierung und Suchtstrukturen unsere Partnerfindung beeinflussen

Mein heutiger Blogartikel gibt in gewisser Weise einen zusammenfassenden, aber gleichzeitig auch erweiternden Überblick oder Kommentar zu meinem neuen Video „Was Dating-Apps mit uns machen – wissenschaftlich erklärt.

Der Blogartikel wie auch das Video knüpfen an die folgenden psychologischen Erkenntnisse an, die jeweils durch Studien unterstützt sind.

Ich habe diese Erkenntnisse bereits in vielen Artikeln und Videos wieder und wieder benannt, sodass ich sie hier nur initial wie Schlagworte aufzähle. Die Sachlage ist nun einmal, dass es auch immer wieder viele neue Leser:innen gibt, die meine vorigen Artikel und Videos nicht kennen:

Neun psychologische Grundfakten zum Online-Dating

  1. Viele Kontakte beim Online-Dating, also viele Profile oder gar immer wieder neue Profile, manchmal sogar jeden Tag oder jede Stunde neue Profile, führen psychologisch dazu, dass Menschen beginnen, alle Profile kritischer zu betrachten. Es entsteht eine Ablehnungshaltung, ohne dass wir dies merken.
  2. Durch die permanente Möglichkeit, neue Profile zu erhalten, wird eine neue Perspektive geschaffen, die sich nicht auf den jeweiligen Vorschlag, sondern auf die Hoffnung auf einen noch besseren Vorschlag richtet.
  3. Je mehr Profile uns gezeigt werden, desto schlechter werden unsere Entscheidungen. Wir werden oberflächlicher, und unsere „Auswahlen“ entfernen sich immer mehr von dem, was wir uns eigentlich einstmals wünschten.
  4. Geraten wir in einen Modus, in dem wir immer wieder neugierig sind, was für neue Profile uns angezeigt werden, sinkt unsere Bindungsbereitschaft, also die Bereitschaft, uns tatsächlich auf eine Person einzulassen und uns für eine Beziehung mit dieser Person zu entscheiden.
  5. Sinkt unsere Bindungsbereitschaft, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir Single bleiben.
  6. Bei den modernen Dating-Systemen dienen die Vorschläge als Belohnungsreize, weshalb die Systeme teilweise systematisch besonders attraktive Profile immer wieder untermischen, selbst wenn die Chancen bei null liegen. Ein zweiter Belohnungsreiz sind sogenannte Matches, bei denen also zwei Personen scheinbar aneinander interessiert sind.
  7. Diese Belohnungsreize – also Profile und Matches – haben sofort psychologische Wirksamkeit. Sie brauchen also nicht zu einer Beziehung zu führen. Ihre Belohnungsfunktion ist von der Beziehungsentstehung entkoppelt.
  8. Indem unser Verhalten in Dating-Apps nunmehr unter den Einfluss dieser kurzfristigen Belohnungsreize gerät, findet eine implizite Zielverschiebung statt: weg von dem ursprünglichen Beziehungsziel hin zu dem kurzfristigen Belohnungsziel – also mehr Profile oder neue Matches.
  9. Das Erreichen der Belohnungsziele bringt uns nicht hin zum Beziehungsziel, sondern entfernt uns von diesem. Das Beziehungsziel möchte beispielsweise von uns, dass wir innehalten und nunmehr ernsthaft den Kontakt zu einer Person ausloten. Das kurzfristige Belohnungsziel möchte von uns demgegenüber, dass wir uns neue Profile anschauen und neue Matches erhalten. Diese beiden Ziele führen also nicht zueinander, sondern stehen im Widerspruch zueinander.

Wie Dating-Apps kurzfristige Belohnungen monetarisieren

Mein neues Video – und auch ergänzend bzw. erweiternd dieser Blogartikel – zeigen nun auf, dass die Monetarisierungsprinzipien der meisten modernen Dating-Systeme, also ihre Art, wie sie Gewinne erzielen, genau darin bestehen, die kurzfristigen Belohnungsziele zu maximieren.

Quasi als automatische Nebenfolge ergibt sich daraus gleichzeitig: J

  • Je stärker sich die Nutzer:innen an den kurzfristigen Belohnungszielen orientieren, desto stärker entfernen sie sich von einer tatsächlichen Beziehung.

Die Grundausrichtung dieser Art der Monetarisierung ist dabei – ausführlicher wird dies im Video erläutert – auf zwei Ebenen wirksam:

  • Erstens finanzieren sich die modernen Dating-Systeme dadurch, dass wir für die kurzfristigen Belohnungen so schnell wie möglich sowie so oft wie möglich bezahlen. Die Dating-Systeme machen also Gewinn damit, dass wir uns viele Profile anschauen, uns immer wieder neue Profile anschauen und möglichst viele Matches für uns generieren. Dieser Monetarisierungsmechanismus ist sofort für die Dating-Apps wirksam und resultiert direkt in Einnahmen.
  • Die zweite, längerfristige Monetarisierungsebene bezieht sich darauf, dass wir nicht nur jetzt möglichst schnell und möglichst viele kurzfristige Belohnungen einkaufen, sondern dass wir dies langfristig, möglichst für immer oder wenigstens immer wieder tun.

Diese langfristige Monetarisierung ergibt sich wiederum praktisch automatisch aus der Optimierung der ersten Monetarisierung:

  • Denn je mehr wir die Zeit jetzt nutzen, um uns neue Vorschläge oder Matches – also kurzfristige Belohnungen – einzukaufen, desto stärker entfernen wir uns von unserem eigentlichen Beziehungsziel. Wir bleiben also genau deshalb, weil wir bezahlen, partnerlos. Weil wir jedoch partnerlos bleiben, bleiben wir bei der App.

Dating-Apps müssen uns keine tragfähigen Beziehungen vermitteln, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Ganz im Gegenteil:

  • Es ist aus der rein monetären Logik der Dating-Systeme viel wirkungsvoller, wenn unser langfristiger Wunsch nach Beziehungen frustriert wird, stattdessen aber kurzfristige Bedürfnisse befriedigt werden, sodass wir trotz der langfristigen Frustration motiviert sind, dabeizubleiben.

Die Gesamtmaximierung der Einnahmen der Dating-Apps ergibt sich also unmittelbar daraus, dass sie kurzfristige Belohnungsreize verkaufen, wodurch langfristig die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass wir mit unserer Partnersuche am Ziel einer langfristigen, dauerhaft tragfähigen Partnerfindung ankommen.

Die Lerntheorie hinter kurzfristiger Belohnung

Diese Mechanismen folgen interessanterweise aus geradezu klassischen Mechanismen, mit denen sich die psychologische Lerntheorie seit fast zwei Jahrhunderten umfassend auseinandergesetzt hat:

  • Verhaltensweisen, die sofort belohnt werden, werden typischerweise fortgesetzt.
  • Je schneller die Belohnung auf das Verhalten folgt, desto wirksamer ist sie.
  • Erfolgt eine Belohnung auf jedes Verhalten, steigt die Verhaltenshäufigkeit an. Bleibt die Belohnung nunmehr plötzlich aus, sinkt die Verhaltenshäufigkeit jedoch schnell erneut ab.
  • Erfolgt demgegenüber auf ein bestimmtes Verhalten nicht immer, sondern nur gelegentlich eine sofortige Belohnung, steigt die Verhaltenshäufigkeit im Verlauf sogar besonders stark an und bleibt nachfolgend selbst dann noch über längere Zeit bestehen, wenn gar keine Belohnungen gegeben werden.

Intermittierende Verstärkung

Dieses Prinzip wird als intermittierende Verstärkung bezeichnet, und im Grunde ist es auch bei reiner Plausibilitätsbetrachtung logisch:

Tun wir etwas und werden dafür nicht belohnt, erleben wir dies als sinnlos, aufwendig und anstrengend und hören daher lieber auf.

Werden wir demgegenüber belohnt, bleiben wir gerne dabei.

Fällt die Belohnung plötzlich weg, steigen wir erneut aus.

  • Erfolgt die Belohnung jedoch nicht immer, sondern nur gelegentlich, lernen wir, dass wir das Verhalten besonders oft zeigen müssen, um eine Belohnung zu erhalten. Es reicht nicht, einfach nur nach links zu wischen, sondern wir müssen dies mehrfach tun, damit die Belohnung eintritt.
  • Wird ein Verhalten nur gelegentlich belohnt, lernen wir außerdem, dass es belohnungsfreie Zeiten gibt und diese nicht bedeuten, dass künftig keine erneute Belohnung erfolgen wird.
  • Dadurch schaffen wir es, diese belohnungsfreien Zeiten zu überbrücken, ohne dass wir aus dem Verhalten aussteigen. Obwohl es gar keine Belohnung gibt, setzen wir das Verhalten fort, damit doch noch in der Zukunft die Belohnung eintritt.

Tue ich also etwas, für das ich sofort, aber nicht immer, sondern nur gelegentlich belohnt werde, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich genau dies auch künftig weiterhin tun werde.

Technisch gesprochen steht unser Verhalten in solchen Situationen unter der Kontrolle eines intermittierenden Verstärkerplans, der nach den lerntheoretischen Befunden zu besonders hohen und stabilen Verhaltensraten führt.

Glücksspiel, Sucht und die Macht kurzfristiger Konsequenzen

Genau dies ist das Prinzip des Glücksspiels, wie schon der Psychologe Burrhus Frederic Skinner in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts überzeugend demonstrieren konnte:

Glücksspieler:innen erhalten für sie nahezu unvorhersehbar gelegentlich Belohnungen. Sie setzen ihr Verhalten fort, um diese Belohnungen zu erhalten, und können dabei auch weite Strecken ohne Belohnung überbrücken, da die Fortsetzung des Verhaltens quasi in den Belohnungsmechanismus bereits einprogrammiert ist.

Positive und negative Verstärkung

Wieso aber setzen Glücksspieler:innen ihr Verhalten fort, obgleich sie nicht nur oft nicht belohnt, sondern durch Geldverlust bestraft werden?

Hier greifen Mechanismen, die auch für substanzbezogene Süchte typisch sind:

  • Ab einem bestimmten Punkt beginnt ein Verhalten, das ursprünglich belohnt wurde, in Wirklichkeit bestraft zu werden, zum Beispiel indem negative Gefühle entstehen. Glücksspieler:innen ärgern sich über den erlittenen Verlust, sie geraten unter Stress. Setzen sie jedoch das Verhalten fort und tritt nunmehr irgendwann erneut eine Belohnung ein, ergibt sich ihre Wirksamkeit nicht mehr nur aus der positiven Valenz des Gewinns, sondern auch aus der Reduktion des vorherigen negativen Verlustgefühls oder Stres.

Anfangs nehmen diejenigen, die kokainabhängig werden, typischerweise Kokain, um große positive Gefühle zu erleben. Ab einem bestimmten Punkt nehmen sie das Kokain jedoch vorwiegend, um negative Gefühle, die durch den Kokainkonsum entstehen, kurzfristig zu reduzieren.

Natürlich wissen die meisten Süchtigen, dass ihr Verhalten langfristig gesehen schädlich ist. Da sie aber – was uns allen ganz schnell passieren kann – ganz unter dem Einfluss kurzfristiger Konsequenzen stehen, hat dieses langfristige Wissen wenig oder keinen Einfluss auf ihr Verhalten.

Selbstkontrolle ist ein Puffer

Genau diese Widersprüchlichkeit zwischen kurzfristigen und langfristigen Konsequenzen kennen wir tatsächlich in allen Bereichen unseres Lebens.

  • Selbstkontrolle besteht insofern darin, negative Dinge auszuhalten, weil sie zu langfristig positiven Konsequenzen führen, sowie darin, auf unmittelbare positive Belohnungen zu verzichten, weil sich dadurch langfristig unsere Lebenssituation verbessert.

Alle können unter die Kontrolle eigentlich dysfunktionaler intermittierender Verstärkerpläne geraten. Fehlt uns jedoch die Selbstkontrolle, maximiert sich diese Wahrscheinlichkeit.

Kurzfristige Belohnung als gesellschaftliches Prinzip

Übrigens wirken diese Prinzipien natürlich nicht nur auf der Ebene eines einzelnen Menschen oder eines einzelnen Tieres, sondern wir erkennen sie auch in der Gesamtheit menschlicher Handlungsweisen, also im gesellschaftlichen Kontext:

  • Ein aktuell besonders eindrückliches Beispiel dafür ist die systematische Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen unseres Planeten. Diese Zerstörung geht weit über den Klimawandel hinaus und betrifft sämtliche ökologische Systeme.

Obgleich wir – wie Kokainabhängige – wissen, dass unsere Lebensweise langfristig zu negativen Folgen führt, setzen wir sie unverändert fort.

Die Produzent:innen werden durch die unmittelbaren Einnahmen und Gewinne belohnt. Die Konsument:innen werden durch die kurzfristigen positiven Gefühle belohnt, die durch den Konsum entstehen. Langfristig ruinieren wir so gemeinsam unseren Planeten und erzeugen unvorstellbares Leid.

Ein Ergebnis ist, dass menschlich hergestellte Produkte mittlerweile die Biomasse des gesamten Planeten übersteigen. Die Folgen sind verheerend.

Über die Zusammenhänge spreche ich auch in meinem Video „Die Verhaltenskrise, die unsere Umwelt und unsere Beziehungen zerstört.

Wie Dating-Plattformen Belohnungsreize verkaufen

Hier schließt sich nun, wenn wir auf das Dating zu sprechen kommen, der Kreis:

  • Moderne Systeme des Online-Datings beruhen auf exakt den gleichen Prinzipien, auf denen das Glücksspiel oder auch die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen unseres Planeten beruhen.

Genau daran setzen die Plattformen ihre Monetarisierung an:

  • Sie verkaufen mehr Profile, mehr Matches, mehr Sichtbarkeit, Superlikes, Superboosts und wie die Prämienprinzipien auch alle heißen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Käufer:innen sofort belohnen, ohne aber zu einer partnerschaftlichen Beziehung zu führen. Im Ergebnis setzen die Käufer:innen ihr Kaufverhalten fort.

Die Lebensmittelindustrie als Prototyp

Ein weiteres, geradezu prototypisches Beispiel ist übrigens die Lebensmittelindustrie – auch darauf komme ich im Video zu sprechen:

  • Grundsätzlich ist es so, dass uns bestimmte Lebensmittel natürlicherweise gut schmecken, also positiv verstärkend sind, weil sie dazu führen, dass wir nicht nur gesättigt werden, sondern uns auch ausreichend mit allen Nährstoffen versorgen. Viele süße Lebensmittel, wie Obst, enthalten viele Vitamine oder andere Nährstoffe und Pflanzenstoffe, die wir benötigen. Vermutlich ist genau dies der Grund, warum wir im Laufe der Evolution unter anderem eine Präferenz für den süßen Geschmack entwickelten. Ähnlich verhält es sich mit anderen Geschmacksrichtungen, die wir präferieren.

Die Lebensmittelindustrie hat es nun geschafft, durch das Design neuer Produkte diese natürlichen Mechanismen so zu kombinieren, dass eine maximale sofortige Belohnung eintritt:

  • In den Laboren erprobt sie die richtige Mischung aus Zucker, Fett, Salz, Konsistenz und Schmelzgefühl im Mund. Dabei optimiert sie die Lebensmittel dahingehend, dass möglichst viel und möglichst oft von ihnen gegessen wird. Dadurch entfernen sich aber nunmehr die eigentlichen natürlichen Grundprozesse, die unserer Gesundheit dienen sollen, von ihrem Ziel und beginnen stattdessen, unsere Gesundheit zu ruinieren. Vielen ist dies bekannt, aber die kurzfristige Belohnung ist stärker als die Selbstkontrolle.

Dating-Sucht und Bindungsmuster

Vor diesem psychologischen Hintergrund wundert es nicht, dass mittlerweile auch die Studien zunehmen, die sich mit Dating-Sucht beschäftigen. Es wurde bereits eine Reihe von Fragebögen zu diesem Thema entwickelt.

Einer meiner letzten Blogartikel stellt dar, wie Mechanismen der Dating-Plattformen insbesondere auch bei Menschen mit ängstlicher, vermeidender oder ängstlich-vermeidender Bindung Suchtverhalten induzieren können.

Nicht alle Menschen werden süchtig

Nun bedeutet dies natürlich keineswegs, dass alle süchtig werden. Schließlich werden auch nicht alle esssüchtig, und nicht jede:r, der einmal oder gelegentlich in ein Casino geht, gehört zu den Spielsüchtigen. Hier tritt als regulierender Faktor die Selbstkontrolle auf. Je stärker meine Selbstkontrolle ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich selbst bei der Konfrontation mit suchterzeugenden Strukturen weiterhin  maßhalten kann.

Im Dating-Bereich zeigt dies beispielsweise auch eine neuere Untersuchung von Lucien Rochat und Kolleg:innen. Die Autor:innen konnten bei Teilnehmenden am Online-Dating vier sich voneinander unterscheidende Cluster identifizieren, wobei sich nur eines dieser Cluster (27,6 %) durch starkes Suchtverhalten charakterisierte. Bei einem weiteren Cluster (25,1 %) waren dysfunktionale Tendenzen erkennbar, die jedoch noch nicht den Schweregrad eines süchtigen Verhaltens erreichten.

Wie wir uns vor Suchtstrukturen schützen können

Schützen können wir uns vor Suchtverhalten insbesondere dann, wenn wir die Suchtstrukturen durchschauen und insofern nicht quasi automatisch, implizit oder unbewusst in sie geraten. Denn in diesem Moment bemerken wir sie nicht selten erst dann, wenn es zu spät ist.

Die reine Einsicht ist aber noch nicht genug. Auch wenn wir Suchtstrukturen durchschauen, können wir ihnen dennoch anheimfallen.

Entscheidend ist daher die Kombination der Einsicht in die Suchtstruktur mit einem geplanten Handeln unsererseits, das dezidiert nicht das tut, was die Suchtstruktur von uns möchte:

  • Beispielsweise nicht noch einmal schnell in der Dating-App nachzuschauen, ob ich vielleicht ein neues Match habe.

Dating-Apps innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung

Das ganze Dating-System ist ebenso wie andere Systeme in unsere kapitalistische Wirtschaftsordnung eingebettet, deren Gesetz darin besteht, dass Anbieter:innen ihre Gewinne maximieren möchten.

Allein durch die Intention, den eigenen Gewinn zu maximieren, kreiere ich als Anbieter:in Strukturen, die den Käufer:innen kurzfristige Belohnungen geben, damit ich sie bei der Stange halte.

Dadurch wiederum geraten Käufer:innen schnell unter die Kontrolle eines intermittierenden Verstärkersystems, das sie sehr oft kurzfristig belohnt, langfristig aber bestraft.

Dauerhafte Partnerlosigkeit als langfristige Bestrafung

Die langfristige Bestrafung besteht für einen erheblichen Anteil der Nutzer:innen von Dating-Apps in dauerhafter Partnerlosigkeit.

Leider geht es sogar noch darüber hinaus:

  • Nach einer Auswertung sind beispielsweise circa zwei von drei Nutzer:innen von Tinder längst in einer partnerschaftlichen Beziehung. Dies hindert sie nicht daran, das Online-Dating fortzusetzen. Ihre Profile und die Matches mit ihnen sind für die anderen Teilnehmenden, die tatsächlich eine Beziehung suchen, weiterhin kurzfristige Belohnungsreize, letztlich jedoch offensichtlich hinderlich.

Wenn selbst diejenigen zu den Apps kommen oder in ihnen bleiben, die eine Beziehung gefunden haben, ist dies aus Monetarisierungssicht natürlich ideal.

Eine Nebenfolge kann jedoch sein, dass unsere Beziehungen brüchiger werden oder Dating-Beziehungen schnell enden, weil wir uns durch das fortgesetzte Dating letztlich nicht auf sie einlassen. Eben dies sehe ich auch beim Coaching bei manchen Klient:innen.

Milliardenmarkt und Marktkonzentration

Nehmen wir all dies zusammen, verwundert es nicht mehr, dass Online-Dating erstens ein globaler Milliardenmarkt ist und sich gleichzeitig das Dating-Kapital in immer weniger Händen konzentriert:

  • Der Dating-Konzern Match besitzt in Wirklichkeit die größten Dating-Apps, die sich insofern nur scheinbar Konkurrenz machen: Tinder gehört zur Match Group, die 44 weitere Dating-Plattformen besitzt, darunter Hinge und OkCupid. Im vergangenen Jahr meldete der Konzern einen Umsatz von knapp 2,5 Milliarden US-Dollar.

Wir müssen dabei keineswegs davon ausgehen, dass sich eine kleine Gruppe von Menschen zusammensetzt und böswillig plant, uns alle partnerlos zu machen. Dies ist nicht nötig.

Es genügt, wenn die entsprechenden Konzerne ihre Systeme so optimieren, dass die Gewinne maximiert werden. Allein diese Gewinnmaximierung führt unmittelbar zu den dargestellten Nebenfolgen.

Warum trotzdem Beziehungen über Dating-Apps entstehen

Natürlich entstehen auch über Dating-Apps Beziehungen und selbstverständlich auch Beziehungen, die halten. Auch manche Gleichklang-Mitglieder haben mir bereits geschrieben, dass sie bei dieser oder jener Dating-App ihre Partnerschaft fanden.

Nur sind Dating-Apps eben nicht darauf ausgerichtet, die Wahrscheinlichkeit einer solchen Partnerschaft zu maximieren. Im Gegenteil: Sie erzeugen indirekt Nebenfolgen, die diese Wahrscheinlichkeit minimieren.

Da es gleichzeitig aber eine riesige Anzahl an Nutzer:innen gibt, kennt jede:r das eine oder andere Paar, das sich über eine Dating-App kennenlernte.

Der Bedeutungsverlust dritter Orte

Da Dating-Apps zudem zunehmend an die Stelle früherer Wege der Partnerfindung treten, nimmt der Einfluss sogenannter dritter Orte wie Cafés, Museen oder Vereine immer mehr ab. Dadurch erleben wir die Dating-App umso mehr als alternativlos.

Auch wenn wir noch gerne an dritten Orten suchen, stoßen wir dort auf weniger Bereitschaft und Offenheit als früher, unter anderem auch deshalb, weil wir gerne in Cafés sitzen und alle auf unser Handy schauen. Phubbing nennen wir dieses Phänomen, und nicht selten befindet sich auf dem Handy auch die eine oder andere Dating-App.

So wird es objektiv immer schwerer, außerhalb des Internets eine partnerschaftliche Beziehung zu finden.

Das Sieben-Schritte-Schema für erfolgreiches Online-Dating

Das von mir vorgeschlagene Sieben-Schritte-Schema für ein erfolgreiches Online-Dating beruht auf dem gezielten Einsatz von Selbstkontrolle, um die Chancen für eine Partnerfindung möglichst zu erhöhen und gleichzeitig negative Folgewirkungen wie sinkende Bindungsbereitschaft, Ablehnungshaltung, schlechtere Entscheidungen oder Sucht zu vermeiden.

Ist Gleichklang eine Alternative?

  • Wahrscheinlich hat sich bei einigen Leser:innen bereits die Frage gestellt, was wir sagen wollen, wenn wir solche Texte als Dating-Anbieter:innen verfassen? Sind es nicht die gleichen Prinzipien, von denen auch Gleichklang lebt? Verdient nicht auch Gleichklang insbesondere dann, wenn die Mitglieder niemanden finden, also partnerlos bleiben? Sagen wir nicht sogar an jeder Stelle, dass die Partnersuche auch längere Zeit dauern kann, dass Mitglieder von Gleichklang im Durchschnitt zwei Jahre auf der Suche sind, viele aber auch deutlich länger suchen? Beruht damit nicht auch unsere Monetarisierung darauf, dass wir die Menschen hin zur Online-Partnersuche und weg von der Partnerfindung führen?

Natürlich sind alle diese Fragen berechtigt. Dennoch glaube ich, dass wir die letzte Frage verneinen können:

  • Denn das eigentliche Problem entsteht gerade daraus, dass Monetarisierungsprinzipien – also das zugrunde liegende Wirtschaftsinteresse der Plattform – dezidiert so ausgerichtet werden, dass Teilnehmende kurzfristige Belohnungen einkaufen, die sie jedoch langfristig von der Partnerfindung wegführen. Das Problem kann daher auch nur dann entstehen, wenn solche kurzfristigen Belohnungen durch eine Plattform tatsächlich eingesetzt werden.

Genau hier unterscheidet sich jedoch die Struktur von Gleichklang tatsächlich massiv von den Strukturen anderer Anbieter:innen:

Keine käuflichen Belohnungsreize bei Gleichklang

Es gibt bei Gleichklang keine Möglichkeit für einen Super-Boost oder ein Super-Like. Sie können weder neue Vorschläge kaufen, noch können wir gegen eine Extragebühr Matches erzeugen.

Dadurch lenken wir die Aufmerksamkeit unserer Mitglieder nicht auf die Vorstellung, dass mehr auch mehr bedeutet und sie sich hauptsächlich darauf konzentrieren sollten, durch Bezahlung für viele Vorschläge oder Matches zu sorgen.

Indem wir die Aufmerksamkeit unserer Mitglieder nicht auf diese Vorstellungen lenken, nutzen wir automatisch auch nicht diejenigen Prinzipien, die zu wachsender Ablehnungshaltung, stärkerer Oberflächlichkeit, schlechteren Entscheidungen sowie sinkender Bindungsbereitschaft führen.

Warum wir über eine längere Partnersuche informieren

Die Tatsache, dass wir unsere Mitglieder darüber informieren, dass die Partnersuche oft längere Zeit dauert, beruht also nicht darauf, dass wir selbst als Anbieter aktiv – wenn auch indirekt – dazu beitragen, dass unsere Mitglieder keine Partnerschaft finden. Die Information, die wir geben, entspricht vielmehr einfach nur der Wirklichkeit.

Zugleich geben wir diese Information auch, damit es Mitgliedern gelingt, die Zeiten, in denen sie bei der Partnerfindung nicht erfolgreich sind, bei uns zu überbrücken. Dieses Überbrücken dient jedoch nicht nur unseren Einnahmen, sondern erhöht gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, dass diese Mitglieder tatsächlich eines Tages eine Beziehung finden.

Die Struktur von Gleichklang als Sicherheitsanker

Hintergrund dieser Strukturbesonderheit von Gleichklang ist, dass wir uns vor 20 Jahren schlichtweg mit dem Ziel gründeten, partnerschaftliche Beziehungen zu ermöglichen.

Wir haben uns dabei ausschließlich an psychologischen Prinzipien orientiert, die die Partnerfindung fördern können, während unsere Systeme niemals einer Systemoptimierung unterzogen wurden, die zu einer Maximierung der Einnahmen geführt hätte.

Diese Struktur haben wir seither stur fortgesetzt, auch wenn sich die modernen Dating-Systeme sprunghaft von uns entfernt haben.

Die sture Fortsetzung dieser Struktur fungiert insofern als ein Sicherheitsanker, der süchtiges und für die Partnerfindung schädliches Verhalten unserer Mitglieder typischerweise verhindern kann.

Zu langweilig für Sucht

Um nur einen weiteren Aspekt zu benennen:

  • Wir werden kaum jemals von etwas süchtig, wenn es uns nicht zumindest am Anfang schnellen Spaß, Ablenkung und sofortige Belohnung bringt.

Genau deswegen habe ich in nunmehr fast 20 Jahren noch von keinem einzigen Mitglied gehört, das sagte, dass es durch Gleichklang süchtig geworden sei.

Mit anderen Worten:

  • Wir sind viel zu langweilig, als dass Sucht überhaupt erst entstehen könnte.

Die tatsächlichen Ziele der Gleichklang-Mitglieder

Die allermeisten Mitglieder bei Gleichklang haben nach wie vor das Ziel, eine Beziehung oder auch Freundschaften zu finden. Sie nutzen Gleichklang nicht – das hat auch eine frühere Umfrage gezeigt –, um sich von Langeweile abzulenken, kurzfristigen Spaß oder Nervenkitzel zu erleben, ihren Selbstwert zu stabilisieren, rein virtuell zu chatten oder sich auf andere Art und Weise zu amüsieren, die für die Beziehungsentstehung nicht zielführend ist. Sie tun dies deshalb nicht, weil wir diese Möglichkeiten nicht anbieten.

Obligatorische Jahresgebühren statt Einzelkäufe

Ein Grund, warum diese Möglichkeiten bei uns nicht dennoch entstehen – schließlich kann auch ein Profil bei Gleichklang als Belohnungsreiz wirken –, liegt in einem weiteren Prinzip unserer Monetarisierung:

  • Wir erheben zwar sozial gestaffelte, aber obligatorische Gebühren, die sich nicht auf Einzelaktivitäten, sondern auf einen Jahresverlauf beziehen.

Um ihre ganzen schnellen, kurzfristigen Belohnungen durch besonders attraktive Profile ständig bieten zu können, sind andere Dating-Anbieter:innen auf eine riesige Anzahl an Nutzer:innen angewiesen:

  • Solche großen Nutzer:innenzahlen sind aber nur erreichbar, wenn mindestens der Einstieg kostenlos ist und zudem nicht eine halbe bis eine ganze Stunde durch das Ausfüllen komplexer Fragebögen in Anspruch nimmt, sondern in wenigen Minuten zu bewerkstelligen ist.

Auch hier sind wir bei Gleichklang stur bei unserer – von Werbeagenturen abgeratenen – Struktur geblieben, sodass jedenfalls bei der überwältigenden Mehrheit der Mitglieder beim besten Willen kein Suchtverhalten entstehen kann.

Dadurch wird gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass sich allein durch das Dating eine Ablehnungshaltung, oberflächliche Suchkriterien, schlechtere Entscheidungen und sinkende Bindungsbereitschaft entwickeln.

Schwierigkeiten der Partnerfindung trotz anderer Plattformstruktur

Dies bedeutet nicht, dass bei Gleichklang nicht auch vielfältige und zahlreiche Schwierigkeiten die Partnerfindung beziehungsweise die Bindungsfindung zwischen den Mitgliedern behindern können.

Diese Schwierigkeiten ergeben sich jedoch, jedenfalls nach dem, was uns bekannt ist, nicht dezidiert aus der Struktur unserer Plattform, die sie quasi anregen, ermutigen oder induzieren würde, sondern aus der Realität des menschlichen Lebens.

Genannt seien als Beispiele Bindungsambivalenzen, Bindungsängste oder auch Phänomene wie Ghosting.

Warum es Gleichklang international braucht

In diesem Sinne glaube ich übrigens tatsächlich, dass weltweit gesehen eine Plattform wie Gleichklang in vielen Ländern fehlt.

Denn tatsächlich haben sich selbst solche Plattformen, die unter alternativen Begriffen wie „vegetarisch“, „vegan“ oder „spirituell“ firmieren, ganz den Prinzipien der modernen Dating-Systeme verschrieben.

Auch ihre Monetarisierung läuft typischerweise nach den gleichen Prinzipien.

Die geplante Internationalisierung

Genau aus diesem Grund sind wir nunmehr auch seit einigen Monaten dabei, unsere schon lange geplante Internationalisierung tatsächlich voranzubringen:

  • In einigen Monaten wird Gleichklang als erster Schritt zusätzlich auf Englisch verfügbar sein.

Fraglos werden nur langsam entsprechende Neumitglieder aus den verschiedenen Ländern zu uns finden. Trotzdem kann dies auch für die aktuellen Mitglieder von Gleichklang in Deutschland, Österreich oder der Schweiz interessant sein, da unter den neuen Mitgliedern sicherlich auch Menschen aus naheliegenden Nachbarländern wie den Niederlanden oder Tschechien sein werden. Oder auch, weil vielleicht ein ganz anderes Land oder ein ganz anderer Kulturbereich ihr besonderes Interesse weckt und es auch dort Gleichklang-Mitglieder geben wird.

Wie es mit Gleichklang weitergeht

Wie es mit Gleichklang genau weitergehen soll, darüber werden wir übrigens in einem der nächsten Blogartikel informieren.

Bis dahin und darüber hinaus begleiten wir Sie selbstverständlich gerne weiterhin bei Ihrer Beziehungssuche:

Zur Beziehungssuche bei Gleichklang

Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen mit Bindungssicherheit? Bitte teilen Sie diese mit uns in den Kommentaren – herzlichen Dank!

Weitere Links:

Foto zeigt glückliches Liebespaar, was sich über Dating App fand.

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