Pflege und Partnersuche

Mutter und Tochter unterstützen die Großmutter

Wie gestalten sich für Menschen, die Angehörige pflegen, Dating und Partnersuche?

Wie wirken sich aber Pflegeverantwortung oder Betreuungsverantwortung auf die Partnersuche aus?

Genau mit diesem Thema beschäftigen wir uns gerade intensiv bei Gleichklang und wenn Sie Pflegeverantwortung tragen oder trugen – während Sie mindestens zeitweise Single waren oder sind – würden wir uns sehr freuen, wenn Sie sich an dieser laufenden Umfrage beteiligen.

Wir werden weitere umfassende Auswertungen vornehmen und vor allem werden wir spätestens Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres für unsere Mitglieder eine neue Option einführen, die spezifisch Pflegende bei ihrer Partnersuche und Freundschaftssuche unterstützt.

In einem ersten Schritt haben wir 105 Selbstschilderungen von Gleichklang-Mitgliedern ausgewertet, die über ihre eigenen Erfahrungen mit Pflege und Partnersuche berichteten. Dabei konnten wir 5 übergreifende Themenbereiche identifizieren, die sich beziehen auf

  • zeitliche und innerpsychische Hemmungen und Erschwernisse, die dem Beginn oder der Fortführung einer Partnersuche im Weg stehen
  • zeitlich-räumliche und energetische Einschränkungen der konkreten durchgeführten Partnersuche
  • Zusammenhänge zwischen Partnerwahl und Pflegesituation
  • tatsächliche Ablehnungserfahrungen aufgrund der Pflegesituation
  • Auswirkungen der Pflegesituation auf entstehende Beziehungen

Diese Themenbereiche ließen sich jeweils mehreren Themen zuordnen. Die Aufschlüsselung von Themenbereichen und Themen fungiert dabei fast wie eine Erzählung, die die zentralen Aspekte schildert, mit denen sich Pflegende bei ihrer Partnersuche konfrontiert sehen.

Gleichzeitig werden aus der Vielfalt der Themen individuelle Verarbeitungsweisen und Lösungen deutlich.

Im Folgenden werden Themenbereiche und Themen beschrieben, wobei wir die Betroffenen selbst in Originalzitaten sprechen lassen.

1. Psychische Ausgangsvoraussetzungen der Partnersuche

Die Betroffenen schilderten besonders zeitliche, emotionale und subjektive Aspekte, die die Möglichkeiten für eine Partnersuche bereits im Vorfeld, bevor sie überhaupt begonnen wurde, limitieren können. Je nachdem, wie die Betroffenen mit diesen Faktoren umgehen, wird die Partnersuche komplett zurückgestellt, begonnen, fortgesetzt oder abgebrochen.

1.1 Keinerlei Zeit, um auch nur an die Partnersuche zu denken

Die Betroffenen bringen zum Ausdruck, dass Pflege so viel Zeit, Energie, Aufmerksamkeit und psychische Ressourcen benötigt, dass dafür eine Partnersuche ausgeschlossen, aufgeschoben oder komplett eingestellt wird.

Es geht hier nicht um die konkrete Organisation konkreter Dating-Aktivitäten oder Begegnungen (so weit sind die Betroffenen an dieser Stelle noch nicht einmal), sondern um die grundsätzliche Kapazität überhaupt, sich auf Partnersuche zu begeben und sofern sie dies tun, dabei zu bleiben:

  • „Ein Angehöriger von mir ist pflegebedürftig geworden. Das hat mich gerade in den ersten Jahren, bis sein Leben umorganisiert und das notwendige Unterstützungsnetzwerk aufgebaut war, sehr viel Zeit, Fokus und Kraft gekostet. Ich habe daher die Partnersuche weit in die Zukunft verschoben, ich hatte einfach keine Kapazitäten dafür.“
  • „Während der Pflegesituation mit meiner dementen Mutter, war an Partnersuche nicht zu denken, niemand hätte in der Zeit etwas von mir gehabt. Ich hätte nichts geben können. Jetzt aktuell habe ich Pflegeverantwortung für meinen Vater. Er ist aber noch recht fit, so dass ich grundsätzlich Kapazitäten für eine Partnersuche habe.“
  • „Ich habe mich ein halbes Jahr um meinen pflegebedürftigen, bettlägerigen Vater (Pflegegrad 4) gekümmert. In der Zeit hatte ich den Kopf überhaupt nicht frei, um mich auf eine Partnersuche einzulassen. In dieser Zeit war ich in einem Funktionsmodus.“
  • „Die Pflegesituation ist plötzlich eingetreten und hat anfänglich so viel Zeit beansprucht, dass ich mein Privatleben auf später verschieben musste. Ich war damals Single und hätte überhaupt keine Zeit für eine Partnersuche gehabt. Über die Jahre konnte ich die Pflegesituation optimieren (z.B. Unterstützung suchen, Wohnsituation des Pflegebedürftigen ändern, Routinen entwickeln, Altlasten abarbeiten, Prozesse bündeln, usw.), so dass es zeitlich, gedanklich und emotional überhaupt wieder denkbar wurde, mich mit der Partnersuche zu beschäftigen.“
  • „Ich Pflege bzw. betreue 14 Stunden an sieben Tagen die Woche meine Mutter. Nur selten werde ich entlastet, wenn Freundinnen meiner Mutter sie besuchen oder ich sie stundenweise bei Aktivitäten für Senioren abgeben kann. Da ist man abends völlig kaputt und hat keine Zeit mehr für eine aktive Partnersuche.“
  • „Eher im kleinen Rahmen hat sich es auf die zeitliche Gestaltung meiner Partnersuche ausgewirkt. Als einer von fünf Geschwistern habe ich mich um unsere Mutter zeitweise regelmäßig alle vier Wochen ein Wochenende gekümmert. Inzwischen lebt sie im Pflegeheim, und unser Pflegeaufwand und die Besuchsintervalle sind entspannter geworden. Ja, seitdem habe ich auch wieder Zeit gehabt meine Profile in beiden Rubriken auf GK zu erneuern.“
  • „Ich bin durch die Pflege zeitlich gebunden und ich vermeide beim Erstkontakt, dass Thema gleich anzusprechen. Da ich selber nicht länger als 5 h ausser Haus sein kann, kann ich auch zu keiner Frau fahren. Wird auch negativ bewertet. Oft stoße ich auch auf Unverständnis, warum ich als Mann, meine Mutter pflege.“
  • „Zu dem Zeitpunkt war ich in einer Beziehung, die sehr unter meiner Belastung gelitten hat. Zwischenzeitlich kam es zur Trennung, da auch mein Partner seine Mutter versorgen musste. Anfangs habe ich noch voll gearbeitet. Eine Partnersuche wäre rein zeitlich gar nicht möglich gewesen. Durch die dauerhafte Überlastung war ich ständig müde und gereizt.“

1.2 Ambivalente Partnerschaftsorientierung

Oft wird ein Wunsch nach Beziehung berichtet, aber gleichzeitig bestehen Zweifel, ob Beziehung jetzt überhaupt das Richtige ist. Impulse zum Rückzug werden geschildert.

Manche haben einfach keine Zuversicht, dass in dieser Situation überhaupt die Möglichkeit für eine Beziehung besteht.

Andere überlegen, ob das Single-Dasein nicht sogar in diesem Kontext eher förderlich ist.

Auch hier spielen Zeitgründe eine Rolle, im Vordergrund dieses Themas steht aber die Ambivalenz, Beziehung wird gewünscht, aber auch nicht:

  • „Durch die Pflege meiner Mutter an sieben Tage die Woche – ich bin Einzelkind – ist meine Zeit sehr eingeschränkt. Gleichzeitig sehne ich mich als Ausgleich nach einer Beziehung. Allerdings wäre diese sehr schwierig, weil ich wenig Zeit für meine Partnerin hätte.“
  • „Wenn ich schon 300-prozentige Verantwortung trage, dann lieber selbst und ordentlich als mit noch jemandem im Gepäck, der mich eher davon abhält als mich unterstützt. Natürlich wäre es schön, das Leben mit besonderen Kindern mit einem Partner teilen zu können. Aber dieses Leben ist SEHR anders, exkludierend, fordernd … Ob es eine solche Partnerschaft überhaupt geben kann?“
  • „Außerdem hatte ich das Gefühl, wenn ich eine Partnerschaft eingehe, ist das eine große Verantwortung angesichts einer unbestimmten Zukunft. Der Gedanke an Partnerschaft hat mich eher abgeschreckt als motiviert: Was ist, wenn mein Partner ebenfalls pflegebedürftig wird? Ich möchte nicht noch mal in diesem Umfang pflegen. Ein Teil von mir wäre lieber Single geblieben, weil ich mich da nur um mich selbst kümmern muss.“
  • „Ich sehne mich nach einem Partner, fürchte aber, aufgrund der für mich noch neuen Pflegesituation (Mutter 400 km entfernt im Pflegeheim, ich bin Vorsorgebevollmächtigte) nicht genug in eine neue Partnerschaft einbringen zu können.“
  • „Die Partnersuche gerät völlig in den Hintergrund. Betreuung, Formalitäten administration vor allen Dingen wenn man an unterschiedlichen Wohnorten wohnt, selbst die nachlassversorgung dass sich erkundigen über rechtslagen über Fragen der Infrastruktur, der Konsequenzen gestalten sich als überaus mühsam und frustrierend. […] Die Möglichkeit einer Partnerschaft gerät weit außer Reichweite und gleichzeitig ist das Bedürfnis nach so etwas wie Zugehörigkeit, Vertrautheit und einem gesprächspartner, den man sich anvertrauen kann so groß wie niemals zuvor.“

1.3 Schuldgefühle gegenüber der betreuten Person

Die Betroffenen erleben Schuldgefühle gegenüber der betreuten Person, wenn sie an eine Beziehung denken.

Die betreuten Personen können Partner.innen sein, die aber als Partner.innen tatsächlich nicht mehr zur Verfügung stehen. Es können aber ebenso andere Angehörige, Freunde oder Bekannte sein. Entscheidend ist, dass die Betroffenen eine hohe Loyalität gegenüber den betreuten Personen schildern und ihr Wunsch nach Beziehung für sie damit zu einem Gewissenskonflikt führt:

  • „Meine Partnerin habe ich in ihrer fortschreitenden Demenzerkrankung, bis zu ihrem Tode betreut. Die Entwicklung ihrer Krankheit war sehr langsam, über vielleicht 7 Jahre. Anfänglich waren wir das Paar, daß wir 25 Jahre lang waren. Die immer größer werdende Entfremdung hat mich dann dazu veranlasst, mich nach einer Partnerin umzusehen. Etwa 3 Jahre vor ihrem Tod, trat ich Gleichklang bei und verlor mehr und mehr mein schlechtes Gewissen, was ich anfänglich doch sehr stark hatte. Ich habe das auch mit allen Frauen, mit denen ich mich ausgetauscht hatte, besprochen…wie meine Lebenssituation ist. Es wurde, so fand ich, positiv aufgenommen,“
  • „Ungefähr ab meinem 24. Lebensjahr baute mein Vater körperlich und auch mental zunehmend ab (Parkinson), als einziger naher Angehöriger war ich für die Haushaltsführung verantwortlich und kümmerte mich um ihn. Auszuziehen und einen eigenen Hausstand zu gründen war für mich nicht möglich, so konnte ich auch niemanden zu mir einladen oder gar übernachten lassen. Mehrtägige Abwesenheit (z.B. Verreisen mit Freunden) war nicht machbar. Selbst als mein Vater ins Pflegeheim kam, musste ich ihn nahezu täglich besuchen. Während andere in meinem Alter Freizeit-Unternehmungen machten, war für mich jeder „freie“ Tag mit Sorge und schlechtem Gewissen verbunden. So habe ich sicher manche Gelegenheit versäumt, mögliche Partner kennenzulernen.“
  • „Durch die ständige Bereitschaft für meine Eltern da zu sein, fehlt mir Zeit für Treffen oder Unternehmungen. Alles ist irgendwie mit einem schlechten Gewissen verbunden. Bin ich mit einem Freund oder Partner unterwegs (Urlaub, Ausflug, Übernachtung) macht meine Mutter mir Vorwürfe. Habe ich zu wenig Zeit für meinen Partner/ Freund/ Freundin auf Grund der Betreuungssituation, kommen Vorwürfe von der andren Seite oder Gedanken, dass die Beziehung gefährdet ist.“
  • „Ich habe Eltern Ü80, die beide pflegebedürftig sind (Mutter Schlaganfall, Vater Alzheimer), wobei ich eher im Standby-Modus im selben Haus lebe und sie weitestgehend noch selbstständig sind. Nachteilig ist: Ich wohne im Elternhaus, zwar in eigener Wohnung, aber ich bin halt der Sohn… Extrem unattraktiv. Richtig negativ ist: Ich möchte eigentlich wegziehen und woanders ein neues Leben beginnen. Das geht ohne schlechtes Gewissen in der Situation nicht wirklich und blockiert.“

1.4 Befürchtete Ablehnung und antizipierte geringere Attraktivität

Viele antizipieren von vornherein Ablehnung und Zurückweisung bei der Partnersuche durch andere Personen aufgrund ihrer Pflegesituation. Die Betroffenen glauben aufgrund ihrer Pflegesituation für andere nicht als Partner.innen in Frage zu kommen oder nicht attraktiv zu sein.

Bei diesem Thema geht es nicht um echt erlebte Ablehnungen, sondern um die antizipierte Ablehnung oder die Befürchtung/Erwartung, dass Ablehnung unausweichlich ist.

Die Pflegesituation kann dabei der alleinige Grund für die erwartete Ablehnung sein oder als weiterer, aber relevanter Faktor zu anderen Faktoren, wie Alter oder Lebensstandard, hinzutreten:

  • „Wer will schon einen 62 Jahre alten, nicht gerade attraktiven Typen, der kein Sugar-Daddy sein kann (und will) und der noch seine Frau pflegt. Keine gute Ausgangslage. Ich bin fürchterlich einsam und sehe kaum eine Chance, dass dies noch besser wird.“
  • „Erstens bin ich sehr gebunden an das Haus meiner Eltern, Spontanität geht flöten. Zweitens gibt es die Befürchtung, – so sehr ich auch immer wieder stärkende Worte und Würdigung für diese „Arbeit“ empfange – dass ein potentieller Partner sich nicht in diese, oft nicht unkomplizierte Konstellation begeben möchte.“
  • „Ich habe meine Partnerin über mehrere Jahre schwerer Krankheit bis zu ihrem Tod betreut und am Ende gepflegt. Jetzt bin ich alleinerziehend mit ihren Kindern. Vor ihrem Tod kam mir Partnersuche nicht in den Sinn, jetzt ist sie faktisch logistisch erschwert und ich vermute Nachteile bei der Rezeption meines Profils, da ich die Situation sehr offen geschildert habe. Weniger Offenheit scheint mir jedoch auch nicht zielführend zu sein.“
  • „Ich habe Eltern Ü80, die beide pflegebedürftig sind (Mutter Schlaganfall, Vater Alzheimer), wobei ich eher im Standby-Modus im selben Haus lebe und sie weitestgehend noch selbstständig sind. Nachteilig ist: Ich wohne im Elternhaus, zwar in eigener Wohnung, aber ich bin halt der Sohn… Extrem unattraktiv. Richtig negativ ist: Ich möchte eigentlich wegziehen und woanders ein neues Leben beginnen. Das geht ohne schlechtes Gewissen in der Situation nicht wirklich und blockiert.“
  • „Ich betreue und pflege zunehmend meine Eltern. Abgesehen von meinen eigenen „Baustellen“ gibt es mir das Gefühl, deutlich unattraktiver für potenzielle Partner zu sein, denn ich bin dadurch stark eingeschränkt in meiner Freiheit bestimmte Entscheidungen zu treffen. Auch steht in den nächsten Monaten deswegen mein Umzug in die Einliegerwohnung meines Elternhauses statt, ich lebe dann also mit über 50 bei meinen Eltern. Eingeschränkt bin ich bezüglich möglicher Reisen, Verabredungen und einfach mal mit meinem potentiellen Partner im hier und jetzt, im Augenblick zu sein. Auch könnte und wollte ich einen Partner nicht mit nach Hause nehmen, da diese Einliegerwohnung nicht gänzlich in sich abgeschlossen sein wird und es durchaus möglich wäre, unangekündigt plötzlichen Besuch meiner Mutter oder Vaters in Küche, Flur o.ä. zu haben. Wer bitte möchte so eine Frau überhaupt kennenlernen???“
  • „Die Prioritäten sind ausgerichtet auf das Gelingen, Organisieren und Überleben der vielfältigen Herausforderungen der Pflege-Sorge-Alltagsrealität. Medizinische Notwendigkeiten und Förderbedarfe. Nebenbei Erwerbsarbeit. Dazwischen kaum/kein Raum für Hobbys oder Selbstoptimierung. Konzerte, Reisen, Museen… so gerne. Wann, wie? Kaum physische Räume um Menschen kennenzulernen. Darüber hinaus sind Schlaf-, Zeitmangel und psychische Belastung eine fragile Basis für selbstbewusste Beziehungsanbahnung. Frühzeitige Alterungsprozesse, Erschöpfung, Trauer machen ein attraktives Selbstgefühl schwer.“

1.5 Anhaltende Belastung durch bereits abgeschlossene (reduzierte) Pflege

Manchmal wirkt die Pflege über ihre Dauer hinaus nach. Die Betroffenen berichten über Erschöpfung, belastende oder gar traumatische Erfahrungen im Rahmen der Pflege, die ihnen weiterhin auch rückwirkend die Partnersuche erschweren.

Neben einer abgeschlossenen Pflege kann auch eine deutlich reduzierte Pflege (z.B. durch Heimunterbringung von Angehörigen) vorliegen, die sich aber noch nicht entlastend auswirkt aufgrund der Folgewirkungen des Erlebten.

Manche schildern Depressionen, andere ein anhaltendes und ausgeprägtes Erholungsbedürfnis, welches ihnen aktuelle Partnersuche oder Partnergestaltung nicht möglich macht oder sie mindestens daran zweifeln lässt:

  • „Während der Pflege meines dementen Mannes wäre ich nicht auf die Idee gekommen, nach einem neuen Partner zu suchen, weil ich ihn bis zum letzten Atemzug zu Hause gepflegt habe – und geliebt habe. Ca. 2 Jahre später habe ich wieder angefangen, mich für jemanden zu interessieren. Das wurde durch die erneute Pflegesituation (diesmal meine 94 jährige blinde Mutter) nicht wirklich behindert, weil es in der Realität sehr wenig Zeit beansprucht hat. Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich zwar mehr Zeit, war aber sehr erschöpft. Wenn ich zwei Jahre nach dem Tod von Gleichklang gewusst hätte, wäre ich wahrscheinlich damals schon dazu gegangen. So hat es nach dem Tod meiner Mutter Mai 2024 bis September 2025 gedauert, bis ich mich hier angemeldet habe.“
  • „Partnersuche ist mir nicht in den Sinn gekommen, da mich die Krankheiten meiner Eltern psychisch total vereinnahmt haben. Ich hatte nach dem Tod der beiden eine ausgeprägtte Depression, von der ich mich noch erhole…“
  • „Ich habe in jenen 5 Jahren keine Partersuche praktiziert und danach 3 Jahre mir Erholung gegönnt.“
  • „Meine Frau ist seit einem Jahr wegen Demenz in einem Pflegeheim. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich mich frei fühle, nach einer neuen Partnerschaft zu suchen. Eine Interessentin auf ihrem Portal zeigte sich an mir persönlich interessiert, wollte aber keine Partnerschaft eingehen, solange meine Frau noch lebt.“
  • „Ich war dann 2 Wochen 24 Std./tgl. bei ihm, mit Entschleimen etc. – eine riesige auch emotionale Herausforderung für mich. Wir beide – medizinisch ausgebildet, wußten nur, das man ohne Flüssigkeit etwa 3 Tage überlebt. Es wurden dann 14 Tage und auf Nachfrage- hätten es auch 4 Wochen! werden können. Ich hatte das Gefühl, in einem KZ zu sein, und neben mir verdurstet jemand…. ich war wirklich traumatisiert, verstand das aber erst viel später und habe sehr lange gebraucht, das alles zu verarbeiten- bzw. bin noch immer dabei.“

2. Zeitlich-räumliche und energetische Einschränkungen der konkreten durchgeführten Partnersuche

Anders als beim ersten Thema geht es hier nicht um die Voraussetzungen, um überhaupt mit der Partnersuche beginnen oder diese fortsetzen zu können, sondern um die konkreten zeitlichen, räumlichen, organisatorischen, aber auch energetischen Einschränkungen, mit denen eine tatsächliche Partnersuche bei Pflegesituation verbunden ist.

Die Betroffenen diskutierten hier die Frage, unter welchen konkreten zeitlichen, räumlichen und organisatorischen Bedingungen Partnersuche, Treffen und Kennenlernen gestaltet werden können.

2.1 Eingeschränkte Spielräume für die Partnersuche

Das Hauptthema besteht darin, dass Pflegeverantwortung Zeit, Mobilität, räumliche Reichweite, Spontanität, Übernachtungen, Reisen und Planbarkeit einer konkreten Partnersuche begrenzt.

Die Betroffenen schildern, dass ihnen vieles bei der Partnersuche nicht möglich sei, was tatsächlich oftmals für eine effektive Partnersuche notwendig ist oder was auch erwünscht ist, wie Spontanität oder Reisen:

  • „Die seit Jahren andauernde, aus freien Stücken angebotene Pflegeverantwortung für meinen Ex-Mann schränkt mich bei der Partnersuche insofern ein, als ich räumlich gebunden bin. Meine Umzugsbereitschaft wäre sonst absolut gegeben, ist aber so nicht möglich. Ich bin auch etwas schlecht „planbar“, weil ich in einem Notfall ein Treffen unterbrechen würde, um der betreuten Person zu Hilfe zu eilen, was für mich immer oberste Priorität hätte (im Notfall, wie gesagt). Ich bin auch zeitlich etwas eingeschränkt, ein fester Betreuungstag ein Tag am Wochenende ist.“
  • „Ich habe leider einen sehr schwierigen und kranken Hund aus dem Tierschutz, den ich nicht irgendwohin mitnehmen und auch nicht anderen Menschen für ein Wochenende überlassen kann. Heißt, ich kann räumliche Distanz gerade nicht bewältigen. Dies erschwert meine Partnersuche sehr, da es mich bereits bei einem Kennenlernen sehr einschränkt und ich aus diesem Grund Vorschläge mit Distanz von mehr als 150 km gar nicht erst in Erwägung ziehe“
  • „Die Betreuung eines pflegebedürftigen Angehörigen hat zur Folge, dass man in der Partnersuche und selbst in der Freundschaftssuche zeitlich und örtlich sehr eingeschränkt bzw. unflexibel wird. Örtlich kommen bei beidem Suchen nur Kontakte in einem sehr nahen Umfeld um den eigenen Wohnort in Frage, da die Pflege jeden Tag stattfinden muss und man damit an den Wohnort bzw. dessen nähere Umgebung gebunden ist. Das schränkt die Suche natürlich erheblich ein. Gerade auf einer Plattform wie Gleichklang, die nicht so viele Mitglieder hat.“
  • „Ich habe meine 93 jährige Mutter zu pflegen und könnte mich in den vergangenen Jahren meiner Mitgliedschaft nicht wirklich aufraffen, ein mir angebotenes Match anzuschreiben, weil ich dachte: wie soll ich das anstellen, wenn ich nicht spontan oder über Nacht weg kann?“
  • „Ich bin durch die Pflege zeitlich gebunden und ich vermeide beim Erstkontakt, dass Thema gleich anzusprechen. Da ich selber nicht länger als 5 h ausser Haus sein kann, kann ich auch zu keiner Frau fahren. Wird auch negativ bewertet. Oft stoße ich auch auf Unverständnis, warum ich als Mann, meine Mutter pflege.“
  • „Meine Freundin wohnt in München und ich in Nürnberg. Aufgrund der Pflegebedürftigkeit meiner Mutter und Stiefmutter bin ich an Nürnberg gebunden. Meine Freundin und ich können uns daher nur am Wochenende treffen, was aber seit drei Jahren sehr gut funktioniert.“
  • „Pendeln zwischen Wohnort und pflegebedürftigen Eltern, 1,5 Std. Fahrzeit, mehrere Tage dort vor Ort… lassen wenig Zeit und Raum für Partnersuche, Verabredungen… Erschöpfung und Gedankenkreisen… „habe ich überhaupt Zeit für eine neue Beziehung?… hat der Partner Verständnis dafür?““
  • „Eltern. Häufig am Wochenende bei den Eltern, die entfernt wohnen. Teilweise auch unter der Woche abends hin und zwei Tage später zurück. Urlausplanungen sind beeinträchtigt. Fahre nur spontan und kann nur spontan Urlaub nehmen, max eine Woche und nur in Autonähe, also keine Fernreisen. Wünsche mit natürlich Unterstützung vom Partner, mindestens insofern, dass er dann alltägliches für uns übernimmt.“

2.2 Präsenz der zu pflegenden Person

Dieses Thema kennzeichnet sich dadurch, dass die zu pflegende Person auch während der Zeit der Partnersuche präsent ist.

Den Betroffenen ist es nicht möglich, die betreute Person tatsächlich vom Kennenlernen zu trennen, so dass die reale physische oder psychische Präsenz der Betreuten die konkreten Dating- und Kennenlernsituationen maßgeblich mitprägt:

  • „Die Partnersuche gestaltet sich insofern schwierig, dass kein Mann zu mir kommen kann, weil meine Tochter sofort erwarten würde, dass er ihr neuer Papa sein müsste. Deshalb trenne ich momentan mein Leben zu Hause komplett von Bekanntschaften, die evtl. zu einer Partnrschaft führen könnten.“
  • „Mein schwerbehindertes Kind ist IMMER an meiner Seite, außer während der Unterrichtszeit und außer, wenn es schläft. Ein Versuch, eine Partnerschaft einzugehen, war enttäuschend. Der Herr verbrachte stets nur die nächtliche Schlafenszeit meiner Kinder mit mir.“
  • „Meine zehnjährige Pflegetochter, die von Geburt an bei mir lebt, hat eine seelische Behinderung. Das Zusammenleben mit ihr ist sehr herausfordernd und oft anstrengend. Freizeit oder gar Urlaub gibt es nicht. Einen Partner, den ich vor drei Jahren über Gleichklang kennengelernt habe, habe ich beim Wandern ohne meine Tochter das erste Mal getroffen. Bei allen weiteren Treffen war sie mit dabei. Natürlich ist das eine extrem schwierige Situation.“
  • „Das Wichtigste ist, ich habe keine Zeit für einen Partner, vor allem sind die meisten vorgeschlagenen Partner zu weit weg, um sich kennen zu lernen. Dann ist meine zu Pflegende eifersüchtig und es ist beinahe nicht möglich mal eine Nacht weg zu bleiben. Ferner bin ich etwas gereizt und nicht in der Lage abzuschalten oder in die Entspannung zu kommen.“
  • „Ich betreue und pflege zunehmend meine Eltern. […] Auch könnte und wollte ich einen Partner nicht mit nach Hause nehmen, da diese Einliegerwohnung nicht gänzlich in sich abgeschlossen sein wird und es durchaus möglich wäre, unangekündigt plötzlichen Besuch meiner Mutter oder Vaters in Küche, Flur o.ä. zu haben. Wer bitte möchte so eine Frau überhaupt kennenlernen???“
  • „Wenn man Kinder hat, dann gehen die bei vielen Dingen vor, d.h., der Partner muss damit leben sozusagen ‚an zweiter Stelle‘ zu stehen zumindest, was die zeitlichen Ressourcen anbetrifft. […] Gleichzeitig muss ein neuer Partner mit mindestens einem weiteren Menschen ‚klar kommen‘. D.h., er lernt eigentlich zwei oder mehr Personen kennen und zwischen allen sollte die Chemie einigermaßen passen. Sonst geht es mit kleinen Kindern nicht.“

3. Zusammenhang zwischen Partnerwahl und Pflegesituation

Eine Pflegeverantwortung wirkt sich nicht nur auf die inneren und äußeren Voraussetzungen aus, um eine Partnersuche überhaupt zu beginnen, und beeinflusst auch nicht nur den zeitlich-räumlichen Ablauf der Partnersuche oder den Einbezug der zu pflegenden Person.

Vielmehr betonten eine Reihe von Betroffenen, dass die Pflegeverantwortung zu neuen Kriterien für ihre Partnerwahl führe. Aus der Pflegeverantwortung ergibt sich, wer überhaupt als Partner.in in Frage komme oder auch welche Beziehungsform als passend erlebt werde.

3.1 Akzeptanz und Unterstützung

Eine Reihe der Betroffenen schildern, dass für sie nur eine Person als Partner.in in Frage kommt, die die Pflegesituation versteht und emotionale Unterstützung gibt. Manche wünschen sich darüber hinaus auch praktische Unterstützung und eine Beteiligung an der Pflegesituation.

Andere betonen, dass eine Beziehung auf keinen Fall eine zusätzliche Belastung erzeugen dürfe.

Diejenigen, die dieses Thema benennen, unterscheiden sich im Ausmaß, in dem sie eine Einbindung von Partner.innen in Pflegesituationen wünschen, betonen aber ausnahmslos Akzeptanz und emotionale Unterstützung als wichtige Voraussetzungen, um überhaupt eine positive Partnerwahlentscheidung treffen zu können:

  • „Da sich alle anderen aus der Familie zurückgezogen haben von ihm blieb alles an mir hängen und ich fühlte mich in meinem Leben oft sehr alleine mit meinen Herausforderungen für ihn, daher gab den starken Wunsch, dass ich einen Partner habe der mich dort ein bisschen begleitet. Vielleicht mal ab und zu mitkommt wenn ich meinen Vater besuche, mit dem ich darüber reden kann etc…“
  • „Ich hatte davor einen Partner der sich so gut wie garnicht an meinem Leben beteiligte, wir hatten schöne gemeinsame Treffen, guten Sex und schöne Freizeitunternehmungen, aber mein Leben mit meinem Vater und auch mit meinem Kind und Job etc, also der normale Alltag fand eigentlich komplett getrennt von ihm statt. Das wollte ich nicht mehr und hatte deshalb die Beziehung beendet, ich wollte einen Mann der auch interessiert ist mich mit allen Seiten kennen zu lernen, nicht nur mit den schönen. Das sagte ich auch einer Freundin, dass das ein Kriterium für die neue Partnersuche für mich sei.“
  • „Es geht nur ein Partner, der meinen Pflegeaufwand wertschätzt und das selbst als Wert hat. Ich hatte bereits so einen langjährigen Partner der die Pflege zudem mit mir zusammen gemacht hat. Die allermeisten Menschen haben jedoch kein Verständis dass ich da so einen Aufwand reinstecke.“
  • „Die Prioritäten sind ausgerichtet auf das Gelingen, Organisieren und Überleben der vielfältigen Herausforderungen der Pflege-Sorge-Alltagsrealität. […] Eine Person, die bereit ist das zu sehen, eine Person die Bedürfnisse aufschieben kann, eine Person, die anerkennt, dass es noch andere Prioritäten gibt… So gerne. Eine Person die bereits ist in mein/unser System einzusteigen und mitzumachen, Teil zu sein, darin lebendig. Ein Traum?“
  • „Eltern. Häufig am Wochenende bei den Eltern, die entfernt wohnen. […] Wünsche mit natürlich Unterstützung vom Partner, mindestens insofern, dass er dann alltägliches für uns übernimmt. Aber teils wünsche ich mir auch, dass er bei Eltern mithilft, z.B. Gartenarbeiten, die ich schwer alleine schaffe oder auch später mal das Haus zu räumen.“
  • „Bis vor 8 Jahren hat mein im Jahr 1999 geborenen Sohn, der mehrfach behindert ist (trotzdem mobil und kommunikativ) bei mir gewohnt, wo ich ihn überwiegend selbst betreut habe. Inzwischen lebt er zwar in einem Pflegeheim, aufgrund von Personalmangel und einiger Besonderheiten seines Pflege- und Aufsichtsbedarfs bin ich regelmäßig mindestens ca. 15 Stunden pro Woche involviert […] So würde ich mir eigentlich einen Partner wünschen, der diese Situation respektieren, verstehen und bestenfalls positiv dabei mitwirken kann, die Situation leichter und lebendiger zu gestalten, als es mir alleine möglich ist.“
  • „Ich kümmere mich gemeinsam mit meinem Vater und meine gehbehinderte und demente Mutter. Mein Vater ist zudem an einer Depression erkrankt. […] Ich habe weniger Kraft, einen Partner emotional und sozial zu unterstützen, und kann mir deshalb keine Beziehung mit einem behinderten bzw. kranken Menschen vorstellen.“

3.2 Suche nach Autonomie und Unabhängigkeit

Eine Gruppe von Betroffenen zieht aus der Pflegesituation eher die Schlussfolgerung, dass für sie nur eine Beziehung in Frage komme, in der sie eine hohe Autonomie und Unabhängigkeit weiterleben können.

Für diese Betroffenen führt ihre Pflegesituation zu einer Präferenz für Eigenständigkeit, getrennte Wohnungen und Lebensbereiche:

  • „Einerseits ist die Situation dadurch etwas kompliziert, aber andererseits merkte ich mit der Zeit auch, dass es Vorteile hat. Ich kann mich so besser vor einnehmenden Männern schützen und ich habe einen Teil meines Lebens, der wirklich nur mir gehört. Ich erarbeite mir zunehmend Freiräume durch ambulante Dienste und die gebe ich auch nicht mehr auf. Aufgrund der Situation kommt für mich nur eine Partnerschaft in Frage in der jeder ein eigenes Leben hat und auch lebt. Zusätzlich dazu kämen Gemeinsamkeiten. Ein Zusammen wohnen kommt eher nicht in Frage.“
  • „Und das ist seltsam, denn wer ständig „aneinanderklebt“ hat meistens schnell Probleme in der Beziehung. Ein gewisser Freiraum ist schon nötig, Nur verwechseln bzw. Missverstehen das die Leute mit Vernachlässigen.“
  • „Mein Blick ist nicht nur auf einen Partner gerichtet. Genieße es,eigene Pläne allein umsetzen zu können.Pflege Freundschaften,die mich nicht mehr einengen. Loslösung von der Verantwortung für die Familie-wiedererkennen der Selbstständigkeit“
  • „Ich war seit meinem Auszug aus dem gemeinsamen Haushalt 2020 single. Ich beendete diesen Versuch und bin seither wieder glücklicher. Wenn ich schon 300-prozentige Verantwortung trage, dann lieber selbst und ordentlich als mit noch jemandem im Gepäck, der mich eher davon abhält als mich unterstützt. Natürlich wäre es schön, das Leben mit besonderen Kindern mit einem Partner teilen zu können.“
  • Bei manchen scheinen auf Eigenständigkeit und räumlicher Trennung beruhende Beziehungen auch gut zu funktionieren:
  • „Meine Freundin wohnt in München und ich in Nürnberg. Aufgrund der Pflegebedürftigkeit meiner Mutter und Stiefmutter bin ich an Nürnberg gebunden. Meine Freundin und ich können uns daher nur am Wochenende treffen, was aber seit drei Jahren sehr gut funktioniert.“

3.3 Vermeidung erneuter oder zusätzlicher Pflegeverantwortung durch gezielte Partnerwahl

Manche Betroffene schildern, dass sie gerade wegen der Pflegesituation nunmehr darauf achten müssten, dass keine zusätzliche oder erneute Pflegesituation in ihr Leben trete.

Diese Betroffenen schildern, dass sie bei der Partnersuche besonders auf körperliche Erkrankungen, Behinderungen, höheres Alter oder allgemein ein wahrgenommenes zukünftiges Pflegerisiko bei möglicherweise in Frage kommenden Partner.innen achteten.

Zielsetzung ist dabei, solche Konstellationen möglichst im Vorfeld zu erkennen und zu vermeiden. Bei manchen führt dies wiederum auch dazu, sich die Frage zu stellen, ob ein Single-Leben vor diesem Hintergrund nicht doch vorzuziehen sei:

  • „Außerdem hatte ich das Gefühl, wenn ich eine Partnerschaft eingehe, ist das eine große Verantwortung angesichts einer unbestimmten Zukunft. Der Gedanke an Partnerschaft hat mich eher abgeschreckt als motiviert: Was ist, wenn mein Partner ebenfalls pflegebedürftig wird? Ich möchte nicht noch mal in diesem Umfang pflegen. Ein Teil von mir wäre lieber Single geblieben, weil ich mich da nur um mich selbst kümmern muss.“
  • „Ich kümmere mich gemeinsam mit meinem Vater und meine gehbehinderte und demente Mutter. Mein Vater ist zudem an einer Depression erkrankt. […] Zweitens ist die Pflege emotional und menschlich belastend, was sich auf meine psychischen Ressourcen auswirkt. Ich habe weniger Kraft, einen Partner emotional und sozial zu unterstützen, und kann mir deshalb keine Beziehung mit einem behinderten bzw. kranken Menschen vorstellen.“
  • „ich habe meinen Mann gepflegt bis er gestorben ist. Er war nur vier Jahre älter als ich. Bei älteren Männern mache ich mir dann schon Gedanken, ob sie nicht auch pflegebedürftig werden und ob ich das will. Obwohl das natürlich auch bei jüngeren der Fall sein könnte.“
  • „Ich habe meinen 2019 verstorbenen Mann 5 Jahre lang bis zu seinem Tod versorgt und gepflegt (Prostata Ca). Ich habe Zweifel, ob ich mich auf eine neue Beziehung einlassen könnte, wenn derjenige bereits sehr pflegebedürftig ist. In einer mehr als 40-jährigen Ehe ist es selbstverständlich, sich um den erkrankten Partner adäquat zu kümmern. Ob mir das bei einem schon beim Kennenlernen stark pflegebedürftigen Menschen möglich wäre, weiß ich nicht“
  • „Außerdem ist man sich dessen bewusst, wie schnell jemand zum Pflegefall werden kann. Ich habe Angst davor, dass mein Partner frühzeitig zum Pflegefall werden könnte und habe mich ernsthaft gefragt, ob ich als Single, also ohne ein solches Risiko, nicht besser dran wäre.“

3.4 Überlegungen zu konsensueller Nicht-Monogamie bei fortbestehender Partnerpflege

Ein kleiner Teil der Befragten, die ihre Partner.innen pflegen, berichten über Überlegungen, mit Wissen oder Zustimmung der gepflegten Personen eine weitere partnerschaftliche, erotische oder Freundschaft-plus-Beziehung zu suchen.

Die Betroffenen versuchen so, soziale, romantische oder sexuelle Bedürfnisse erfüllbar zu machen, ohne sich für eine Trennung von der zu pflegenden Person entscheiden zu müssen.

Das alternative Modell der konsensuellen Nicht-Monogamie wird dabei von manchen als Lösung gesehen oder mindestens erwogen:

  • „Als mein Mann wegen einer Krebserkrankung pflegebedürftig wurde und klar war, dass er nicht mehr lang zu leben hat, habe ich im Einvernehmen mit ihm nach einem weiteren Partner gesucht. Wir waren uns einig, dass es unsinnig wäre, mit der Partnersuche bis nach seinem Tod zu warten, da ich gerade in der Zeit der Pflege unbedingt jemanden an meiner Seite brauchte. Ich habe tatsächlich einige Kontakte mit Männern bekommen, die sich im Prinzip vorstellen konnten, in so eine Situation hinein zu gehen.“
  • „Ich pflege meine Lebensgefährtin, die ich von zwei Jahren querschnittgelähmt aber noch recht gesund kennengelernt habe und die inzwischen wegen zusätzlicher/neuer Krankheiten fast 24/7 Betreuung braucht. Dadurch habe ich wenig Zeit (max ca 3-4 Stunden am Stück). Ich suche über Gleichklang seit längerer Zeit mit Wissen und Zustimmung meiner Partnerin eine wertschätzende Freundschaft-plus für gute Gespräche und achtsame Erotik. Bisher hat sich nur ein einziger Kontakt ergeben, und der ist auch wieder beendet, weil die Entfernung zu groß ist (reine Fahrzeit über 2 Stunden).“
  • „Ich habe meine Ehefrau bis zu ihrem Tod gepflegt. Partnersuche wurde erst nach ihrem Tod für mich relevant. In der letzten Zeit vor ihrem Tod sprachen wir über eine polyamore Partnerschaft. Meine Frau hatte mich dazu ermuntert. Für mich war das damals keine Option, schon aus zeitlichen Gründen.“

3.5 Kompatibilität von Partner.innen mit der betreuten Person

Bei diesem Thema geben die Betroffenen an, dass Partner.innen nicht nur zu ihnen passen, sondern auch eine Kompatibilität mit der gepflegten Person aufweisen müssten. Dies wird insbesondere von solchen Betroffenen benannt, die eigene Kinder pflegen:

  • „Wenn man Kinder hat, dann gehen die bei vielen Dingen vor, d.h., der Partner muss damit leben sozusagen ‚an zweiter Stelle‘ zu stehen zumindest, was die zeitlichen Ressourcen anbetrifft. Er oder sie hat natürlich auch eine andere Funktion als das Kind, aber man hat nicht jederzeit Kapazitäten für ihn. Gleichzeitig muss ein neuer Partner mit mindestens einem weiteren Menschen ‚klar kommen‘. D.h., er lernt eigentlich zwei oder mehr Personen kennen und zwischen allen sollte die Chemie einigermaßen passen. Sonst geht es mit kleinen Kindern nicht.“
  • „Ich habe eine Tochter mit Pflegegrad 3. Dies ist in vielerlei Hinsicht anstrengend und kostet viel Kraft. Abends bin ich oft so erschöpft, dass selbst das Schreiben von Nachrichten an potentielle Datepartner viel zu viel ist. Meine Tochter ist durch eine Chromosomenstörung global entwicklungsverzögert. Das wirkt sich auch in Verhaltensauffälligkeiten aus. Sie schreit zb sehr viel, auch in der Öffentlichkeit. Damit muss ein potentieller Partner natürlich auch zurecht kommen und für mich wird dies natürlich auch zum Auswahlkriterium“

4. Tatsächlich erfahrene Ablehnung

Die Betroffenen schildern in diesem Thema, dass sie bei der Partnersuche wegen ihrer Pflegeperson auf Ablehnung durch die anderen Personen stoßen. Sie schildern eine daraus entstehende erhebliche Erschwerung der Partnerfindung.

4.1 Fehlendes Verständnis, mangelnde Akzeptanz oder Abwertung

Die Betroffenen schildern, dass bei der Partnersuche in Frage kommende Personen ein mangelndes Verständnis für die Pflegesituation zeigen, diese oder ihre Folgen nicht akzeptieren können oder die Situation als negativ oder untragbar bewerten:

  • „Es gab ein Telefonat wo ich im Krankenhaus war am Sterbebett meines Vaters und ich ihn nochmal um ein Treffen bat, und es nur darum ging, er nicht einmal fragte wie es mir geht, oder meinem Vater, obwohl ich direkt neben meinem Vater stand, und er ihn im Hintergrund husten hörte und hörte wie ich mit ihm interargierte, er tat als nähme er das nicht wahr. […] da kam eine Nachricht, dass er sich nicht in der Rolle sieht in dieser Phase schon so viel für mich da zu sein. Er müsse sich jetzt auf seine Masterarbeit konzentrieren, er hätte keine Zeit für mich auch nächste Woche nicht, würde wenn er Zeit hätte lieber Sport machen, dass sei ihm wichtiger. Ich hätte doch Freunde, warum ich mich nicht an die wenden würde. Er hätte mir gesagt er möchte keine abhängige Beziehung. Ich könne nicht von ihm erwarten dass er alles stehen und liegen lässt für mich.“
  • „Meine Erfahrung ist, dass die Leute zwar verstehen wenn man Verpflichtungen hat. Das aber nur gilt wenn man das auf eigene Kinder bezieht. Andere Verwandte werden eher mit – ja, verstehe ich, aber akzeptieren das man gebunden ist und nicht komplett frei ist, das fehlt.“
  • „Bei mir wohnt eine Pflegetochter mit Behinderung. Bei der Partnersuche höre ich seit zehn Jahren: „Hut ab, aber das könnte ich nicht“. In einer kurzen Beziehung, die ich vor drei Jahren hatte, habe ich gemerkt, dass eine Beziehung fast nicht gestaltet werden kann, weil zu wenig Zeit zu zweit vorhanden ist.“
  • „Mein Sohn kämpft seit mehreren Jahren gegen Leukämie. Dazu alleinerziehend mit zusätzlich einem gesunden Kleinkind. Ich stoße auf viel Mitleid aber nur oberflächliches Verständnis oder Rücksichtnahme. Entgegenkommen oder selbst mehr investieren, um Treffen aus zu machen, gibt es selten bzw nur bedingt und an Bedingungen oder Erwartungen geknüpft.“
  • „Ich bin durch die Pflege zeitlich gebunden und ich vermeide beim Erstkontakt, dass Thema gleich anzusprechen. Da ich selber nicht länger als 5 h ausser Haus sein kann, kann ich auch zu keiner Frau fahren. Wird auch negativ bewertet. Oft stoße ich auch auf Unverständnis, warum ich als Mann, meine Mutter pflege.“
  • „Es geht nur ein Partner, der meinen Pflegeaufwand wertschätzt und das selbst als Wert hat. Ich hatte bereits so einen langjährigen Partner der die Pflege zudem mit mir zusammen gemacht hat. Die allermeisten Menschen haben jedoch kein Verständis dass ich da so einen Aufwand reinstecke.“
  • „meine letzten Paarbeziehungen sind an dieser Tatsache gescheitert, dass ich diese riesige Verantwortung trage und nicht mal im Ansatz dafür irgendeine Unterstützung bekommen habe mit der Aussage. „Es ist ja nicht mein Kind…“ meine Erschöpfung, meine Müdigkeit und gleichzeitig mein Bestreben, mir durch bestimmte Aktivitäten (Kajakfahren zb) einen Ausgleich zu schaffen, wurden alle samt so interpretiert, dass ich nicht meine volle Aufmerksamkeit auf den Partner richte…“
  • „Oft fehlt das Verständnis dafür, dass ich aufgrund meiner Verantwortung in der Familie nur eingeschränkt flexibel bin und noch nicht alleine wohne.“
  • „Fühlte mich nicht gesehen, fast ein wenig diskriminiert, und wie auch im Beruf oder mit neuen Bekannten in Erklärungsnot gesetzt. Auch schambehaftet, dass ich nicht mithalten kann und bei schönen Erlebnissen ggf. nicht gut drauf bin.“

4.2 Beendigung von Kontakten durch andere Personen wegen der Pflegeverantwortung

Die Betroffenen schildern nicht nur negative Reaktionen, sondern den konkreten Abbruch von Kontakten, Löschungen, Ghosting, Ablehnung einer Beziehung bis hin zu Trennungen durch Beziehungspartner.innen wegen der Pflegeverantwortung:

  • „Mein Ehemann hat sich eine neue Frau gesucht, weil ich nicht mehr so flexibel war in der Lebensgestaltung. Kein „neuer“Mann (außer den selbst pflegebedürftigen!!!) hat noch weiter Interesse signalisiert, wenn ich ihm geschildert habe, wie mein Leben mit Job, Mutter und Hund aussieht.“
  • „Jedenfalls, kurz nachdem ich bei GK jemanden gefunden hatte und nach dem ersten Treffen, kam eine recht stressige Woche mit vielen Problemen aufgrund der Pflegesituation (vorrangig rechtlicher Natur). Ich hatte dies auch kommuniziert und konnte kurzzeitig nicht wirklich Zeit erübrigen (hatte auch ehrlich gesagt keine Energie dafür – woraus ich keinen Hehl machte). Das Ende war das sofort der Kontakt – wenn auch höflich – einseitig von meinem Gegenüber abgebrochen wurde.“
  • „Herzlichen Dank zunächst für die Umfrage. Ich hatte bereits länger im Kopf, dieses Thema mal anzusprechen. Der Grund, warum ich es nicht tat, war wohl, dass ich mir dachte, es würde eh nichts ändern. Ich erlebe immer wieder, wie man mit jemanden in Kontakt kommt und dieser früher oder später ein Ende findet. Meistens: Zu Beginn kommen oft Fragen wie „Was machst Du beruflich?“ „Was machst Du privat?“ etc. Dabei spreche ich offen und ehrlich an, dass meine Mama der Pflege bedarf und ich mich um sie kümmere. Darauf antwortet der Gegenüber mit Schweigen. Hin und wieder: Der Gegenüber findet es gut und herzlich, dass ich mich um meine Mama kümmere. Sie loben mich und vertiefen den Kontakt. Man fasst gegenseitig Vertrauen. Irgendwann kommt es aber auch hier zu einem Punkt, wo der Kontakt abbricht.“
  • „Meine Frau ist seit einem Jahr wegen Demenz in einem Pflegeheim. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich mich frei fühle, nach einer neuen Partnerschaft zu suchen. Eine Interessentin auf ihrem Portal zeigte sich an mir persönlich interessiert, wollte aber keine Partnerschaft eingehen, solange meine Frau noch lebt.“
  • „Ich habe vor etwa zwei Jahren eine neue Partnerin gefunden. Sie war querschnittgelähmt aber sonst weitgehend gesund. Inzwischen ist sie zusätzlich neu schwer krank und braucht fast 24/7 Betreuung. Mit ihrer Zustimmung suche ich nun schon etwa ein Jahr nach einer zusätzlichen Freundschaft-plus für gute Gespräche und achtsame Erotik. […] Nur sehr wenige Frauen suchen eine Freundschaft/Beziehung, wie ich sie suche. Oft werde ich verurteilt oder auch rasch gelöscht, mitunter schon bevor ich selbst ein vorgeschlagenes Profil öffnen konnte.“
  • „Interesse des Gegenüber wird verhalten oder erlischt, wenn die Person nach und nach erfährt, wie meine familiäre Situation ist“.

5. Auswirkungen auf neu entstehende Beziehungen

Schließlich bleiben die Auswirkungen einer Pflegesituation nicht auf die Partnersuche an sich begrenzt. Auch nach der Partnerfindung schildern die Betroffenen Auswirkungen. Diese Schilderungen beziehen sich dabei auf Beziehungen, die bei bestehender Pflegesituation entstanden.

5.1 Integrationskonflikte von Pflege und neuer Partnerschaft

Eine Reihe von Betroffenen geben an, dass sich nach dem erfolgreichen Kennenlernen und der Beziehungsentscheidung im Alltag zeige, dass Pflegeverantwortung und neue Partnerschaft zeitlich, praktisch oder emotional nur schwer miteinander verbunden werden können:

  • „Ich hatte Sorge, dass ich den Partner und die Pflege zeitlich nicht unter einen Hut bekomme (was sich in der beginnenden Beziehung auch bewahrheitet und mich ziemlich stresst). Ich habe erwartet, dass es schwer wird, diese zwei Lebenswelten zu integrieren.“
  • „Meine zehnjährige Pflegetochter, die von Geburt an bei mir lebt, hat eine seelische Behinderung. Das Zusammenleben mit ihr ist sehr herausfordernd und oft anstrengend. Freizeit oder gar Urlaub gibt es nicht. Einen Partner, den ich vor drei Jahren über Gleichklang kennengelernt habe, habe ich beim Wandern ohne meine Tochter das erste Mal getroffen. Bei allen weiteren Treffen war sie mit dabei. Natürlich ist das eine extrem schwierige Situation. Allerdings hat die Partnerschaft nur fünf Monate aus anderen Gründen gehalten.“
  • „Bei mir wohnt eine Pflegetochter mit Behinderung. Bei der Partnersuche höre ich seit zehn Jahren: „Hut ab, aber das könnte ich nicht“. In einer kurzen Beziehung, die ich vor drei Jahren hatte, habe ich gemerkt, dass eine Beziehung fast nicht gestaltet werden kann, weil zu wenig Zeit zu zweit vorhanden ist.“
  • „meine letzten Paarbeziehungen sind an dieser Tatsache gescheitert, dass ich diese riesige Verantwortung trage und nicht mal im Ansatz dafür irgendeine Unterstützung bekommen habe mit der Aussage. „Es ist ja nicht mein Kind…“ meine Erschöpfung, meine Müdigkeit und gleichzeitig mein Bestreben, mir durch bestimmte Aktivitäten (Kajakfahren zb) einen Ausgleich zu schaffen, wurden alle samt so interpretiert, dass ich nicht meine volle Aufmerksamkeit auf den Partner richte… was ich aber durchaus getan habe. Nur braucht man für eine gelungene Partnerschaft auch Kraft.“
  • „Meine Mutter starb in ihrem 99. Altersjahr. Während den letzten fünf Lebensmonaten wurde sie stetig hinfälliger […] Ich hatte und habe jedoch auch einen sehr guten platonischen Freund, der mich meistens zu meiner Mutter ins Krankenhaus und in die Reha sowie zu Arztgesprächen begleitete. […] Die Betreuungssituation erforderte viel Verständnis, von meinem Freund, und zahlreiche Vorkommnisse und Begebenheiten setzten ihm mehr zu als mir. Dies führte auch zu diversen Auseinandersetzungen. Ich war aber froh um den moralischen Beistand in zahlreichen Situationen.“
  • „Meine Freundin wohnt in München und ich in Nürnberg. Aufgrund der Pflegebedürftigkeit meiner Mutter und Stiefmutter bin ich an Nürnberg gebunden. Meine Freundin und ich können uns daher nur am Wochenende treffen, was aber seit drei Jahren sehr gut funktioniert.“
  • „Ich hatte davor einen Partner der sich so gut wie garnicht an meinem Leben beteiligte, wir hatten schöne gemeinsame Treffen, guten Sex und schöne Freizeitunternehmungen, aber mein Leben mit meinem Vater und auch mit meinem Kind und Job etc, also der normale Alltag fand eigentlich komplett getrennt von ihm statt. Das wollte ich nicht mehr und hatte deshalb die Beziehung beendet.“

5.2 Pflegebezogene Abbrüche neu entstandener Beziehungen

Auswirkungen einer Pflegesituation auf eine neu entstandene Beziehung können bis zur Trennung gehen. Gemeinsam bei den Schilderungen zu diesem Thema ist, dass die Betroffenen die Pflegesituation an sich als entscheidenden Faktor für die Beendigung einer Beziehung sehen:

  • „Ich hatte davor einen Partner der sich so gut wie garnicht an meinem Leben beteiligte, wir hatten schöne gemeinsame Treffen, guten Sex und schöne Freizeitunternehmungen, aber mein Leben mit meinem Vater und auch mit meinem Kind und Job etc, also der normale Alltag fand eigentlich komplett getrennt von ihm statt. Das wollte ich nicht mehr und hatte deshalb die Beziehung beendet, ich wollte einen Mann der auch interessiert ist mich mit allen Seiten kennen zu lernen, nicht nur mit den schönen.“
  • „Ein Versuch, eine Partnerschaft einzugehen, war enttäuschend. Der Herr verbrachte stets nur die nächtliche Schlafenszeit meiner Kinder mit mir. Er beteuerte zwar, an meinen Kindern ebenfalls interessiert zu sein. Bei diesen Worten blieb es leider. Viele Gespräche, die ich initiierte, brachten nichts. Ich beendete diesen Versuch und bin seither wieder glücklicher.“
  • „Ich habe sie in unser gemeinsames Haus wieder aufgenommen, als sie nicht mehr alleine leben konnte. Meine neue Partnerin hat sich daraufhin von mir getrennt und ich bin auf der Strecke geblieben.“
  • „Ein Partner hat jegliche Beteiligung oder Bereitschaft, mich zu Besuchen zu begleiten, abgelehnt, auch die innere Anteilnahme. Ein anderer Partner war voll Mitgefühl für meine Belastung und hat große Versprechen der Unterstützung abgegeben, die er aber nur kurze Zeit verwirklicht und eingehalten hat. Beide Partner habe ich bei Gleichklang kennengelernt und hatte jeweils eine Beziehung über drei Jahre, bevor sich die Männer verabschiedet haben. Bei der Betreuung handelt es sich um meinen ältesten Sohn, der nach einem Unfall in einer Einrichtung untergebracht werden musste.“
  • „meine letzten Paarbeziehungen sind an dieser Tatsache gescheitert, dass ich diese riesige Verantwortung trage und nicht mal im Ansatz dafür irgendeine Unterstützung bekommen habe mit der Aussage. „Es ist ja nicht mein Kind…“ meine Erschöpfung, meine Müdigkeit und gleichzeitig mein Bestreben, mir durch bestimmte Aktivitäten (Kajakfahren zb) einen Ausgleich zu schaffen, wurden alle samt so interpretiert, dass ich nicht meine volle Aufmerksamkeit auf den Partner richte…“

Ein paar statistische Auswertungen

  • 58,1 % der Befragten berichteten über besondere Ausgangsvoraussetzungen einer Partnersuche durch die Pflegesituation.
  • 54,3 % schilderten, dass die Pflegesituation die konkrete Partnersuche räumlich-zeitlich oder im Hinblick auf Spontanität beschränkt.
  • 34 % gaben an, dass sich durch die Pflegesituation für sie die Kriterien für ihre Partnersuche oder das angestrebte Beziehungsmodell ändere.
  • 21 % schilderten konkrete Ablehnungen während des Prozesses der Partnersuche aufgrund der Pflegesituation.
  • 20,0 % schilderten fortdauernde Auswirkungen der Pflegesituation auf eine neu entstandene Beziehung.

Bei diesen Prozenten ist es wichtig, den qualitativen Charakter der Befragung zu berücksichtigen:

  • Bei qualitativen Befragungen muss ein Thema spontan durch die Betroffenen benannt werden und wird nicht einfach nur vorgegeben und mehr oder weniger passiv bejaht, wie es bei Fragebögen der Fall ist.
  • Wenn ein Thema nicht spontan benannt wird bei qualitativen Befragungen, bedeutet dies also nicht, dass es nicht bejaht werden würde, wenn es direkt abgefragt wird.
  • Die hier in einer qualitativen Befragung gefundenen Prozentsätze sind daher als außergewöhnlich hoch zu bewerten.

Diese hohen Häufigkeiten machen deutlich, dass Pflegende sich mit wiederkehrenden und offenbar geradezu universal erlebten Thematiken konfrontiert sehen, auch wenn individuelle Lösungswege (z.B. lieber Single bleiben, nach unterstützender Partner.in suchen, Beziehung mit getrennten Wohnungen, konsensuelle Nicht-Monogamie) sich erheblich individuell unterscheiden können.

Über Ergebnisse der laufenden, auch quantitativen Befragung berichten wir später. Demnächst werden wir außerdem zahlreiche Verbände von pflegenden Angehörigen, Selbsthilfegruppen und andere passende Institutionen anschreiben und sie ebenfalls um die Teilnahme an einer speziellen Umfrage für diese Gruppe bitten.

Was pflegende Angehörige mit anderen Partnersuchenden verbindet und was ihre Situation besonders macht

Wenn wir uns die Themen anschauen, die Menschen, die Angehörige pflegen, hier benannt haben, werden nicht nur Besonderheiten, sondern auch Konvergenzen deutlich:

  • Einige der zentralen Themen werden tatsächlich auch von vielen weiteren partnersuchenden Singles benannt. Ambivalenzen zu Partnersuche und Beziehungswünschen, Angst vor Ablehnung, räumlich-zeitliche Einschränkungen, Depressionen, die grundlegende Frage, wen und welche Form von Beziehung suche ich (zusammenziehen, getrennte Wohnung, monogam, offen, polyamor), das tatsächliche Erleben von Ablehnung und Ghosting sowie die Auswirkungen anderer Lebenssituationen auf neue Beziehungen spielen nicht nur bei Pflegenden, sondern bei vielen eine bedeutsame Rolle.

Dies bedeutet umgekehrt auch, dass eine Reihe an allgemeinen Prinzipien und Ratschlägen auch für Pflegende gelten:

  • Von der Reflexion der eigenen Beziehungswünsche, dem Freischaufeln von Ressourcen für eine Partnersuche, soweit es möglich ist, der Wahl eines passenden Beziehungsmodells bis hin zum selbstbewussten Umgang mit Ablehnungen.

Freilich ergibt sich hieraus nicht, dass nunmehr alle Besonderheiten von pflegenden Angehörigen bei der Partnersuche plötzlich verschwinden:

  • Die Besonderheit ergibt sich vielmehr aus der Intensität der räumlich-zeitlichen Belastungen, der Pflegesituation als Ursache vielfältiger Ambivalenzen und Ablehnungsängste, der Ausrichtung der Partnerwahlkriterien auf die Pflegesituation, der tatsächlich unter Verweis auf die Pflege erhaltenen Ablehnungen und der Tatsache, dass es spezifisch die Pflegesituation ist, die im Weiteren auch neu entstandene Beziehungen als Herausforderung prägt.

Während wir also vielfältige abstrakt-allgemeine Themenbereiche finden, die Pflegende und Nicht-Pflegende beim Online-Dating miteinander teilen, ergibt sich aus der spezifischen Verankerung mit der Pflegesituation sowie der besonderen Intensität einer Reihe der genannten Faktoren dennoch eine für Pflegende besondere Situation beim Online-Dating und bei der Partnersuche.

Was aus alledem folgt?

Bereits die bisherige Auswertung macht deutlich, in welch hohem Ausmaß Pflegeverantwortung in Möglichkeiten, Prozesse, Gestaltungsformen und Verläufe von Partnersuche und sogar in neu entstehende Beziehungen eingreift.

Erstaunlicherweise hat sich bisher unseres Wissens keine einzige Dating-Plattform der Thematik angenommen:

  • Obgleich eine sehr substanzielle Anzahl an Erwachsenen in Pflegeverantwortung eingebunden ist, geht das Thema beim Online-Dating nahezu unter.

Dies ist bedauerlich:

  • Denn was die Befunde dieser Umfrage eindeutig zum Ausdruck bringen, ist, dass Pflegeverantwortung und Partnerfindung nicht ohne Weiteres so voneinander getrennt werden können.

Selbst diejenigen, die eine Beziehung mit hoher Unabhängigkeit, Living Apart Together etc. wünschen, ziehen diesen Schluss oft genau aus ihrer Pflegeverantwortung.

Viele andere wünschen sich Unterstützung, vor allem emotionaler, aber auch praktischer Art bis hin zu Beziehungen, wo die Pflegeverantwortung gemeinsam getragen wird.

Interessanterweise hat unter den 105 freien Selbstschilderungen niemand von dem Wunsch gesprochen, eine Partner.in zu finden, die ebenfalls in eigener Pflegeverantwortung steht, möglicherweise um diese gemeinsam mit einem besonders hohen Ausmaß an Verständnis managen zu können.

Vielleicht liegt der Gedanke tatsächlich nicht so nahe, wie er scheint, wobei wir genau danach aber auch in unserer laufenden quantitativen Befragung noch einmal explizit fragen.

Kompatibilität ist zentral

Insgesamt ergibt sich aus den Befunden der qualitativen Auswertung, dass Partnersuche für Menschen mit Pflegeverantwortung eine Herausforderung darstellt:

  • Wie immer sie die Herausforderung angehen und die sich stellenden Fragen beantworten möchten, auf jeden Fall ist eine hohe Kompatibilität möglicher Partner.innen mit den Antworten der Betroffenen notwendig, damit eine tragfähige Beziehung entstehen kann, die sich eben nicht erneut wegen der Pflegeverantwortung auflöst.

Demnächst werden wir unsere Mitglieder und Interessent.innen, die nicht in Pflegeverantwortung stehen, übrigens ebenfalls zu dem Thema befragen:

  • Wie hoch ist die Bereitschaft, eine Beziehung mit jemandem einzugehen, der Angehörige pflegt und wie hängt das von den konkreten Umständen des Falles und der Gestaltung ab. Wir sind schon gespannt auch auf diese Befunde.

Insgesamt fühlen wir uns durch die bisherige Auswertung in unserem Ansatz einer Vermittlung nach Kompatibilität bestätigt:

Manche von den Betroffenen erwogenen Lösungen sind bei Gleichklang bereits längst im Matching implementiert. Dies betrifft beispielsweise das Ausmaß an Nähe versus räumlich-zeitlicher Getrenntheit oder auch die Überlegung zu konsensuellen nicht-monogamen Beziehungsformen.

Aber natürlich ist die bei Gleichklang ohnehin stark im Fokus stehende Kompatibilität allgemeiner Werte und Lebensziele bereits jetzt für Menschen in Pflegeverantwortung noch einmal besonders hilfreich.

Bezüglich der Profilvorstellung raten wir bei allen Dingen, die Auswirkungen auf eine Beziehung haben, zu Offenheit, Transparenz und Authentizität:

  • Solche Offenheit unterstützt noch einmal zusätzlich das Sich-Selbsteinfinden von Kontakten und deren Vertiefung und kann gleichzeitig das Entstehen belastender und letztlich scheiternder Beziehungen zusätzlich verhindern.

All das, was wir bereits anbieten, ist aber nicht genug. Das ist der Schluss, den wir aus der Umfrage ziehen:

  • Nach Abschluss der laufenden Befragungen werden wir daher zeitnah (womöglich noch in diesem Jahr, spätestens im Januar) eine neue Vermittlungsoption für Menschen in Pflegeverantwortung einführen, und zwar sowohl für die Partnersuche als auch für die Freundschaftssuche.
  • Vermutlich wird die Hauptausrichtung auf dem Matching von Pflegesituation und Akzeptanz liegen, aber auch weitere Matchingmöglichkeiten bis hin zu beidseitiger Pflegeverantwortung werden gegebenenfalls in Abhängigkeit von den Ergebnissen unserer laufenden Befragung eingeschlossen werden.

Bei Gleichklang fangen wir dort erst an, wo andere längst aufhören, was hoffentlich auch dieser Artikel und die bald zur Verfügung stehende besondere Vermittlungsoption für Menschen in Pflegeverantwortung noch einmal deutlich machen

Auf jeden Fall möchten und werden wir weiterhin alle unsere Mitglieder begleiten auf ihrem Weg zu sozialer Vernetzung und zu einer tragfähigen und glücklichen Partnerschaft:

▶ Zur Beziehungsfindung bei Gleichklang

Weitere Links:

5 Kommentare

  • Monika Werdecker sagt:

    Erste mal herzlichen Dank für das Thema und die Umfrage. Schnelle Auswertung hat mich überrascht und gefreut.
    Das Ausmaß von 10%, also über 7 Millionen bundesbürger von den überwiegend Frauen sind hat mich umgehauen. Mir wäre es lieb wenn dort nach Frauen und Männern unterschieden wird.

    Bei der Verarbeitung der erhobenen Daten finde ich es wunderbar, wenn das Bedürfnis nach Austausch und Unterstützung berücksichtigt wird. Ich persönlich bin zwar fast 70 aber sehr digitalaffin und würde es begrüßen wenn es eine online Möglichkeit gäbe Freundschaften entwickeln zu können in einem geschützten Rahmen. Oder eine austauschgruppe unter betroffenen. Ich finde dass das Potenzial bei Gleichklang nicht nur eben bei Partnerschaft liegt, sondern vielleicht auch ein neues Segment eröffnen könnte.
    Gruppenzugehörigkeit in einem Online-Medium und einem geschützten Rahmen entfalten und entwickeln zu können finde ich wunderbar. Ich habe in meinem Leben schon immer Beratung und Unterstützung angenommen, da ich selber im beratungsbereich gearbeitet habe. Ich weiß aber, dass gerade Frauen im Pflege und betreuungssituationen, es weitestgehend nicht gelernt haben Unterstützung anzunehmen und Beratung. Ich fände es also wunderbar, wenn es hier eine Möglichkeit gäbe in moderierter gruppensituation zu lernen sich auszutauschen und eine anderen Umgang mit der eigenen Situation zu entwickeln. Für so ein Modul wäre ich bereit auch zu bezahlen, wenn das Ziel wäre diese Gruppe sich selbst überlassen zu können damit sie ihr Bedürfnisse nach Austausch, Unterstützung und Zugehörigkeit in dieser Form stillen könnte, um dann weniger bedürftig, sich den Komplex Partnerschaft stellen zu können.
    Denn weniger bedürftig in existenzieller Hinsicht erhöht die Wahrscheinlichkeit einer realen, positiven und langfristigen Partnerschaft, ohne die Auswirkungen in dieser Bedürftigkeit dort mit hinein zu nehmen.

  • Silke Helene Stahnke sagt:

    Danke für das Aufgreifen dieses wichtigen Themas. Meiner Erfahrung nach ist es natürlich viel schwerer in einer bestehenden Pflegesituation einen Partner zu finden. Auch ich habe meine Eltern und meinen Partner gepflegt. Und gerade deshalb wäre ich besonders zurückhaltend, mir so eine Situation wieder aufzuhalsen, in der ein Mensch auch schon mal auf der Strecke bleiben kann. Und dass zwei in der Pflege eingebundene zusammen kommen, erscheint ja noch komplizierter, schon rein organisatorisch und logistisch, wenn beide fast ausschließlich ortsgebunden sind.
    Das erinnert mich sehr an die Situation als Alleinerziehende/r. Da muss der neue Partner nicht nur von Beginn an Rücksicht nehmen, sondern auch die Kinder akzeptieren, bestenfalls unterstützen und noch die Auseinandersetzungen mit dem anderen Elternteil ertragen. Nur, dass es die Perspektive gibt, dass die Kinder irgendwann mal ausziehen ( so nach 20 Jahren😉)
    Ich arbeite in einer Mutter- Vater- Kurklinik und sehe jeden Tag, wie erschöpft Eltern von jüngeren Kindern sind. Die Hälfte sind alleinerziehend, in der Mehrzahl Frauen, aber auch immer öfter Väter, beide oft mit verhaltensauffälligen und traumatisierten Kindern aufgrund der Erfahrungen, die sie mit dem anderen Elternteil und Streit gemacht haben. Da scheint mir auch eine ganze Generation in unmittelbarer Verantwortung zu sein, die sich weniger häufig und intensiv auf dem Dating Markt tummelt und Bedürfnisse eher hintenanstellt. Sicher gibt es auch da KandidatInnen, die hadern, dass sie „ nicht ihr Leben leben können“, aber viele nehmen ihre Rolle an und versuchen einfach durchzuhalten.
    Vielleicht wäre eine Rubrik für diese Lebenssituation ein Ziel für ein übernächstes Projekt?
    Dazu möchte ich noch sagen, dass für mich diese Plattform anders ist, als andere. Hier ist einfach mehr Wertschätzung und echte Menschlichkeit spürbar.
    Bitte weiter so.

  • Schwester sagt:

    Meine Schwester hat erst meinen Vater gepflegt und betreut jetzt gemeinsam mit einer Pflegekraft meine Mutter.
    Leider schafft sie es nicht parallel einen Partner zu suchen, das ist sehr schade und betrübt mich.

  • LB sagt:

    Vielen Dank, dass Sie sich des Themas Pflege annehmen, das finde ich echt super!

    Ich möchte auf folgenden Aspekt eingehen: „Interessanterweise hat unter den 105 freien Selbstschilderungen niemand von dem Wunsch gesprochen, eine Partner.in zu finden, die ebenfalls in eigener Pflegeverantwortung steht“.

    In der ergänzenden Umfrage wurde dieser Aspekt ja erfragt, und das war tatsächlich für mich schwierig zu beantworten, weil ambivalent. Wenn mein Partner selbst pflegen würde, hätte das den großen Vorteil von unmittelbaren Verständnis und Unterstützung, denn meiner Erfahrung nach braucht man Menschen, die pflegen, die eigene Situation nicht groß zu erklären; sie wissen sofort was Pflege einem abverlangt und unterstützen emotional bzw. tatkräftig, wenn das möglich ist.
    Gleichzeitig könnte eine beidseitige Pflegeverantwortung aber die Beziehungsgestaltung erschweren, weil vermutlich beide belastet und zeitlich unflexibel wären. Ein „unbelastetes“ Gegenüber kann auch hilfreich sein für die eigene Balance (sofern trotzdem ein Mindestmaß an Verständnis und Unterstützung für die Pflegesituation vorhanden ist).

    Außerdem könnte es sein, dass der Wunsch in den Selbstbeschreibungen zumindest von den Hetero-Frauen nicht geäußert wurde, weil ja überwiegend Frauen pflegen und diese eventuell intuitiv gar nicht davon ausgehen, auf einen männlichen Partner treffen zu können, der ebenfalls pflegt.

  • Sabine sagt:

    Mir ist erst in letzter Zeit klar geworden, dass mein behinderter Sohn – trotz der Wohnversorgung in einem Pflegeheim – (nicht nur) wegen des Pflegepersonalmangels und meiner starken Bindung mit ihm untrennbar mit meiner weiteren Zukunft verbunden ist und daher auch in meiner Partnersuche eine wesentliche Rolle spielt. Ich sage (mir) dann, es gibt uns nur im „Gesamtpaket“.
    Dass davor viele potentiellen Partner zurückschrecken ist einerseits traurig, andererseits konzentriert es die Suche auf Personen, die vielleicht eine größere Empathiefähigkeit und Selbstlosigkeit mitbringen. Wenn das schon im Partnerportal ein Thema sein kann, erspart es möglicherweise viele Versuche, die im Vorhinein wenig chancenreich sind.
    Danke für dieses Engagement; wie sehr es hilfreich sein kann bei dem ohnehin schon besonderen Ansatz von Gleichklang, wird sich zeigen…

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