Die unsichtbare Macht imaginierter Alternativen

Wie psychologische und kulturelle Mechanismen unsere Bindungsbereitschaft im Online-Dating untergraben

Bekannte Mechanismen: Ablehnungshaltung und Choice Overload

Ich habe in vielen früheren Ausführungen beschrieben, dass mehr Auswahl zu einer Ablehnungsmentalität führen kann. Wir sehen andere dann kritischer, wir gewichten einzelne Merkmale stärker negativ und wir lehnen Personen ab, die wir ohne die anderen Vorschläge nicht abgelehnt hätten. Noch schlimmer: Mit manchen dieser abgelehnten Personen wären wir sehr glücklich geworden.

Ebenso habe ich bereits mehrfach dargelegt, dass ein Übermaß an Alternativen zu Choice Overload führt. Wenn zu viele Möglichkeiten vorhanden sind, wird unsere Entscheidungsfähigkeit geschwächt. Wir greifen auf schnelle und oft falsche Selektionsmechanismen zurück, weil wir die Komplexität nicht mehr bewältigen können.

Manche reden sich sodann sogar ein, dass die Auswahl innerhalb von Sekunden durch ein Foto die richtige Methode sei. Dabei verwechseln sie freilich Studien, die die Attraktivitätswahrnehmung erkunden, mit Studien, die sich auf echte Beziehungszufriedenheit und Beziehungstabilität beziehen. Natürlich können wir uns durch ein Foto angezogen fühlen, das ist eine Trivialerkenntnis. Aber tatsächlich sagt es uns absolut nichts darüber, ob wir mit der Person glücklich werden oder nicht.

In meinem heutigen Artikel beschäftige ich mich jedoch mit einer beunruhigenden weiteren Möglichkeit. Vielleicht nämlich ist der eigentliche Hauptgrund dafür, dass immer mehr Menschen Single bleiben, während gleichzeitig immer mehr Partnersuchangebote entstehen, ein gänzlich anderer. Vielleicht liegt der entscheidende Mechanismus viel tiefer, als wir bisher angenommen haben.

Die Wirkung vorgestellter Alternativen

Eine aktuelle psychologische Untersuchung zeigt ein Ergebnis, das in seiner Bedeutung tatsächlich Anlass zur Sorge gibt:

  • In dieser Studie erhielten Teilnehmerinnen und Teilnehmer falsche Rückmeldungen über die angebliche Verfügbarkeit möglicher Alternativpartner. Tatsächlich wurden ihnen diese Alternativen nie gezeigt.
  • Dennoch genügte allein die Vorstellung, dass weitere Personen existieren könnten, um die Bindungsbereitschaft deutlich zu reduzieren.

Damit entsteht ein Mechanismus, der weit über Ablehnung oder Überforderung hinausgeht:

  • In dem Moment, in dem lediglich die Vorstellung entsteht, es gäbe weitere Menschen, die ebenfalls potenziell infrage kämen, wird meine Bereitschaft geringer, mich überhaupt auf eine einzige Person einzulassen.
  • Meine Fähigkeit, eine beginnende Beziehung zu entwickeln, sinkt.

Wie ich aber in meinem Artikel „Der sichere Weg zum Scheitern in der Partnersuche“ von letzter Woche darstellte, gibt es gleichzeitig genug Hinweise dafür, dass eine geringere Bindungsbereitschaft auch tatsächlich zu einem verlängerten Single-Dasein führt. Sinkt also die Bindungsbereitschaft allein durch die Erwartung „Oh, beim Online-Dating gibt es mehrere Möglichkeiten“, dann bleibe ich auch wirklich eher Single.

Sobald der Gedanke entsteht, irgendwo könne sich noch jemand anderes befinden, verschiebt sich also meine innere Haltung. Ich orientiere mich weg von der Möglichkeit einer einzelnen realen Begegnung und beginne, Bindung zu vermeiden, bevor sie überhaupt entsteht.

Übrigens geschieht dies nicht vollkommen unbewusst, denn die Beteiligten konnten in ihren anschließenden Angaben klar benennen, wie interessiert, engagiert und bereit sie sich für eine Bindung fühlten. Sie wussten aber nicht, dass ihre Antworten durch die falsche Information über angebliche Alternativen beeinflusst worden waren. Wir merken das inneres Resultat, die echten Ursachen bleiben uns aber verborgen.

So beginnt ein Prozess, der die Partnersuche bereits sabotiert, bevor überhaupt ein realer Kontakt stattgefunden hat.

Dies ist meines Wissens zur Partnersuche die einzige explizite Studie, die genau diesen Mechanismus aufgezeigt hat. Doch die Befunde stehen nicht isoliert. Sie werden gestützt durch weitere Untersuchungen, die zwar in völlig anderen Kontexten durchgeführt wurden, deren Ergebnisse aber das Gesamtbild nachvollziehbar und aus psychologischer Sichtweise hoch plausibel machen:

  • Es ist demnach nicht notwendig, reale Alternativen zu sehen. Es genügt, dass die Vorstellung davon im Hintergrund aktiv ist. Diese Vorstellung verändert Einstellungen, Erwartungen und Verhaltensbereitschaften, noch bevor eine reale Begegnung überhaupt begonnen hat.

Wie Gesellschaft, Medien und Plattformen ein falsches Dating-Konzept verankern

Aus diesen Befunden ergeben sich beunruhigende weitere Überlegungen:

  • Was tun wir in einer Situation, in der bereits die bloße Vorstellung von Alternativen unsere Bindungsbereitschaft schwächt, noch bevor eine Begegnung stattfindet?

Diese Frage stellt sich umso drängender, als dass dies nicht nur allein an unserem individuellen Wunsch liegt, über Alternativen nachzudenken. Vielmehr sind wir kulturellen Einflüssen ausgesetzt, die diese Vorstellung permanent nähren und verstärken:

  • Wir bewegen uns in einem Umfeld, das vom Online-Dating-Business geprägt ist, von seiner gesellschaftlichen und medialen Rezeption und von den Erwartungen, die in unserem eigenen sozialen Umfeld kursieren. Freund:innen, Kolleg:innen, Bekannte und sogar flüchtige Kontakte tragen dieselbe Botschaft an uns heran.

Partnersuche bedeutet nach dieser Vorstellung immer, dass Alternativen existieren. Es wird angenommen, dass es immer mehrere potenzielle Personen geben muss und dass beim Online-Dating ohne tagelange, wochenlange, monatelange Wartezeiten jederzeit Vorschläge zu offerieren seien. Bei manchen Apps geht das so weit, dass sich die Nutzer:innen mehrfach am Tag, jeden Abend oder nach anderem Muster immer wieder neue Vorschläge anschauen. Sind es nicht genug, greifen sie auf Extra-Angebote zurück, wo sie sich gegen Geld weitere Vorschläge kaufen können.

Damit wird diese beziehungsschädliche Vorstellung nicht nur individuell erzeugt, sondern kulturell vermittelt. Sie wird in unser Denken eingeprägt, ob wir es wollen oder nicht. Sie wird in unseren Gehirnen verankert und beeinflusst dadurch die Art und Weise, wie wir Partner:innen suchen und (nicht) finden:

  • So ergibt sich vielleicht ein zentraler Teil der Erklärung für das Phänomen, auf das ich schon oft hingewiesen habe, nämlich, dass mit der steigenden Anzahl an Partnersuchangeboten auch die Zahl der Singles kontinuierlich wächst.

Die Frage, die sich stellt, lautet daher:

Könnte es sein, dass mit der Ausweitung der Partnersuchmöglichkeiten zugleich ein kulturell erzeugter Zustand entstanden ist, der unsere Fähigkeit zur Bindung gerade dadurch schwächt, dass wir Alternativen erwarten?

Bewusste Gegensteuerung gegen den Alternativen-Automatismus

Wir können uns gar nicht dagegen wehren, dass kulturell, medial und sozial vermittelte ungünstige Vorstellungen uns beeinflussen und sich in unseren Gehirnen festsetzen.

Diese Einflüsse wirken leider auch zunächst unabhängig davon, ob wir ihnen zustimmen oder ob wir sie überhaupt bemerken. Es sind sicherlich auch automatisierte Effekte, auf die wir keinen direkten Zugriff haben.

Ich erinnere mich an meine Promotion zu implizitem Lernen und Intelligenz:

  • Bei den Experimenten saßen die Teilnehmenden komplett verdattert da und lachten, weil sie glaubten, nur zu raten, obwohl sie in Wirklichkeit nachweislich impliziten Strukturen folgten, weshalb sie nahezu alle überzufällige Leistungen erbrachten.

Leider ist der Zusammenhang beim Online-Dating umgekehrt:

  • Die Teilnehmenden sind überzeugt, etwas für ihre Partner:innenfindung zu tun, obwohl sie tatsächlich kontinuierlich ihre Bindungsbereitschaft senken.

So sind manche sogar ärgerlich, wenn wir in unseren Blog-Artikeln auf die Sachverhalte hinweisen, und fordern stattdessen unbedingt genau das ein, von dem wir wissen, dass es schadet.

Dennoch bedeutet dies nicht, dass wir diesen Mechanismen komplett ausgeliefert sind:

  • Wir haben in einem begrenzten Rahmen die Möglichkeit, diese Mechanismen zu erkennen und uns bewusst für einen anderen Weg zu entscheiden.

Das bedeutet eben nicht, dass die Einflüsse dadurch verschwinden. Sie bleiben bestehen. Aber wir können lernen, ihnen nicht in vollem Umfang zu folgen:

  • Wir können ihre Wirkung beeinflussen und zumindest teilweise kompensieren, indem wir unsere innere Haltung verändern und durch bewusste Entscheidungen gegen die automatischen Reaktionen arbeiten, die durch diese kulturellen Prägungen ausgelöst werden.

Es scheint mir wichtig und an der Zeit zu sein, aktiv daran zu arbeiten, die negativen Effekte des Online-Datings für unsere Beziehungsfindung zu kompensieren. Tatsächlich sehe ich in der Medienberichterstattung sogar eine Tendenz in diese Richtung – und auch bei Anfragen von Journalist:innen:

  • Die typischen Themen „Wie mache ich mich attraktiv?“ oder „Wie erhalte ich viele Vorschläge?“ scheinen sich zu ändern. Nun wird offenbar mehr über Dating-Müdigkeit, Dating-Burn-out und auch die eingebauten Suchtstrukturen der Dating-Apps geschrieben.

Was aber können wir nun wirklich konkret tun? Gibt es überhaupt noch einen Weg, um online eine echte Partnerfindung anzugehen?

Bei Gleichklang haben wir in unseren Gründungsjahren 2006, 2007 und 2008 – darüber schrieb ich bereits in meinem letzten Artikel – direkt erlebt, dass eine ganz andere Art von Partnerfindung möglich und wirksam ist.

  • Wir hatten damals, als wir starteten, keine Mitglieder. Es gab keine Auswahl an Vorschlägen. Es gab einen Vorschlag alle paar Monate, später alle paar Wochen bis Monate. Niemand erwartete Alternativen. Alle waren an dem einen Vorschlag interessiert und bezogen sich auf diesen einen Vorschlag allein.

Vielleicht wirkt dies erst einmal bizarr, schließlich suggeriert uns das Dating ja etwas anderes.

Aber denken wir einmal an die Partnersuche außerhalb des Online-Bereichs:

  • In Wirklichkeit haben wir meistens gar keine Alternativen. Die Personen in unserem unmittelbaren Umfeld kommen für uns weitgehend nicht infrage. Sie sind bereits verpartnert oder es bestehen andere Arten von sozialen Beziehungen, die eine romantische Entwicklung ausschließen.
  • Jetzt treten wir in einen Raum ein, zum Beispiel in ein Café, und plötzlich ist da diese eine Person, auf die sich unser Fokus richtet und auf die sich der Fokus des anderen Menschen ebenfalls richtet. Ein Kennenlernprozess beginnt. Eine Beziehung entsteht.
  • Partner finden wir als ein singuläres Ereignis, nicht als einen Prozess, bei dem wir bewusst auf Alternativen ausgerichtet sind. Partnerschaft entsteht nicht, indem wir eine Liste abarbeiten, sondern indem ein einzelnes Ereignis Bedeutung gewinnt und sich vertieft.

Die Angebote der modernen Partnersuche im Internet erzählen uns die gegenteilige Story:

  • Sie behaupten, Partnersuche sei ein Optimierungsprozess, bei dem möglichst viele Alternativen zur Verfügung stehen sollten, damit am Ende die beste Entscheidung getroffen werde. Aber nicht alles, was uns erzählt wird, muss wahr sein.

Konsequenzen für Online-Dating und die Rolle von Gleichklang

Bei Gleichklang hatten wir die Chance, die Wirklichkeit beobachten zu können. Unsere Vermittlungsraten ganz am Anfang waren nicht geringer. Sie waren sogar leicht höher als heute. Eine massiv angestiegene Anzahl an Mitgliedern und Vorschlägen ging seither mit einer (glücklicherweise nur geringen) Verminderung der Vermittlungsraten einher.

Ich vermute, die Sachlage, dass unsere Vermittlungsraten nur geringfügig vermindert wurden, hängt mit mehreren Aspekten zusammen:

Ein Aspekt könnte sein, dass wir uns über Blog-Artikel, mein Buch und seit Neuerem auch über Videos, von Anfang an bemühen, über die Faktoren aufzuklären, die tatsächlich zu einer Partnerfindung führen. Menschen, die diese Inhalte lesen oder sehen, entwickeln womöglich eine andere Haltung zur Partnersuche, die weniger durch das übliche Alternativendenken und die ständige Erwartung weiterer Möglichkeiten geprägt ist.

Ein weiterer Faktor könnte die Art der Menschen sein, die sich bei Gleichklang einfinden. Viele von ihnen sind möglicherweise weniger durch die Mainstream-Trends beeinflusst, die im Bereich des Online-Datings vorherrschen.

Ein dritter Faktor ist sicherlich, dass das Ausmaß des Shopping-Charakters der Partnersuche bei Gleichklang allein aufgrund der weitaus geringeren Mitgliederanzahl im Vergleich zu den großen Dating-Systemen deutlich geringer geblieben ist. Die Struktur des Angebots reduziert die permanente Alternativorientierung, wie sie bei Plattformen mit Millionen von Profilen zwangsläufig entsteht. Dadurch bleibt der Fokus trotz alledem etwas stärker auf den einzelnen Vorschlägen und die Partnerfindung wird weniger durch das kulturell vermittelte Alternativen-Narrativ sabotiert.

In gewisser Weise steht so die Welt nicht nur in der Politik, sondern auch beim Dating auf dem Kopf. Vermutlich hängt sogar beides miteinander zusammen:

  • Das, was oftmals als eine Stärke oder ein Vorteil von Plattformen beschrieben wird, etwa eine große Mitgliederanzahl, ist tatsächlich ein Nachteil. Jedenfalls dann, wenn wir Online-Dating nach wie vor als einen Weg zu einer echten Beziehungsfindung betrachten möchten.

Eine enorme Zahl an Profilen erzeugt zwangsläufig die Vorstellung, Alternativen seien vorhanden und auch wichtig. Diese Vorstellung sabotiert die innere Ausrichtung auf eine einzelne Begegnung und verhindert damit genau das, was eine Partnersuche eigentlich ermöglichen soll.

Als Menschen neigen wir eben dazu, immer wieder gegen die gleichen Wände zu laufen. Selbst nach jahrelanger Erfahrung mit auf ohne Wartezeiten beruhenden Dating-Systemen wollen viele noch mehr desselben.

Das erinnert ein wenig an das weitere, gut dokumentierte Phänomen, dass wir uns ebenfalls recht häufig die gleichen Typen von Partner:innen suchen, mit denen wir bereits zuvor zusammen waren und mit denen wir gescheitert sind.

Die Wirksamkeit unserer Vermittlung bei Gleichklang besteht insofern vermutlich gerade darin, ein Stück weit die gesellschaftlichen Trends zu schwächen und dadurch erneut unsere Liebesfähigkeit zu erhalten.

Gerne gehen wir diesen Weg mit Ihnen gemeinsam:

▶ Zur Beziehungssuche bei Gleichklang

Weitere Links:

8 Kommentare

  • Stephan sagt:

    Spannender Ansatz – danke fürs Teilen!

    Gleichzeitig habe ich Bedenken, wie stark hier wissenschaftliche Ergebnisse in Richtung des eigenen Angebots gedeutet werden. Wenn der Betreiber einer Dating-Applikation selbst psychologische Grundannahmen formuliert, die exakt das eigene Geschäftsmodell bestätigen, entsteht zwangsläufig ein Interessenkonflikt.
    Eine offenere Reflexion darüber, welche Daten tatsächlich unabhängig überprüfbar sind, wäre im Sinne der Transparenz gegenüber den Leser*innen sehr wünschenswert.

    Der Beitrag ist sicher engagiert formuliert, aber genau deshalb sehe ich ein Problem.
    Wenn wissenschaftliche Begriffe so selektiv verwendet werden, dass sie das eigene kommerzielle Produkt legitimieren, sollte das klar offengelegt und kritisch hinterfragt werden. Sonst verschwimmt die Grenze zwischen psychologischer Information und Marketing.
    Eine seriöse Auseinandersetzung mit Forschung erfordert auch das Benennen der Grenzen, Unsicherheiten und Gegenbefunde – gerade wenn man selbst wirtschaftlich von bestimmten Interpretationen profitiert.

    • Wirtschaftlich würden wir ehrlich gesagt profitieren, wenn wir schlichtweg kostenlose Mitglieder aufnehmen und diese sodann für ein Premium anwerben würden. Wir sehen ja in unseren Daten, dass eine riesige Zahl an Personen die Bögen ausfüllt, aber dann eben bei dem Bezahlformular nicht mitgeht. Es ist auch kein Zufall, dass alle anderen Dating-Plattformen kostenlose Accounts, Testangebote etc. anbieten, weil genau dies zum Einstrom von Profilen führt. Das führt zu einer Riesenmenge an Profilen, die nicht vorwiegend auf die Beziehungssuche ausgerichtet sind, Doppel- und Dreifachprofile, aber marketingtechnisch wird es unbedingt angeraten.

      Unser Ansatz ist, dass wir versuchen, mit einer alternativ ausgerichteten Plattform tätig zu bleiben, die sich eben nicht bezüglich ihrer Struktur – wie du offenbar vermutest – an ökonomischen Aspekten ausrichtet. Stattdessen versuchen wir eher, die Mitglieder für diese Struktur, die sich psychologisch sehr gut begründet, zu gewinnen. Und weil wir diesen Weg als einzige Dating-Plattform schon gehen, können wir es uns auch leisten, unsere Informationen an den psychologischen Fakten zu orientieren.

      Die Studien, die ich bespreche, sind in meinem Artikel verlinkt und sind leicht unabhängig überprüfbar. In unserer Gesellschaft gibt es keine echten Grenzen zwischen Wissenschaft und Marketing, und auch bei uns ist selbstverständlich unser Interesse immer, Mitglieder für uns zu gewinnen und zu überzeugen, bei uns zu bleiben. Das ist auch notwendig. Denn gerade wenn sich eine Struktur von der üblichen Sicht und damit von Erwartungen unterscheidet, muss sie ständig erklärt werden. Der Gegensatz zwischen Wirklichkeit und ökonomischem Interesse stimmt im Durchschnitt aber nicht immer. Sonst könnte es keinerlei Projekte mehr geben, die auch einen ökonomischen Hintergrund haben (z. B. vegane Restaurants etc.), die eben nicht aufgrund ihrer Ideale darauf beruhen, falsche Informationen zu verbreiten.

      Auch der Wissenschaft könnte demnach nicht einmal im Ansatz getraut werden, da es wohl kaum noch einen Lehrstuhl gibt, der nicht irgendwelche Verbindungen in Bezug auf die Finanzierung von Projekten, Kooperationen etc. hat zu Einrichtungen oder Unternehmen, die eigene Interessen haben. Für Meiden gilt dies sowieso. Insofern ist das ja auch wirklich ein Problem. Nur dies ausgerechnet dann bei einem winzigen Anbieter wie uns als Grundproblem zu sehen, halte ich für überzogen.

      Gerade wenn wir uns von der Struktur diametral gegen unser eigenes ökonomisches Interesse stellen, ist das essenziell. Die Gegensätzlichkeit, die vermutet wird, entsteht nur, wenn wir glauben, dass nahezu jeder Mensch aufgrund der eigenen ökonomischen Interessen fehlerhafte Behauptungen aufstellt, wie es fraglos im Durchschnitt der Fall ist.

      Mehr als darauf hinzuweisen, dass dies bei uns nicht der Fall ist, und vorzuschlagen, sich selbst den Forschungsstand anzuschauen, wenn Zweifel bestehen, kann ich leider nicht tun.
      Mir sind übrigens keinerlei Gegenbefunde zu dem in diesem Artikel vorgestellten bekannt. Ich sagte auch im Artikel, dass zu dieser sehr spezifischen Frage offenbar keine anderen Befunde vorliegen. Aber ich bin natürlich dankbar, wenn ich hier durch Hinweise auf andere Befunde korrigiert werde.

      • Stephan sagt:

        Sehr geehrter Herr Dr. Gebauer,

        vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Ein Punkt erscheint mir dabei zentral, und ich möchte ihn gerne ausdrücklich hervorheben: Die von Ihnen erwähnte niedrige Konversionsrate nach dem Ausfüllen der aufwendigen Fragebögen.

        Aus meiner Sicht handelt es sich hierbei weniger um ein Marketingdetail als vielmehr um ein strukturelles Problem der Nutzererfahrung, das im Kontext der Partnersuche besonders sensibel ist. Die Konfrontation mit einer Bezahlschranke nach der Offenbahrung intimster Daten erzeugt eine Form der Frustration, die Sie in Ihren eigenen Abbruchzahlen bereits ablesen können. Nachdem die Anbahnung bereits im Gange scheint, kommt es zur unvermittelten Abfuhr.

        Menschen, die ernsthaft nach einer wertebasierten Partnerschaft suchen, bringen naturgemäß ein höheres Maß an Hoffnung, Verletzlichkeit und Erwartung mit. Stehen im Anschluss an einen detaillierte Befragung vor der Paywall, entsteht sicherlich bei vielen eine spürbare Irritation, die nicht selten in Enttäuschung umschlägt – ein Effekt, der gerade im emotional aufgeladenen Feld der Partnersuche besonders wirkt. Es ist, als hätte man sein Herz ausgeschüttet, nur um dann von der vermittelnden Instanz geghostet zu werden. Das Einzige was man von den Vermitteln noch hört, auf Jahre hinaus, ist die mantrartige Aufforderung den Mitgliedsbeitrag doch endlich zu zahlen – dann erst könne man teilnehmen am Reigen. Ich halte es auch datenschutzrechtlich für problematisch, dass durch die namentlich gekennzeichnete Einspeisung intimer und vertraulicher Persönlichkeitsparameter zwar Daten „geerntet“ werden, es aber nie zu einem Kundenverhältnis kommt, das den Anbieter in einem höheren Maße in die Pflicht nehmen würde.

        Die Irritationen der Interessentinnen und Interessenten, die sich nach dem Fragebogen nicht eingelassen fühlen, aktivieren das Gefühl, eher abgefangen als eingeladen zu werden, und die Wahrnehmung, die eigene „Ernsthaftigkeit“ müsse erst über Bezahlung legitimiert werden. Würde es nicht Sinn machen, erst nach dem Beitritt befragt zu werden? Warum die Umkehrung?

        In diesem Zusammenhang brachte mich Ihre Bemerkung zur niedrigen Konversionsrate zu der – mit leichter Ironie und ohne jede Häme gemeinten – Frage, ob dieser ungewöhnlich große Anteil von Interessierten, die bereits erhebliche emotionale Vorarbeit leisten und dann in ihrem Elan gebremst abspringen, am Ende nicht das eigentliche Alleinstellungsmerkmal von Gleichklang im Datingmarkt darstellt.

        Bemerkenswert erscheint dies auch deshalb, weil mir durchaus eine äußerst umfangreiche Liste alternativer, teils ähnlich werteorientierter Plattformen vorliegt – deren bloße Nennung an dieser Stelle jedoch vermutlich als Indiskretion gelten würde. Auf Nachfrage teile ich sie gern.

        • Laut Datenschutzrecht dürfen alle Daten erhoben werden, auch persönliche Daten, die für einen bestimmten Zweck notwendig sind, wenn die betreffende Person zustimmt. Genau so ist es auch bei uns und wäre es unzulässig, gäbe es keine Partnervermittlung mehr. Ich sehe da also kein Problem. Es gibt keine Alternative zur Erhebung dieser Daten, außer wenn die gesamte Dienstleistung nicht mehr stattfinden soll. Bei uns werdne genau keine Date3n „geerntet“, da wir eine der wenigen Plattformen sind, die keine Daten kommerziell weitergeben und dies auch komplett in ihrer AGB ausgeschlossen haben.

          Wir stellen sehr klar und auf allen Seiten dar, dass unsere Vermittlung kostenpflichtig ist. Alles andere wäre aus den genannten Gründen inhaltlich untragbar. Unser sozialer Aspekt entsteht nicht daraus, dass wir wertlose Testangebote machen, um einen Pool für Premiumangebote aufzubauen oder mit großen Mitgliederzahlen zu werben, sondern darin, dass wir für absolut jeden eine Teilnahme und zwar an allen Angeboten ermöglichen. Indem wir eine Standardgebühr erheben, die angemessen ist, die wir standardmäßig zur freien Auswahl ermäßigen und sodann allen, die in finanzieller Not sind, weitere Ermäßigungen bis hin zu einem Euro anbieten, stellen wir sicher, dass wir nicht von Personen überlaufen werden, die es nicht ernst meinen, und gleichzeitig das System gemäß dem Gleichbehandlungsgrundsatz allen zur Verfügung steht.

          Insofern teile ich die Kritik nicht, was nicht heißt, dass ich nicht verstehe, dass sie erhoben werden kann. Aber wir haben uns darüber ja sehr viele Gedanken gemacht und uns für dieses System entschieden, was wir für das fairste Mögliche halten. Ich finde es nicht ungewöhnlich, dass nach einer Bezahlschranke viele nicht weitermachen. Manche haben nicht richtig gelesen (was wir leider nicht ändern können), andere möchten die Fragebögen und die Ergebnisse kennenlernen oder füllen aus anderen Gründen den Fragebogen aus. Wieder andere sind ambivalent und sobald eine Hürde kommt, kann Ambivalenz noch einmal aktiviert werden.

          Mir sind andere wertebasierte Plattformen nicht bekannt, jedenfalls nicht mit den Werten, die wir vertreten. Aber wenn es sie gibt, ist es wunderbar, und es macht auf jeden Fall Sinn, es bei jemand anderem auszuprobieren, wenn die Zufriedenheit bei uns nicht gegeben ist.

          • Stephan sagt:

            Vielen Dank, Herr Dr. Gebauer, für Ihre verbindliche Antwort.

            I. Zur Datenerhebung:

            Ich zweifle in keiner Form an, dass Sie dazu berechtigt sind, und dass Sie jenseits des eingehaltenen Rechts dies auch überaus verantwortungsvoll bewerkstelligen. Mein Kritikpunkt lag lediglich darin, dass bei Ihnen die detaillierte Datenerhebung, mit Preisgabe von intimsten Auskünften VOR dem Abschluss eines verpflichtenden Vertrags geschieht, bevor also ein reguliertes Geschäftsverhältnis eingegangen wird. Und dass, wenn es NICHT zum Geschäftsabschluss kommt, durch das Ausbleiben einer Zahlung der Noch-nicht-Kundschaft, die Daten bei Ihnen verbleiben, diese also „geerntet“ wurden, ohne dass ein entsprechendes Geschäft eingegangen wurde. „Geerntet“ nicht im Sinne von potentieller Weitergabe, sondern lediglich den Fakt beschreibend, dass Sie ja tatsächlich in den Besitz der Daten gekommen sind, ohne dass die Bestellabbrecher:innen in den Genuss der erhofften Gegenleistung, der Partnervermittlung ihrerseits, gekommen wären. Sie sagen ganz richtig, dass Sie ganz deutlich auf die Kostenpflichtigkeit bei der Beanspruchung Ihrer Dienstleistung hinweisen, aber dass heißt ja erfahrungsgemäß nicht, dass Menschen, die die ausführlichen Bögen ausfüllen, insgeheim nicht doch hoffen, dass durch die getätigte aufwendige Eingabe der Prozess der Partnervermittlung tatsächlich schon in Gang gesetzt wurde. Meine Frage wäre dazu, zu welchem Zeitpunkt Sie diese erhobenen persönlichen Daten von Bestellabbrecher:innen löschen. Mir ist von Fällen berichtet worden, wo noch auf Jahre hinaus von Gleichklang immer wieder darin erinnert wurde, dass zwar die Daten vorlägen, durch die irgendeinmal ausgefüllten Fragebögen, dass aber ein Geschäftsabschluss, also eine Zahlung der potentiellen Kundin noch ausstehe. (Entsprechende „Mahn-Mails“ von Gleichklang liegen mir vor.) Das deutet ja darauf hin, dass Sie im beschriebenen Fall weiterhin die Daten vorhalten, obwohl die einstige Interessentin vor der Bezahlschranke „umgekehrt“ ist und von einem Beitritt abgesehen hat.

            Ihre Tendenz, Testangebote als „wertlos“ abzutun, habe ich schon an anderer Stelle registriert. Das sei Ihnen unbenommen, aber aus psychologischer Sicht wird dadurch bei potentiellen Kund:innen m.E. die Angst befördert, gewissermaßen eine „Wundertüte“ zu erwerben – ob und in welchem Umfang es überhaupt zu Vorschlägen und Kontakten kommen wird, nach getätigter Zahlung, bleibt ungewiss. Wissen Sie, es ist ein bisschen wie bei einer Rechtsberatung, einer Therapie oder einem Coaching, wo einem wider den herrschenden Usus der Branche keine kostenlose Erstberatung gewährt wird. Oder wie bei einem in Folie eingeschweißten Buch, wo der Buchhandel darauf besteht, dass Sie erst nach Erwerb darin blättern dürfen. Die psychologische Grundschwingung kann dabei sein: wenn dieser Fachmann, dieser Dienstleister, diese Veröffentlichung wirklich etwas auf sich halten würde, mir etwas bieten könnte, dann würde ein erster unverbindlicher Einblick gewährt werden. Bei einer Online-Plattform kommt ja hinzu, dass die Abwägung, ob man mit dem gebotenen Interface überhaupt warm wird, in der Regel beim Ausprobieren ergibt.

            II. Andere wertebasierte Plattformen

            Ich teile gerne meine für diese Recherche zusammengetragene Liste von Mitbewerbern. Dazu mehr in einem Folgekommentar.

          • In diesem neuen Blog-Artikel antworte ich ausführlich auf Ihren Kommentar, der mich sehr angeregt hat.

  • Simon Hohenbild sagt:

    Lieber Stephan,
    obwohl ich bei Gleichklang auch nicht mit allem zufrieden bin (z.B. die Zwangsbeglückung mit fluider Sexualität, die man nur „am ehesten beschreiben“ kann) möchte ich doch mal sagen, dass deine Kritik hier wirklich überzogen ist, bzw. den fallschen trifft.
    Wenn du gerne jemandem kritisierst dann such dir jemand, der das wirklich nötig hat!
    Ich könnte dir die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) empfehlen.
    Die deckt die Machenschaften des skrupellosen BAYER Pharma Konzerns auf.
    An dem ist Kritik wirklich sowas von angebracht!
    Thematisch ist das was anderes, aber du kannst dich ebensogut um Tinder kümmern, dessen Besitzer, im Gegensatz zu Herr Gehbauer, irre viel Geld scheffeln.
    Schöne Grüße Simon

    • Stephan sagt:

      Vielen Dank für die konstruktive Kritik, Herr Hohenbild. Ich nehme sie mir wirklich zu Herzen – wie ja auch Dr. Gebauer immer ein offenes Ohr für die Anliegen Interessierter (und bereits Involvierter) hat; ganz anders als der von Ihnen ins Spiel gebrachte Branchenführer, der es sich zum Prinzip gemacht haben scheint, sich nicht einmal mit den Anliegen seiner Kundschaft zu beschäftigen. (Vide https://de.trustpilot.com/review/tinder.com)

      P.S. Gut, dass es die CBG gibt.

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