6 Faktoren der Unsicherheit beim Online-Dating
Verunsicherung bei der Online-Partnersuche ist ein sehr weitverbreitetes Phänomen. Jedenfalls erleben wir dies bei Gleichklang seit 20 Jahren, und wir sehen es in jeder Umfrage. Mein letzter Artikel zur Ablehnung bei der Online-Partnersuche beschäftigte sich im Grunde ebenfalls mit diesem Thema, und die Kommentare von Mitgliedern unter dem Beitrag machten wiederum deutlich, wie sehr Partnersuche und Ablehnung auch als Verunsicherung erlebt werden können.
In meinem heutigen Artikel setze ich dies aber über den Bereich der Ablehnung hinaus fort und beschäftige mich stärker global mit dem Einfluss von Verunsicherung auf die Partnersuche.
Dabei kann ich zurückgreifen auf eine soeben von Aubree Ann Herman an der Texas Tech University eingereichte Doktorarbeit, die sich damit beschäftigt, in welchen unterschiedlichen Formen sich Unsicherheit bei der Online-Partnersuche zeigt und wie zuverlässig sie sich messen lässt.
Zunächst interviewte Herman sieben Dating-App-Nutzer:innen im Alter von 19 bis 28 Jahren, um herauszuarbeiten, wie sich Unsicherheit beim Online-Dating konkret äußern kann. Die Interviews dauerten im Durchschnitt 29 Minuten, wurden aufgezeichnet und wörtlich transkribiert.
Auf diese Weise konnte Herman zunächst diese sechs grundlegenden Themen identifizieren.
Natürlich lässt sich anhand von lediglich sieben Interviews noch nicht beurteilen, ob genau diese sechs Themen tatsächlich tragfähige und verallgemeinerbare Grunddimensionen der Unsicherheit beim Dating über Apps darstellen. Deshalb entwickelte Herman einen Fragebogen und gab diesen in zwei Schritten jeweils einer größeren Anzahl an Personen vor, um die sechsdimensionale Struktur zunächst statistisch explorativ zu identifizieren und nachfolgend noch einmal konfirmatorisch, also hypothesentestend, bestätigen zu können.
Ich gehe hier auf die statistischen Details nicht ein. Zusammenfassend ließen sich aber die in den Interviews identifizierten Dimensionen statistisch auffinden und auch in der anschließenden Untersuchung noch einmal bestätigen.
Die im Folgenden dargestellten sechs Dimensionen der Unsicherheit lassen sich also offenbar durchaus auf die Erfahrungen vieler Nutzer:innen von Online-Dating-Plattformen generalisieren. Die Dimensionen weisen dabei übrigens teilweise auch Überschneidungen miteinander auf, enthalten aber jeweils eine separate Grundtendenz, die sie voneinander unterscheidet.
Das sind die 6 Unsicherheitsfaktoren bei der Online-Partnersuche
1. Unsicherheit über den Verlauf des Kontakts
Diese Form der Unsicherheit betrifft die Frage, wie eine laufende Kommunikation mit einer vorgeschlagenen Person einzuordnen ist und wie sie sich wirklich weiterentwickeln wird. Es geht dabei also um die Interpretation des Nachrichtentons, Veränderungen von Antwortmustern, das wahrgenommene Interesse der anderen Person, ihre Absichten, die Frage, ob sich ein Gespräch tatsächlich auf ein persönliches Treffen zubewegen wird, aber auch um den richtigen Zeitpunkt für einen Wechsel auf einen anderen Kommunikationskanal.
- Kevin beschreibt die Unsicherheit, die durch eine plötzliche Veränderung des bisherigen Antwortverhaltens entsteht: „Wenn ich ein oder zwei Tage ziemlich regelmäßig mit jemandem schreibe und die Person dann plötzlich nicht mehr antwortet, fange ich an, unsicher zu werden und frage mich: Ist sie einfach nur beschäftigt oder hat sie das Interesse verloren?“ („If I’m talking to someone pretty consistently for one or two days and then suddenly, they go silent, that’s when I start being unsure about, well, are they just busy or have they lost interest?“)
- Mallory schildert eine Verunsicherung, die sich ergibt, wenn das tatsächliche Kommunikationsverhalten nicht zu dem zuvor vermittelten Eindruck passt: „Sie sagen, sie seien wirklich energiegeladen und enthusiastisch, und dann brauchen sie ewig, um zu antworten, oder sie sind einfach nicht so enthusiastisch, wie sie zu sein schienen.“ („They say they’re really energetic and enthusiastic, and then they take forever to respond, or they’re just not as enthusiastic as they seemed to be.“)
Auch Ghosting gehört in diesen Bereich und geht mit erheblicher Verunsicherung einher.
Herman hat zur Erfassung der Dimensionen, wie oben dargestellt, auch Fragebögen entwickelt und diese anschließend validiert. Die Formulierungen der zur Einschätzung vorgegebenen Aussagen machen gleichzeitig die Bedeutung der sechs Dimensionen noch einmal prägnant deutlich, weshalb ich jeweils drei Beispielitems pro Dimension zitiere.
- Unsicherheit über den Verlauf des Kontakts: „Ich bin unsicher, wie ich den Ton eines Matches in seinen Nachrichten interpretieren soll.“ („I am unsure about how to interpret a match’s tone in their messages.“) „Ich bin unsicher, ob sich ein Gespräch mit einem Match auf ein persönliches Treffen zubewegt.“ („I feel uncertain about whether a conversation with a match is moving toward meeting in person.“) „Ich bin unsicher, was es bedeutet, wenn jemand lange braucht, um auf meine Nachrichten zu antworten.“ („I’m unsure about what it means when someone takes a long time to respond to my messages.“)
2. Zweifel an Echtheit und Qualität der Verbindung
Diese Dimension betrifft nicht in erster Linie den Verlauf des Kontakts und auch nicht die Identität der anderen Person. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, ob die Kommunikation über das Dating-System als authentisch erlebt wird, ob es sich wie eine echte Verbindung anfühlt und ob Vertrauen darin besteht, dass das Matching-System tatsächlich eine passende Verbindung hervorbringt.
Ist es eine echte Begegnung mit dem Ziel einer Beziehung, oder sind es unechte, vielleicht werbeartige Prozesse der Selbstpräsentation?
- Mallory: „Jeder in der App versucht wirklich, dich für sich zu gewinnen, sie versuchen, dein Interesse zu wecken.“ („everyone on the app is really trying to hook you, they’re trying to get you interested.“) … „Was ist, wenn die Person, die für mich bestimmt ist, auf dieser App ist, wir aber nicht zusammengebracht werden, weil der Algorithmus uns nicht miteinander verbindet?“ („What if the person for me is on this app, but because the algorithm isn’t linking us together, we’re not getting put together?“)
Zur Verdeutlichung der Bedeutung durch Auszüge aus dem Fragebogen:
- Zweifel an Echtheit und Qualität der Verbindung: Hier sind die Aussagen in positiver Richtung formuliert, nämlich als Vertrauen und als Erleben einer Verbindung. Geringere Zustimmung zu diesen Aussagen bedeutet entsprechend weniger Vertrauen und höhere Unsicherheit: „Ich vertraue darauf, dass das Matching-System die Kompatibilität zutreffend abbildet.“ („I trust that the matching system accurately represents compatibility [R].“) „Ich bin zuversichtlich, dass der Algorithmus versteht, wonach ich bei einem Partner suche.“ („I feel confident that the algorithm understands what I am looking for in a partner [R].“) „Ich habe das Gefühl, jemanden allein aufgrund unserer Gespräche gut genug zu kennen, um ihn zu treffen.“ („I feel like I know someone well enough to meet based on our conversations alone.“)
3. Unsicherheit über die eigene Person
Die Verunsicherung bei der Online-Partnersuche betrifft auch die eigene Person. Wir sind uns unsicher über unsere eigenen Ziele und Absichten, die eigene Beziehungsbereitschaft, unsere eigene Selbstdarstellung in der App, welche Eigenschaften von Partner:innen uns tatsächlich wichtig sind und ob unsere Entscheidungen beim Dating tatsächlich unserem Beziehungsinteresse entsprechen, ob sie richtig oder falsch sind.
- Logan beschreibt seine Unsicherheit darüber, ob er sich wirklich so wiedergibt, wie er ist: „Ich weiß nicht, ob es vollständig zeigt, wer ich bin. Deshalb bin ich wohl so jemand, für den das persönliche Kennenlernen besonders wichtig ist.“ („I don’t know if it fully shows who I am. That’s why I’m such a big in-person guy, I guess.“)
- Jenna stellt sich die Frage: „Sollte ich mich mehr daran orientieren, was, wie ich annehme, gerade angesagt ist? Sollte ich mir selbst treu bleiben?“ („Should I appeal more to, I guess, what’s trending … ? Should I stay true to myself?“)
- Madison zweifelt an der eigenen Bindungsbereitschaft: „Wenn es dann um die Realität geht, bin ich nicht bereit. Ich bin immer noch sehr kindisch.“ („When it comes to the reality of things, I’m not ready. I’m still very childish.“)
Aussagen aus dem Fragebogen, die die Verunsicherung über die eigene Person betreffen:
- Unsicherheit über die eigene Person: „Ich bin mir über meine eigenen Absichten, weshalb ich eine Dating-App nutze, unsicher.“ („I’m uncertain about my own intentions behind why I’m using a dating app.“) „Ich bin mir unsicher, wonach ich bei einem Match auf einer Dating-App wirklich suche.“ („I’m uncertain about what I’m really looking for in a dating app match.“) „Ich frage mich, ob meine Swipe-Entscheidungen meine tatsächlichen Präferenzen widerspiegeln.“ („I question whether my swipe decisions reflect my true preferences.“)
4. Misstrauen gegenüber Funktionsweise und Interessen der Dating-Plattform
Diese Dimension betrifft das technische und kommerzielle System selbst. Die Nutzer:innen wissen nicht genau, wie die App entscheidet, welche Profile sie sehen, welche Schlüsse sie aus ihrem Verhalten zieht, ob ausdrücklich angegebene Präferenzen tatsächlich berücksichtigt werden und ob die Plattform eher den Beziehungsinteressen ihrer Nutzer:innen oder ihren eigenen kommerziellen Interessen dient. Es geht also um die Funktionsweise der Plattform, ihre Entscheidungslogik und ihre Monetarisierungsanreize.
So entwickeln die Nutzer:innen auch Theorien über die Apps, die wiederum mehr oder weniger zutreffend oder unzutreffend sein mögen, aber doch ihr Verhalten beeinflussen:
- Logan vermutet, dass die Dating-Apps gegensteuern, wenn er sie wenig nutzt, indem sie seinen Namen noch breiter streuen: „Je weniger du die App benutzt, desto stärker versucht sie, deinen Namen nach draußen zu bringen.“ („The more that you don’t get on the app, the more it is driven to push your name out there.“)
- Mallory zweifelt daran, ob der Algorithmus überhaupt ihre Präferenzen berücksichtigt: „Selbst wenn man dort seine Präferenzen eingibt, gab es oft Situationen, in denen die Präferenzen einfach nicht berücksichtigt wurden.“ („Even if you put your preferences in there, there were a lot of times where the preferences just weren’t listened to.“) Sie ertappt sich aber auch selbst dabei, durch das Dating-System in einen spielerischen Modus zu fallen: „Manchmal ertappe ich mich sogar dabei, dass ich es mehr wie ein Spiel mache als wie eine natürliche Interaktion (…) Ich muss mich dann wirklich wieder zurückholen und mir sagen: Moment mal, wir suchen hier nach echten Verbindungen.“ („Sometimes I even catch myself doing it more as a game than as natural interaction (…) I have to really reset myself and be like, hold on, we’re looking for genuine connections here.“)
Auch die kommerziellen Interessen der Plattformen erzeugen Misstrauen:
- Kevin: „Einer der Gründe, warum ich Tinder nicht mehr benutze, ist, dass ich sehr deutlich den Eindruck bekam, dass der Algorithmus hauptsächlich dazu da war, mich dazu zu bringen, dafür Geld zu bezahlen.“ („One of the reasons I stopped using Tinder is because I got a very clear sense that the algorithm mostly existed there to drive me towards paying money for it.“)
Diese einzuschätzenden Aussagen aus den Fragebögen verdeutlichen zusätzlich die Bedeutung dieser Unsicherheits-Dimension:
- Misstrauen gegenüber Funktionsweise und Interessen der Dating-App: „Ich bin mir unsicher, wie Dating-App-Algorithmen entscheiden, welche Profile sie mir zeigen.“ („I feel uncertain about how dating app algorithms decide which profiles to show me.“) „Ich bin unsicher, ob Dating-Apps meinen Präferenzen Vorrang vor ihren Geschäftsinteressen geben.“ („I’m unsure whether dating apps prioritize my preferences over their business interests.“) „Ich habe das Gefühl, dass Dating-App-Algorithmen eine ‚Black Box‘ sind, die ich nicht verstehe.“ („I feel like dating app algorithms are a ‘black box’ that I don’t understand.“)
5. Unsicherheit über die andere Person
Ist die andere Person real, authentisch? Was ist ihre Identität und was sind ihre Absichten? Sind die Profilangaben zutreffend? Steckt hinter dem Account überhaupt ein echter Mensch? Ist das gezeigte Interesse aufrichtig? Will die Person mich wirklich kennenlernen?
- Jenna erlebt es als schwierig, auf der Online-Ebene die Authentizität einer Person überhaupt beurteilen zu können: „Ich glaube nicht, dass man wirklich weiß, ob eine Person authentisch ist, bevor man diese Person trifft und dieses Gespräch mit ihr führt. Und selbst dann kann es Menschen geben, die weiterhin eine Fassade aufrechterhalten.“ („I don’t think you really know if a person is authentic until you meet that person and have that conversation with them. And even then, there could be people who just continue to put up a front.“)
- Logan sieht sich mit Nicht-Menschen konfrontiert: „Man kann mit jemandem matchen, und dann antwortet die Person sofort auf eine Weise, bei der man merkt: Okay, das ist kein echter Mensch.“ („You can match with someone, and then they immediately reply in a way that tells you, ok, that’s not a real human being.“)
- Samantha weist auf die Möglichkeit hin, dass langfristige Beziehungsabsichten aus anderen Gründen nur vorgegeben werden: „Im Profil kann stehen, dass jemand etwas Langfristiges sucht. In Wirklichkeit ist das aber nicht so.“ („The profile can say looking for something long-term. In reality, no, they’re not.“)
Im Fragebogen von Herman drückte sich diese Unsicherheit über die andere Person beispielsweise folgendermaßen aus:
- Unsicherheit über die andere Person: „Wenn mir jemand auf einer Dating-App schreibt, frage ich mich, ob die Person tatsächlich so aussieht wie auf ihren Fotos.“ („When someone on a dating app messages me, I question whether they actually look like their photos.“) „Ich frage mich, ob Matches aufrichtig und authentisch sind.“ („I question whether matches are being genuine.“) „Ich bin mir unsicher, ob das Profil einer Person zutreffend wiedergibt, wer sie im wirklichen Leben ist.“ („I feel uncertain about whether a person’s profile accurately represents who they are in real life.“)
6. Zweifel, ob der Online-Eindruck persönlich Bestand hat
Diese Dimension betrifft die Unsicherheit darüber, ob der Eindruck und die Verbindung, die über Profil und Nachrichten entstanden sind, beim persönlichen Kennenlernen bestehen bleiben werden. Es drohen Enttäuschung und Desillusionierung. Die Wahrnehmung über den Online-Austausch und die persönliche Begegnung können divergieren. Die Online-Kommunikation ist dabei darauf ausgerichtet, mit der entstehenden Unsicherheit umzugehen.
Nutzer:innen bemühen sich oft, weitere Informationen zu gewinnen, um das Risiko von Enttäuschung und Desillusionierung zu reduzieren und bereits online zu einem authentischeren Eindruck der Person zu gelangen.
Mallory sieht die Möglichkeit, dass der Wechsel zu mehr Authentizität bereits vor dem ersten Treffen eintreten kann: „Wenn man ein wirklich gutes Gespräch führt, wenn das Gespräch einfach fließt – ohne dieses unangenehme Schweigen oder dieses unangenehme ‚Wie antworte ich darauf?‘ –, dann fließt es einfach ganz natürlich, und man beginnt, sich mit der Person sehr wohlzufühlen. Es ist dann nicht mehr einfach nur ein Profilbild.“ („When you’re having a really good conversation, like the conversation is just flowing – none of that awkward silence or awkward, how do I respond? It just flows naturally, and you begin feeling very comfortable with the person. It’s no longer just a profile picture.“)
Auch Kevin schildert solche Prozesse des Gewinns an Sicherheit während der Online-Kommunikation: „Ich glaube, dieser Wechsel findet statt, wenn sie anfangen, Seiten von sich zu zeigen, die nicht in ihrem Profil stehen – oder vielleicht Aspekte von sich weiter ausführen, die im Profil vorkommen.“ („I think that shift comes when they start showing sides of themselves that aren’t on their profile – or maybe elaborating on parts of themselves that are in the profile.“)
Aber letztlich bleibt Unsicherheit bestehen:
Jenna macht deutlich, dass sich diese erst bei einer persönlichen Begegnung auflösen lasse: „Das passiert normalerweise, wenn wir persönlich Zeit miteinander verbringen und es dann gewissermaßen in einen Flow-Zustand übergeht – alles passt einfach zusammen, alles fühlt sich natürlich an.“ („That usually happens when we’re hanging out in person, and it kind of reaches, like, a flow state – everything just goes together, everything feels natural.“)
Der Zweifel an der Beständigkeit des Online-Kontaktes über das Kennenlernen hinaus und der Umgang hiermit werden im Fragebogen von Herman beispielsweise über einzuschätzende Aussagen erfasst:
- Zweifel, ob der Online-Eindruck persönlich Bestand hat: „Es gibt einen erheblichen Unterschied darin, wie präsent sich jemand über die App im Vergleich zu einem persönlichen Treffen anfühlt.“ („There’s a significant difference between how present someone feels through the app versus in person.“) „Ich bin mir unsicher, ob sich mein Eindruck von jemandem aus den Nachrichten verändern wird, wenn ich die Person treffe.“ („I feel uncertain about whether my impression of someone from messages will change when I meet them.“) „Ich frage mich, ob sich die Verbindung, die ich in Nachrichten zu jemandem empfinde, auch im wirklichen Leben fortsetzen würde.“ („I question whether the connection I feel with someone in messages would translate to real life.“)
Was wir über die sechs Dimensionen bei Gleichklang beobachten und was psychologisch ratsam ist
Aus unserer langjährigen Beobachtung der Partnersuche kennen wir Verunsicherung von Mitgliedern allzu gut.
Ich versuche im Folgenden Möglichkeiten zu benennen, wie Nutzer:innen mit diesen Unsicherheiten umgehen können.
1. Unsicherheit über den Verlauf des Kontakts
Diese Unsicherheit wird uns sehr oft berichtet. Verzögerte Antworten, Kontaktabbrüche und Zögern bei Zusagen für Treffen sind die wiederkehrenden Themen.
Der beste Weg, hiermit umzugehen, ist, selbst Klarheit und Offenheit in der Kommunikation zu zeigen:
- Je offener und authentischer wir selbst sind, desto stärker wird sich dies auch auf die andere Person übertragen.
Unsicherheit über den weiteren Verlauf ist aber nicht ganz vermeidbar:
Die Reduktion dieser Unsicherheit ergibt sich erst durch unsere Kommunikation und kann daher übrigens auch ein durchaus belohnender Prozess sein. Denn Reduktion von Unsicherheit ist für Menschen und (andere) Tiere ein Belohnungsfaktor.
Kommen Antworten längere Zeit nicht, sind Nachfragen auf jeden Fall sinnvoll. Unbedingt gilt auch die Empfehlung, möglichst bald zu weiteren Formen der Kommunikation wie Telefonaten, Videogesprächen und schließlich zu realen Begegnungen überzugehen.
Es macht wenig Sinn, über die Unsicherheit nachzugrübeln. Es ist zielführender, in die Handlungsorientierung und also in einen aktiven Kommunikationsprozess zu gehen.
2. Zweifel an Echtheit und Qualität der Verbindung
Dieser Faktor ist nicht das Gleiche wie die Unsicherheit über den Verlauf des Kontakts. Vielmehr geht es hier um die Kommunikation im Dating-System selbst, wie authentisch und echt sich diese anfühlt und ob das Dating-System überhaupt passende Vorschläge machen kann.
Unpassende Vorschläge kritisieren auch viele Mitglieder bei Gleichklang. Es muss nicht immer echte Unpassung sein:
- Die noch nicht gegebene Wahrnehmung einer unmittelbar prägnanten Verbindung oder Kompatibilität erzeugt notwendigerweise Verunsicherung, die letztlich nur durch ein Kennenlernen behoben werden kann.
Verunsicherung ist also völlig normal:
- Profile ergeben keine ausreichenden Möglichkeiten, um eine Kompatibilität dingfest zu machen. So entstehen Zweifel.
Der wirksamste Weg ist nun nicht, den Kontakt abzubrechen und so dem Zweifel das Primat zuzuweisen, sondern die Möglichkeit einer Passung in den Vordergrund zu stellen, indem eine Verbindung miteinander ausgelotet wird.
Bedenklicher als Unsicherheit finde ich eine andere Form der Rückmeldung, bei der die Betreffenden eine komplette Sicherheit darüber zum Ausdruck bringen, dass alle vorgeschlagenen Personen auf keinen Fall passen würden:
- Lese ich solche Aussagen bei 30, 40, 50, 60 oder mehr Vorschlägen, legt sich für mich die Vermutung nahe, dass hier etwas eingesetzt hat, was auch in der Dating-Literatur beschrieben wird. Nämlich die Herausbildung einer automatisierten Ablehnungshaltung, bei der oft in Sekundenschnelle auf der Grundlage einer oberflächlichen Informationsverarbeitung jede Person abgelehnt wird.
Unsicherheit kann insofern auch ein Hinweis darauf sein, dass wir der Partnerfindung eine Chance geben.
3. Unsicherheit über die eigene Person
Dies ist ebenso ein zentrales Thema. Im Coaching steht es oft an erster Stelle:
- Selbstzweifel, Zweifel an den eigenen Beziehungswünschen, Bindungsangst oder Bindungsvermeidung, aber immer wieder auch die Frage: Wie stelle ich mich im Dating-Profil und in den Nachrichten dar?
Diese Unsicherheit kann gleichzeitig eine positive Herausforderung sein, weshalb ich Partnersuche auch als eine Phase der Persönlichkeitsentwicklung beschreibe:
- Es geht darum, in sich zu gehen, die tatsächlichen Wünsche und Vorstellungen zu eruieren und zu differenzieren, was wir wirklich wollen und was wir nur aus Angst scheinbar wollen oder nicht wollen.
Wir reflektieren die eigenen Beziehungsmodelle und bemühen uns sodann, zu einer authentischen Selbstvorstellung zu gelangen:
- Sich nicht lediglich darzustellen, sondern sich wirklich vorzustellen und dabei gleichzeitig deutlich zu machen, dass ein Interesse an der anderen Person besteht.
4. Misstrauen gegenüber Funktionsweise und Interessen der Dating-App
Dies ist ein durchgängiges Thema, das übrigens bis hin zu gelegentlichen Hassnachrichten geht, die ich erhalte, oder zu vollkommen falschen und absurden Vorwürfen auf Bewertungsseiten.
Wir leben in einer paranoid geprägten Gesellschaft, was mit der Tatsache zu tun hat, dass unser Wirtschaftssystem tatsächlich nicht auf Authentizität oder Wechselseitigkeit, sondern auf kurzfristige Gewinnmaximierung um jeden Preis ausgerichtet ist.
Im Dating-Bereich zeigt sich dies in einer Ausrichtung auf kurzfristige Belohnungen und Gamifizierung. Meine Videos dazu machen dies, glaube ich, prägnant deutlich:
▶ Dating-Apps versprechen Liebe – und erzeugen Einsamkeit.
▶ Die Psychologie der Tinder-Falle: Warum du niemanden findest
▶ Dating-Apps: Warum wir zahlen, um Single zu bleiben
Denjenigen, die lieber lesen, sei der Artikel Die prekäre Welt des Online-Dating ans Herz gelegt.
Da unsere gesamte Gesellschaft auf Verstellung, kurzfristige Gewinne und letztlich Manipulation ausgerichtet ist, was sich bis hin zu Ratgebertipps zur Selbstverstellung widerspiegelt, ist es nicht verwunderlich, dass generalisierte Zweifel auch dann entstehen, wenn sie im Einzelfall nicht berechtigt sind.
Ich erinnere mich gerade in dem Moment, wo ich dies schreibe, an die Zuschrift eines Mitglieds, die ich unbedingt beantworten wollte, und es dann vergaß:
Die Verfasserin war bitter enttäuscht von uns, weil sie bereits lange bei Gleichklang war, immer alles nicht gepasst habe und erst jetzt ihr ein Traummann vorgeschlagen worden sei. Aber nun sei es zu spät, da dieser sich bereits in einem Kennenlernprozess befinde. Ihr Vorwurf: Wir hätten den Vorschlag zurückgehalten und dadurch ihr Beziehungsglück blockiert.
Grundsätzlich ergeben sich Vorschläge aus der Gesamtheit der eigenen Angaben plus der Gesamtheit der Angaben der anderen Person sowie aus verschiedenen Zuständen, beispielsweise daraus, ob Vorschläge ausgesetzt wurden oder eine Rubrik abgewählt wurde. Zudem werden bei sehr seltenen Merkmalen Kompromisse bei anderen Merkmalen gemacht.
Es kann passieren, dass dieselbe Person beispielsweise, weil sie ein Kriterium ändert, weil Vorschläge zeitweise ausgesetzt sind oder auch weil ansonsten eine Überflutung mit Vorschlägen bei einer Person erfolgen würde, erst irgendwann später vorgeschlagen wird. Dies ist aber kein intentionaler Vorenthaltungsprozess, sondern der Versuch, eine möglichst effektive Vermittlung zu ermöglichen.
Mehr über die Hintergründe unseres Matching-Algorithmus beschreiben wir in dem Artikel Aufbau des Gleichklang-Matching
5. Unsicherheit über die andere Person
Im Vordergrund stehen hier die Zweifel an der Authentizität und den tatsächlichen Absichten der anderen Person. Es gibt gravierende negative Phänomene und die entsprechenden Zweifel sind berechtigt:
- Catfishing, Love-Scammer, Bildersammler, Personen, die sich nur kurzfristig ablenken wollen, aber auch systematisch falsche Angaben, um scheinbar oder wirklich „unbeliebte“ Merkmale zu überdecken.
Auch diese Unsicherheit ist also nicht zu verhindern. Alles andere wäre naiv, womöglich gar gefährlich. Erst beim Kennenlernen kann die Unsicherheit im Prozess von Vertrauensentstehung und tatsächlicher Vertrautheit überwunden werden.
Bei Gleichklang können wir durch unser System der Kostenpflicht, der ausführlichen Fragebögen und der Nicht-Überflutung mit Vorschlägen viele der tatsächlich bösartigen Motive wie Stalking, Love-Scamming oder Catfishing weitgehend ausschalten. Aber selbst bei den dezidiert bösartigen Motiven können wir nicht alle Fälle identifizieren.
Unsere Mitglieder sind auf Authentizität ausgerichtet. Ökologische und solidarische Grundeinstellungen sind weitverbreitet. Aber dennoch bleibt jedes Mitglied ein einzelner Mensch mit allen seinen Motiven und Komplexitäten.
Letztlich sind der Übergang zu anderen Medien, das reale Treffen und die gemeinsamen Erfahrungen innerhalb mehrerer Begegnungen der einzig mögliche Weg, um die Unsicherheit über die andere Person zunehmend zu reduzieren. Solange dieser Weg nicht abgeschlossen ist, wird die Unsicherheit bestehen bleiben – ganz zu schweigen davon, dass selbst in glücklichen Beziehungen nicht alle Unsicherheit versiegt.
6. Zweifel, ob der Online-Eindruck persönlich Bestand hat
Angst vor Enttäuschung und Desillusionierung, Angst, eine Absage zu erhalten oder selbst absagen zu müssen, Angst, dass keine Worte gefunden werden, Gesprächsblockaden oder Aversion:
- Das erste Treffen wird oftmals als eine besondere Herausforderung erlebt.
Die Sorge ist, dass das, was online erlebt wird, der Wirklichkeit nicht standhält.
Umso wichtiger ist es, diese Herausforderung nicht aufzuschieben. Zudem kann das Ausmaß der Herausforderung deutlich reduziert werden, wenn wir dem ersten Treffen ein oder mehrere Videogespräche vorschalten.
Gleichzeitig sollten wir das erste Treffen nicht überbewerten:
- Aus einem eher durchschnittlich verlaufenden ersten Treffen kann noch eine tiefe Liebesbeziehung entstehen. Wenn keine klare Aversion und keine unüberbrückbaren Gründe vorliegen, ist es daher ratsam, auf das erste Treffen weitere Treffen folgen zu lassen.
Was übergeordnet hilft
Was aber tun, wenn die Unsicherheit uns Angst macht oder uns lähmt?
Wir brauchen für das Online-Dating bestimmte Grundhaltungen, die uns voranbringen und nicht blockieren:
- Gelassenheit im Umgang mit Ablehnung, die Bereitschaft, sich auf eine Beziehung wirklich einzulassen, aber auch die Entkatastrophisierung des Single-Daseins sind entscheidende Komponenten. Unser Selbstwert ergibt sich aus uns selbst und nicht daraus, wie wir auf Dating-Plattformen wahrgenommen werden oder welche Erfahrungen wir dort machen.
Auf der Grundlage einer solchen Gelassenheit können wir die Kraft und gegebenenfalls auch die Geduld aufbringen, so lange wie notwendig dabeizubleiben und so den Moment zu erkennen, wenn die Person in unser Blickfeld tritt, mit der wir nunmehr eine Beziehung aufbauen können.
Bei Gleichklang begleiten wir Sie auf diesem Weg gerne:
▶ Zur Beziehungsfindung bei Gleichklang
Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen mit Unsicherheit beim Online-Dating? Bitte teilen Sie diese mit uns in den Kommentaren – herzlichen Dank!
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