Wenn Interessierte sich selbst als „nicht passend“ einschätzen
Gelegentlich erreichen uns Mitteilungen von Interessent:innen, dass sie von einer Teilnahme bei Gleichklang Abstand nehmen, weil sie offenbar nicht zu dem doch sehr speziellen Klientel unserer Datingplattform passen.
Bei den meisten, die uns schreiben, beziehen sich ihre Bedenken auf die prominente Rolle, die in der Außendarstellung unserer Datingplattform Minderheiten zukommt:
- Seien es die vielen verschiedenen sexuellen Orientierungen, die wir erheben, Ernährungsweisen, Hochsensibilität oder auch Behinderungen, Erkrankungen und Neurodiversität.
Das implizite Motto lautet dann quasi:
- Ich bin weder asexuell noch pansexuell, noch lebe ich vegan. Also passe ich hier nicht.
Die vermeintliche Alternative: Dating-Apps und ihre Realität
Daraus wird häufig der Schluss gezogen, dass das eigene Beziehungsglück dann eben bei Tinder und vergleichbaren Angeboten gesucht werden müsse. Tatsächlich gibt es gar nicht so viele Alternativen,:
- Die große Mehrheit aller Datingplattformen gehört einer sehr kleinen Anzahl von Konzernen und arbeitet tatsächlich nach immer gleichen Prinzipien.
Umgekehrt sind die riesige Anzahl scheinbarer Datingplattformen, die wir im Internet oder auf Übersichtsseiten finden können, in Wirklichkeit gar keine Datingplattformen:
- Es handelt sich um Angebote mit nicht vorhandenen Profilen, eingebauten Betrugsmechanismen oder auch um Plattformen mit Chat-Moderatoren. Entsprechend kommen und gehen diese Plattformen in hoher Geschwindigkeit, wobei sich häufig nur die Bezeichnungen ändern, während die sich im Hintergrund bewegenden Strukturen gleich bleiben.
All dies ist jedoch nicht leicht zu erkennen.
Ein klares Warnsignal
Ein Hinweis, den Sie sich jedoch sofort merken können, ist der folgende:
- Sie melden sich bei einer Datingplattform an und noch während des Anmeldeprozesses sind plötzlich andere an Ihnen interessiert oder schreiben Ihnen gar eine Nachricht. Um diese Nachrichten lesen oder mit diesen Personen tatsächlich in Kontakt treten zu können, ist es dann erforderlich, ein kostenpflichtiges Premiumangebot abzuschließen.
Seien Sie zu 100 % sicher:
- Es gibt niemanden, der hier tatsächlich mit Ihnen in Kontakt treten will. Die entsprechenden Personen existieren nicht. Sie sind virtuell. Es handelt sich nicht einmal um Chat-Moderatoren, die dafür bezahlt werden, mit Teilnehmenden von Online-Datingplattformen zu flirten.
An dieser Stelle liegt übrigens der echte Vorteil der großen Dating-Seiten:
- So sehr diese auch kritikwürdig sind (lesen Sie hierzu gerne meinen Artikel zu Slow Dating), so trifft zugleich zu, dass diese Seiten nicht auf direkten Betrug setzen. Es gibt dort echte Profile, es gibt keine Chatmoderatoren, und es existieren auch keine rein virtuellen Computermodelle, die Ihnen vorgaukeln, als Menschen mit Ihnen zu kommunizieren.
Der Irrtum, dass Vielfalt der Mehrheit schade
Die Nutzer:innen, die sich an uns wenden, weil sie sich bei uns aufgrund des Fokus auf womöglich kleinere Minderheiten nicht ausreichend repräsentiert fühlen, erliegen einem häufigen Irrtum:
- Sie gehen davon aus, dass die Diversität, die wir bei Gleichklang finden, sich negativ auf diejenigen auswirken würde, die keine oder genauer gesagt nicht diese Diversitätsmerkmale aufweisen.
Dieser Irrtum ist weit verbreitet und reicht weit über den Bereich des Datings hinaus:
- Ich denke hierbei an das Buch von Sahra Wagenknecht, in dem sie der Linken sinngemäß vorwirft, „Lifestyle-Linke“ zu sein, die sich auf immer kleinere und immer skurrilere Minderheiten ausrichte.
Der zugrunde liegende Gedanke lautet:
- Wenn wir unseren Fokus auf Minderheiten richten, schaden wir der Mehrheit.
Eine kurze Nebenbemerkung zu Sahra Wagenknecht und dem Vorwurf der Minderheitenorientierung
Eine kurze Nebenbemerkung zu Sahra Wagenknechts Annahmen mögen mir die Leser:innen ebenfalls nachsehen. Eine der Minderheiten, zu denen ich selbst gehöre, greift Sahra Wagenknecht besonders stark an, nämlich vegan lebende Personen.
Ihr Argument lautet, dass Veganer:innen Menschen in Ländern des globalen Südens, die etwa Quinoa anbauen, die Lebensmittel wegessen. Sozialer und ökologischer sei demgegenüber das heimische Grillen.
Ich gehe auf diesen Nebenast ein, weil er in Wirklichkeit einen grundlegenden Irrtum verdeutlicht.
Vorschnelle Schlüsse
Viele vermutete Zusammenhänge entstehen eher in unseren Köpfen, als dass sie die Realität abbilden:
So sind die ökologischen Auswirkungen veganer Ernährung, einschließlich der Effekte auf Klima und Artenvielfalt, mittlerweile in hochgradig aufwendigen und international replizierten, auch globalen Studien bestens untersucht.
Diese Studien beziehen selbstverständlich nicht nur die Produktion ein, sondern auch Transportwege, Lagerung und Verteilung ein.
Ergebnis aller dieser Untersuchungen ist, dass die vegane Ernährung bei weitem ökologischer und klimaverträglicher ist als jede andere Form der Ernährungsweise. Dies gilt auch, wenn wir vegane Ersatzprodukte berücksichtigen.
Gleichzeitig gibt es wenig, was Menschen im globalen Süden bereits in solch große Not versetzt wie die Zerstörung von Umwelt und Klima. Selbst Kriege, die auch zu nennen sind, sind bereits jetzt mit Umwelt und Klima assoziiert.
Psychologisch liegt ihr der zentrale Bias von Wagenknecht in der Annahme, dass wir Gemeinsamkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt erreichen, wenn wir den Fokus weglenken von Minderheiten.
In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall:
- Je diverser wir uns als Gesellschaft oder auch als Datingplattform positionieren, desto besser sind wir in der Lage, die Zufriedenheit und das Wohlbefinden aller zu gewährleisten.
Gehen wir in die Tiefe und betrachten die tatsächliche Individualität und Variabilität von Menschen, wird außerdem deutlich, dass fast jede Person in der einen oder anderen Hinsicht einer Minderheit angehört.
Warum Minderheitenfokus beim Online-Dating allen nützt
Für das Online-Dating gilt sogar, dass ohne eine dezidierte und fokussierte Berücksichtigung von Minderheiten eine wirksame Vermittlung für niemanden möglich ist.
Je stärker wir die potenzielle Individualität von Menschen beim Online-Dating berücksichtigen, desto eher gelingt es, passende Menschen zusammenzuführen, Kompatibilität zu ermöglichen und Unglück zu vermeiden.
Genau darauf richten wir bei Gleichklang unser Hauptaugenmerk.
Konsensuelle Nichtmonogamie als Beispiel für die Grenzen von Mehrheitsorientierung
Polyamore Beziehungen, offene Beziehungen oder Swingerbeziehungen gehören ohne Frage zum Minderheitenbereich. Die große Mehrheit partnerschaftlicher Beziehungen wird nicht als konsensuelle Nichtmonogamie gelebt.
Sehr viel häufiger als konsensuelle Nichtmonogamie ist fraglich das Fremdgehen, das wenig Gutes hat. Es führt zu innerer Dissonanz, Schuldgefühlen und mangelnder Offenheit bei denjenigen, die fremdgehen, und wird von den Partner:innen berechtigt als Vertrauensbruch erlebt.
Gleichzeitig gibt es eine ganze Reihe von Menschen, die zu einer monogamen Zweierbeziehung nicht bereit oder nicht in der Lage sind.
Richten wir den Fokus ausschließlich auf Mehrheitsmodelle, stellen wir keine Fragen zu Präferenzen für polyamore Beziehungen, offene Beziehungen oder Swingerbeziehungen, sondern setzen das monogame Modell voraus, so wie es große Online-Partnervermittlungen tun.
Dies hat jedoch gravierende Folgen für alle:
Verdeckte Inkompatibilität bei Ausblendung von Diversität
Menschen mit nicht monogamen Präferenzen verschwinden nicht, sie sind auch bei großen Online-Partnervermittlungen präsent. Sie beginnen dort Beziehungen.
In diesen Beziehungen erleben sie sich jedoch häufig nicht als dauerhaft erfüllt. Es entstehen Fremdgehen und Doppelleben, an denen diese Beziehungen später scheitern können. Mit solchen Beziehungskonstellationen ist niemandem geholfen.
Irritation als Preis für bessere Passung
Aus der Perspektive von Personen, die eine monogame Beziehung anstreben, mag es irritierend erscheinen, dass wir viele Fragen zu polyamoren Beziehungen, offenen Beziehungen oder Swingerbeziehungen stellen. Manche denken, hier nicht richtig zu sein.
In Wirklichkeit wird jedoch der Gemeinsinn, in diesem Fall die Glücklichkeit und Tragfähigkeit partnerschaftlicher Beziehungen aller, gerade dadurch geschützt, dass alle Präferenzen sichtbar werden.
Indem wir diese Fragen stellen, schaffen wir Raum für Reflexion und ermutigen Menschen, das echte Beziehungsmodell in den Fokus ihrer Suche zu stellen. Personen, die erkennen, dass sie keine monogame Konstellation möchten, wagen es, dies einzustellen. Dies zeigt sich auch in unseren Daten. So entstehen Beziehungen auf der Basis echter Kompatibilität und nicht auf der Grundlage von Ausblendung.
Dieses Prinzip gilt nicht nur für konsensuelle Nichtmonogamie, sondern ebenso für verschiedene Formen sexueller Präferenzen:
BDSM als Beispiel
Nehmen wir partnersuchende Menschen mit BDSM-Neigung, was etwa 10 % der Bevölkerung betrifft. Rund 90 % betrifft dies nicht. Ein Teil dieser 90 % ist irritiert, dass diese Fragen überhaupt gestellt werden:
- Was will eine Plattform von mir, die fragt, ob ich eine BDSM-Neigung habe? Hier bin ich falsch.
Gerade indem wir fragen, können wir aber Passung herstellen:
- Für diejenigen, für die BDSM eine wichtige Rolle in einer partnerschaftlichen Beziehung spielt, werden Menschen gefunden, die hierfür Offenheit mitbringen.
- Umgekehrt werden Personen, für die BDSM nicht infrage kommt oder die eine klare Aversion dagegen haben, nicht mit Menschen zusammengebracht, bei denen es BDSM zentral ist. So geraten sie nicht in die Situation, eines Tages überrascht oder schockiert festzustellen, dass bei ihren Partner:innen grundlegende Orientierungen vorliegen, die sie nie erwartet hätten.
Asexualität als zweites Beispiel
An eine der gelegentlichen Zuschriften erinnere ich mich noch genau:
- Die Betreffende meinte, sie sei nicht asexuell, was solle sie also bei Gleichklang?
Tatsächlich sind asexuelle Menschen auch bei Gleichklang eine kleine Minderheit, nämlich nur leicht mehr als ein Prozent unserer Mitglieder.
Asexuelle suchen jedoch genauso Liebesbeziehungen wie nicht-asexuelle Singles, jedenfalls diejenigen Asexuellen, die bei Gleichklang eine Partnerschaft finden möchten.
Würde Asexualität nicht berücksichtigt, ergäbe sich in den entstehenden Beziehungen erneut für beide Seiten ein Problem:
- Die asexuellen Mitglieder sähen sich mit sexuellen Wünschen von Partner:innen konfrontiert, während die nicht-asexuellen Mitglieder vermutlich unglücklich wären mit einer ausweichenden Haltung ihrer Partner:innen, mit einem sehr geringen Ausmaß an Sexualität oder mit dem schnellen Einschlafen jeglicher Sexualität im Beziehungsverlauf.
Wie Minderheitenberücksichtigung Mismatches vermeidet
Richtig ist, dass Repräsentation und Sichtbarkeit von Minderheiten den Vertreter:innen dieser Minderheiten unmittelbar helfen. Sie werden gesehen und erhalten die Chance, Menschen für partnerschaftliche Beziehungen oder Freundschaften zu finden, bei denen ihre besonderen Merkmale auf Zustimmung und Akzeptanz stoßen.
Genau diese Unterstützung, die Minderheiten durch ihre Nennung erfahren, kommt gleichzeitig der Mehrheit zugute. Sie erhöht nämlich die Aussichten auf eine erfüllende partnerschaftliche Beziehung durch die Vermeidung von Fehlpassungen.
Denn die Sachlage ist schlicht, dass es wenig Sinn ergibt, eine Person, die großen Wert auf Sexualität in einer Beziehung legt, mit einer Person zu vermitteln, die keinen Sex in einer Beziehung möchte.
Eine solche Vermittlung stellt jedenfalls dann ein klares Mismatch dar, wenn eine Öffnung der Beziehung zum Ausleben von Sexualität mit Personen außerhalb der Beziehung nicht gewollt ist.
Wir dürfen auch nebeneinander leben!
Diversität bedeutet – vor dem Hintergrund einer generalisierten Akzeptanz und Wertschätzung – auch die Bereitschaft und den Mut, unterschiedliche Lebensentwürfe nebeneinanderstehen zu lassen.
Vielen fehlt diese Bereitschaft, stattdessen versuchen sie, alle Menschen in eine einheitliche Schablone zu zwingen. Dies ist ein typisches Merkmal autoritärer Einstellungen. Interessanterweise kann eine solche Tendenz sogar an scheinbar gegensätzlichen gesellschaftlichen Polen beobachtet werden:
Gesellschaftlich besteht in unserem Kulturkreis eine starke Normativitätserwartung, dass partnerschaftliche Beziehungen monogam zu sein haben. Alles, was davon abweicht, wird häufig als anstößig empfunden. Die Folgen sind Doppelleben, Unehrlichkeit und Fremdgehen, in extremen Fällen auch gravierende Verwerfungen bis zu Gewalt, Mord oder Suizid.
Umgekehrt existiert jedoch ebenfalls eine Diskussionskultur, in der monogame Beziehungsformen nahezu dämonisiert und ausnahmslos als Ausdruck von Unterdrückung interpretiert werden.
Die empirische Realität ist eine andere.:
Zahlreiche Studien zeigen, dass es viele Menschen gibt, die in monogamen Beziehungen tatsächlich glücklich leben können und sich auch an die Monogamie halten. Aber es gibt auch viele, die in nicht-monogamen Konstellationen besser zurechtkommen.
Unterschiedliche Beziehungsformen vor dem Hintergrund von Akzeptanz und Wertschätzung nebeneinanderstehen zu lassen, bedeutet in diesem Zusammenhang, anzuerkennen, dass manche Menschen sich für monogame und andere für nicht-monogame Beziehungen entscheiden.
Diversität als Grundlage von Akzeptanz und Gemeinsinn
Treten wir für Diversität ein, zeigen wir ein höheres Ausmaß an Akzeptanz gegenüber Menschen im Allgemeinen:
- Dort, wo Akzeptanz besteht, fühlen wir uns wohler und gehen freundlicher und liebevoller miteinander um.
Gemeinsinn ergibt sich auch daraus, dass wir alle als individuelle Menschen ein hohes Ausmaß an begründeter subjektiver Sicherheit haben, in gesellschaftlichen Zusammenhängen anerkannt und wertgeschätzt zu werden.
Je stärker wir auch die kleinsten Minderheiten wertschätzen und sichtbar machen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle in der Gesellschaft gesehen und gewertschätzt werden.
In dem Moment, in dem eine Gesellschaft beginnt, einzelne Menschen auszusondern oder sie als skurrile Minderheiten zu bezeichnen, schaffen wir die Grundlage dafür, dass der Gemeinsinn verloren geht.
Dieser Prozess beginnt bereits mit der sprachlichen Markierung als skurrile Minderheit.
Minderheitenrechte als Schutz für alle
Aktuelle Entwicklungen in den Vereinigten Staaten verdeutlichen, wie schnell sich gesellschaftliche Dynamiken verschieben können:
- Zunächst wird angenommen, dass nur eine Minderheit betroffen sei, und wenig später trifft es viele andere.
Hunderte Personen mit US-amerikanischer Staatsbürgerschaft sind inzwischen von der Einwanderungspolizei verhaftet, misshandelt und über kürzere oder längere Zeiträume inhaftiert worden. Darunter befinden sich auch Unterstützer des US-Präsidenten Trump, die davon überzeugt waren, dass Maßnahmen dieser Art nur Minderheiten betreffen würden, zu denen sie nicht gehören.
Gesellschaften, die sich gegen Minderheiten wenden, brutalisieren sich schneller, als wir denken, und können sich so schon bald gegen uns selbst richten.
Transfeindlichkeit untergräbt Frauenrechte
Besonders tragisch sind die Auswirkungen, die die eskalierende Transfeindlichkeit inzwischen auf Geschlechtergerechtigkeit im Allgemeinen hat:
Eine sehr kleine Gruppe innerhalb des Feminismus hat es in den letzten Jahren zur Hauptaufgabe gemacht, Transgender-Frauen zu Sündenböcken zu erklären und sich dabei mit konservativen und fundamentalistischen Kreisen zu verbünden, in den USA mit Trump.
Nun hat die Trump-Administration über ihren Verteidigungsminister Pete Hegseth den Boy Scouts mitteilen lassen, dass ihnen Mittel gestrichen würden, sollten sie nicht umgehend davon Abstand nehmen, Frauen in ihre Organisation zu integrieren.
Zunächst waren es Transgender-Frauen, gegen die sich Maßnahmen richteten, und Teile der Mehrheit reagierten zustimmend. Nun sind es alle Frauen.
Um solchen gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzuwirken, ist es entscheidend, dass wir überall und konsequent Diversität in den Fokus stellen. Dadurch gefährden sie, anders als Sahra Wagenknecht fürchtet, nicht den Gemeinsinn, sondern sichern ihn ab.
Vegansexualität als empirisch belegtes Minderheitenphänomen
Auf einen weiteren Aspekt möchte ich im Rahmen der Befunde der von uns soeben veröffentlichten ausführlichen Untersuchungen mit 2.100 Veganer:innen zum Phänomen der Vegansexualität eingehen:
- Als der Begriff der Vegansexualität von Soziologinnen auf der Basis qualitativer Befragungen von Veganer:innen eingeführt wurde und es bis auf die Titelseite der New York Times schaffte, ergossen sich Häme und Spott in der öffentlichen Diskussion und in den sozialen Netzwerken. Wieder einmal, so hieß es, werde ein Identitätslabel erfunden, mit dem sich die Betreffenden lediglich in den Vordergrund spielen wollten.
Die Befunde unserer Umfrage zeigen etwas anderes, weisen aber außerdem auf einen weiteren Aspekt hin:
- Beobachtungen, die wir bei Minderheiten oft besonders prägnant machen können, geben uns selten Hinweise, die über diese Minderheit hinausreichen und für viele Menschen relevant sind.
Zentrale Befunde der Umfrage zur Vegansexualität
In aller Kürze zusammengefasst sind die Hauptbefunde unserer Umfrage zur Vegansexualität die folgenden:
- Auf der Basis von 24 Fragen, die einen erheblichen inhaltlichen Variationsspielraum möglichen vegansexuellen Erlebens und möglicher vegansexueller Präferenzen abdeckten, zeigten sich hohe Korrelationen zwischen den einzelnen Fragen. Dadurch war es möglich, die Antworten zu einem Gesamtwert zusammenzufassen, der eine sehr hohe innere Konsistenz aufwies. Auch weitere statistische Verfahren, darunter eine Hauptkomponentenanalyse, zeigten, dass sich die Antworten auf diese 24 Fragen auf eine einzige Dimension zurückführen lassen. Diese Dimension lässt sich zwanglos als Vegansexualität im Sinne einer Präferenz für vegane Sexualpartner:innen bezeichnen.
- Ausgehend von einem Standard, der in einem psychometrisch orientierten Fachartikel zu einer anderen alternativen sexuellen Präferenz, nämlich zur Sapiosexualität, formuliert wurde, ergab sich aus unserer Umfrage, dass bezogen auf die Antworten zwischen minimal ca. 14 % und maximal ca. 27 % der befragten Veganer:innen als dezidiert vegansexuell zu bezeichnen waren.
- Vegansexuelle Teilnehmende der Umfrage lebten, sofern sie Partner:innen hatten, in ca. 79 % der Fälle mit einer ebenfalls vegan lebenden Person zusammen. Bei den nicht vegansexuellen veganen Befragten lag dieser Anteil demgegenüber lediglich bei 41 %.
- Bei den vegansexuellen Befragten wirkte sich die Ernährungsweise ihrer Partner:innen statistisch signifikant und äußerst stark auf ihre Beziehungszufriedenheit und ihre sexuelle Zufriedenheit aus: Vegansexuelle mit vegan lebenden Partner:innen waren deutlich zufriedener mit ihrer Beziehung und auch mit der gemeinsamen Sexualität als Vegansexuelle mit Partner:innen, die Fleisch aßen. Demgegenüber spielte die Ernährungsweise der Partner:innen für die nicht vegansexuellen veganen Befragten weder für die Beziehungszufriedenheit noch für die sexuelle Zufriedenheit eine Rolle.
Diese Befunde machen deutlich, dass es sich bei Vegansexualität nicht um ein willkürliches Label handelt, sondern dass vegansexuelles Erleben innerpsychisch real ist und mit dem tatsächlichen Beziehungserleben zusammenhängt.
Zugleich wird aus den Ergebnissen deutlich, dass selbst innerhalb einer Minderheit eine erhebliche Diversität besteht.
Bedeutsamkeit über die Minderheit hinaus
Ferner geben die Befunde einen allgemeineren psychologischen Hinweis:
- Sexualität ist keineswegs ein rein körperliches oder biologisches Geschehen. Sexuelle Anziehung ist nicht ausschließlich ein körperlich-biologischer Prozess. Ethische Wertungen und grundlegende Lebensüberzeugungen können für sexuelle Anziehung prägend sein.
Dies gilt nicht nur für die vegane Lebensweise und stellt ein weiteres Argument dar, bei der Partnersuche insbesondere auf die Kompatibilität von Werten und grundlegenden Lebensüberzeugungen zu achten.
Resümee: Diversität als Maßstab für Empathie, Wohlbefinden und Beziehungserfolg
Mein Resümee aus all dem ist, dass das Ausmaß, in dem in vorhandenen Strukturen Minderheiten und Diversität sichtbar werden, ein Indikator dafür ist, wie empathisch, zugewandt, fürsorglich und liebevoll diese Strukturen gestaltet sind.
Je empathischer, offener und zugewandter Strukturen gestaltet sind, desto wohler und geborgener können wir uns in ihnen fühlen.
Diversität als Wertschätzung, Akzeptanz, Offenheit und Zuwendung ist damit zugleich ein Garant für das Allgemeinwohl.
Bezogen auf das Online-Dating gilt darüber hinaus ganz spezifisch, dass die Begründung nachhaltiger und tragfähiger partnerschaftlicher Beziehungen ohne eine differenzierte Berücksichtigung von Diversitätsmerkmalen nicht möglich ist.
Jede Plattform, die nicht nach möglichst allen relevanten Diversitätsmerkmalen fragt, kann Menschen nur pauschal über einen Kamm scheren. Anders ist es nicht möglich.
Die Sichtbarkeit und Hervorhebung von Diversität auf Gleichklang ist insofern nicht nur Teil unserer Überzeugung, sondern zugleich Teil unserer Dienstleistung für alle.
Indem wir vielfältige Formen von Begehren, von beziehungsbezogenem Streben und von partnerschaftlichen Orientierungen berücksichtigen, können wir unsere Mitglieder so gut wie möglich dabei unterstützen, partnerschaftliche Beziehungen zu begründen, in denen sie mit ihren Partner:innen in Balance sind und sich tatsächlich glücklich erleben.
In diesem Sinne begleiten wir auch gerne Ihre Beziehungsfindung:
▶ Zur Beziehungssuche bei Gleichklang
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5 Kommentare
Hallo Herr Gebauer,
vielen Dank für diesen Artikel! Ich finde es einleuchtend, daß eine Berücksichtigung von Minderheiten nicht nur diesen selbst nutzt, sondern auch der Mehrheit oder zumindest letzterer nicht schadet. Umso unverständlicher finde ich es, daß bei Gleichklang zwar wirklich viele Minderheiten Berücksichtigung finden, eine aber partout nicht: Diejenigen, die (überwiegend aus religiösen Gründen, aber nicht nur) nur einen Partner/eine Partnerin im Leben wollen und daher jeglichen sexuellen Kontakt (manchmal auch jede Intimität) bis zu einer wie auch immer gearteten Eheschließung komplett ausschließen und natürlich auch von einem zukünfigen Partner/einer zukünftigen Partnerin dasselbe erwarten – was ja auch mit Ihrer immer wieder wiederholten Aussage der notwenigen Passung in zentralen Werten übereinstimmt. Oder für die es zentral ist, daß beide überhaupt noch nie eine Beziehung hatten – auch das ist völlig legitim. Die Kategorie des „Absolute Beginner“ hilft da leider kaum weiter – erfahrungsgemäß haben viele, die sich so bezeichnen, in Wirklichkeit schon Beziehung(en) hinter sich, meistens auch intime, teilweise waren sie sagar schon verheiratet und/oder haben Kinder. Klare, eindeutige Fragen (auch nach der Akzeptanz eines partnerschaftlichen/sexuellen Vorlebens) würden da viel weiterhelfen und vermeiden, daß unpassende Menschen einander vorgeschlagen werden, Hoffnung entsteht und dann doch zerstört wird, wenn klar wird, daß doch keine Übereinstimmung besteht. Und man kann ja auch kaum schon in der Erstnachricht entsprechende Fragen stellen. Wenn man sich damit an den Support wendet, gibt es entweder gar keine Antwort, oder man stößt auf Unverständnis oder auch Ablehnung. So entsteht der Eindruck, daß DIESE Minderheit bewußt nicht berücksichtigt werden soll – zumal Sie selbst ja anscheinend ein „Fan“ der offenen Beziehungen und vom sexuellen Ausprobieren mit möglichst vielen Personen sind, wenn ich Ihre Blogartikel richtig verstehe. Und andererseits ist Ihnen doch die Untersützung Geflüchteter sehr wichtig – und gerade im Islam ist doch der Wunsch/die Vorstellung, jungfräulich in die Ehe zu gehen, noch weit verbreitet – mit der jetzigen Praxis schließen sie diese Menschen eigentlich aus bzw. machen es ihnen unnötig schwer. Warum?
Wir berücksichtigen die Gruppe durch zwei Fragen:
Es kann festgelegt werden, ob Sex langsam oder schnell beginnen soll, ob er vor oder nach Beginn einer Beziehung stattfinden soll oder ob dies auch von der Partner:in abhängt. Damit ist diese Gruppe komplett abgedeckt.
Sorry, aber es ist falsch, daß die Gruppe durch die von Ihnen erwähnten Fragen „kompett abgedeckt“ ist, da diese Fragen nur in die Zukunft gerichtet sind. Eine eventuelle partnerschaftliche und/oder sexuelle Vergangenheit wird nur durch die Kategorie „Absolute Beginner“ berücksichtigt – und das funktioniert in der Praxis nicht, wie beschrieben. Nebenbei: Selbst Gleichklang sagt, daß man sich auch mit wenig Erfahrung dieser Gruppe zuordnen kann (in der Wirklichkeit haben zahlreiche Menschen, die sich da zuordnen, ziemlich viel Erfahrung). Daher ist die Kategorie „Absolute Beginner“ nutzlos für Menschen, die darauf Wert legen, daß ein vorgeschlagener Partner über keinerlei sexuelle und/oder keinerlei partnerschaftliche Erfahrung verfügt.
Jetzt verstehe ich, was Sie meinen. Nun gut, wir nehmen unsere Vergangenheit ja als Ausdruck für unsere Wünsche Zukunft. Ihre Kritik ist allerdings nicht gegen unsere Frage, sondern gegen Mitglieder, die diese falsch eingeben.
Ja und nein 😉 . Vielleicht verstehen manche Menschen die von Ihnen im Fragebogen genannte Definition von „Absolute Beginner“ nicht richtig oder definieren das für sich bewußt anders. Daher meine ursprüngliche Frage nach eindeutigen Fragen (z.B. „Hatten Sie jemals eine Beziehung?“, „Haben Sie irgendwelche sexuellen Erfahrungen“ in Verknüpfung mit entsprechenden Akzeptanzfragen). Dies würde meiner Einschätzung nach zu eindeutigeren Antworten und damit zu weniger unpassenden Vorschlägen führen. Und meine ursprüngliche Kritik an Gleichklang beruht halt darauf, daß im Fragebogen der Begriff „Absolute Beginner“ aufgeweicht wird, was möglicherweise Menschen dazu „verführt“, ihn nicht allzu ernst zu nehmen – und dann kommt es zu meiner Erfahrung, daß „Absolute Beginner“ schon Beziehung(en) hatten – bis zur Ehe. Was zu meiner anfangs geäußerten Einschätzung führt, daß bei Gleichklang Menschen, die – z.B. aus religiösen Gründen, und/oder weil Liebe für sie bedeutet, sich (körperlich) für den/die Richtige(n) unberührt aufzubewahren – nicht so unterstützt werden, wie das eigentlich möglich wäre – und das, wo Sie ja grundsätzlich versuchen, möglichst allen Menschen mit legitimen Partnerschaftswünschen gerecht zu werden – etwas, was Gleichklang ja auszeichnet.