Die Chemie und die drei Momente der Beziehungsfindung

Chemie bei der Partnersuche: Welche Rolle spielt sie aus psychologischer Sicht?

In meinem heutigen Blogartikel beschäftige ich mich mit den drei Momenten der Beziehungsfindung und dem Zusammenhang, den diese zur Chemie haben.

Ich stelle Forschungsbefunde einer qualitativen Studie zur Frage vor, was Chemie tatsächlich bedeutet, um die Befunde sodann mit den drei Momenten zu verbinden, die für jede Beziehungsentscheidung von entscheidender Bedeutung sind.

Die Momente der Beziehungsfindung

Beziehungsfindung geschieht, wenn der Moment eintritt, in dem zwei zueinander passende Personen in ihr Blickfeld, treten, den Moment erkennen und ihn nutzen.

Dies ist alles andere als trivial:

  • Die betreffenden Personen müssen sich tatsächlich begegnen: Eine Methode, um eine solche Begegnung herbeizuführen, ist das Online-Dating. Ebenso wichtig ist es, mit offenen Augen anderswo durch die Welt zu gehen. Begegnungen können nach wie vor an dritten Orten stattfinden, wie Cafés, Museen oder bei Spaziergängen. Begegnungen können durch Freunde und Familienangehörige mehr oder weniger explizit oder implizit vermittelt werden. Wir können uns bei politischen Veranstaltungen oder in religiösen Gemeinschaften treffen.
  • Die Personen müssen einander als passend wahrnehmen: Den Moment zu erkennen, die Aufmerksamkeit auf die Person zu richten und wahrzunehmen, dass mit dieser Person eine Beziehung entstehen kann, erfordert Aufmerksamkeit. Beim Online-Dating ist hierbei der entscheidende Faktor, nicht mehrgleisig zu fahren, denn wird die Aufmerksamkeit geteilt, geht sie oft verloren. Auch reduziert sich unser Interesse an allen, wenn wir mehrere Optionen haben, da so ständig die Hoffnung aktualisiert wird, dass noch eine bessere Person vorbeikommen könnte. Habe ich Alternativen, lege ich mich nicht fest. Meine Bindungsbereitschaft sinkt.
  • Ja sage und die Beziehung eingehen: Manche sind noch jahrelang nach einem Treffen, bei dem sie den Moment wahrnahmen, wehmütig, dass sie ihn nicht nutzten. Plötzlich entstehen Zweifel, Bedenken, eine Beziehung scheint unrealistisch, die Veränderungen werden gefürchtet. Aus dem eigenen Trott herauszutreten, löst Ängste vor der eigenen Courage aus. Erinnerungen an negative Ereignisse der Vergangenheit treten auf. Bindungsvermeidung tritt ein. Ich vergesse bis heute nicht das Gespräch mit einer damals 50 jährigen älteren Frau, die ich bei meiner Patentante traf, und die weder ihre Faszination noch ihre Trauer um den Mann vergessen kann, den sie einstmals im Urlaub traf. Er war bereit, sie hatte Bedenken und blieb lebenslang partnerlos.

Was bedeutet „Chemie“ bei der Beziehungsfindung?

Werden Menschen gefragt, was für eine Beziehungsfindung wichtig ist, verweisen viele auf die Chemie.

Was bedeutet diese Chemie genau? Muss sie sofort stimmen oder kann sie sich entwickeln? Kann uns Chemie bei der Partnersuche helfen, oder bleibt Chemie ein unkontrollierbares Geschehen, das womöglich eine Tatsache ist, für das wir jedoch bei unserer eigenen Partnersuche nichts tun können?

Chemie in Freundschaft und Romantik: Eine qualitative Annäherung

In einer qualitativen Studie haben Kelly Campbell und Kolleg:innen untersucht, was unter dem Begriff der Chemie tatsächlich verstanden wird.

Besonders interessant an dieser Studie ist, dass die Autor:innen explizit zwischen Freundschaftsbeziehungen und romantischen Beziehungskontexten unterschieden:

Sie stellten 362 erwachsenen Personen die offene Frage, was für sie romantische Chemie oder freundschaftliche Chemie bedeutet. Aus den Antworten der Befragten wurden anschließend induktiv Kategorien herauskristallisiert, deren jeweilige Häufigkeit zwischen Freundschaft und Romantik verglichen wurde.

Acht Kategorien interpersonaler Chemie

Die Autor:innen konnten die folgenden acht Kategorien interpersonaler Chemie identifizieren:

  • Die erste Kategorie bezieht sich auf offene wechselseitige Kommunikation. Chemie kennzeichnet sich hier dadurch, dass Gespräche mühelos verlaufen und als persönlich bedeutsam wahrgenommen werden. Es entsteht ein Gefühl des Verstandenwerdens sowie geistiger Nähe.
  • Die zweite Kategorie bezieht sich auf den Genuss der Interaktion. Chemie liegt hier vor, wenn Personen aneinander Freude haben, gemeinsam lachen, sich belebt fühlen und die gemeinsame Zeit als angenehm erleben.
  • In der dritten Kategorie tritt Chemie als Anziehung auf, in Form körperlicher, sexueller, aber auch emotionaler Reaktionen wie Verlangen, Magnetismus oder intensiver Hinwendung zur jeweils anderen Person.
  • Die vierte Kategorie konzeptualisiert Chemie als Ähnlichkeit. Chemie wird erlebt, wenn Gemeinsamkeiten in Werten, Interessen, Lebensstil oder grundlegenden Einstellungen erkannt werden, woraus sich ein Gefühl von Passung und Vertrautheit ergibt.
  • Die fünfte Kategorie definiert Chemie als positive Eigenschaften bei der anderen Person, wie Warmherzigkeit, Offenheit, Ehrlichkeit, Humor, Charme, Nähe oder emotionale Zugänglichkeit.
  • In der sechsten Kategorie ist Chemie Verliebtsein oder Liebe. Chemie wird hier als Verliebtheit oder Liebe, als eine tiefe Form der Zuneigung beschrieben.
  • Die siebte Kategorie beschreibt Chemie als sofortige Verbindung. Chemie ist hier das plötzliche Gefühl des Klickens, das bereits beim ersten Treffen auftritt und als spontan, nicht schrittweise erlebbar beschrieben wird.
  • Die achte Kategorie stellt die Unbeschreibbarkeit der Chemie in den Vordergrund. Chemie wird zwar als solche erkannt, lässt sich jedoch weder näher benennen noch rational erklären.

Unterschiede zwischen freundschaftlicher und romantischer Chemie

Auch wenn für freundschaftliche und romantische Chemie die gleichen Kategorien identifiziert werden konnten, zeigten sich Häufigkeitsunterschiede zwischen dem Auftreten der Kategorien im freundschaftlichen und im romantischen Kontext.

Zunächst ist jedoch eine Übereinstimmung hervorzuheben.:

  • Die offene wechselseitige Kommunikation, der gegenseitige Genuss der Interaktion sowie die positiven persönlichen Eigenschaften der anderen Person zeigten sich als ungefähr gleich bedeutsam im romantischen wie im freundschaftlichen Kontext.

Dies waren die relevanten Häufigkeitsunterschiede:

  • Anziehung wurde im romantischen Kontext häufiger genannt als im freundschaftlichen.
  • Wahrgenommene Ähnlichkeit spielte hingegen bei Freundschaften eine größere Rolle als in romantischen Beziehungen.
  • Liebe wurde im romantischen Kontext häufiger erwähnt als im freundschaftlichen, blieb jedoch auch im romantischen Kontext selten und wurde nur von circa 9 % der Befragten genannt.
  • Unmittelbare Verbindung und Unbeschreibbarkeit wurden sowohl im romantischen als auch im freundschaftlichen Kontext nur von einer kleinen Minderheit der Befragten erwähnt, nämlich von etwa 2–4 %.

Chemie als vielschichtiges Konstrukt

Die Befunde zeigen, dass Chemie kein einheitliches Konstrukt ist, das von allen Befragten in gleicher Weise verstanden wird:

  • Chemie umfasst vielmehr unterschiedliche Komponenten. Sie kann eine als positiv, leicht und flüssig erlebte Kommunikation bedeuten, positiv bewertete Eigenschaften bei der anderen Person, eine als genussvoll erlebte Interaktion miteinander oder auch Anziehung bis hin zu starker, auch körperlicher Anziehung. Ebenfalls kann die wahrgenommene Ähnlichkeit in Werten und Einstellungen eine Rolle spielen. Nur selten wird Chemie als etwas sofort und plötzlich Eingetretenes geschildert, und ebenfalls bleibt Chemie nur für wenige ein vollständig rätselhaftes, nicht beschreibbares Phänomen.

Die Bedeutsamkeit von Chemie für die Partnersuche

In meinem heutigen Artikel geht es mir, wie initial dargestellt, darum, was Partner tun können, damit der Moment eintritt, in dem eine passende Person in ihr Blickfeld tritt, und wie sie diesen Moment erkennen können.

Aus den Befunden von Kempe und Kolleg:innen ergeben sich einige bemerkenswerte Erkenntnisse:

Chemie im romantischen und im freundschaftlichen Kontext weist eine ähnliche Grundstruktur auf, auch wenn sich die Häufigkeit bestimmter Kategorien zwischen romantischer und freundschaftlicher Chemie unterscheidet.

Ziehen wir nun die in einem vorherigen Blogartikel dargestellte großangelegte internationale Studie heran, die zeigt, dass mehr als zwei von drei Partnerschaften als Freundschaften beginnen, ergibt sich hieraus eine wichtige Schlussfolgerung:

  • Alle Formen von Chemie, ob romantisch oder freundschaftlich, können darauf hinweisen, dass der gesuchte Moment gerade beginnt.

Jeder einzelne Faktor kann uns den Anlass geben, eine mögliche Beziehung weiter auszuloten. Fühlen wir uns angezogen, ist dies fraglos für uns ein starker Anreiz. Aber auch eine positive Wahrnehmung einer guten Passung – ebenso wie die anderen Faktoren – ist ein ebenso starkes Argument, sich aufeinander einzulassen.

Chemie, Wiedersehen und die Bedeutung zeitlicher Entwicklung

Die Studie sagt uns auch etwas darüber, ob wir uns mit der anderen Person erneut verabreden sollten oder nicht. Da Chemie nicht sofort eintreten muss, sondern sich auch verzögert entwickeln kann, ist es sinnvoll, sich mehrfach eine Chance zu geben.

Die Befunde bestätigen damit unsere eigene, langjährig gegebene Empfehlung:

  • Ein erstes Treffen muss nicht mit stark positivem Erleben verbunden sein. Besteht keine Aversion oder wird zumindest Sympathie erlebt, ergibt es Sinn, sich einen zweiten, dritten oder auch vierten Blick zu erlauben.

Selbst die körperlich erlebte Anziehung kann sich im Verlauf zeitlicher Begegnungsprozesse grundlegend verändern. Wir mögen oder lieben nicht nur die, die wir körperlich attraktiv finden, sondern wir finden auch die attraktiv, die wir lieben. Das ist der Grund, warum wir im Durchschnitt unsere eigenen Partner:innen als attraktiver erleben, als sie von anderen gesehen werden. Das Phänomen wird in der psychologischen Literatur benannt als „Love is blind“.

Wir können also einiges dafür tun, dass wir den Moment erkennen, wenn uns eine Person begegnet, mit der wir glücklich werden können.

Hierzu gehört, uns die Zeit und den Raum zu nehmen, wechselseitig eine mögliche Beziehung miteinander auszuloten.

Dabei können sich die Eindrücke von der Kommunikation, der hedonistische Genuss, die Wahrnehmung der Eigenschaften der anderen Person, die Entdeckung grundlegender Übereinstimmungen ebenso wie die erlebte Anziehung und das Auftreten von Gefühlen von Liebe im Verlauf mehrerer Begegnungen verändern.

Viele Paare bei Gleichklang haben nur deshalb zusammengefunden, weil sie sich diese Möglichkeit der Veränderung erlaubten.

Den Moment nutzen: Mut als Voraussetzung für Beziehungsfindung

Haben wir den Moment erkannt, geht es nun darum, den Moment zu nutzen. Bekommen wir kalte Füße, haben wir plötzlich zu viele Bedenken oder erscheint uns alles zu anstrengend oder zu schwierig, kann es gut sein, dass wir Single bleiben.

Bei Gleichklang ist unser psychologischer Matching-Algorithmus darauf ausgerichtet, Menschen zusammenzuführen, die bereits vor dem ersten Schritt eine Grundkompatibilität in ihren Werten und Beziehungsmodellen aufweisen. Dadurch wird das Risiko toxischer Beziehungskonstellationen reduziert.

Setzen wir unsere Bedenken zu hoch an, laufen wir Gefahr, unser Singledasein dauerhaft zu konservieren und vorhandene Chancen ungenutzt liegen zu lassen. Denn Partnerschaft bedeutet nicht nur Reflexion, Beziehungssuche und Passung, sondern ebenso Mut.

Zu diesem Mut möchte ich Sie heute ermutigen. Derweil begleiten wir von Gleichlang Sie weiterhin gerne bei Ihrer Beziehungsfindung:

▶ Zur Beziehungssuche bei Gleichklang

Weitere Links:

Chemie ist ein komplexes Geschehen in Liebesbeziehungen.

5 Kommentare

  • Willi sagt:

    Ich bin wohl typisch im MINT-Bereich sozialisiert und habe bei der Überschrift an biochemische Prozesse im menschlichen Körper gedacht und die gegenseitige Geruchswahrnehmung im ersten Augenblick, der entscheidend für Beziehung sein kann.
    Dennoch ist der Blog Artikel ein Augenöffner, der mir einiges schon bekanntes mit neuem kurz zusammenfasst

  • Friedrich E Kruse sagt:

    Hallo Guido Gebauer,

    habe ´Chemie plus die drei…´ gelesen, finde Ihre Zusammenstellung klasse informativ und interessant + als leicht zu lesen gut gestaltet.

    Deckt sich inhaltlich mit meiner Lebens-u Beziehungserfahrung.

    Auch insbes. Ihre klare, ´saubere´ Sprache erlebe ich hier als klasse/ als hilfreich!

    herzlich Friedrich Kruse

    Wünsche Ihnen -weiterhin- guuuuten Erfolg bzgl. Gleichklang!

  • Maria W. sagt:

    Der Artikel beschreibt sehr gut meine eigenen Erfahrungen und Reflexionen zu dem Thema „Chemie/Anziehung“ und deren verschiedene Faktoren.
    Jedoch stellt sich oftmals heraus, dass Männer (wahrscheinlich genauso häufig wie Frauen) häufig massive psychische Probleme im Bereich Bindungsverhalten haben und sich deswegen oftmals nicht partnerschaftlich binden wollen.
    Zudem sind viel mehr Männer häufig nur an sexuellen Begegnungen interessiert und suchen nicht primär eine Beziehung. Frauen hingegen suchen deutlich häufiger primär eine partnerschaftliche Beziehung und werden deswegen nicht so häufig fündig wie Männer, die solche Beziehung suchen.
    Das ist einfach meine mehrjährige Erfahrung auf dem so genannten „Beziehungsmarkt“. Ich habe alle möglichen Formen der Partnersuche ausprobiert, alle möglichen online-Portale und auch in verschiedenen Freizeitbeschäftigungen und im alltäglichen Leben.
    Gut, mein Beruf ist nicht gerade förderlich, da hier massiv Frauenüberschuss besteht und die Männer, die dort arbeiten alle längst vergeben sind.
    Ich war vorher in einer 10,5 Jahre Beziehung und direkt anschließend in einer 1,5 Jahre langen Beziehung, wobei Letztere tatsächlich über Freundschaft entstanden ist. Aber ich hatte halt von vornherein gemerkt, dass es in einigen wichtigen Punkten nicht passt und deswegen ursprünglich auch nur die Freundschaft gewählt. Aber da ich üblicherweise mutig bin und probieren über studieren stelle, vor allem in solchen zwischenmenschlichen Beziehungen, hab ich es ausprobiert, mit dem Resultat, dass es natürlich im Endeeffekt gescheitert ist.

    • Aurelin sagt:

      ich glaube das inzwischen gar nicht mehr wirklich, dass Männer eher nach sexuellen Begegnungen suchen und Frauen eher nach partnerschaftlichen Beziehungen, und das obwohl ich mir sicher bin, dass sich Ihre persönlichen Erfahrungen sogar empirisch belegen lassen. Tatsächlich halte ich diesen Unterschied eher für konstruiert, und mit Evolutionsargumenten untermauert, die sich gar nicht wirklich beweisen lassen. Konstruiert übrigens in mehrfacher Hinsicht. Wir folgen in unserer geschlechtlichen Rolle alle mehr oder weniger bestimmten Idealen, wie wir zu sein haben, und treffen unsere Selbst-Entscheidungen häufig mehr vor diesem Hintergrund, als aus unserem tatsächlichen Empfinden heraus. Und wir erfahren beruflich und privat auch immer ein Feedback durch unsere Umwelt, meist im Rahmen des jeweiligen Zeitgeistes. Selbst-Entscheidungen nicht-heteronormativer Art können dabei zu einem sehr belastenden Rechtfertigungsdruck führen.
      Ein Beispiel aus einer weiblich dominierten Branche:
      als meine Tochter noch den Kindergarten besuchte, kündigte die Kita-Leiterin die Einstellung eines männlichen Erziehers an, worauf hin einige Eltern, Mütter und Väter, Sorge darüber verlauten ließen, es könne sich ja um jemanden handeln, der eigentlich aus pädophilem Antrieb handelt. Das wäre natürlich theoretisch möglich, aber eine weibliche Erzieherin sähe sich solchen Verdachtsmomenten kaum schon im Vorfeld ausgesetzt.
      ich selbst arbeite in der Pflege, die etwas weniger weiblich dominiert ist als die Pädagogik. Trotzdem wird männlichen Pflegekräften hinsichtlich der Grundpflege eine höhere Geschlechtssensibilität abverlangt als weiblichen. ich habe es häufiger erlebt, dass Pflegeempfängerinnen männliche Unterstützung oder Übernahme der Körperpflege ablehnten, aber nur ein einziges Mal, dass ein Pflegeempfänger weibliche Unterstützung ablehnte.
      Jetzt denken Sie sich mal folgende Situationen, bzw. die breiteren Reaktionen darauf:
      – ein Mann sagt offen, dass er mehr an sexuellen Kontakten interessiert ist als an partnerschaftlicher Beziehung
      – eine Frau sagt offen, dass sie mehr an sexuellen Kontakten interessiert ist als an partnerschaftlicher Beziehung
      – eine Frau sagt, dass sie mehr an partnerschaftlicher Beziehung interessiert ist als an sexuellen Kontakten
      – ein Mann sagt, dass er mehr an partnerschaftlicher Beziehung interessiert ist als an sexuellen Kontakten

      die jeweils männlichen und weiblichen Reaktionen darauf dürften sehr unterschiedlich ausfallen, ebenso wie der individuelle Rechtfertigungsdruck, und ich glaube die Stärke dieses Rechtfertigungsdrucks ist fast schon eine Einladung zur falschen Selbstdarstellung.

      Ganz bei Ihnen bin ich aber was psychisch-emotionale Probleme im Bindungsverhalten betrifft. Nicht ganz sicher bin ich mir, dass sich das allein aus ‚Kindheits-Traumata‘ erklären lässt. ich denke eher, dass ‚Beziehungs-Traumata‘ da zu gleichen Teilen eine Rolle spielen, und dass das eine ganze Menge therapeutischer Arbeit bedarf, sich aus beidem adäquat wieder heraus zu arbeiten.
      übrigens denke ich auch, dass Dating (und Beziehung) auch aus dieser Perspektive heraus verstanden werden können.
      Der Punkt ist vielleicht der: wer macht das?
      wer lässt sich auf den potentiell Selbstwert-bedrohenden Prozess des Datings ein, mit dem Gedanken: okay, ich mach das jetzt und bin gespannt darauf was ich dabei über mich selbst und meine internalisierten Muster heraus finde, und vielleicht begegne ich ja einem tollen Menschen mit dem eine erfüllende Beziehung möglich ist.
      und wer denkt sich: ich mach das, stelle mich mit meinen besten Seiten dar und muss den/ die Eine/n finden, bzw. mich finden lassen?

      ich selbst fand es immer ein wenig schade, im Dating-Prozess Frauen zu begegnen, die weitestgehend Red-Flag-orientiert waren. ich meine, das ist okay. das handhabt ohnehin jede(r), so wie sie/er das will, aber ich finde, das macht auch einen riesigen Druck auf alle Beteiligten. und es bringt ein so hohes Frustrationspotential mit sich, dass man sich wirklich fragen sollte, wie man damit umgehen will und kann.
      Leider beobachte ich es häufig, dass das auch eine gewisse Misandrie oder Misogynie nach sich zieht. Inzwischen glaube ich schon fast, das an bestimmten Stichworten erkennen zu können, wenn ein Mensch ‚Dating-geschädigt‘ ist…
      In Ihren Worten sehe ich das übrigens nicht, entsprechend würde ich eher green flags auf Ihrem Weg vermuten,
      und wünsche Ihnen Glück und Erfolg beim Finden 💫 🙂

  • Mitglied sagt:

    „ich habe es häufiger erlebt, dass Pflegeempfängerinnen männliche Unterstützung oder Übernahme der Körperpflege ablehnten, aber nur ein einziges Mal, dass ein Pflegeempfänger weibliche Unterstützung ablehnte.“

    Erwachsene Männer, die keine sexuellen Übergriffe als Kind erlebt haben, sind statistisch betrachtet nahezu niemals von sexuellen Übergriffen in ihrem Leben betroffen, während es fast keine Frau gibt, die keine sexuelle Gewalt überlebt hat.

    Natürlich besteht deshalb insbesondere in der Pflege, wo Menschen noch hilfloser sind, eine höhere Ablehnung von Körperberührung durch Männer.

    Statistisch wird sexualisierte Gewalt fast ausschließlich von Männern verübt.

    Ein weiterer Aspekt ist, dass selbst alte Männer es oft toll und erregend finden, wenn (jüngere) Frauen sie berühren (müssen). Es gibt viele Berichte weiblicher Pflegekräfte, die sich gegen sexuelle Übergriffe durch ihre Patienten wehren müssen.
    Insofern wäre eine Geschlechtertrennung sinnvoll:

    Männliche Patienten und Pfleger und weibliche Patienten und Pflegerinnen (bisher gibt es jedoch zu wenig Pfleger, um das umzusetzen).

    Eine universale Lösung wären Pflegeroboter, da diese neutral sind.

    Bindungstrauma entstehen in der Kindheit durch das Verhalten der Bezugspersonen (meist die Eltern). Diese Bindungstrauma können selbst dann entstehen, wenn keine zusätzlichen Ereignisse auftreten.
    Die Beziehung der Eltern zum Kind und untereinander erzeugt die Bindungsmuster. Diese beeinflussen die späteren Beziehungen.

    Emanuel Erk ist auf diese Thematik spezialisiert und bietet dazu regelmäßig kostenlose Vorträge und YouTube-Videos an.

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