Akkuratheit, Idealisierung und die Ambivalenz der Beziehungszufriedenheit
In meinem heutigen Artikel gehe ich einer spannenden Frage nach:
- Hilft es uns mehr, wenn wir unsere Partner:innen realistisch sehen – oder wenn wir sie idealisieren?
Die Studie, die ich dazu vorstelle, kommt zu einem komplexen, durchaus ambivalenten Ergebnis. Wir werden sehen, dass gerade diese Ambivalenz Raum für Reflexion und den Versuch eines vertieften Verstehens eröffnet.
Die Autor:innen verwendeten eine sogenannte Repertory-Grid-Analyse:
- Dabei handelt es sich um ein hochgradig individualisiertes Verfahren zur Erfassung persönlicher Bedeutungs- und Bewertungsmuster, also der subjektiven Lebenswelt von Menschen. Das Verfahren kann auch für ein Paar (oder jede andere Gruppe) angewandt werden, was es ermöglicht, die paarbezogene Lebenswelt sowie die Partnerwahrnehmung zu durchdringen und miteinander zu vergleichen.
Das Verfahren ist recht aufwendig, was sicherlich ein Grund dafür ist, warum es eher selten angewandt wird. Umso mehr habe ich mich über die aktuelle Studie gefreut, zumal ich selbst das Repertory-Grid-Verfahren routinemäßig im Coaching mit Klient:innen anwende.
Aus dem paarbezogenen Grid lassen sich (unter anderem) zwei zentrale Kennwerte berechnen:
- Idealisierung von Partner:innen: Diese ergibt sich aus der Berechnung des Zusammenhangs zwischen unserem Bild von Partner:innen und unserem Ideal-Bild von Partner:innen. Je höher dieser Wert ausfällt, desto positiver erleben wir Partner:innen und desto stärker idealisieren wir sie.
- Akkuratheit unserer Partnerwahrnehmung: Diese ergibt sich aus der Berechnung des Zusammenhangs zwischen unserer Sichtweise darüber, wie die innere Lebenswirklichkeit unserer Partner:innen ist, und dem tatsächlichen Selbsterleben unserer Partner:innen. Je höher der Wert ausfällt, desto akkurater verstehen wir die innere Lebenswirklichkeit von unseren Partner:innen.
Wie hängen Idealisierung und Akkuratheit mit unserer Beziehungszufriedenheit zusammen?
Im Folgenden stellt sich ausgehend von den sichtbar werdenden komplexen und teilweise geschlechtsspezifischen Befundmustern auch die Frage, ob Beziehungszufriedenheit tatsächlich das entscheidende Kriterium ist, an dem wir uns orientieren sollten.
Der schwierigere, aber möglicherweise tragfähigere Weg scheint mir der Wert radikaler Authentizität und Ehrlichkeit zu sein:
- Diesen Weg können wir bereits bei der Partnersuche einschlagen. Bei Gleichklang regen wir ihn durch unsere Fragebögen gezielt an.
Studie zu Partnerwahrnehmung und Beziehungsqualität
Salla und Feixas veröffentlichten 2023 im Journal of Marital and Family Therapy den Artikel „Dyadische Effekte interpersonaler Wahrnehmung auf die Qualität von Paarbeziehungen: Idealisierung und Genauigkeit sind bedeutsam“.
Die Autor:innen untersuchten, wie die Art und Weise, wie Partner:innen einander wahrnehmen, mit der Beziehungszufriedenheit zusammenhängt, und ob sich dabei Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigen.
Im Zentrum steht die Frage:
- Ist es für eine Beziehung günstiger, den Partner möglichst realistisch zu sehen – oder ihn eher idealisiert zu betrachten?
Zur Untersuchung nutzten die Autor:innen das „Couple’s Grid“. Dieses Verfahren stammt aus der Theorie der persönlichen Konstrukte.
Die Grundidee lautet:
- Jeder Mensch interpretiert die Welt mithilfe individueller innerer Begriffe und Gegensatzpaare – etwa „warm vs. kühl“, „verlässlich vs. unzuverlässig“, „offen vs. verschlossen“. Diese persönlichen Bedeutungsdimensionen werden nicht vorgegeben, sondern individuell erhoben.
- Im Couple’s Grid beschreiben beide Partner getrennt, wie sie sich selbst sehen, wie sie ihren Partner sehen, wie sie glauben, dass der Partner sich selbst sieht, sowie Idealbilder. Dadurch entsteht ein individualisierter Zugang, der es gleichzeitig erlaubt, die wechselseitigen Wahrnehmungen miteinander direkt (statistisch) zu vergleichen.
Zentrale Befunde: Idealisierung wirkt positiv
Ein klarer und gut interpretierbarer Befund zeigte sich bei der wahrgenommenen Ähnlichkeit zwischen Partner und Idealpartner:
- Je stärker eine Person ihren Partner als nahe am eigenen Idealbild wahrnahm, desto höher war ihre eigene Beziehungszufriedenheit. Dieser Effekt galt für Männer und Frauen gleichermaßen.
Darüber hinaus zeigte sich ebenfalls konsistent ein Partner-Effekt:
- Wenn eine Person ihren Partner stark idealisierte, war auch der Partner zufriedener. Idealisierung wirkte also nicht nur einseitig, sondern wechselseitig.
Dieser Befund ist nicht überraschend – in einem vorherigen Artikel hatte ich dazu bereits vielfältige Befunde berichtet.
Offensichtlich sind wir mit unseren Beziehungen zufriedener, wenn wir unsere Partner:innen positiv wahrnehmen. Das ist im Allgemeinen nichts Schlechtes, sondern ein Korrelat von Liebe.
Unerwarteter Befund: Geschlechtsbezogen gegensätzliche Wirkung von Akuratheit
Überraschend war jedoch der Befund zur Akkuratheit:
- Bei Männern war höhere Akkuratheit positiv mit Beziehungszufriedenheit verbunden; bei Frauen war höhere Akkuratheit negativ mit Beziehungszufriedenheit verbunden.
Männer waren also zufriedener, wenn sie ihre Partnerin realistisch darin einschätzen konnten, wie sie sich selbst versteht. Frauen hingegen waren weniger zufrieden, wenn sie sehr genau einschätzen konnten, wie ihr Partner sich selbst konstruiert.
Ambivalente Befunde und die Notwendigkeit eines interpretativen Rahmens
Der Befund lässt uns rätseln:
- Wir sehen einen deutlichen Geschlechterunterschied, den wir jedoch nicht wirklich aufklären können.
Allgemeine, einfache Erklärungen mögen überzeugend wirken, entsprechen aber nicht immer der Wirklichkeit:
- Es sind gerade solche Befunde, die wir nicht sofort verstehen, die oft am spannendsten sind. Sie zeigen nämlich die Komplexität menschlicher Erlebensweisen und machen einen verstehenden, interpretierenden Ansatz notwendig.
Ich vermute, dass die Befunde zunächst auf einer allgemeinen Ebene deutlich machen, dass Akkuratheit – also ein echter, realistischer Einblick – sowohl positive als auch negative Effekte auf die Beziehungszufriedenheit haben kann:
- Akuratheit kann einen positiven Eindruck bestätigen, was unsere Zufriedenheit vermutlich erhöht.
- Sie kann aber auch einen negativen Eindruck bestätigen, was unsere Beziehungszufriedenheit senkt.
Können Erwartungsunterschiede Befunde erklären?
Ob ich etwas positiv oder negativ bewerte, hängt wiederum von meinen eigenen Erwartungen und Einstellungen ab:
- Stelle ich beispielsweise sexuelle und emotionale Treue in den Vordergrund, wird die Erkenntnis, dass mein Partner nicht-monogame Tendenzen hat, meine Zufriedenheit mindern. Denke ich hingegen polyamor, wächst meine Zufriedenheit an.
Es ließen sich hier viele weitere Denkbeispiele geben, etwa im Bereich der sexuellen Orientierung:
- Frauen sind häufiger heteroflexibel oder bisexuell offen. Es gibt jedoch auch viele Männer – ungefähr jeder dritte Mann – die zumindest bisexuell offen sind. Natürlich gibt es auch Männer, die homosexuelle Neigungen vor Frauen verbergen, und umgekehrt.
Allerdings erleben Männer lesbische Neigungen von Frauen häufig als weniger bedrohlich, möglicherweise sogar als anziehend oder stimulierend. Für Frauen gilt dies seltener; sie erleben solche Tendenzen bei ihren Männern eher als Bedrohung, was auch mit einer stärkeren Monogamieorientierung zusammenhängen kann.
Im Durchschnitt könnte also auch die sexuelle Orientierung ein weiterer Bereich sein, in dem Akuratheit unsere Zufriedenheit reduziert, wenn wir klare, kritisch eingeordnete Erwartungen haben. Wenn wir hingegen lockerer mit diesen Aspekten umgehen, stört uns die Kenntnis der tatsächlichen Ausprägung weniger.
Eine mögliche Erklärung für den Geschlechterunterschied könnte also sein, dass Männer in den Augen von Frauen häufiger Eigenschaften besitzen, die durch Frauen kritischer bewertet werden, während Eigenschaften von Frauen durch Männer im Durchschnitt weniger kritisch eingeordnet werden.
Wenn Frauen im Durchschnitt kritischere Bewertungshaltungen haben, steigt die Chance, dass Männer diesen Erwartungen nicht vollständig entsprechen.
Akuratheit kann in diesem Fall eher Unzufriedenheit fördern, weil deutlich wird, dass reale Eigenschaften von den Erwartungen abweichen.
Dies ist eine hypothetische Erklärung, die jedoch plausibel erscheint.
Individualität statt bloßer Geschlechterfrage
Gleichzeitig macht all dies deutlich, dass es in Wirklichkeit nicht primär um Geschlecht geht, sondern um Individualität:
- Die komplexe, widersprüchliche Auswirkung von Akuratheit ergibt sich aus unserer eigenen Person. Es bestehen lediglich im Durchschnitt bestimmte Mittelwertunterschiede zwischen Frauen und Männern.
Dass eine idealisierende Sichtweise bei beiden Geschlechtern positiv mit Beziehungszufriedenheit verbunden ist, ist, wie zuvor dargelegt, wirklich nicht erstaunlich:
- Wenn wir denken, unsere Partner:innen entsprechen dem Ideal, sind wir eben glücklicher.
Viel interessanter ist die Auswirkung von Akkuratheit:
- Sollten wir unsere Partner:innen gut kennen oder lieber nicht?
Ist Beziehungszufriedenheit immer positiv?
Allerdings stellt sich zunächst noch eine weitere Frage:
- Ist Beziehungszufriedenheit überhaupt immer ein positives Merkmal?
Nehmen wir zur Verdeutlichung forensische Extremfälle, in denen von Männern schwere Gewalt oder Straftaten begangen werden, die den Partnerinnen vollkommen unbekannt waren. Oft werden solche Beziehungen als glücklich geschildert, der Partner wurde idealisiert und in diesem Fall anders wahrgenommen, als er ist.
Ist das positiv? Oder wäre es besser gewesen, wenn die Wirklichkeit früher zutage getreten wäre – selbst um den Preis geringerer Zufriedenheit?
(In Wirklichkeit ist auch diese Analyse vereinfachend, denn ich tue so, als würden allein Gewalttaten das Bild eines Menschen vollständig prägen. Tatsächlich sind wir als Menschen jedoch in gewisser Weise kompartimentalisiert. Wir tragen unterschiedliche Anteile in uns. Sehr deutlich wurde mir dies in einem kürzlichen Coaching-Gespräch mit einer Klientin, deren damaliger Ehemann, ihr Ex-Partner, durch eine schwere Gewalttat in Erscheinung getreten war. Für meine Klientin war es hilfreich, sich das Recht zuzugestehen, ihre Erinnerungen an ihren Partner nicht ausschließlich durch dessen spätere Tat bestimmen zu lassen.)
Radikale Offenheit als anspruchsvoller, aber tragfähiger Weg
Auf jeden Fall stellt sich die Frage:
- Wollen wir Beziehungszufriedenheit um jeden Preis oder wollen wir eine echte wechselseitige Kenntnis und ein Verstehen der Person des Partners oder der Partnerin, so, wie sie ist?
Trotz der widerstreitenden Effekte von Akuratheit würde ich für Letzteres plädieren:
- Offenheit und radikale Ehrlichkeit können schmerzhaft sein. Viele schauen deshalb lieber nicht genau hin. Das kann gut gehen, aber es kann auch dazu führen, dass unsere Welt später zusammenbricht.
Wenn es gelingt, trotz radikaler Offenheit Partner:innen weiterhin als positiv zu erleben, dann sind die Aussichten langfristig stabiler:
- Wir kennen unsere Partner:innen und erleben sie als nahe an unserem Ideal.
- Gelingen wird uns dies freilich nur, wenn nicht nur unsere Partnerwahrnehmung, sondern auch unser Ideal tragfähig ist.
Zwei zentrale Entwicklungsaufgaben
Damit werden zwei Entwicklungsaufgaben deutlich:
- Wir können lernen, mit ambivalenten Informationen umzugehen, die uns zunächst beunruhigen.
- Wir können lernen, besser zu differenzieren, wo Erwartungen unverzichtbar sind und wo wir sie flexibilisieren können.
Akzeptanz kann enorm hilfreich sein, die Quadratur des Kreises zu bewältigen:
- Unsere Partner:innen wirklich kennenzulernen und sie als positiv zu erleben.
Akzeptanz darf aber nicht Selbstverleugnung bedeuten:
- Wo zentrale Bedürfnisse betroffen sind, benötigen wir partnerschaftliche Veränderungsprozesse oder Abgrenzung.
Was die Studie wirklich zeigt
Aus der Studie lässt sich nach meiner Einschätzung nicht schließen, dass es für Männer gut ist, ihre Partnerinnen zu kennen, und für Frauen besser, ihre Partner nicht zu kennen.
Vielmehr zeigt der Befund, dass Beziehungszufriedenheit ein komplexer, ambivalenter Prozess ist. Will ich Zufriedenheit um jeden Preis, kann es helfen, manches nicht wissen zu wollen. Will ich tragfähige, realitätsbasierte Zufriedenheit, führt der Weg über Offenheit, auch wenn die Beziehungszufriedenheit (zunächst) sinkt.
Authentizität, Offenheit und tragfähige Resonanz
Wir plädieren bei Gleichklang daher bei der Partnersuche für Offenheit, Ehrlichkeit, Akzeptanz, Befreiung von unnötigen Restriktionen, aber auch für klare Herausstellung und Annahme des eigenen personenbezogenen Kerns.
Wir ermutigen unsere Mitglieder zur Reflexion, sich nicht selbst darzustellen, sondern sich so vorzustellen, wie sie sind, und beim Kennenlernen nicht zu versuchen, sich wechselseitig zu verstellen oder füreinander zu gewinnen, sondern authentisch auszuloten, welche Resonanz zwischen ihnen entsteht und wie kompatibel sie gemeinsam durchs Leben gehen können.
Der Weg der Authentizität ist schwerer, aber in der Gesamtbilanz lohnt er sich.
Bei Gleichlang begleiten wir sie gerne auf diesem Weg:
▶ Zur Beziehungssuche bei Gleichklang
Weitere Links:

