Zeitstrukturierung, Monetarisierung und die Verschiebung des Dating-Zwecks im Vergleich von Hinge und Grindr
Elias Jansen und Stella Gustafsson haben in ihrer Bachelorarbeit im Fach Medien- und Kommunikationswissenschaft die beiden Dating-Apps Hinge und Grindr miteinander verglichen:
- Hinge ist eine Dating-App, die sich als Plattform für langfristige Beziehungen versteht und sich selbst als die Dating-App beschreibt, die dafür gemacht ist, wieder gelöscht zu werden.
- Grindr ist eine Dating-App, die insbesondere für Männer konzipiert wurde, die Männer suchen, und die sich durch unmittelbare Sichtbarkeit, geografische Nähe und sofortige Kontaktaufnahme auszeichnet.
Ihre Befunde sind von allgemeiner Bedeutung für das Online-Dating, sodass ich sie heute vorstelle und diskutiere.
Der zentrale Untersuchungsfokus: Zeit als strukturierendes Element
Wie strukturieren Hinge und Grindr zeitliche Prozesse bei ihren Nutzer:innen?
Hintergrund dieser Untersuchungsfrage ist die Erkenntnis, dass technische Systeme nicht einfach nur genutzt werden, sondern durch ihre Struktur wiederum menschliches Verhalten strukturieren:
- Sie können dies durch Pflichten tun, also dadurch, dass etwas zwingend ausgefüllt werden muss, durch Verbote, also dadurch, dass bestimmte Handlungen nicht möglich sind, durch Ermunterung, also durch Funktionen, die besonders ins Auge fallen, durch Abschreckung, also durch wenig ansprechende oder aufwendige Wege, oder durch eine bloße Erlaubnis, also eine Möglichkeit, die weder besonders priorisiert noch zurückgestellt wird.
Wenn technische Systeme unser Verhalten strukturieren, bedeutet dies zugleich, dass auch unser Dating-Verhalten durch technische Systeme bereits strukturiert wird.
In welche Richtung werden wir aber strukturiert?
Eine Dimension ist die temporale Dimension, die wir vom Essen bereits durch den Begriff Fast Food und den Gegenbegriff Slow Food kennen. Beim Essen hat sich dabei nicht zufälligerweise Fast Food bei weitem mehr durchgesetzt als Slow Food. Im Dating-Bereich ist es nicht anders.
Design von Grindr und Hinge im Vergleich
Die Autor:innen untersuchen die Designelemente beider Apps und ordnen die Ergebnisse sodann in ihren Bewertungsrahmen im Hinblick auf zeitliche Features ein.
Die Sachlage, dass hier zwei Apps miteinander verglichen werden, finde ich faszinierend. Beim Lesen der Befunde bekam ich umso mehr den Eindruck, dass unsere Wahrnehmungs- und Bewertungswelten bereits so stark durch Apps geprägt sind, dass wir kleinste Verzögerungen und Differenzierungen als gewaltig erleben. So wird etwas zum slow, nämlich Hinge, was mir ehrlich gesagt nach wie vor als ein ultra fast erscheint. Gleichzeitig sind die Ergebnisse der Autoren schlüssig: Im Vergleich zu Grindr ist Hinge nicht super fast, sondern super slow.
Maximierung der Sofortigkeit bei Grindr
Zunächst zu den Befunden zu Grindr:
- Grindr ist radikal auf Sofortigkeit angelegt. Profile sind zeitlich begrenzt sichtbar, der Online-Status ist klar erkennbar, Kontakt kann ohne Match sofort aufgenommen werden, und alles ist auf Präsenz im Hier und Jetzt ausgerichtet.
Alles kann noch weiter auf die Spitze getrieben werden, und genau das hat Grindr getan. Grindr ist dezidiert bekannt für Sexkontakte, was ich nicht negativ meine. Genau dafür scheint diese absolute Sofortheit, bei der dreißig Minuten Anfahrt schwer vorstellbar erscheinen, hocheffektiv zu sein.
Aber selbst ein so instantes System wie Grindr kann noch instanter werden, wenn die Monetarisierungsoptionen genutzt werden:
- Durch Boosts, erweiterte Sichtbarkeit und zusätzliche Funktionen werden selbst minimale Verzögerungen weiter reduziert.
Hinge: Langsamkeit oder struktureller Zwang mit Freikaufsoption?
Nun zur Langsamkeit von Hinge:
- Als slow gilt hier, dass wir uns in ein paar Schritten bei einer App anmelden und erst ein Match entstehen muss, bevor wir uns anschreiben können. Als slow erscheint Hinge auch, weil für diejenigen, die die App kostenlos nutzen, die Anzahl möglicher paralleler Likes beschränkt ist, während all das bei Bezahlung freilich aufgehoben wird.
Für mich bedeutet all dies weniger, dass Hinge langsam sei, sondern dass unser Anspruchsniveau bereits stark durch Apps strukturiert ist:
- Wir schauen mit großen Augen auf die Langsamkeit einer App, die sich bei Monetarisierung selbst weitgehend auflöst und deren Langsamkeit zudem eher in zwei oder drei Minuten als in mehr im Vergleich zu Grindr zu bewerten ist.
Zugleich fällt mir bei Hinge auf, dass Langsamkeit offenbar vorwiegend durch Restriktion definiert und insofern erzwungen wird:
- Nutzer:innen dürfen sich nicht anschreiben, wenn sie nicht vorher beidseitig Bereitschaft signalisiert haben. Um diese Bereitschaft zu erhalten, muss man ein Foto oder einen Prompt kommentieren.
Im Grunde erscheint es mir nicht langsam, sondern diktatorisch:
- Es wird mit absoluten Geboten und absoluten Verboten regiert, und die Nutzer:innen müssen zwangsläufig gehorchen.
Ich glaube nicht, dass wir durch solche Gebote Authentizität erreichen.
Ein Beispiel:
- Auch kann ich niemandem mehr schreiben, wenn ich einer bestimmten Anzahl an Personen nicht geantwortet habe – natürlich außer, wenn ich zahle, dann darf ich alles.
Bei manchen wird eine solche Regel auf Zustimmung stoßen. Aber denken wir einmal darüber nach:
Was werden das für Nachrichten sein, die ich gezwungenermaßen absenden muss, damit ich mich dem Nächsten zuwenden kann?
Ich glaube nicht, dass es Nachrichten sein werden, die in irgendeiner Weise für den Prozess der Partnerfindung hilfreich sind.
Monetarisierung als Aufhebung der vermeintlichen Langsamkeit
Monetarisierungsprinzipien relativieren zeitliche Verlangsamungen oder heben diese ganz auf. Was als slow gilt, löst sich gegen Bezahlung weitgehend auf.
Wenn Monetarisierungen die eigentlichen scheinbaren Besonderheiten eines Slow-Ansatzes aufheben, dann glaube ich nicht, dass das System ein Slow-Ansatz ist:
- Würden wir wirklich an unsere Struktur glauben und glauben, dass wir slow sind und dass das besser ist, würden wir bei Monetarisierung die Slowness vielleicht erhöhen, aber sicher nicht reduzieren.
Slowness ist tatsächlich nur eine Bestrafung für kostenlose Nutzung. Erfolgt die Abbuchung, wird die Bestrafung entfernt, und Geschwindigkeit ist möglich.
Partnerfindung als verdrängter Zweck
So gelange ich wieder zu einem ähnlichen Schluss, den ich auch aus anderen Studien immer wieder ziehe:
Mir sind die gängigen Dating-Apps und auch die Forschung zu ihnen (wobei die Autoren wirklich hervorragende Arbeit geleistet haben), zu weit entfernt vom eigentlichen Zweck von Dating; nämlich dem der Partnerfindung:
- Alles spielt eine Rolle, aber Partnerfindung wird fast vergessen.
Ich sehe hier nicht den Zufall am Werk, sondern ein strukturierendes Element:
- Die Dating-Systeme lenken uns von der Partnerfindung weg, egal ob sie es sagen oder nicht. Und wenn die Ablenkung dadurch erfolgt, dass super schnelles System nunmehr als slow Dating wahrnehmen, weil es ein sogar noch schnelleres System gibt.
Ich habe neulich bereits einen Artikel zu Slow Dating auf den Gleichklang-Seiten veröffentlicht und brauche daher jetzt nicht umfangreich darauf einzugehen, was Gleichklang anders macht.
Während bei Grindr wohl in unter einer Minute ein Profil erstellbar ist und es bei Hinge vier bis fünf Minuten dauert, dauert es bei Gleichklang insgesamt, also Dateneingabe, Freitexte, Fotos etc., im Durchschnitt fünfundvierzig Minuten bis eineinhalb Stunden.
Wir haben dafür die ganzen Restriktionskonzepte von Hinge nicht, es gibt keine Matchpflicht, und Nutzer können sich jederzeit anschreiben.
Schlussbilanz
In der Bilanz erscheinen mir beide Systeme für Partnerfindung strukturell ungeeignet, wobei mir bei Grindr eine ganz offensichtlich hohe Effektivität für erotische Kontakte auffällt.
Manche werden nun meinen, ich mache andere Plattformen schlecht. Mir schrieb einmal jemand, das sei peinlich.
Aber tatsächlich ist das gar nicht meine Absicht, und es wäre Unsinn:
- Wir sind außerhalb jeder Konkurrenz, die anderen sind längst durchmarschiert, sie setzen Milliarden um, sie sind erfolgreich und haben gezeigt, dass sie funktionieren.
Ich will diese Systeme gar nicht schlechtmachen, sondern beschäftige mich viel mit ihnen, weil sie viel untersucht werden und den Dating-Markt dominieren.
Vor allem aber kann ich mit ihrer Hilfe, Dating-Prinzipien und Handlungsstrategien ableiten und verdeutlichen, die gerade aus dem Kontrast heraus verständlich werden.
Kurzum glaube ich, dass ultra super fast Dating-Apps wie Grindr und ultra fast Dating-Apps wie Hinge ganz sicher enormes Potenzial haben, was Unterhaltung, Ablenkung und schnelle Kontakte betrifft. Das will ich nicht in Abrede stellen.
Aber die Maximierung der Wahrscheinlichkeit, dass eines Tages der seltene Moment eintritt, dass zwei Menschen sich begegnen, zwischen denen eine Liebesbeziehung entsteht, das tun wir nach meiner Einschätzung bei Gleichklang tatsächlich besser.
Und auf diesem Weg begleiten wir Sie gerne weiter:
▶ Zur Beziehungssuche bei Gleichklang
Weitere Links:


Ein Kommentar
Danke für deine Gedanken dazu. Ich finde es auch sinnvoll sich mit anderen Seiten oder Apps zu diesem Thema auseinanderzusetzen. Es sind Dinge die uns Menschen beeinflussen. Bewusstheit darüber bedeutet Freiheit und weniger unbewusste Anpassung oder Manipulation. Man kann dabei nur lernen und das hoffentlich im positiven Sinne für sich und andere. 😊