Wenn Liebe erwachsen wird

Warum nicht romantische Begeisterung, sondern Akzeptanz und Verlusttoleranz unser Wohlbefinden stärken

Eine psychologische Studie hat vor Kurzem in hochgradig frappierender Weise deutlich gemacht, dass gar nicht die Idealisierungs- und Exaltierungskomponenten der Liebe für unser Wohlbefinden tragfähig sind, sondern die Reife im Umgang mit Verlust, Enttäuschung, Eifersucht und Ambivalenz.

Die Studie im Überblick

Zwei Altersgruppen, sechs Dimensionen der Liebe und drei Formen des Wohlbefindens

Fernandes, Sousa, Conde, Silva und Ferreira haben im Journal Sexuality & Culture einen Artikel mit dem Titel “Exploring the Relationship between Capacity to Love and Well-being: A Comparative Study of Emerging Adults and Middle-aged Adults” (Erforschung des Zusammenhangs zwischen Liebesfähigkeit und Wohlbefinden: Eine vergleichende Studie bei jungen Erwachsenen und Menschen im mittleren Lebensalter) veröffentlicht.

Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen der Fähigkeit, zu lieben, und emotionalem, sozialem sowie psychologischem Wohlbefinden. Dazu wurden 535 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren befragt, davon 282 Personen im Alter von 18 bis 25 Jahren und 253 Personen im Alter von 45 bis 65 Jahren.

Alle füllten den Fragebogen zur Liebesfähigkeit nach Kernberg aus sowie zusätzlich einen Fragebogen zum emotionalen, sozialen und psychologischen Wohlbefinden.

Kernberg versteht die Kapazität, zu lieben, in sechs Dimensionen:

  • Interesse am Lebensprojekt von Partner:innen bedeutet die Bereitschaft, die Ziele, Werte und Zukunftspläne des Partners anzunehmen, sich mit ihnen zu identifizieren und sich über seine persönliche Entwicklung zu freuen.
  • Basic Trust bezeichnet eine grundlegende emotionale Sicherheit in der Beziehung, die Vertrauen in Partner:innen einschließt.
  • Dankbarkeit meint eine wertschätzende und bejahende Haltung gegenüber Partner:innen und der Beziehung.
  • Gemeinsames Ich-Ideal im Sinne der Bereitschaft, ein gemeinsames Leitbild zu sehen.
  • Permanenz sexueller Leidenschaft erfasst die Überzeugung, dass sexuelle Anziehung und Leidenschaft auch in langfristigen Beziehungen dauerhaft bestehen bleiben können.
  • Akzeptanz von Verlust, Trauer und Eifersucht bezeichnet die Fähigkeit, Trennungen, Zurückweisungen, Eifersucht und Beziehungskrisen emotional zu regulieren und integrieren zu können.

Mehr Enthusiasmus in jungen Jahren

Fünf Dimensionen mit höheren Werten bei den Jüngeren

In fünf der sechs Skalen erzielten Jüngere statistisch signifikant höhere Werte als Ältere. Dies betraf die Dimensionen Interesse am Lebensprojekt des Partners, Basic Trust, Dankbarkeit, gemeinsames Ich-Ideal sowie die Permanenz sexueller Leidenschaft.

In nur einer Dimension erzielten Ältere höhere Werte:

  • Akzeptanz von Verlust, Trauer und Eifersucht.

Sehen wir die Maße als echte Maße der Fähigkeit zu lieben, würde dies bedeuten, dass Jüngere mehr lieben können als Ältere.

Was führt aber nun zu Wohlbefinden?

Wohlbefinden wurde in drei Dimensionen erhoben:

  • Emotionales Wohlbefinden bezeichnet das subjektive Erleben von Glück, Lebenszufriedenheit und positiven Gefühlen im eigenen Leben.
  • Soziales Wohlbefinden beschreibt das Gefühl der sozialen Eingebundenheit, des Beitragens zur Gemeinschaft sowie der Wahrnehmung, dass soziale Beziehungen sinnvoll und stimmig sind.
  • Psychologisches Wohlbefinden meint die innere Selbstakzeptanz, Autonomie, persönliche Entwicklung, Sinnorientierung und die Fähigkeit, das eigene Leben wirksam zu gestalten.

Die Ergebnisse zeigen:

  • Ausschließlich Basic Trust und Akzeptanz von Verlust, Trauer und Eifersucht korrelieren positiv mit dem emotionalen Wohlbefinden.
  • Beim sozialen und psychologischen Wohlbefinden zeigt sich ein noch klareres Bild: Hier korreliert ausschließlich die Akzeptanz von Verlust, Trauer und Eifersucht positiv.
  • Alle übrigen Dimensionen zeigen keinen signifikanten Zusammenhang mit Wohlbefinden.

Wenn wir also wirklich von einer Fähigkeit zum Lieben sprechen wollen, die sechs Dimensionen umfasst, würde das bedeuten, dass ein Großteil dieser Kapazität, zu lieben, uns nicht unbedingt emotional glücklich, sozial integriert und selbstreguliert macht.

Begeisterung als Aktivierung

Komponenten wie Dankbarkeit, Vertrauen, gemeinsames Ich-Ideal und die Vorstellung dauerhaft erhaltener Leidenschaft können als Aktivierung eines starken Liebes- und Bindungswunsches verstanden werden.

Sie können aber zugleich Prozesse der Realität teilweise ausblenden – eine schnellere Begeisterung, eine optimistische Erwartung, eine Bereitschaft, zu sagen:

  • Obwohl wir uns unterscheiden, können wir glücklich werden.
  • Ich vertraue meinem Partner, obwohl ich vielleicht nicht ganz genau weiß, was in ihm abläuft.
  • Ich finde das Lebensprojekt meines Partners gut und spannend, obgleich es vielleicht nicht meinem eigenen Lebensprinzip entspricht.
  • Ich bin glücklich mit und dankbar für meinen Partner:in, obwohl objektiv Schwierigkeiten bestehen, die ich vielleicht nicht sehe.
  • Ich bin überzeugt, die Leidenschaft bleibt da, obgleich sie schon bald sinken wird – eine Erfahrung, die Ältere bereits gemacht haben.

All diese Prozesse können auch Ausdruck einer gewissen Naivität oder einer rosa Brille sein. Wundert es, dass diese bei Jüngeren stärker vorhanden sind?

Akzeptanz als Reifungsprozess

Ganz anders zu bewerten ist die Dimension der Akzeptanz von Verlust, Trauer und Eifersucht:

  • Diese Dimension ist keine Form von Naivität, Begeisterung oder Idealisierung, sondern Ausdruck von Lebenserfahrung, Integrationsfähigkeit und Emotionsregulation gegenüber Dingen, die wir uns nicht unbedingt wünschen, die aber eintreten.

Genau in diesem Bereich zeigen Ältere höhere Werte. Und genau dies zählt wirklich für das Wohlbefinden:

  • Je besser es gelingt, Verluste zu integrieren, Enttäuschungen anzunehmen und Eifersucht zu regulieren, desto höher sind emotionales, soziales und psychologisches Wohlbefinden.

Zwischen Euphorie und Realität ein Sowohl-als-auch finden

In meiner bisherigen Darstellung habe ich vorwiegend darauf hingewiesen, dass Ältere ein reiferes Liebesmodell haben, während Jüngere die Liebe stärker durch die rosarote Brille betrachten. Dies deckt sich tatsächlich mit den vorliegenden Befunden.

Es deckt sich jedoch oft nicht mit den Wünschen von Partnersuchenden, die sich auch im mittleren oder höheren Alter – wenn sie sich vielleicht gerade wegen der Partnersuche an ihr jugendliches Alter erinnern – Begeisterung und Euphorie zurückwünschen.

Tatsächlich können Gefühle von Verliebtsein und Begeisterung äußerst mobilisierend sein und für den unmittelbaren Moment ein hohes Glück vermitteln, auch wenn dieses Glücksgefühl für das langfristige emotionale, soziale und selbstregulatorische Wohlbefinden nicht tragend ist.

Jedoch liegt es in unserem Vermögen, statt eines Entweder-oder ein Sowohl-als-auch zu denken:

  • Gelingt es uns, die reife Verarbeitung von Verlusterfahrungen und die Integration der Wirklichkeit zu ermöglichen, wäre es optimal, wenn zusätzlich auch die stärker exaltierten, euphorisierenden Komponenten der Liebe zum Ausdruck kommen könnten.

Das Optimum besteht insofern darin, einerseits eine realitätsgerechte Grundakzeptanz zu erreichen und ausgehend von dieser – ohne tief zu fallen, wenn sich Dinge auf andere Art gestalten sollten – sich im Hier und Jetzt auf das positive romantische Erleben einlassen zu können.

Insofern können auch Jüngere von Älteren lernen, indem sie den Prozess der Reife nicht aufschieben, sondern ihrerseits sich bereits im aktuellen Hier und Jetzt bewusst machen, dass Begeisterung nicht vor Enttäuschung schützt. So können sie sich besser vor dem tiefen Fall schützen, der viele trifft, wenn die initiale rosarote Brille verloren geht.

Vergessen wir eines nicht:

  • Liebesglück ist eines der größten Glückserlebnisse, aber Liebesschmerz gehört seinerseits zu den größten seelischen Schmerzen.

Wenn wir dies berücksichtigen und auch sehen, dass die Mehrheit der Beziehungen scheitert, wundert der Befund nicht, dass am Ende das Wohlbefinden vor allem von unserer Reife und unserer Fähigkeit abhängt, belastende Erlebnisse zu verarbeiten und in Beziehungen auch unsere Eifersucht zu regulieren.

Warum eine realitätsgerechte Liebe tragfähiger ist

Die Befunde legen nahe, Abstand zu nehmen von einem hochgradig idealisierenden Bild der Liebe, das Verliebtheit, Euphorie und Verschmelzung in den Vordergrund stellt.

Die Vorstellung eines plötzlichen Pfeils, der uns trifft, die Liebe auf den ersten Blick, das Paradies unmittelbarer Glückseligkeit – all dies sind Konzepte, die nicht zwingend tragfähig sind.

Wenn wir ausschließlich an solchen Konzepten festhalten, übersehen wir möglicherweise die Chance auf eine stabilere, realitätsgerechtere Form der Partnerschaft.

Auch wenn die vorliegenden Daten querschnittlich sind und keine direkten Kausalbeziehungen belegen, stützen sie die Annahme, dass sich Liebeskonzepte im Lebensverlauf verändern – hin zu weniger euphorisierender Idealisierung und zu größerer Integrationsfähigkeit.

Gerade im mittleren und höheren Lebensalter kann Liebe ruhiger sein, ohne an Bedeutung zu verlieren.

Konsequenz für Dating und Partnersuche

Ein psychologisches Matchingsystem – wie bei Gleichklang – kommt diesem Ansatz entgegen, indem grundlegende Lebenskompatibilitäten stärker berücksichtigt werden. Vermutlich ist dies auch der Grund, warum sich bei Tinder und Co. vorwiegend junge und ganz junge Leute bewegen, bei Gleichklang aber eher Menschen im mittleren oder höheren Alter – wobei ich mir wünschen würde, dass auch Jüngere vermehrt Gleichklang nutzen.

Vermutlich könnten so einigen Leiderfahrungen erspart bleiben, und ihre Beziehungen würden möglicherweise ein Stück weit weniger euphorisierend (obgleich auch das eintreten kann), dafür aber stabiler und tragfähiger verlaufen.

Liebe ist nicht ausschließlich ein unvorhersehbares Ereignis. Sie ist gestaltbar. Und jene Form der Liebe, die Verluste integrieren kann, scheint langfristig die stabilere Grundlage für Zufriedenheit zu bilden.

Je besser es uns dabei gelingt, Menschen kennenzulernen, die tatsächlich kompatibel sind, desto weniger werden wir auf die Fähigkeit zurückgreifen müssen, Verluste zu integrieren. Desto mehr können wir uns – zusätzlich – auch den idealisierenden Blick durch die rosa Brille auf unsere Partnerinnen und Partner leisten, ohne uns dadurch zu gefährden.

Wie sind Ihre Gedanken und Erfahrungen hierzu? Bitte lassen Sie es mich unten in den Kommentaren wissen.

Auf jeden Fall begleiten wir Sie gerne weiterhin bei Gleichklang auf dem Weg zu einer nachhaltigen Beziehung:

Zur Beziehungssuche bei Gleichklang

Weitere Links:

4 Kommentare

  • Sabine Erbach sagt:

    Ich habe jetzt dreimal einen netten Partnervorschlag angeschrieben. In meiner Altersgruppe. Ich glaube, die suchen jüngere Frauen. Ich bekomme nichts zurück. Insgesamt finde ich das sehr enttäuschend. Ich bin bei Gleichklang

    • Guido F. Gebauer sagt:

      Hallo Sabine,

      ja, das ist immer enttäuschend, wenn jemand nicht antwortet.

      Da Du Deine E-Mail angegeben hast, habe ich einmal in den Statistiken nachgeschaut. Du hast nur eine Person angeschrieben, hast beim ersten Mal eine Antwort erhalten, beim zweiten Mal aber noch nicht.

      Kann es sein, dass Du eine Nachricht absenden wolltest, es aber irgendwie doch nicht getan hast? Denn es gibt tatsächlich keine an diese Person.

      Ich würde ruhig raten, noch einmal bei der einen Person nachzufragen und auch direkt, ob ein Interesse an einem Kennenlernen besteht.

  • Udo Wolf sagt:

    Lieber Herr Gebauer,

    diese Darstellung gefällt mir sehr gut. Ich plane eine Gruppe zum Thema „Ü50 – Partnerschaft. Warum tun wir uns so schwer.“ Da passen diese Inhalte wunderbar. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir den gesamten Text als WORD-Dokument zusenden könnten.

    Allerbesten Dank

    • Guido F. Gebauer sagt:

      Sende ich Ihnen gerne heute Abend zu. Vielleicht tragen Sie die Gruppe auch in der Gemeinschaftsliste bei Gleichlang ein.

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