Persönlichkeitsdynamiken und Beziehungszufriedenheit

Persönlichkeit, Ähnlichkeit und Beziehungszufriedenheit

Im Jahr 2021 wurde eine sehr interessante Studie mit Paaren in Brasilien und Tschechien veröffentlicht, die folgenden Fragen nachging:

  • Wie wirkt sich meine eigene Persönlichkeit auf meine Beziehungszufriedenheit aus?

  • Wie wirkt sich die Persönlichkeit meiner Partner:innen auf meine Beziehungszufriedenheit aus?

  • Welche Rolle spielen Diskrepanzen zwischen der idealen und der tatsächlichen Persönlichkeit meiner Partner:innen für meine Beziehungszufriedenheit?

  • Welchen Einfluss hat die objektive Persönlichkeitsähnlichkeit zwischen Partner:innen auf ihre Beziehungszufriedenheit?

Zur Erfassung der Persönlichkeit wurde ein standardisierter Fragebogen eingesetzt, der die Persönlichkeitsmerkmale Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität (Neurotizismus) und Offenheit für neue Erfahrungen  erhob. Dieser Bogen wurde unabhängig voneinander von beiden Partner:innen eines Paares jeweils ausgefüllt.

Zur Erfassung der Ideal-Realitäts-Diskrepanzen von Partner:innen wurde die Differenz zwischen der von den Teilnehmenden berichteten Vorstellung idealer Partner:innen in eben diesen Persönlichkeitsmerkmalen und der tatsächlichen  Persönlichkeit berechnet.

Außerdem wurde die Beziehungszufriedenheit über eine standardisierte Skala erhoben.

So waren die Ergebnisse

Wie wirkten sich nun die Persönlichkeit der eigenen Person, Persönlichkeit der Partner:innen und die wahrgenommenen Diskrepanzen zwischen der idealen und der wirklichen Persönlichkeit von Partner:innen, sowie die Persönlichkeitsähnlichkeit auf die Beziehungszufriedenheit aus?

Die Autor:innen konnten folgende Zusammenhänge sichern:

  • Eigene Persönlichkeit: Die eigenen Persönlichkeitsmerkmale sagten die eigene Beziehungszufriedenheit vorher. Günstig für die eigene Beziehungszufriedenheit waren spezifisch soziale Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und Offenheit für neue Erfahrungen.
  • Partnerpersönlichkeit: Die Merkmale des Partners erklärten zusätzlich zur eigenen Persönlichkeit einen weiteren Teil der eigenen Beziehungszufriedenheit. Auch hierbei waren es soziale Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und Offenheit für neue Erfahrungen, die sich günstig auswirkten.
  • Ideal-Realitäts-Diskrepanz: Es zeigte sich zwar insgesamt ein – allerdings inkonsistenter – kleiner Effekt bei Einbezug der Ideal-Realitäts-Diskrepanzen auf die Zufriedenheit, aber dieser war letztlich nicht signifikant größer, als wenn nur die Persönlichkeitsmerkmale an sich berücksichtigt wurden. Mit anderen Worten: Die Ideal-Realitäts-Diskrepanzen sind weitgehend unwichtig, wenn wir die Auswirkungen der eigenen Persönlichkeit und die des Partners bereits berücksichtigen.
  • Objektive Ähnlichkeit: Die Ähnlichkeit zwischen der eigenen Persönlichkeit und der des Partners erbrachte nur einen minimalen Effekt, wobei auch hier die Ähnlichkeit nicht mehr signifikant mehr bewirkte, als wenn ausschließlich die Persönlichkeit betrachtet wurde und die Ähnlichkeit nicht einbezogen wird.

Es ergibt sich also das Folgende:

  • Egal, ob ich selbst verträglich bin oder nicht und ob ich mir einen verträglichen Partner:in wünsche oder nicht; im Durchschnitt wirkt sich ein verträglicher Partner positiv aus.
  • Treffen also zwei Verträgliche aufeinander, ist das sehr hilfreich, es ist aber wegen der Ähnlichkeit, sondern es sind die separaten Effekte der Verträglichkeit beider Partner:innen.
  • Treffen zwei Unverträgliche aufeinander, ist die Ähnlichkeit hoch, aber das Unglück eben auch, weil sich beide Unverträglichkeiten umso ungünstiger auswirken.

Was können wir aus diesen Befunden lernen?

Unsere eigene Persönlichkeit hat Auswirkungen darauf, wie zufrieden wir in unseren Beziehungen sind – und zwar unabhängig von der Persönlichkeit unserer Partner:innen. Das ist wichtig zu wissen. Früher dachte man, dass Persönlichkeiten lebenslang stabil werden. In Wirklichkeit bleiben sie nur relativ stabil, was bedeutet, dass zentrale Wesenszüge dann erhalten bleiben, wenn sich nicht etwas Grundlegendes in unserem Leben tut, also wenn weder besondere, persönlichkeitsändernde Ereignisse eintreten noch wir die Initiative ergreifen, um eine Änderung herbeizuführen.

Die klarsten Belege für die Möglichkeit intendierter Persönlichkeitsänderungen liefern Studien zu den Auswirkungen von Therapien auf Persönlichkeitsmerkmale:

  • So zeigte eine Studie, dass Patient:innen mit generalisierter Angststörung im Verlauf der Behandlung ihren Neurotizismus erniedrigten, ihre Extraversion und Offenheit für Erfahrungen erhöhten und auch Aspekte von Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit steigerten.

Aber wir müssen dazu nicht in Therapie gehen:

  • Nach einer Studie aus dem Jahr 2015 genügt es sogar, wenn wir uns vornehmen, uns in einem bestimmten Persönlichkeitsmerkmal zu ändern. Diejenigen, die es sich in der Studie vornahmen, erreichten in der Regel innerhalb weniger Monate deutliche Veränderungen.

Eigeninitiative und Lebensstiländerungen verändern uns also nicht nur an der Oberfläche, sondern können unsere grundlegenderen Handlungs- und Erlebens­tendenzen modifizieren.

Selbstentwicklung fördert Beziehungszufriedenheit

Wie wir gesehen haben, wirken Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und Offenheit günstig und Neurotizismus ungünstig auf unsere Beziehungszufriedenheit. Diese Befunde sind vermutlich nicht nur Korrelationen, denn es lässt sich sehr plausibel erklären, warum sich Unverträglichkeit, mangelnde Gewissenhaftigkeit, emotionale Instabilität und konventionell-dogmatische Grundhaltungen ungünstig auf die Beziehungszufriedenheit auswirken können.

Es lohnt sich daher, daran zu arbeiten (je nach unserer Ausgangskonstellation), ein Mehr an Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit für Erfahrungen und emotionaler Stabilität zu erreichen. Tun wir dies, tun wir nicht nur etwas für unser Single-Selbst, sondern auch für unsere Zufriedenheit in aktuellen und künftigen Beziehungen.

Allgemeine Merkmale für Partnerwahl wenig hilfreich

Wir haben gesehen, dass sich auch die Persönlichkeit des Partners auf unsere Zufriedenheit auswirkt. Einfach Personen aufgrund ihrer Persönlichkeit auszuschließen, mag allerdings voreilig sein. Schließlich können nicht nur wir uns verändern, auch Partner:innen können dies und wir können dies ebenfalls gemeinsam tun.

Zudem ist Persönlichkeit insgesamt übrigens nur ein moderater Einfluss. Viele andere Faktoren können viel wichtiger sein und womöglich sich ungünstig auswirkende Persönlichkeitsbesonderheiten kompensieren.

Kein Effekt der Ideal-Realitäts-Diskrepanzen

Was bedeutet es aber, dass die Autor:innen keinen konsistenten Effekt der Ideal-Realitäts-Diskrepanzen auf die Beziehungszufriedenheit fanden?

  • Ist das nicht ein Widerspruch zu unserer Gleichklang-Philosophie, dass wir Menschen zusammenbringen möchten, deren Grundüberzeugungen und Werte zueinander passen?

Auf den ersten Blick ja, auf den zweiten nein:

  • Denn in dieser Studie bezogen sich die Ideal-Realitäts-Diskrepanzen auf die allgemeinen Big-Five-Persönlichkeitsmerkmale wie Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und Offenheit. Ich würde hierfür keine großen Effekte erwarten. Letztlich sind wir nicht zufriedener oder unzufriedener, weil unsere Partner oder unsere Partnerin etwas weniger oder etwas mehr verträglich sind, als wir es idealerweise wünschen, sondern weil es in konkreteren oder auch fundamentaleren Aspekten gemeinsames positives oder negatives Erleben gibt.

Die hier erfassten Diskrepanzen greifen nicht in die Tiefe unseres konkreten Beziehungslebens ein. Ich wünsche mir vielleicht jemanden, der besonders humorvoll ist – das ist mein:e Partner:in nicht, dafür aber ziehen wir im Leben an einem Strang und unsere Partnerschaft ist ein gemeinsames Projekt.

Nur die fundamentalen Lebensmodelle zählen

Somit komme ich zum wesentlichen Thema meines heutigen Artikels:

  • Für eine tragfähige und glückliche Beziehung brauchen wir keine Liste allgemeiner erwünschter Eigenschaften zu führen. Ich wünsche mir einen humorvollen, ehrlichen, intelligenten Partner:in. Das sind für die eigentliche Partnerfindung zunächst wenig aussagekräftige, sehr allgemeine  Kriterien – es sei denn ich bin z. B. tatsächlich sapiosexuell, was eine kleine Minderheit der Menschen ist. Diese wird durch die Intelligenz einer anderen Person (nicht durch die eigene Intelligenz!) so stark angezogen, dass dies für sie zur Quelle sexueller und romantischer Erfüllung wird.  Ist dies der Fall (wohlgemerkt, das gilt nur für wenige), wird Intelligenz nicht mehr zu irrelevanten Ideal-Realitäts-Diskrepanzen, sondern zum zentralen Steuerungsprinzip unserer Erfüllungsmöglichkeiten in einer Beziehung.

Damit sind wir auch bei der Theorie, die wir bei Gleichklang zugrunde legen:

  • Nur dort, wo es tatsächlich in das Zentrum unseres Seins eingreift, ist Übereinstimmung hilfreich. In allen anderen Bereichen sollten wir Unterschiede akzeptieren.

Genau hierzu habe ich einen hochinteressanten eigenen Befund aus unserer eben abgeschlossenen Umfrage mit 2100 Veganer:innen, von denen gut 1300 in einer Beziehung waren.

(Das Thema ist übrigens alles andere als nur für Veganer:innen wichtig. Vegan bedeutet in diesem Fall einfach nur eine zentrale Grundhaltung im Leben. Es eignet sich daher hervorragend als Beispiel, um besser zu verstehen, welche Übereinstimmungen zentral sind in Beziehungen und auf welche wir gerne verzichten können und daher auf sie auch bei der Partnersuche nicht zu achten brauchen.)

Kurz zusammengefasst ist das Ergebnis:

  • Im Durchschnitt sind Veganer:innen zufriedener mit ihren Beziehungen, wenn Partner:innen auch vegan sind, weniger, wenn Partner:innen vegetarisch sind, und am wenigsten, wenn Partner:innen Fleisch essen.

Soweit so gut, aber der eigentlich spannende Effekt ist ein anderer:

  • Der Effekt gilt nur für die Veganer:innen, für die es wichtig ist, dass ihre Partner:innen vegan leben. Demgegenüber waren diejenigen Veganer:innen sogar leicht zufriedener mit einem fleischessenden Partner als mit einem vegan lebenden, die angaben, Partner:innen dürften auch gerne Fleisch essen. Der Effekt kehrte sich hier also sogar um!

Woran liegt es?

  • Vermutlich haben Veganer:innen, denen die Ernährung ihrer Partner:innen komplett egal ist, Grundmuster, die sie mehr mit Fleischessenden als mit vielen veganen Personen verbindet. Also werden sie auch mit Ersteren glücklicher.
  • Die Übereinstimmung ist demnach nicht allgemein wichtig, sondern nur dann, wenn sie wirklich als wichtig erlebt wird.

So gelangen wir zu dem zentralen Prinzip, welches wir für die Partnerfindung empfehlen und auch bei Gleichklang umsetzen:

  • Nicht das Merkmal an sich ist für die Partnersuche entscheidend, sondern wie tiefgreifend ein Merkmal in unseren Alltag eingreift und wie zentral es für unser mögliches Glückserleben oder Leiderleben ist, wenn ein Merkmal übereinstimmt oder nicht übereinstimmt.

Vergessen wir also all die Listen eher oberflächlicher oder alltäglicher gewünschter oder nicht gewünschter Merkmale und fokussieren wir uns allein auf die (typischerweise wenigen) Grundkerne, die das Fundament unserer Beziehung bilden können.

In Wirklichkeit können wir nämlich mit vielen Menschen, wenn wir dies gemeinsam wollen, eine gute Zusammenkunft finden, sodass es Sinn ergibt, Auswahl nicht zu überdehnen, sondern auf den Kern dessen, was uns ausmacht und was wir wollen, einzugrenzen.

Ich finde das im Gesamten eine wunderbare Botschaft, die uns allen Beziehungsfindung und Beziehungsgestaltung erleichtern kann und uns gleichzeitig den Raum und die Motivation gibt, an der Entwicklung unserer eigenen Person zu arbeiten.

Es geht darum, auf einen Kern zu achten, aber in einem weiten Feld mit Offenheit auf Menschen zuzugehen – mit all ihren Unterschieden. Gerne begleiten wir Sie bei Gleichklang auf diesem Weg:

▶ Zur Beziehungssuche bei Gleichklang

Weitere Links:

Informationen zum Coaching:

Einzeltermine für ein Coaching können Sie jederzeit über meine Website vereinbaren. Wie überall gilt auch für das Coaching unser Grundsatz, dass bei Gleichklang niemand an finanziellen Engpässen scheitern soll. Das Coaching-Honorar kann daher ohne Probleme auch in niedrigen Monatsraten beglichen werden.

Ein Kommentar

  • Sven sagt:

    Hallo Guido, nach meiner eigenen Erfahrung ist vor allem ein ähnlich hohes Energielevel wichtig. Das schlägt alles. Lernt man einen Menschen mit einem ähnlichen Energielevel kennen, dann kommen andere Ähnlich- bzw. Gemeinsamkeiten erst richtig zum Tragen. Umgekehrt lässt uns ein Unterschied im Energielevel unzufrieden zurück, egal wie viele Gemeinsamkeiten man hat. Das ist ja auch irgendwie verständlich, denn gerade im Alltag zeigt sich, wie energisch man an Probleme, aber auch Planungen und alltägliche Dinge heran geht. Ich weiß nicht, ob es dazu schon Studien gibt, aber wenn nicht, dann sollte man das in Erwägung ziehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert