Sichere Bindung, vermeidende Bindung, ängstliche Bindung und Partnersuche

Lesbisches Paar mit ängstlicher und vermeidender Bindung.

Wie ängstliche Bindung, vermeidende Bindung und sichere Bindung das Verhalten im Online-Dating prägen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben

In diesem Artikel beleuchte ich, wie sich sichere, vermeidende und ängstliche Bindung auf die Partnersuche auswirken.

Hierfür fahren wir mit der Auswertung unserer großen Gleichklang-Umfrage 2026 fort. Dabei sehen wir bedeutsame Zusammenhänge, die meiner Ansicht nach einen Teil der Probleme bei der Partnersuche erklären können.

Übrigens decken sich diese Befunde auch mit dem weltweit verbreiteten Phänomen des Ghostings beim Online-Dating, auf dessen Gründe und Bewältigungsmöglichkeiten ich in meinem neuen → Video „Warum Ghosting – eine psychologische Analyse“ eingehe:

  • Aus Angst und Unsicherheit greifen manche zu Ghosting, andere aus Angst vor Nähe. Kennen wir diese Mechanismen, können wir so persönliches Umsteuern und Wachstum erreichen, woraus Beziehungen entstehen können.

In meinem heutigen Artikel gehe ich nicht nur auf die Zusammenhänge zwischen Bindungsstil und Partnersuche ein, sondern zeige abschließend auch signifikante Handlungsimplikationen auf, wie wir zu Bindungssicherheit und Beziehung gelangen können.

Bindungsstile bei der Partnersuche

In unserer letzten Gleichklang-Umfrage, deren Auswertung mit diesem Artikel fortgesetzt wird, wurden den Mitgliedern u. a. die beiden folgenden zentralen Aussagen zur Beurteilung vorgelegt:

  • Ich klammere in Beziehungen, habe Verlustangst, brauche die ständige Nähe von Partner:innen.
  • Nähe wird mir schnell zu viel und ich gehe Bindung aus dem Weg.

Die Beantwortung erfolgte auf einer fünfstufigen Skala (starke Ablehnung, Ablehnung, weder noch, Zustimmung, starke Zustimmung).

Beide Fragen erfassen jeweils einen zentralen Bindungsstil:

  • Ängstlich-klammernde Bindung mit Verlustängsten und der Suche nach ständiger Rückversicherung
  • Vermeidende Bindung, bei der Nähe schnell als zu viel erlebt wird, als Eindringen in den eigenen Freiraum.

Der Gegenpol zu diesen beiden Bindungsstilen ergibt sich aus ihrer Abwesenheit:

  • Wer weder ängstlich noch vermeidend gebunden ist, zeigt eine sichere Bindung.

Clusteranalyse bestätigt drei Bindungsgruppen

Eine Clusteranalyse (Two-Step) über die Antworten der insgesamt 1279 Befragten (darunter 753 Frauen, 505 Männer und 21 nicht-binäre Personen) ergab eine sehr gut passende Drei-Cluster-Lösung.

Dabei werden Personen statistisch in ein Cluster eingeteilt, wenn sie miteinander mehr verbindet als mit anderen und sie sich entsprechend von den anderen Clustern unterscheiden.

Das sind die Ergebnisse:

  • Cluster 1 (19,3 %): Ängstlicher Bindungsstil bei überdurchschnittlich hoher Zustimmung zu Klammern und Verlustangst, keiner Zustimmung zur Bindungsvermeidung.
  • Cluster 2 (43,7 %): Sicherer Bindungsstil mit Ablehnung sowohl von Klammern als auch von Bindungsvermeidung.
  • Cluster 3 (37 %): Vermeidender Bindungsstil mit Bejahung von Bindungsvermeidung, aber Verneinung von Klammern.

Diese Tabelle zeigt die Verteilung der Häufigkeit der drei Bindungsstile in Abhängigkeit vom Geschlecht:

Bindungsstil Frauen (%) Männer (%) Nicht-binär (%)
Ängstlich 21,4 17,7 28,6
Sicher 46,9 42,0 28,6

Vermeidend

31,7 40,4 42,9

Die Befunde zu nicht-binären Personen sind aufgrund der geringen Fallzahl statistisch schwer bewertbar. Die Prüfung der Signifikanz der Unterschiede zeigt letztlich nur einen bedeutsamen Unterschied:

  • Männer sind häufiger vermeidend orientiert als Frauen. Alle anderen Unterschiede können als Zufallsfluktuationen bewertet werden.

Mir geht es nun aber im heutigen Artikel nicht um diese eher geringen Geschlechtsunterschiede, sondern um die Auswirkungen, die unser Bindungsstil auf unseren Zugang zur Partnersuche und speziell zur Partnersuche bei Gleichklang hat.

Partnersuchende mit unterschiedlichen Bindungsstilen

Um die drei Bindungsgruppen im Hinblick auf Herausforderungen ihrer Partnersuche vergleichen zu können, gaben die Teilnehmenden erneut auf einer fünfstufigen Skala Selbsteinstufungen zu den folgenden 12 Aussagen an:

  • Möchte frei sein und flirten können.
  • Habe genug zu tun.
  • Habe viele persönliche Verpflichtungen.
  • Fürchte, dass ich verletzt werden könnte.
  • Ich habe Angst vor den Veränderungen, die mit einer Beziehung einhergehen.
  • Kann nicht vertrauen.
  • Entwickele keine Liebesgefühle.
  • Ich finde Online-Dating vor allem anstrengend.
  • Der Gedanke an eine Beziehung ist mir zu anstrengend.
  • Die Mehrheit der Vorschläge schreibe ich aktiv von mir aus an.
  • Ich bin aufgeschlossen, mich bald zu treffen.
  • Wenn ich in mich gehe, erkenne ich, dass ich Partnerfindung und Beziehung vermeide.

Unterschiedliche Antworten der drei Bindungs-Cluster

Einfluss von Geschlecht/Gender?

Wie wirken sich nun die drei Bindungsstile konkret auf die Zustimmung oder Ablehnung zu diesen Grundaussagen aus? Und hängen die Auswirkungen ggf. vom Geschlecht ab?

Die letzte Frage kann klar verneint werden;:

  • In der statistischen Analyse (multivariate Varianzanalyse) zeigte sich keine Interaktion zwischen der Zugehörigkeit zu einem der drei Bindungsstil-Gruppen und dem Geschlecht. Das bedeutet: Egal, ob ich Frau, Mann oder nicht-binär bin, die Auswirkungen des Bindungsstils sind statistisch die gleichen.

Damit replizieren wir einen Befund, der sich mittlerweile in weiten Teilen der Psychologie immer wieder zeigt:

  • Zwar gibt es gewisse Mittelwertunterschiede zwischen Männern und Frauen, aber die entscheidenden psychischen Prozesse und Auswirkungen sind in hohem Ausmaß vergleichbar zwischen allen Geschlechtern und Gendern.

Wir sind uns viel ähnlicher als unähnlich:

Die Geschlechterauswirkungen sind zwar nicht mein Hauptinteresse in diesem Artikel, aber trotzdem ist es wichtig, diesen Befund zu berücksichtigen:

  • Denn vielfach neigen auch Teilnehmende beim Online-Dating – ich sehe das in Kommentaren zu meinen YouTube-Videos und auch zu Blogartikeln – dazu, Unterschiede zwischen Geschlechtern und Gendern massiv zu übertreiben. Das steht dem Erfolg der Partnerfindung, insbesondere im heterosexuellen Bereich, entgegen. Wie sollen Frauen und Männer eine Beziehung miteinander führen, wenn sie sich wie von verschiedenen Planeten wahrnehmen? Die gute Nachricht: Sie sind es nicht.

Die Ergebnisse zeigen, dass das Geschlecht die Zusammenhänge zwischen Bindungsstil und Selbsteinschätzungen in der Partnersuche und in Beziehungen nicht beeinflusst. Das bedeutet jedoch nicht, dass es überhaupt keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt.

Tatsächlich zeigen sich in mehreren Bereichen statistisch nachweisbare Unterschiede. Frauen schätzen sich im Durchschnitt in vielen Bereichen etwas ungünstiger ein, während Männer sich etwas positiver einschätzen.

Entscheidend ist jedoch die Größe dieser Unterschiede. Die Effektstärken liegen durchgehend im kleinen bis unteren mittleren Bereich. Es handelt sich also nicht um starke oder drastische Differenzen, sondern um eher moderate Verschiebungen in den Durchschnittswerten.

Das bedeutet konkret:

  • Männer und Frauen unterscheiden sich zwar im Mittel ein Stück weit, aber die Unterschiede sind deutlich kleiner als die Gemeinsamkeiten. Die meisten Männer und Frauen ähneln sich stark, und die Überschneidungen zwischen beiden Gruppen sind erheblich größer als die durchschnittlichen Unterschiede.

Ich gehe im Folgenden auf die Mittelwertunterschiede zwischen den Geschlechtern nicht ein, weil der Fokus meines Artikels darauf liegt, wie sich Bindungsstile auf relevante Merkmale unserer Partnersuche und unseres Beziehungslebens auswirken. Genau dies tun sie jedoch unabhängig vom Geschlecht in vergleichbarer Art und Weise.

Assoziationen zwischen Bindungsstilen und Partnersuche

Damit komme ich nun zu den eigentlich interessanten Befunden.

Wie unterscheiden sich Menschen mit sicherer Bindung von Personen mit ängstlicher oder vermeidender Bindung?

Gleiche Wirkrichtung ängstlicher und vermeidender Bindung

Es lassen sich mehrere Selbsteinstufungen identifizieren, bei denen ängstlich gebundene Personen (Cluster 1) und vermeidend gebundene Personen (Cluster 3) sich in gleicher Richtung von sicher gebundenen Personen (Cluster 2) unterscheiden.

  • Partnersuchende mit ängstlicher und vermeidender Bindung fürchten sich davor, bei der Partnersuche verletzt zu werden

Grafik zu Zusammenhängen von Bindungsstilen und Angst vor Verletzung

  • Partnersuchende mit ängstlicher und vermeidender Bindung schildern Vertrauensprobleme.

Grafik, die die Zusammenhänge zwischen Bindungsstilen und Problemen, zu vertrauen, zeigt.

  • Partnersuchende mit ängstlicher und vermeidender Bindung erleben Partnersuche als anstrengend.

Grafik, die die Zusammenhänge zwischen Bindungsstilen und erlebter Anstrengung bei der Online-Partnersuche zeigt.

  • Partnersuchende mit ängstlicher und vermeidender Bindung erleben den Gedanken an eine Beziehung als anstrengend.

Grafik, die die Zusammenhänge zwischen Bindungsstilen und erlebter Anstrengung des Gedankens an eine Beziehung zeigt.

  • Partnersuchende mit ängstlicher und vermeidender Bindung haben Angst vor Veränderungen, die mit einer Beziehung verbunden sind.

Grafik, die die Zusammenhänge zwischen Bindungsstilen und erlebter Angst vor Veränderungen durch eine Beziehung zeigt.

  • Partnersuchende mit ängstlicher und vermeidender Bindung, die angeben, letztlich die Beziehungsfindung zu vermeiden.

Grafik, die die Zusammenhänge zwischen Bindungsstilen und der Vermeidung einer Beziehung zeigt.

  • Partnersuchende mit ängstlicher und vermeidender Bindung sind seltener aufgeschlossen, sich bald zu treffen, als Personen mit sicherer Bindung.

Grafik, die die Zusammenhänge zwischen Bindungsstilen und der Aufgeschlossenheit, sich bald zu treffen, zeigt.

  • Partnersuchende mit ängstlicher und vermeidender Bindung geben an, Probleme zu haben, Liebesgefühle zu entwickeln. (Dieser Effekt zeigt sich nur bei Männern mit ängstlicher Bindung. Allerdings ist dieser Geschlechtereffekt eher eine Zufallsschwankung, da – wie dargestellt – die Interaktion zwischen Geschlecht und Bindungsstil die Signifikanz verfehlte. Insgesamt fällt bei allen anderen Selbsteinschätzungen eher die frappierende Parallelität der Effekte zwischen Männern und Frauen auf.)

Grafik, die die Zusammenhänge zwischen Bindungsstilen und Problemen, Liebesgefühle zu entwickeln, zeigt.

Die Ergebnisse zeigen konsistent:

  • Sowohl ängstliche als auch vermeidende Bindung gehen im Vergleich zu sicherer Bindung mit mehr Angst, weniger Vertrauen und stärkerer Belastung sowie Vermeidung im Kontext von Partnersuche und Beziehung einher.
  • Die Effekte sind teilweise stärker bei der vermeidenden Bindung als bei der ängstlichen Bindung.

Spezifische Einflüsse von vermeidender Bindung

Es gibt zudem weitere Auswirkungen, die wir im Vergleich zu sicherer Bindung nur bei vermeidend gebundenen Personen, nicht aber bei ängstlich gebundenen Personen sehen:

  • Partnersuchende mit vermeidender Bindung geben öfter an, frei sein und flirten zu wollen.

  • Partnersuchende mit vermeidender Bindung geben häufiger an, genug zu tun zu haben.

Grafik, die die Zusammenhänge zwischen Bindungsstilen und dem Erleben, genug zu tun zu haben, zeigt.

  • Partnersuchende mit vermeidender Bindung geben häufiger an, viele persönliche Verpflichtungen zu haben.

Grafik, die die Zusammenhänge zwischen Bindungsstilen und dem Erleben vieler persönlicher Verpflichtungen zeigt.

  • Partnersuchende mit vermeidender Bindung schreiben seltener die Mehrheit der Vorschläge aktiv von sich aus an. (Der Unterschied zwischen ängstlicher und sicherer Bindung ist nicht signifikant, aber der Unterschied zur vermeidenden Bindung ist für beide signifikant.)

Grafik, die die Zusammenhänge zwischen Bindungsstilen und der aktiven Kontaktaufnahme zeigt.

Stärkere Assoziation des ängstlichen Bindungsstils

Bei nur einer der 12 Selbsteinschätzungen wird diese von Personen mit ängstlicher Bindung in die ungünstige Richtung noch häufiger bejaht als von Personen mit vermeidender Bindung – und jeweils am seltensten von Personen mit sicherer Bindung:

  • Ich habe Angst vor den Veränderungen, die mit einer Beziehung einhergehen.

Was ergibt sich aus dem allen für ein Bild?

Die hier dargestellten inhaltlichen Einstellungen, Verhaltensweisen oder Erlebnisweisen sind theoretisch eng mit der Partnersuche und auch ihrem Erfolg verbunden. Wir sehen, dass sich in besonders hohem Ausmaß bei den Personen mit vermeidender Bindung viele gerade gegen eine Partnerfindung zur Wehr setzen:

  • Sie überladen sich mit anderen persönlichen Verpflichtungen und betonen, genug zu tun zu haben, schreiben nicht von sich aus an und gehen Begegnungen aus dem Weg. Sie erleben Beziehungen als anstrengend, nehmen nur eingeschränkt Liebesgefühle wahr und meinen, solche nicht entwickeln zu können, denken aber auch darüber nach, ob sie lieber frei sein und flirten wollen. Sie fürchten Verletzung durch Beziehungen.

In verwandter Weise wirkt sich auch die ängstliche Bindung aus, die eher Verlustängste beinhaltet, aber sie tut dies insgesamt typischerweise schwächer als die vermeidende Bindung:

  • Die Differenzierung sehen wir unter anderem darin, dass Personen mit ängstlicher Bindung sehr wohl aktiv in Kontakt treten, nur gehen sie dann der realen Begegnung eher aus dem Weg. Zudem unterscheiden sie sich nicht von sicher Gebundenen bei dem Wunsch, frei zu sein, sie überladen sich nicht mit anderen Verpflichtungen, bewerten Kandidat:innen nicht a priori als langweilig.

Trotz weniger oder möglicherweise weniger negativer Auswirkungen ist die Konstellation der ängstlichen Bindung dennoch ungünstiger als bei sicher Gebundenen, und vor allem geben sie eine Auswirkung sogar noch stärker an als vermeidend Gebundene, nämlich die manifest erlebte Angst vor Veränderungen, die mit einer Beziehung einhergehen.

Was wir von Gleichlang-Mitgliedern hören

Ich finde diese Befunde spannend, wenn ich sie vergleiche mit dem, was wir in unseren Umfragen bei anderen Fragen finden, was unser Support von Mitgliedern erfährt und was ich regelmäßig im Coaching beobachte.

Ich greife nur kursorisch drei Aspekte heraus, die sicherlich plastisch deutlich machen, dass dies relevant ist und der Bindungsstil manchmal in der Lage ist, unsere Selbstreflexion außer Kraft zu setzen:

  • Die Frage, ob mir Nähe zu schnell zu viel wird, hängt auch damit zusammen, dass ich keine Aktivitäten entfalte. Als Grund hierfür hören wir bei Gleichklang relativ oft „Alle Vorschläge passen nicht“. Hinter dieser Wahrnehmung kann sich ebenfalls eine vermeidende Haltung verbergen. Natürlich kann es auch unpassende Vorschläge geben. Es können nicht alle relevanten Merkmale erfasst werden, und womöglich liegen trotz aller unserer Bemühungen besondere Konfigurationen vor, die wir nicht ausreichend erfassen können. Bleibt es aber dabei, dass alle Vorschläge nicht passen, liegt meist doch eine vermeidende Haltung dahinter. Wenn ich dann im Coaching einmal gemeinsam Vorschläge mit ihnen durchgehe, wird rasch deutlich, dass besonders stark nach Unpassungen gesucht wird, um damit sofort die Angst vor Nähe – die übrigens oft nicht als manifeste Angst, sondern eher als Störung oder Irritation erlebt wird – zu reduzieren, indem die Partnerfindung unmöglich gemacht wird. Das lässt sich manchmal erstaunlich rasch auflösen oder zumindest bedeutsam mindern.

  • Ebenso zeigt sich in unseren Daten, dass die starke Ablehnung von weiteren initialen geografischen Distanzen besonders oft von Personen geäußert wird, die gleichzeitig auch Fragen zur vermeidenden Bindung bejahen. Es wird psychisch offenbar geradezu nach Gründen gesucht, nein zu sagen und die eigene Partnerfindung zu sabotieren.
  • Die Angst vor der eigenen Courage, wenn es ernst werden könnte, begegnet uns bei vermeidend gebundenen, aber auch bei Personen mit ängstlicher Bindung immer wieder. Plötzlich erscheint ein mögliches Treffen bedrohlich, Sorgen aktivieren sich, dass Veränderungen überfordern oder belasten könnten. Ein Rückzug in letzter Minute oder ein Hinausschieben sind typische Folgen.

Personen mit sicherer Bindung zeigen demgegenüber eine insgesamt höhere Gelassenheit bei der Partnersuche, eine optimistischere Grundhaltung, weniger Zweifel und Dissonanzen. Sie sind eher tatsächlich offen, in dem Moment „Ja“ zu sagen, wenn eine Beziehung entstehen kann.

Häufigkeitsverhältnisse der Bindungsstile

  • Die größte Gruppe in der aktuellen Gleichklang-Umfrage sind mit 43,7 % diejenigen mit sicherem Bindungsstil.
  • Die zweitgrößte Gruppe mit immerhin 37,0 % sind bereits die Partnersuchenden mit vermeidendem Bindungsstil.
  • Die ängstliche Gruppe ist mit 19,3 % (fast jede fünfte Person) weiterhin substanziell, wenn auch deutlich in der Minderheit.

Veränderbarkeit von Bindungsstilen

Bei der Online-Partnersuche und auch als Anbieter für eine psychologisch orientierte Partnersuche können wir keineswegs einfach voraussetzen, dass alle einen sicheren Bindungsstil haben.

Bisher habe ich implizit so getan, als ob ängstliche Bindung, vermeidende Bindung oder Bindungssicherheit einfach stabile Merkmale sind, die uns quasi lebenslang begleiten.

Das ist insofern natürlich auch nicht ganz falsch, als es sich tatsächlich um relativ stabile Merkmale handelt, die bereits in der Kindheit aufgrund unserer Erfahrungen mit Bindungspersonen, wie den Eltern, entstehen und dann dazu neigen, sich weiter zu generalisieren und zu stabilisieren, bis zu unseren partnerschaftlichen und sexuellen Beziehungen.

Ein Grund für diese relative Stabilität ist, dass wir die Bindungsmuster auch durch eigene Reaktionsmuster und Verhaltensweisen aufrechterhalten:

  • Wir bringen unser Bindungsmuster also in unsere Beziehungen ein und replizieren es dort immer wieder neu, wir kreieren es sozusagen immer wieder aufs Neue.

Diese relative Stabilität ist jedoch im wahrsten Sinne nur relativ, sie gilt im Durchschnitt, und gleichzeitig gibt es zahlreiche Ausnahmen:

  • Menschen können, das zeigt der Forschungsstand eindeutig, ihre Bindungsmuster ändern, und wir finden in Längsschnittstudien regelmäßig erhebliche individuelle Fluktuationen oder auch gerichtete Veränderungen von Bindungsmustern.
  • Darüber hinaus braucht eine Bindung mit einer Person nicht immer der zu entsprechen, die wir mit einer anderen haben, und gleichzeitig beeinflussen sich unsere erlebten, praktizierten und auch unsere durchschnittlichen Bindungsmuster mit unterschiedlichen Personen wechselseitig. Das bedeutet, dass wir in unseren Bindungsstilen nicht gefangen sind, sondern Veränderungen möglich sind.

Sehr deutlich zeigt dies etwa die Längsschnittstudie von Keely A. Dugan und Kolleg:innen:

  • Die Forscher:innen konnten zeigen, dass sich Bindung über verschiedene Bindungsklassen hinweg verändert. Konkret wurden die Bindungen zu Mutter, Vater, Partner:innen und Freund:innen untersucht. Wenn Menschen in einer Beziehung sicherer werden, berichten sie auch in anderen engen Beziehungen von mehr Sicherheit. Umgekehrt gehen Phasen erhöhter Unsicherheit oft mit Unsicherheit in anderen Beziehungstypen einher. Dabei wird neben spezifischen Bindungen auch eine generalisierte Form von Bindung beschrieben, die sich übergreifend verändert und zugleich aus den einzelnen Beziehungserfahrungen gespeist wird.

Ein notwendiger Aspekt ist das Learning by Doing:

  • Sichere Bindung erleben wir, indem wir Bindungen eingehen. Wie wir diese Bindungen gestalten, wird zum kritischen Faktor dafür, wie sich unsere Bindungssicherheit entwickelt.

Eine weitere längsschnittliche Studie von Brett K. Jakubiak und Kolleg:innen machte die Beobachtung, dass bindungsängstliche Personen ihre Angst reduzieren, wenn sie Rückversicherungen von Partner:innen erhalten.

Allerdings kann Rückversicherung allein zwar kurzfristig Angst mindern, aber sie kann auch Abhängigkeit stabilisieren. Langfristig zeigte sich die beste Wirkung dann, wenn Partner:innen zusätzlich zur Rückversicherung auch die Eigenständigkeit unterstützen, also die Person darin bestärken, eigene Ziele zu verfolgen und sich weiterzuentwickeln.

Daraus folgt für den Umgang mit ängstlicher Bindung direkt die entscheidende praktische Konsequenz:

  • Es reicht nicht, nur zu beruhigen, sondern es geht darum, gleichzeitig Entwicklung zu ermöglichen. Und genau hier wird deutlich, dass wir selbst aktiv werden müssen, denn wir können gemeinsam mit unseren Partner:innen nicht nur Rückversicherung vereinbaren, sondern uns gleichzeitig auf Herausforderungen einlassen und uns genau dabei, also beim Weg in mehr Unabhängigkeit, von unseren Partner:innen unterstützen lassen.

Sowohl für den Umgang mit ängstlicher als auch für den Umgang mit vermeidender Bindung ist nach den Befunden einer Studie von Georgia Kouri und Kolleg:innen maßgeblich, wie sehr die Betroffenen ihre Partner:innen als auf sie eingehend und unterstützend wahrnehmen:

Die Forscher:innen untersuchten Paare während des Übergangs zur Elternschaft und konnten zeigen, dass nicht vorwiegend das objektive Verhalten entscheidend ist, sondern ob Partner:innen als auf die Bedürfnisse eingehend wahrgenommen werden. Personen mit höherer Bindungsangst oder Bindungsvermeidung nahmen ihre Partner:innen systematisch als weniger auf ihre Bedürfnisse eingehend wahr. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass stärker wahrgenommenes Eingehen zur Minderung der Bindungsunsicherheit führt.

Interessanterweise zeigte sich, dass die Art des als positiv wahrgenommenen Eingehens von Partner:innen sich zwischen ängstlicher und vermeidender Bindung unterscheidet:

  • Für ängstlich gebundene Personen wird Eingehen vorwiegend dann wahrgenommen, wenn Partner:innen emotionale Nähe, Verlässlichkeit und Bestätigung zeigen. Für vermeidend gebundene Personen wird Eingehen eher dann erlebt, wenn Partner:innen Autonomie respektieren und keinen Druck zur Nähe ausüben.

Wir sollten uns also nicht Partner:innen ausgeliefert fühlen, sondern es kommt entscheidend auch auf unsere Wahrnehmung der Reaktionsweisen von Partner:innen an. Gleichzeitig können wir gemeinsam kommunikativ daran arbeiten, dass wir in Beziehungen wechselseitig so aufeinander eingehen, dass uns dies hilft, ängstliche oder vermeidende Bindung zu überwinden oder wenigstens ihre belastenden Auswirkungen auf uns und die Beziehung zu mindern.

Eine ganz entscheidende und unmittelbar handlungsrelevante Erkenntnis ergibt sich schließlich aus einer Studie von W. Steven Rholes und Kolleg:innen, spezifisch zur Bindungsvermeidung:

  • Die Forscher:innen konnten demonstrieren, dass Bindungsvermeidung insbesondere dann abnimmt, wenn Personen selbst beginnen, für ihre Partner:innen unterstützend aktiv zu werden und Verbindlichkeiten einzugehen.

Damit wird ein weiterer zentraler Mechanismus sichtbar:

  • Veränderung entsteht nicht nur dadurch, dass wir etwas von Partner:innen erhalten, sondern auch dadurch, dass wir selbst etwas in die Beziehung einbringen. Indem wir uns selbst in Beziehungen entgegen unserem vermeidenden Bindungsmuster verhalten, verändern wir dieses Muster.

Herausforderung für die Partnerusche

Wenn wir wissen, dass wir unsere Bindungsstile ändern und an Bindungssicherheit in unseren Beziehungen gewinnen können, ergibt sich für Partnersuchende die Herausforderung, die Voraussetzungen zu schaffen, eine Beziehung zu finden, aufzubauen und aufrechtzuerhalten, in der sich ihre Bindungsmuster stärker in Richtung Bindungssicherheit bewegen.

Hierfür sind insbesondere unsere eigene Wahrnehmung und unsere wechselseitige Kommunikation die entscheidenden Faktoren:

  • Wenn wir unsere Bedürfnisse nach Resonanz offen kommunizieren und sensibel darauf achten, wie Partner:innen auf uns eingehen, und dieses Eingehen wiederum positiv aufnehmen und verstärken, kann ein Kreislauf entstehen, bei dem wir immer mehr an Bindungssicherheit gewinnen. Dies ist kein einseitiger, sondern ein wechselseitiger Prozess.

Sind wir eher ängstlich gebunden, ist es wichtig, unser Bedürfnis nach Rückversicherung transparent auszudrücken und gleichzeitig auf Rückversicherung liebevoll und wertschätzend zu reagieren. Dabei sollten wir jedoch nicht stehenbleiben, sondern uns auch mit Herausforderungen und Ängsten konfrontieren und so Unabhängigkeit in einer sicheren Beziehung gewinnen. Diese können wir miteinander besprechen, sodass Partner:innen unsere Selbstständigkeit genau in den Bereichen, in denen wir wachsen möchten, unterstützen und positiv begleiten.

Aus erhaltener Rückversicherung und Förderung von Unabhängigkeit entsteht der stärkste langfristige Abbau von Bindungsangst.

Umgekehrt gilt bei vermeidender Bindung, dass sich das Eingehen von Partner:innen nicht primär auf permanente Verfügbarkeit beziehen sollte, sondern auf die Akzeptanz von Freiräumen, die Akzeptanz unserer Persönlichkeit mit ihren Bedürfnissen nicht nur nach Nähe, sondern auch nach Distanz.

Gelingt es uns, Partner:innen zu finden, mit denen wir so kommunizieren können und die ihrerseits auch diese Art von Beziehung und Kommunikation als stimmig erleben, im Sinne einer Kompatibilität, wird unsere Bindungsvermeidung abnehmen.

Aber auch hier müssen wir, wie die Studien deutlich zeigen, nicht stehenbleiben, sondern können sogar unsere Bedürfnisse nach Nähe und Distanz nicht nur in einer Beziehung konstruktiv platzieren, sondern sie ebenfalls verändern. Hierfür sind nicht nur die Partner:innen gefragt, sondern wir selbst:

Denn die Studien zeigen eindrucksvoll, dass wir dann, wenn wir uns selbst in die Bindung begeben, wenn wir Nähe zu den Partner:innen aktiv herstellen und uns auf Verbindlichkeit einlassen, diese Nähe und Bindung plötzlich nicht mehr als bedrohlich, störend oder einschränkend wahrnehmen, sondern sie als positiv erleben, sodass unsere Bindungsvermeidung abnimmt.

Voraussetzung sind wechselseitiges Verstehen, Akzeptanz und ein behutsames, achtsames Miteinander. Dabei geht es auch um eine solidarische Selbstoptimierung, bei der wir im Beziehungskontext und immer auf Wechselseitigkeit bedacht unsere Stärken entwickeln, unseren Selbstwert stärken und neue Herausforderungen annehmen.

Je mehr wir uns persönlich entwickeln – womit wir bereits vor der Beziehung beginnen können –, desto stärker sinkt unsere Bindungsunsicherheit.

Hinein in Bindungssicherheit und Beziehung

Wir sind also in unseren Bindungsstilen nicht gefangen, und so wie wir uns in Beziehungen entwickeln können, so können wir auch bereits beginnen, uns beim Online-Dating zu entwickeln. Wir haben gesehen, dass sicher gebundene Mitglieder von Gleichklang insgesamt bei weitem optimistischer und konstruktiver an das Online-Dating herangehen. Sie haben weniger Bedenken und Befürchtungen, erleben Online-Dating als weniger anstrengend, sind eher bereit, in direkten Kontakt überzugehen, geben häufiger an, Liebesgefühle entwickeln zu können, und schildern seltener, einfach über keine Ressourcen für die Partnersuche zu verfügen oder verfügen zu wollen.

Bindungsängstliche und bindungsvermeidende Personen zeigen eine Reihe an Schwierigkeiten, sodass sie sich weniger engagiert auf tatsächliche Begegnungen einlassen und mehr Vorbehalte gegenüber der Partnersuche haben sowie Verletzungen befürchten. Gleichzeitig wurde in den Daten auch deutlich, dass vermeidende Bindung sich in gewisser Hinsicht noch ungünstiger auf die Partnersuche auswirkt als ängstliche Bindung. Vermeidend gebundene Personen geben an, lieber nur flirten zu wollen, genug zu tun zu haben, sie verstecken sich hinter Verpflichtungen, finden andere schnell langweilig, geben an, keine Liebe wahrzunehmen, vermeiden nicht nur Treffen, wie auch ängstlich gebundene Personen, sondern vermeiden teilweise sogar, überhaupt andere anzuschreiben.

Gemeinsam mit den ängstlich gebundenen Personen haben sie Ängste vor Veränderungen durch Verbindlichkeit, finden Online-Dating anstrengend, haben Probleme im Vertrauensaufbau und Angst vor Verletzungen. Auch hier gilt das „learning by doing“ als entscheidender Punkt. Würde Bindungsvermeidung oder Bindungsangst tatsächlich bedeuten, dass die Betreffenden keine Beziehungen wollen, würden sie sich gar nicht erst bei uns auf Partnersuche begeben. Ängstlich gebundene Personen streben dezidiert nach Beziehungen und vermissen sie schmerzlich. Vermeidend gebundene Personen fürchten Beziehungen und gehen ihnen deshalb aus dem Weg, auch wenn sie dies nicht immer als Angst benennen, sondern eher als Desinteresse oder als Störung wahrnehmen.

Für ängstlich gebundene Personen ist es zentral, sich auf eine offene und authentische Kommunikation über ihre Bedürfnisse vorzubereiten, dabei aber auch Veränderungen anzustreben und insofern von Partner:innen nicht nur Rückversicherung, sondern auch Förderung von Unabhängigkeit anzustreben. Indem sie ihren Selbstwert stärken, sich Herausforderungen suchen und Online-Dating als eine dieser Herausforderungen annehmen, tun sie einen entscheidenden Schritt, um ängstliche Bindung in Richtung sichere Bindung zu verändern.

Vermeidend gebundene Personen setzen den entscheidenden Schritt zur Veränderung, indem sie ihre Sehnsucht nach Beziehung wahrnehmen und aufhören, sich hinter Verpflichtungen zu verstecken. So wie sichere Bindung entsteht, wenn vermeidend gebundene Personen Verbindlichkeit praktizieren und Einsatz für Partner:innen zeigen, so reduziert sich auch die Vermeidung in der Partnersuche, wenn sie aktiv werden, Menschen anschreiben und sich auf Begegnungen sowie Kommunikation einlassen. Dabei gilt es erneut, das eigene Erleben zu kommunizieren und ein Modell zu finden, in dem Wünsche nach Rückzug und Eigenraum mit einer verlässlichen und liebevollen Bindung vereinbar werden.

Die Lösung ist also kein „Weiter so“, denn dann werden die Probleme immer fortbestehen, sondern ein Innehalten, die eigenen Anteile erkennen, Herausforderungen annehmen und aktiv in eine Form der Partnersuche gehen, in der ein kompatibler Mensch gefunden wird, der nicht identisch sein muss, bei dem aber ein wechselseitiges Verstehen und ein aufeinander Eingehen möglich wird.

Auf diesem Weg begleiten wir Sie bei Gleichklang gerne:

Zur Beziehungssuche bei Gleichklang

Weitere Links:

paar mit einem sicheren Bindungsstil auf einer Bank im Sonnenuntergang am See.

4 Kommentare

  • Jörg Lucks sagt:

    Intressant zu lesen, muß man mehrmals lesen, lernt man aber viel draus.
    Wie die Gleichklang-Seite genau funktioniert muß ich noch rausfinden um besser nutzen zu können.
    Gruß Jörg

    • Guido F. Gebauer sagt:

      Es freut mich sehr, dass der Artikel zum Nachdenken Anlass gibt. Welche Probleme hast du mit unserer Seite? Du kannst hier direkt gerne antworten. Oder du wendest dich über die interne Funktion mit einer Nachricht an das Team. Auf jeden Fall sollten wir das Problem gemeinsam lösen können.

  • Lydia Maurer sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel! Sehr interessant und hilfreich. Nun ist es mir ganz klar, dass ich ein vermeidender Bindungstyp bin. So gut wie alle Aussagen treffen in hohem Maße auf mich zu. Viel ist mir in den letzten Jahren schon bewusst geworden, aber einige Aussagen hatte ich nicht mit meiner Bindungsangst begründet sonder als Charakterzug bewertet. Sehr spannend! Wieder ein Schritt weiter in der Heilung und Integration!
    Danke nochmal, damit kann ich gut arbeiten 😉
    Ich habe nun wieder neuen Mut für die Online Partnersuche!

    • Guido F. Gebauer sagt:

      Das freut mich außerordentlich. Das Ziel der Artikel sind nämlich genau solche Wirkungen, wie du sie schilderst, und sie werden auch immer mal wieder an mich herangetragen, was mich enorm motiviert. Ich glaube, du wirst von dem Artikel wirklich profitieren können, wenn du dich sozusagen bewusst dazu entscheidest, das Gegenteil von dem zu tun, was dir die Vermeidungstendenz sagt.

      Ein konkretes Schema für die Partnersuche, von dem ich immer wieder manchmal selbst verblüfft sehe, wie effektiv es ist, findest du in meinem Video über die drei Momente der Partnerfindung. Bei dem Video war leider ein kleinerer Aufnahme-Audiofehler, aber die Inhalte sind, glaube ich, sehr hilfreich: https://youtu.be/-f2toE28j40
      Dir drücke ich auf jeden Fall alle Daumen auf deinem Weg!

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